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Bildungspolitik : Den größten Unsinn verhindern

Sondieren, was eine gute Schule ist: Christian Lindner plädiert für eine ausgeweitete Digitalisierung der Lernmethoden. Bild: dpa

Christian Lindner fordert zentrale Bildungsstandards und ihre Überprüfung. Doch was macht eine gute Schule überhaupt aus? Und ist die Digitalisierung wirklich das Allheilmittel?

          Worin besteht der Sinn des Föderalismus? Worin besteht er in der Schulpolitik? Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat sie in einem Beitrag für diese Zeitung zum wichtigen Diskussionspunkt kommender Koalitionsverhandlungen gemacht. Er plädiert darin für mehr bildungspolitische Entfaltungsmöglichkeiten des Bundes. Allein mit mehr Geld aus Berlin, wie es sich unter den Ministerpräsidenten namentlich die aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen vorstellen, sei es nicht getan. Lindner hält Länder und Kommunen also nicht nur für finanziell überfordert. Er sieht sie auch schulpolitisch auf falschen Wegen.

          So möchte Lindner nicht nur mehr gemeinsame Bildungsstandards – die es allerdings schon gibt, ohne dass sie Entscheidendes bewirkt haben –, messbare Ziele und eine zentrale Überprüfung, ob einzelne Schulen diese Ziele erreichen. (Was geschehen soll, wenn sie nicht erreicht werden, lässt Lindner offen.) Er fordert überdies stärkere Investitionen ins digitale Klassenzimmer, mehr Ganztagsschulen, eine Exzellenzinitiative für die berufliche Bildung. Das Argument für mehr Zuständigkeiten des Bundes lautet dabei, Deutschland stehe, was Qualifikation angeht, im Wettbewerb mit Nordamerika und Asien, nicht Baden-Württemberg im Wettbewerb mit Bremen. Man solle sich von der „Lebenslüge“ trennen, mehr Konkurrenz unter den Bundesländern verbessere die Qualität der Bildung.

          Die Bürger haben keine Wahl

          Hier gehen zwei ordnungspolitische Gedanken durcheinander. Denn das Argument zugunsten eines schulpolitischen Föderalismus hängt mit der Vorstellung, im Wettbewerb setze sich das Bessere durch, nur äußerst lose zusammen. Niemand nimmt an, dass eine gelungene Schulpolitik in, sagen wir, Sachsen oder Bayern alle weniger guten Schulpolitiken aus dem Feld schlägt, so wie ein besseres Produkt auf dem Markt angeblich die weniger guten oder teureren verdrängt. Denn für Konkurrenz braucht es Kunden, die sich so oder anderes entscheiden können. Die meisten Bürger aber stehen gar nicht vor der Wahl, die schulische Erziehung ihrer Kinder durch Umzug zu optimieren.

          Konkurrenz gibt es bildungspolitisch innerhalb der Länder, zwischen den dortigen Parteien um Wähler. Auch schlechte Schulpolitik ist durch Mehrheiten möglich geworden, die offenbar etwas an ihr fanden. Zwischen den Bundesländern existiert solche Konkurrenz allenfalls sehr indirekt: als Konkurrenz um die kleine Minderheit von Familien, die ihre Entscheidung über berufliche Mobilität vom Länderstandort eines Arbeitgebers abhängig machen. Tatsächlich fragt aber, wer in Deutschland umzieht, sinnvollerweise vor allem danach, ob es in der neuen Stadt gute Schulen gibt.

          Was macht eine gute Schule aus?

          Die Antwort darauf lässt sich nicht aus der gerade betriebenen Bildungspolitik des jeweiligen Bundeslandes ableiten. Die stärksten Gymnasien in München unterscheiden sich von den schwächsten deutlicher als Bayern insgesamt von Bremen. Ob eine Schule gut ist, hängt außerdem nur zu geringem Maße davon ab, ob die Politik, sei es nun aus Berlin oder aus den Landeshauptstädten, Gelder für „digitale Lernmethoden“ (Lindner) oder Exzellenzinitiativen hat regnen lassen.

          Defizite in den analogen Lernmethoden? Das wird das Tablet im Unterricht auch nicht ändern.
          Defizite in den analogen Lernmethoden? Das wird das Tablet im Unterricht auch nicht ändern. : Bild: Frank Röth

          Was eine gute Schule ist, bleibt überdies umstritten. Gewiss: eine gut ausgestattete Schule, und darum ist das Kooperationsverbot für Bund und Länder tatsächlich sinnwidrig, wo es Bundeszuschüsse für mehr Lehrpersonal verbietet. Womöglich ist aber eine gute Schule auf dem Land etwas anderes als in der Stadt. Womöglich sind Ganztagsschulen für die einen gut, Halbtagsschulen für die anderen. Und dass es für die Güte von Ganztagsschulen sehr darauf ankommt, was nachmittags stattfindet, ist ebenfalls klar.

          Digitalisierung kann nicht alles retten

          Das spricht nicht gegen die von Lindner geforderten Mindeststandards. In einer Zeit, in der an Schülern erhebliche Defizite im Bereich der analogen Lernmethoden festgestellt werden, könnte allerdings ausgerechnet die Digitalisierungs-Fanfare genau das falsche Signal sein. Wer sich von neuester Technik erhofft, was allein eine – ja – Rückbesinnung auf tradierte Verfahren des Erkenntnisgewinns (beispielsweise Lesen, Schreiben, Rechnen, Denken, Experimentieren, Zeichnen) leisten könnte, nährt geradezu die Skepsis gegen den Vorschlag, der neuesten Lehrmitteltechnologie müssten nun bundesweit alle Schulen folgen. Es kommt übrigens auch dem Programmieren zugute, wenn zuvor insistent bruchgerechnet wurde.

          Der Föderalismus hat seine Pointe entsprechend nicht darin, dem Markt analog ein bestes politisches Produkt hervorzubringen. Seine Qualität ist eine defensive, nämlich die flächendeckende Ausbreitung von Unsinn möglichst zu verhindern. Alle mit bildungspolitischen Einsichten zu beglücken ist genau dann, aber auch nur dann gut, wenn es sich um Einsichten und eine Beglückung handelt. Dass etwa die Digitalisierung der Kommunikation, ob man sie nun für einen ungemischten Segen hält oder nicht, von Leuten erfolgreich auf den Weg gebracht wurde, die selbst nicht in digitalen Klassenzimmern unterrichtet wurden, könnte hier eine solche Einsicht sein, die zu denken gibt.

          Sofern man denn denken möchte und nicht schon damit zufrieden ist, einen Text aufzusagen, der sehr entschieden und dynamisch klingt.

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          Quelle: F.A.Z.

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