In seinem Essay „Warum die Zukunft uns nicht braucht“ (F.A.Z. vom 6. Juni 2000) nannte Bill Joy den an der Yale-Universität lehrenden David Gelernter „einen der brillantesten und weitsichtigsten Computerwissenschaftler unserer Zeit“. Doch seine Befähigung machte Gelernter auch zum Ziel des Unabombers: Bei einem Attentat vor fast genau sieben Jahren wurde er schwer verletzt. Seit diesem Zeitpunkt hat sich Gelernter aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. In seinem Beitrag für die F.A.Z., der auch in englischer Version unter der Internet-Adresse www.edge.org veröffentlicht wird, stellt Gelernter jetzt die bisherigen Errungenschaften der Computertechnik zur Disposition.
Die eigentliche Revolution, der zweite Einschnitt in der Wissensgesellschaft nach Gutenberg, stehe erst noch bevor. Gelernter plädiert für Betriebssysteme, die sich die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns zum Vorbild nehmen, statt wie bisher durch Benutzeroberflächen in der Form einer Schreibtischplatte (desktop) einen dem Menschen gemäßen Zugriff auf elektronisch gespeicherte Informationen zu behindern. Der Informatiker entwirft dazu das Modell eines elektronischen „Lebensstroms“, der sich zur Datenorganisation an Zeiterfahrung und Flexibilität orientiert. (F.A.Z.)
Der letzte große Durchbruch im Bereich der Computer-Betriebssysteme, der Macintosh, liegt sechzehn Jahre zurück; das heißeste Betriebssystem unserer Tage, Linux, ist eine Unix-Version, und Unix war 1976 neu. Doch das wird jetzt anders: Jede Mikrosekunde wird sich die Computertechnik von nun an verändern.
1. Ganz gleich, wie sicher ein Ereignis eintreten wird, wenn wir Zeitpunkt und Art seines Eintritts nicht kennen, hat es in unserem Bild der Zukunft kaum Platz. Wir neigen dazu, nicht an den nächsten Krieg oder Wirtschaftsumschwung zu glauben, und ganz sicher glauben wir nicht an die große Software-Revolution.
2. Da wir nicht an den technischen Wandel glauben (wir behaupten es nur), akzeptieren wir schlechte Computerprodukte mit einem Achselzucken, machen das Beste daraus und nehmen Mängel kaum zur Kenntnis, statt auf Abstellung zu drängen.
3. Alles ist erreichbar. Vor unseren Augen erfährt die intellektuelle Landschaft einen radikalen Wandel.
4. Das orwellsche Gesetz der Zukunft lautet: Jede neue Technologie, die erprobt werden kann, wird auch eines Tages erprobt. Wie Adam Smith' „unsichtbare Hand“ ist Orwells Gesetz eine empirische Tatsache.
5. Ein Buch kann man als Ganzes von außen betrachten. Wir wissen im Voraus, wie Bücher aufgebaut sind, wo Inhaltsverzeichnis und Register sich befinden und wie wir damit umgehen müssen. Beim Lesen wissen wir jederzeit, wo wir sind und wie viel noch übrig ist. All diese Eigenschaften besitzen Datensysteme oder Websites nicht. Man kann sie nicht von außen betrachten oder beurteilen, ihr Aufbau ist nicht von vornherein klar, und wir wissen beim Durcharbeiten nicht, wo wir jeweils stehen. Wenn es um die Organisation von Informationen geht, ist das Buch ein zu fruchtbares Modell, als dass wir darauf verzichten könnten.
6. Das große Thema des ersten Computerzeitalters war die Miniaturisierung. Die Folgen waren größere Leistung, fallende Preise, Computer für alle. Das Thema des zweiten Zeitalters, dem wir uns nähern, ist der Vorrang des computing über die Computer. Informationen reisen durch die Vielzahl anonymer, austauschbarer Computer wie Wasser, das über die Dinge hinwegfließt. Ein Desktop-Computer ist wie eine am Strand ausgehobene Kuhle, in der sich die Informationen aus dem Cyberspace sammeln.
7. „Das Netz ist der Computer“ - ja, aber wir interessieren uns immer weniger für Computer. Das eigentliche Interesse der Astronomie gilt dem Kosmos, nicht den Teleskopen. Das eigentliche Interesse beim Einsatz von Computern gilt der Cybersphäre und den darin enthaltenen Strukturen, nicht den Computern, die wir als Teleskope oder Tuner einsetzen.
8. Die Software-Systeme, von denen wir heute am stärksten abhängen, sind Betriebssysteme (zum Beispiel Windows) und Browser (zum Beispiel Netscape Navigator). Beide sind heute obsolet, weil die Menschen nicht mehr mit Computern verbunden werden wollen. Wahrscheinlich wollten sie es nie sein. Sie wollen mit Informationen verbunden werden. In der Zukunft werden wir deshalb mit „Cyberkörpern“ verbunden sein, die im Computerkosmos treiben - der auch als „Schwarm“ oder „Cybersphäre“ bezeichnet wird.
9. Die Computerzukunft basiert auf diesen Cyberkörpern: eigenständigen, sauber geordneten und schön aufgebauten Informationssammlungen, die einem großen, makellosen Garten ähneln.
10. Man geht zu einem „Tuner“ (einem Computer zu Hause, an der Arbeitsstelle, im Supermarkt, einem Fernsehgerät, einem Telefon, irgendeinem elektronischen Gerät) und führt eine Chipkarte ein, die einen Cyberkörper identifiziert. Der Tuner schaltet ihn ein. Der Cyberkörper kommt herbei, wie ein Vogel auf einem Ast landet.
11. Unser gesamtes elektronisches Leben wird in einem Cyberkörper gespeichert. Wir können ihn jederzeit von jedem beliebigen Tuner aus herbeizitieren.
12. Durch Einführen der Chipkarte eichen wir jedes elektronische Gerät, das wir berühren, auf unsere Person. Solange die Maschine Zugriff auf die Chipkarte hat, kennt sie all unsere Gewohnheiten und Vorlieben besser als wir selbst.
13. Jedes gut gestaltete elektronische Gerät der nächsten Generation besitzt eine Schaltfläche, mit der man diese „Allwissenheitsfunktion“ ausschalten kann.
14. Heute ist die wichtigste Herausforderung die Freigabe von Computerleistung, nicht dessen Zusammenschluss.
15. Die Zukunft ist voller Computer. Sie werden überall sein und in Schwärmen daherkommen wie Wanderheuschrecken. Im Schwarm verliert sich die Identität. Die Computer werden nahtlos zur Substanz der Cybersphäre verschmelzen. Innerhalb dieses Schwarms werden einzelne Computer so anonym sein wie die Moleküle der Luft.
16. Ein Cyberkörper kann repliziert oder auf zahlreiche Computer verteilt werden. Wenn die Computer der Cybersphäre die Steine im Pflaster eines Hofes sind, dann ist der Cyberkörper der Schatten einer Wolke, der gleichzeitig auf viele Pflastersteine fällt.
17. Das Netz wird sich radikal verändern, bevor es stirbt. Wenn wir auf eine Website zugreifen, lassen wir die Leistungsfähigkeit unseres Desktop-Computers weitgehend ungenutzt und nutzen statt dessen die Leistung des fernen Webservers. Unser leistungsstarker Desktop ist dabei nur ein Durchgangskanal. Das ist so, als mieteten wir einen Hyundai und ließen unseren Porsche in der Garage stehen. Das Netz macht den Computer impotent.
18. Die Leistungsfähigkeit der Desktop-Maschinen wird den gegenwärtigen Trend, alles ins Netz zu verlagern, umkehren. Die Information wird von den fernen Servern hinein in die Desktops verlagert werden.
19. Wenn eine Million Menschen das Netz gleichzeitig nutzen, brauchen wir dann nicht Hochleistungsserver, damit alle zufrieden sind? Nein. Wir könnten die Site auch auf einer Million Desktops ablegen und das Internet zur Koordination nutzen. Die Website gleicht dann einer militärischen Einheit im Feld, wobei der General sich mit seinen Truppen bewegt. Könnte Amazon.com statt eines stationären Oberkommandos eine wandernde Horde sein? Ja.
20. Das von Xerox und Apple erfundene Desktop-Interface mit Fenstern, Menüs und Maus, das sich durchgesetzt hat, war eine brillante Erfindung; heute aber ist es veraltet. Es verschwendet Bildschirmraum auf sinnlose Bilder; es zeigt nicht ausreichend an, was in den Dateien steckt, die sich hinter den winzigen, kaum erkennbaren Bildchen verbergen; es zwingt den Nutzer, Icons für den Desktop auszuwählen, obwohl das System dies besser selbst täte; und der Nutzer muss ständig mit Fenstern jonglieren - in dem aussichtslosen Versuch, einen unverstellten Blick auf die Arbeitsfläche zu erlangen, der letztlich unerreichbar ist. Solch einen unverstellten Blick gibt es nicht.
21. Icons und verkleinerte Ansichten scheinen neu zu sein, aber wir sind ihnen schon früher begegnet. Jedes Buch besitzt eine verkleinerte oder „iconisierte“ Ansicht: seinen Rücken. Icons vermitteln weit weniger Information als jeder gewöhnliche Buchrücken - und sind viel kleiner. Sollen sie viel kleiner sein? Wäre ein Stapel Buchrücken auf dem Bildschirm nicht vielleicht nützlicher als ein Gewirr aus Icons?
22. Die Computermaus war eine großartige Erfindung, aber heute können wir sehen, dass sie schlecht konstruiert ist. Wie jedes Gerät, das präzise bewegt werden muss, sollte sie taktiles Feedback bieten. Aber das tut sie nicht.
23. Metaphern haben großen Einfluss auf die Computertechnik: Die Metapher des „Desktops“, also der Schreibtischplatte, verleitet zu einer in die Breite statt in die Tiefe gehenden Anordnung von Informationen, und diese Anordnung ist für Computerbildschirme grundfalsch. Verglichen mit einer normalen Buchseite ist eine Schreibtischplatte groß und ein Computerbildschirm klein. Eine Schreibtischplatte lässt sich leicht vergrößern (durch Schubladen oder weitere Schreibtische). Computerbildschirme lassen das nicht zu.
24. Apple hätte das neue Interface als reine „Informationslandschaft“ beschreiben können, ohne es mit einer Schreibtischplatte zu vergleichen.
25. Nach der Desktop-Metapher jedoch ist der Bildschirm das Interface - also eine zehn oder zwanzig Quadratdezimeter große Glasscheibe mit leuchtenden Farben. Nach der Landschaftsmetapher ist der Bildschirm lediglich ein Fenster. Blickt man hindurch, sieht man dahinter das eigentliche Interface.
26. Moderne Computertechnik basiert auf einer Analogie zwischen Computern und Aktenschränken: Wir speichern „Dokumente“ auf Disketten, erstellen „Verzeichnisse“, organisieren Dateien in „Ordnern“ - das ist die Sprache der Aktenschränke. Aber Computer sind grundlegend anders beschaffen als Aktenschränke, weil sie Aktivität entfalten können.
27. Die Metapher des Aktenschranks verleitet zu einem passiven statt aktiven Bild des Umgangs mit Informationen, und dieses Bild ist für Computer grundfalsch.
28. Das starre System der Dateien und Verzeichnisse, zu dem unser Mac oder PC uns zwingt, ist von Programmierern für Programmierer geschaffen worden, und für Programmierer ist es immer noch ein gutes System. Nicht jedoch für Nichtprogrammierer. Das war es nie und sollte es auch eigentlich niemals sein.
29. Wenn wir drei Hunde haben, geben wir ihnen Namen. Wenn wir zehntausend Stück Vieh haben, sollten wir das vergessen. Der Gedanke, jeder Datei auf dem Computer einen Namen zu geben, ist heute lächerlich.
30. Unser Standardverfahren für Dateinamen hat weitreichende Konsequenzen. Es zwingt uns nicht nur, Namen zu vergeben, wo gar keine benötigt werden, sondern erlegt uns auch erhebliche Beschränkungen im Umgang mit wichtigen Dokumentengruppen auf, mit solchen nämlich, die von außen kommen. Eine eintreffende E-Mail zum Beispiel kann nicht als separates Dokument stehen bleiben. Sie kann in dieser Form nicht zusammen mit anderen Dokumenten gesucht werden, sie kann nicht für sich allein geöffnet, bearbeitet oder gedruckt werden. Denn sie hat keinen Namen; deshalb muss sie beim Eintreffen in eine existierende Datei eingebunden werden, die einen Namen besitzt. Dasselbe gilt für von außen kommende Fotos und Faxe, gescannte Bilder et cetera.
31. Es müsste unnötig sein, Dateien in Verzeichnissen abzulegen. Die Verzeichnisse sollten sich die Dateien selbst holen. Wenn eine Datei in sechs Verzeichnisse gehört, sollten alle sechs sie gleichzeitig und automatisch holen.
32. Es sollte möglich sein, dass Dateien gar keinen Namen haben oder einen oder auch viele. Es sollte möglich sein, dass mehrere Dateien denselben Namen haben. Es sollte möglich sein, dass eine Datei in gar kein Verzeichnis aufgenommen wird oder in eines oder auch in viele. Von diesen acht Möglichkeiten sind nur drei erlaubt, die übrigen fünf sind verboten - keineswegs aus guten Gründen.
33. In der Anfangszeit hatten Computer hauptsächlich mit Zahlen und Worten zu tun, heute hauptsächlich mit Bildern. In einer neuen, gerade beginnenden Phase werden sie hauptsächlich mit greifbarer Zeit umgehen - mit sichtbar gemachter, konkreter Zeit. Chronologien und Zeitreihen sind für die Papierwelt jenseits des Computers äußerst aufreibend, für den Computer sind sie ganz natürlich.
34. Der Computer macht die alphabetische Reihenfolge obsolet.
35. Aktenschränke und menschliche Gehirne sind Systeme zur Speicherung von Informationen. Wenn wir wollten, könnten wir Informationsspeicherung im Computer am Modell des menschlichen Gehirns statt des Aktenschranks ausrichten.
36. Die im Gehirn gespeicherten Elemente haben keine Namen und sind nicht in Ordnern organisiert; sie werden nicht nach Name und Ordner, sondern nach dem Inhalt abgerufen: Sie hören eine Stimme und denken an ein Gesicht, denn Sie haben eine Erinnerung aktiviert, zu deren Bestandteilen die Stimme gehört. In Ihrem Gedächtnis können Sie alles aus der Perspektive der Vergangenheit, der Gegenwart oder der Zukunft betrachten. Bei einem Aktenschrank klassifizieren Sie die Informationen bei der Ablage; das Gehirn klassifiziert die Informationen, wenn sie abgerufen werden: Gestern Nachmittag um vier Uhr standen Sie mit Natascha auf der Fifth Avenue im Regen - wie Sie sich erinnern werden, wenn Sie an „Fifth Avenue“, „Regen“, „Natascha“ oder viele andere Dinge denken. Aber Sie haben den Erinnerungen diese Etiketten nicht aufgeklebt, als Sie sie erwarben. Die Klassifizierung erfolgt nachträglich.
37. Ein „Lifestream“ (Lebensstrom) organisiert Informationen nicht, wie es in einem Aktenschrank, sondern etwa so, wie es im menschlichen Gehirn geschieht.
38. Ein Lifestream ist eine Folge von Dokumenten aller Art: elektronische Dokumente, digitale Fotos, Anwendungen, E-Mails, sämtliche elektronischen Informationen, die Ihnen begegnen - geordnet nach Alter, mit jedem neuen Dokument anwachsend, leicht zu durchsuchen, mit einer Vergangenheit, einer Gegenwart und einer Zukunft, auf Ihrem Bildschirm anzuschauen wie ein Stapel Indexkarten. Dokumente haben keine Namen, und es gibt keine Verzeichnisse. Elemente finden Sie aufgrund des Inhalts: „Fifth Avenue“ löst einen Teilstrom all der Dokumente aus, in denen „Fifth Avenue“ erwähnt wird.
39. Ströme fließen, weil die Zeit fließt; der Stream ist eine konkrete Repräsentation der Zeit. Das Jetzt trennt die Vergangenheit von der Zukunft. Wenn Sie morgen um zehn Uhr eine Verabredung haben, setzten Sie in die Zukunft Ihres Streams auf morgen zehn Uhr ein Erinnerungsdokument. Das Dokument fließt stetig in Richtung des Jetzt. Wenn das Jetzt der angestrebten Uhrzeit entspricht, überspringt der erinnernde Hinweis die Jetzt-Grenze und fließt in die Vergangenheit. Wenn Sie die Zukunft des Streams betrachten, sehen Sie, wie Pläne und Verabredungen stetig aus der Zukunft in die Gegenwart und weiter in die Vergangenheit fließen.
40. Umgang mit dem Lifestream erfolgt über zwei Hauptfunktionen: Put und Focus (Setzen und Fokussieren), die dem Erwerb eines neuen Gedächtnisinhalts und dem Erinnern entsprechen.
41. Wenn Sie eine E-Mail senden wollen, setzen Sie ein Dokument auf den Stream eines Anderen. Wenn Sie einen Termin in Ihrem Kalender vermerken wollen, setzen Sie ein Dokument in die Zukunft ihres eigenen Streams. Eine E-Mail senden, einen Termin im Kalender vormerken und ein Dokument öffnen sind drei Anwendungsfälle derselben Operation (ein Dokument auf einen Stream setzen).
42. Ein Teilstrom (zum Beispiel der Teilstrom „Fifth Avenue“) gleicht einem herkömmlichen Verzeichnis - nur dass es sich selbst automatisch erzeugt. Es nimmt neue Dokumente bei ihrem Eintreffen selbsttätig auf; ein Dokument kann sich in vielen Teilströmen befinden, und die Teilströme haben dieselbe Struktur wie der Hauptstrom: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, stetiger Fluss.
43. Entscheidend am Lifestream ist nicht der Übergang von einer Software-Struktur zu einer anderen, sondern ein Wechsel in den Grundlagen computerisierter Information: Wir bauen keine aufgemöbelten Aktenschränke mehr, sondern beginnen, vereinfachte, abstrakte künstliche Gehirne zu schaffen und unser elektronisches Leben darin abzuspeichern.
44. Ein Lifestream kann den Desktop ersetzen und die Funktionen des Datei-, E-Mail- und Kalendersystems übernehmen. Wir können darin einen Film speichern, einen Fernsehsender, ein virtuelles Museum, elektronische Läden, Lehrgänge jeden Niveaus, elektronische Auktionen oder die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einer Institution. Viele Websites wird man als Lifestream organisieren.
45. Der Lifestream (oder ein System mit denselben Eigenschaften) wird zur wichtigsten Organisationsstruktur für Informationen in der Computertechnik werden, weil schon eine grobe Nachahmung des menschlichen Denkens viel leistungsfähiger ist als der ausgefeilteste Aktenschrank.
46. Lifestreams sind (in vorläufiger Form) bereits heute ein erfolgreiches kommerzielles Produkt, aber meine Voraussagen haben mit diesem Produkt nichts zu tun. Das Produkt mag am Markt scheitern. Die Idee wird Erfolg haben.
47. Lifestreams sind heute herkömmliche Informationsstrukturen, die auf Websites gespeichert werden und zu denen man über Browser Zugang erhält. In der Zukunft werden das Cyberkörper sein.
48. Die heutigen Betriebssysteme verbinden Nutzer mit Computern. In der Zukunft werden wir direkt mit Informationen in Gestalt von Cyberkörpern umgehen. Nutzer werden nichts mehr mit Betriebssystemen zu tun haben und keinen Gedanken mehr darauf verschwenden.
49. Ein Lifestream ist eine Landschaft, die wir in jeder Höhe überfliegen können. Der Flug an den Beginn eines Streams ist eine „Zeitreise“ in die Vergangenheit.
50. Wir können an einem Lifestream (stöbernd oder suchend) vorbeigehen oder in ihn hineinspringen und in die Informationen eintauchen.
51. Ein gut gestaltetes Geschäftshaus gestattet es uns, seine Größe von außen abzuschätzen oder beim Hineingehen sogleich zu erkennen, wie die Dinge arrangiert sind und wie groß oder wie tief der Raum ist. Wir sollten auch sofort sehen (und nicht nur erschließen oder berechnen) können, wie eine Website aufgebaut, wie groß, wie tief und wie breit sie ist.
52. Filme, Fernsehshows, virtuelle Museen und kulturelle Erzeugnisse jeglicher Art, von Konzerten bis zu Baseballspielen werden in Lifestreams gespeichert. Mit anderen Worten, jedes kulturelle Erzeugnis wird uns in Gestalt eines künstlichen Verstandes geliefert. Wir werden mit ihnen nicht wie mit einem Objekt umgehen, sondern wie mit einem Menschen.
53. Unser Auto, unsere Schule, unsere Firma und wir selbst sind Fahrzeuge, die sich wie in einer Einbahnstraße durch die Zeit bewegen und einen streamförmigen Cyberkörper hinter sich lassen wie Flugzeuge einen Kondensstreifen. Diese Kondensstreifen aus kristallisierter Erfahrung werden unsere erste Antwort auf eine schwierige Frage sein: Was ist ein Unternehmen, eine Universität, eine Organisation oder Institution jeglicher Art, wenn ihre Beschäftigten, ihre Kunden und ihre Besitzer wechseln, ihre Gebäude abgerissen werden, ihr Sitz verlagert wird? Die Antwort: ein Lifestream im Cyberspace.
54. Ein Software-Unternehmen besteht aus den Beschäftigten und dem Firmen-Lifestream. Jeder Beschäftigte hat sein eigenes Bild des gemeinsamen Stream. Die Website des Unternehmens ist der öffentlich zugängliche Substream des Firmenhauptstreams. Der Lifestream des Unternehmens ist eine elektronische Approximation des Firmengedächtnisses, des gemeinsamen Denkens.
55. Lifestreams führen nicht zum „papierlosen Büro“, denn Papier gehört zu den nützlichsten Medien, die jemals erfunden worden sind. Aber Lifestreams können Papier in ein temporäres Medium verwandeln - das benutzt wird und nicht der Speicherung dient. Auf Papier kann man gut mit Informationen umgehen, aber zur Speicherung von Informationen eignet es sich schlecht. Im streambasierten Büro wird ein Papierdokument, das hereinkommt oder erstellt wird, sogleich in den Stream eingescannt und weggeworfen. Benötigt man ein Papierdokument, sucht man es im Stream, druckt es aus und benutzt es; verändert man das Dokument bei der Arbeit, scannt man es wieder ein und wirft das Papier weg.
56. Software vermag Probleme auf zweierlei Art zu lösen: durch Algorithmen und durch die Herstellung von Verbindungen - indem es das Problem genau an den richtigen menschlichen Problemlöser weitergibt. Die zweite Technik ist ebenso leistungsfähig wie die erste, aber bisher haben wir sie nicht genutzt.
57. Lifestreams und Mikrokosmen sind die beiden wichtigsten Arten von Cyberkörpern. Der Stream ist ein Augenblick im Raum, der Mikrokosmos ein Augenblick in der Zeit.
58. Heute benutzen wir Scanner, um das elektronische Bild eines Dokuments in den Computer zu übertragen. Schon bald wird der Scanner ein Zugang zum Cyberspace sein, eine Eingabebox für sämtliche Zwecke. Man legt ein Objekt in die Eingabebox, das System erstellt eine präzise 3D-Transkription und lässt sie in den kühlen, dunklen Brunnen des Cyberspace fallen. Damit erhält der Cyberspace erstmals einen Anflug der reichhaltigen Oberflächenbeschaffenheit realen Lebens. Dass dieses System funktioniert, werden wir wissen, wenn wir einen Schmetterling in die Eingabebox geben, und ein paar Flügelschläge später flattert er wieder heraus. In dieser kurzen Zeit hat das System die äußere Erscheinung des Geschöpfs transkribiert und seine Bewegung analysiert, so dass der Schmetterling einen Schattenschmetterling zurücklässt. Wenn wir dann später ein ermüdendes elektronisches Dokument durcharbeiten, erscheint möglicherweise in der linken unteren Ecke des Bildschirms ein Cyberschmetterling, ruht sich einen Augenblick aus und verdeckt dabei ein Stück des Textes mit seinen sauber zusammengelegten schokoladenbraunen Flügeln und den orangefarbenen Augen darauf. Wenige Augenblicke später wird er den Bildschirm überquert haben und verschwunden sein.
59. Man sagt, das Schönste am Geld sei, dass man nicht daran denken muss, wenn man es hat. In der Zukunft werden wir jede Menge Technik haben, und das Schönste daran wird sein, dass wir nicht mehr an die Technik denken müssen. Dankbar und erleichtert werden wir dann zu den Dingen zurückkehren, die wirklich zählen.