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Von Piraten und Abgeordneten : Fluch der Akribik

  • -Aktualisiert am

Die Mitglieder der Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus vor ihrer ersten Pressekonferenz Mitte September Bild: dapd

Seit drei Monaten sitzen die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus. Inzwischen haben sie gemerkt, dass es ganz leicht sein kann, alles anders zu machen - oder sehr schwer.

          Am Anfang ist alles knapp. Raum, Zeit, Stühle, Frischluft und Club Mate. Das Internet bricht zusammen, die Smartphones stören die Mikrofonanlage, die Mikrofonanlage stört die Smartphones. Und die Zeit rennt. Ein Monat bleibt den Parteien nach der Wahl, bis sie zur ersten Sitzung des Berliner Abgeordnetenhaus zusammenfinden. Die fünfzehn Abgeordneten der Piratenpartei aber müssen in dieser Zeit nicht nur eine Fraktion werden, mit Satzung, Mitarbeitern und Arbeitszimmern, sie müssen überhaupt erst Politiker werden, wo sie bisher nur Bürger waren.

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          Zu den ersten Fraktionssitzungen kommen mindestens doppelt so viele Journalisten wie Piraten. Auf der einen Seite die mitschreibende, fotografierende Menge, auf der anderen Seite eine neue Politikergattung, beobachtet wie Zootiere. Jede Regung wird notiert; dass sich Elektrokabel schlängeln, dass gleichzeitig gesprochen, gesurft, getwittert, gechattet wird. Wenn die Piraten die Stimmzettel nach oben halten, geht das Auszählen im Klicken der Kameras unter. „Sprich mit uns“, sagt ein Pirat zum anderen, wenn der nur zu den Journalisten spricht, „die sind gar nicht da.“ Manchmal sind die Sitzungen furchtbar dröge, oft auch lustig. Ewig wird darüber gestritten, wie die Sitzungen effektiver werden könnte, ob Pausen sein müssen. Manchmal rennt einer wutentbrannt raus. Als ein Meinungsbild ausnahmsweise einmal einstimmig ausfällt, ruft Andreas Baum erstaunt, das sei ja wie in „Pjöngjang“. Am Ende einer Sitzung kommt es vor, dass alle fünfzehn gleichzeitig „tschüss“ in die Mikrofone der Journalisten rufen und dabei aussehen, als seien sie gerade auf Klassenfahrt.

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          Fünfzehn Piraten, das sind vierzehn Männer und eine Frau, im Schnitt um die dreißig Jahre alt. Viele sind Softwaretechniker oder Programmierer, auch Studenten sind dabei, ein Pädagoge, ein Mechatroniker, ein Arbeitsloser. Als sich die beiden Etabliertesten unter ihnen, der Industrieelektroniker Andreas Baum, seit der Gründung 2006 Mitglied der Partei, und der Jackettträger Christopher Lauer, der schon lange im Bundesvorstand sitzt, zu Fraktionsvorsitzenden wählen lassen wollen, ist die Abiturientin Susanne Graf sauer. „Bekomme gerade Anruf“, twittert sie, „morgen Wahl Fraktionsvorsitz ohne transparente Ankündigung 24h vorher. Wo bin ich denn? CDU?“ In der Sitzung spricht sie dann von Hinterzimmerpolitik. Christopher Lauer hält dagegen, man könne natürlich auch bis Weihnachten warten. Da wird sie grundsätzlich: „Wir haben gesagt, dass wir andere Politik machen wollen. Also können wir auch den Fraktionsvorsitzenden irgendwann wählen. Oder wir wählen von mir aus 15 Fraktionsvorsitzende.“ Nach langen Diskussionen soll es doch nur einen Vorsitzenden geben, wie in anderen Parteien auch. Eine Woche später stellen sich sechs Piraten zur Wahl, Andreas Baum gewinnt. Susanne Graf wird eine der Stellvertreter.

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          Es liegt nicht nur an der coffeinhaltigen Limonade Club Mate, dem Lieblingsgetränk der Piraten, das die Kantine auf einmal verkauft, nicht nur an den öffentlichen Sitzungen, die auch im Internet gestreamt werden. Den Einzug der Piraten in das Abgeordnetenhaus umweht etwas Skandalöses. Eine Partei, die erst wenige Jahre alt ist und trotzdem neun Prozent geschafft hat. Fünfzehn Noch-nie-Politiker, die Sätze sagen wie „Dazu haben wir noch keine Meinung“ oder einfach „Keine Ahnung“ und für welche die Leute von der FDP nun ihre Büros räumen müssen.

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