29.01.2010 · Seit Mittwochabend wissen wir es: Die Informationsflut des Netzes greift in unser Gehirn ein. Sie zwingt uns, radikal unsere Denkgewohnheiten zu ändern. Apples iPad ist die zweite Stufe einer Revolution.
Von Ben MacintyreIm Jahr 1953, als noch nicht einmal Technikvisionäre vom Internet träumten, traf der Philosoph Isaiah Berlin seine berühmt gewordene Unterscheidung zwischen zwei Arten von Denkern, dem Igel und dem Fuchs: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.“
Die Igel unter den Autoren, so Berlin, sehen die Welt durch das Prisma einer einzigen übergeordneten Idee, während die Füchse hin und her flitzen und sich von der größtmöglichen Vielfalt an Erfahrungen und Quellen inspirieren lassen. Marx, Nietzsche und Plato waren Igel; Aristoteles, Shakespeare und Berlin selbst zählten zu den Füchsen.
Heute sind wir, die wir uns an dem anarchischen, allgegenwärtigen, grenzenlosen und unkontrollierten Füllhorn namens Internet gütlich tun, alle zu Füchsen geworden. Wir surfen durch Gedanken und Anregungen und plündern sie, nehmen auf, was uns gefällt, lassen alles andere links liegen, speichern, verlinken, erjagen und sammeln Informationen, Unterhaltung und unser Sozialleben. Apples neues iPad ist nur der jüngste Schritt auf dem Weg zur Verschmelzung des menschlichen Geistes mit dem Internet. Diese Art zu denken bedroht Ideologien unmittelbar. Denn in seiner äußersten Zuspitzung ist das Igeldenken wohl tatsächlich totalitär und fundamentalistisch, was erklärt, warum die Regime in China und in Iran so viel Angst vor dem Internet haben. Der Igel fürchtet die Füchse zu Recht.
Wie wir zu Füchsen werden
John Brockman hat auf seiner Website Edge.org, die sich mit neuen Ideen und Technologien beschäftigt, kürzlich einer Vielzahl von Philosophen, Wissenschaftlern und Gelehrten eine so einfache wie grundsätzliche Frage gestellt: „Wie hat das Internet Ihr Denken verändert?“. So erstaunlich die Variationsbreite der Antworten war, stimmten doch die meisten Autoren darin überein, dass das Netz die Art und Weise, wie wir Gedanken erfassen, wenn nicht gar die Art und Weise, wie wir von diesen Informationen wiederum Gebrauch machen, tiefgreifend verändert hat. Heute herrscht das Denken des Fuchses vor, im Guten wie im Schlechten. Im schlimmsten Fall bedeutet dies kürzere Aufmerksamkeitsspannen, schwächere Gedächtnisleistungen, bruchstückhafte, zusammenhanglose Argumentationen, die Untergrabung des geistigen Eigentums und die Neigung, Anekdoten mit Tatsachen zu verwechseln. Im besten Fall stellt das Internet eine geistige Revolution dar, die die freie Zusammenarbeit so leicht macht wie nie zuvor, die den Zugang zu einem Meer von Informationen dramatisch verbessert hat und den großen Speicher des Weltwissens nur wenige Tastatur- und Mausklicks entfernt bereithält. Im Minutenrhythmus bringt der große brodelnde Kessel des Cyberspace bemerkenswerte neue Rezepte hervor.
Der flinke und wendige Internetfuchs spart einerseits enorm viel Zeit, wenn er auf geistigen Reisen, die früher Jahre gedauert hätten, ohne Zeitverzug von einem Ort zum anderen flitzt. Andererseits vergeudet er auch ungeheuer viel Zeit, wenn er die Glitzermeilen des Netzes mit ihrem Stars- und Sternchenklatsch, ihrer Pornographie, ihren anonymen Beschimpfungen und Einzelheiten aus dem Leben anderer Leute entlangstreift.
Das Internet greift in nicht weniger als die Struktur unseres Gedächtnisses ein. Gelehrsamkeit und Erfahrung, ein Wissensschatz, den ein Einzelner über Jahre hinweg aufgebaut hat, sind heute weniger wert als die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten (zu „fokussieren“) und es aufzubereiten (zu „edieren“): Die Fähigkeit, der Maschine Informationen zu entnehmen, hat die Fähigkeit, diese ohne Hilfsmittel zu erinnern, abgelöst. So dachte ich etwa, ich hätte das Zitat über den Igel und den Fuchs im Kopf, aber ich hatte nicht das Gefühl, dies mit Sicherheit zu „wissen“, bevor ich es nicht binnen weniger Sekunden online gefunden hatte.
Ein ohrenbetäubender Chor von Tweets und Texten
Im internetgesteuerten Denken wird nicht prämiert, was man weiß, sondern was man entdecken kann. Wir „gucken“ nicht Internet wie Fernsehen und nehmen es nicht in uns auf wie den Inhalt eines Buches, sondern wir suchen es auf das hin ab, was uns nützlich erscheint. Das setzt eine bestimmte Geisteshaltung voraus, und während die digitale Welt unsere Lebenswelt immer weiter kolonialisiert, erobern Köpfe, die wie Füchse denken, zunehmend die Vorherrschaft am Arbeitsplatz. David Dalrymple vom Massachusetts Institute of Technology formuliert es so: „Im Endeffekt dürfte es heute wichtiger sein, wie gut ein Mitarbeiter seine Aufmerksamkeit gezielt auf etwas richten kann, als wie sachkundig er ist.“ Wie das Internet unser Denken anleitet, hängt freilich davon ab, ob wir es als einen Pausenhof für Grundschüler, einen Ort kindlicher Kämpfe, seichter Unterhaltung, endlosen Geschnatters und ungehemmter Egozentrik behandeln oder als ein Forum der höheren Bildung, in dem unzählige Entdeckerfreuden und ungeahnte Möglichkeiten des gedanklichen Austauschs auf uns warten. Die meisten von uns behandeln es natürlich als beides zugleich.
Das Netz zu lesen erfordert eine neue Form von Lesefähigkeit, nämlich das Vermögen, aus dem Übermaß an Informationen das Hilfreiche von dem Sinnlosen oder bloß Ablenkenden auszuscheiden. Viele Nutzer fühlen sich überfordert von dem Ansturm an Informationen, von zu vielen Websites, zu vielen Nachrichten, einem ohrenbetäubenden Chor von Tweets und Texten. Das Internetdenken besteht nicht nur aus Surfen und Sammeln, sondern auch aus Auswählen und Wegwerfen. Der Internetfuchs weiß viele Dinge, doch muss er, während er hungrig in jeder Ecke kleine Leckerbissen hinunterschlingt, zugleich wissen, was unverdaulich ist – was ihn nährt und was ihn vergiftet.
Intellektuelle Sturzflut
Vor ein paar hundert Jahren war die Lese- und Schreibfähigkeit etwas Seltenes und äußerst Wertvolles. Heute ist jeder, der über einen Internetzugang und eine Tastatur verfügt, ein Verleger. Noch vor einer Generation musste Wissen aktiv ausfindig gemacht werden. Heute werden wir mit Informationen bombardiert, von denen die meisten von geringer Qualität, tendenziös oder schlichtweg irrelevant sind.
Die Grundmechanismen unseres Denkens sind noch immer die alten. Verändert hat sich aber, wie wir auf Informationen zugreifen. Auch das schiere Ausmaß dieser Informationen, die brillant sein können oder Spam, hat in einer Weise zugenommen, die inspirierend und einschüchternd zugleich ist. Morsches Holz abschlagen zu können ist vielleicht die wichtigste Fähigkeit des Onlinegehirns: die Disziplin, seine Aufmerksamkeit gezielt einzusetzen sowie Dinge zu filtern und zu hinterfragen.
Und hier kommt nun der indianische Einbaum ins Spiel. Dem Wissenschaftshistoriker George Dyson zufolge hatten die Nordwestpazifik-Indianer zwei sehr verschiedene Methoden, Boote zu bauen. Die Aleuten, die auf baumlosen Inseln lebten, bauten Kajaks aus Strandgut, indem sie Felle auf einen Rahmen aus Treibholz spannten. Die Tlingit hingegen fällten große Bäume und höhlten sie zu Kanus aus, indem sie das überschüssige Holz herausschlugen und -brannten.
„Früher waren wir Kajakbauer und haben Bruchstücke von Informationen gesammelt, wo wir sie fanden“, schreibt Dyson. „Heute müssen wir lernen, zu Einbaumbauern zu werden und unnötige Informationen zu verwerfen, um die verborgene Gestalt des Wissens freizulegen.“ Und so darf, während die intellektuelle Sturzflut des Internets mit jedem technischen Fortschritt reißender wird, nur ein Geschöpf darauf vertrauen, sich weiterhin über Wasser halten zu können: der Fuchs, der im Einbaum paddelt.