16.09.2010 · Die Internet-Plattform Wikileaks, die geheime Dokumente annoym veröffentlicht, muss jetzt ihrerseits auf den Prüfstand. In zehn halten ihr die Netz-Theoretiker Geert Lovink und Patrice Riemens allerlei Ungereimtheiten vor.
Von Detlef BorchersWährend Wikileaks die Veröffentlichung von weiteren 15 000 Dokumenten zum Afghanistan-Einsatz der Isaf-Truppen ankündigt, hat eine Diskussion der Rolle von Wikileaks begonnen. Geert Lovink vom Institute of Network Cultures und Patrice Riemens vom De Waag Center for Old and New Media haben zehn Thesen zur Rolle von Wikileaks (Wikileaks10) veröffentlicht, die einen analytischen Blick auf die Internet-Plattform werfen. Die Thesen wurden auf der Mailingliste Nettime veröffentlicht und werden derzeit kontinuierlich erweitert.
Ausgangspunkt der Beschäftigung mit Wikileaks ist die Frage, ob die anonyme Veröffentlichung von geheimen Dokumenten durch eine Website ein Indiz für eine neue Form der „Information Society“ sein kann. In dieser Sicht ist Wikileaks ein Pilotprojekt einer kommenden Phase, die durch Informations-Anarchie geprägt ist, in der unterschiedslos alles öffentlich gemacht wird, was an Dokumenten eingereicht wird. Lovink und Riemers relativieren diese Sicht und weisen darauf hin, dass die große Anzahl an Dokumenten, die via Wikileaks veröffentlicht worden sind, schlicht auf der enormen Nutzung von IT-Ressourcen beruhen, mit der moderne Armeen operieren.
Kombiniert man all die Daten mit der Zahl der Zugriffsberechtigungen, so gibt es praktisch keine geheimen Dokumente mehr: Nach Recherchen der „Washington Post“ besitzen rund 850 000 Amerikaner den höchsten Sicherheitsstatus, als „Top Secret“ deklarierte Dokumente zu lesen, für Dokumente der einfachen Stufe „Secret“ soll die Zahl der Zugriffsberechtigten bei vier Millionen liegen.
Ein Lackmus-Test für die Plattform
Anders gesagt: Gegen Wikileaks spricht, dass bisher keine Dokumente aus Staaten wie China, Singapur oder Israel veröffentlicht wurden, die sehr strikte Informationshierarchien kennen. Ein Lackmustest des Wikileaks-Systems wäre die Veröffentlichung der 2000 als „Top Secret“ deklarierten Seiten, die die israelische Journalistin Amat Kam kopiert und weitergegeben hat.
Die beiden Theoretiker der Netzwerkkultur befassen sich auch mit der Frage, ob Wikileaks eine neue Form des Journalismus sein kann, als Reaktion auf den steten Verfall des traditionellen investigativen Journalismus. Sie skizzieren die drei Stadien dieses Handwerks, das Ausgraben der Fakten, die Überprüfung der Quellen und schließlich die Erläuterung und lesbare Aufbereitung einer solchen Recherche. „Wikileaks schafft das erste (Stadium), behauptet von sich, das zweite zu leisten, und lässt den dritten Schritt vollkommen aus. Dieses ist symptomatisch für eine bestimmte Ideologie des Open Access, bei der die Ökonomie der Produktion von Inhalten an unbekannte Einheiten ,da draußen‘ im Netz delegiert wird.“ In dieser Konsequenz habe Wikileaks die Krise des investigativen Journalismus weder verstanden noch erkannt, mit fatalen Folgen: Tausende Dokumente stehen online, aber nur wenige werden wirklich gelesen und verstanden. Überdies habe das „Crowd Sourcing“, die aktive Mitarbeit vieler Netizen an den Dokumenten, bisher nicht überzeugend funktioniert.
Neigung zu Verschwörungstheorien und Personenkult
Geert Lovink und Patrice Riemens erklären ein Gutteil der Defizite von Wikileaks mit der Tatsache, dass Wikileaks selbst ein Produkt der Hackerkultur der achtziger Jahre ist, die sich in den Neunzigern fortentwickelte und nun mit der Fülle an Informationen in einer bizarren Position ist. „Die Tatsache, dass Wikileaks von ,Hard Core Geeks‘ gegründet wurde und zum Großteil immer noch von ihnen am Laufen gehalten wird, ist wichtig, um die Motive und Werte der Beteiligten zu verstehen. Das heißt leider auch, dass das Projekt mit einer ordentlichen Dosis der weniger angenehmen Seiten dieser Hackerkultur einhergeht.“ Die Arroganz der Hacker, ihre Neigung zu Verschwörungstheorien und der Personenkult um den charismatischen Sprecher Julian Assange wirken sich negativ auf Wikileaks aus.
Eine Verehrung von Assange, wie sie etwa von „Counterpunch“ (Wikileaks-Assange) verbreitet wird, ist der Diskussion über die Rolle von Wikileaks abträglich. Man schwärmt in Anlehnung an die Science-Fiction-Serie „Matrix“ von „unserem Kapitän Neo, der allein die geheimen Aktionen der Regierung hinter der Matrix aufdecken kann“, und lässt jedwede Kritik an Assange nicht gelten. Gegen Assange wird gerade in Schweden ermittelt, wobei die Vorwürfe mehrfach geändert wurden. Derzeit steht der Vorwurf der Vergewaltigung im Raum. So offenbart der Personenkult um Assange eine Schwäche von Wikileaks: Die ganze Organisation leidet, weil ihr Führer einen Fehler begangen haben könnte.
Die Diskussion um Wikileaks hat mit der Veröffentlichung der Thesen erst angefangen. In einem Interview mit der spanischen Zeitung „Diagonal“ hat Geert Lovink das Ziel genannt, das ihm vor Augen schwebt, wenn Datenberge freigesetzt werden: „Wir, die einfachen Leute, brauchen die Kontextualisierung, die Analyse und die Hintergrundgeschichten oder die Erzählungen von Eingeweihten, um uns ein Bild von einem Vorfall machen zu können. Freiheit als solche ist bedeutungslos, wenn sie nicht ,kultiviert‘ ist. Manche würden dies Erziehung oder ,Bildung‘ nennen. Sie wird im vernetzten Zeitalter der digitalen Medien gebraucht. Einfach nur Daten zu veröffentlichen reicht allein nicht aus.“
Zur deutschen Zusammenfassung der zehn Thesen von Lovink und Riemens siehe: Wikileaks-deutsch
Eine Weiterentwicklung der Thesen ist zu finden unter: Wikileaks-weiter
Ich finde es reicht durchaus!
Janosh Gnisleh (jangnisleh)
- 16.09.2010, 20:10 Uhr
"drei Stadien dieses [des journalistischen, TB] Handwerks,
Thomas Berger (tberger)
- 16.09.2010, 20:20 Uhr
Wikileaks: der unsympathische Streber in der Klasse
Alexander vom Hofe (munatak)
- 17.09.2010, 15:48 Uhr