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Vergessen im Internet : Das menschliche Element

  • -Aktualisiert am

Kurswechsel im Innenministerium: Hans-Peter Friedrich hat längere Speicherungsabsichten als sein Vorgänger Thomas de Maizière Bild: REUTERS

Das Internet vergisst nichts. Es sammelt Daten für die Ewigkeit. Doch die Schutzfunktion, die das Vergessen für uns Menschen hat, benötigen wir auch in der Netzwelt. Deshalb müssen wir virtuelle Gedächtnislücken schaffen.

          Der frühere Innenressortchef Thomas de Maizière galt in netzpolitischen Fragen als kommunikationsbereit. Mag er auch nicht immer den Zeitgeist getroffen haben, im Gegensatz zu seinen Amtsvorgängern machte er sich die Fragen der digitalen Zukunft zu eigen, entwarf sogar netzpolitische Thesen. Von ihm stammt auch ein Vorhaben, das sich mit der zukünftigen Verfügungsgewalt über Informationen befasst und diese Woche in Berlin gestartet wurde: der Ideenwettbewerb „Vergessen im Internet“ des Innenministeriums.

          In der noblen Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sollten Kreative aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zum Mitmachen angeregt und die vielschichtigen Fragen des digitalen Vergessens aufgeworfen werden. Die Hoffnung ist, dass sinnvolle rechtliche und technische Lösungen gefunden werden können, um dem Gedächtnis des Netzes so etwas wie ein menschliches Element einzuhauchen – die Fähigkeit des Vergessens.

          Mit der Zeit gerät alles in Vergessenheit, heißt es so treffend. Das mag immer noch stimmen, wenn lange Zeiträume gemeint sind, es trifft jedoch längst nicht mehr für den Zeithorizont eines Menschenlebens zu. Sich an etwas zu erinnern, wird durch die Technik strukturell erleichtert, das Vergessen dagegen erschwert. So will das Ministerium Bewusstsein schaffen für eine virtuelle Gedächtnislücke und über Regeln im Umgang mit digitalen Informationen nachdenken.

          Meinungsumschwung im Innenministerium

          Natürlich stellt sich die Frage, wie weit man Menschen vor sich selbst und dem Weltgedächtnis schützen kann. Soll man etwa einem Erwachsenen die Möglichkeit geben, ihm nicht mehr genehme eigene Daten aus dem Netz zu eliminieren? Ist die digitale Unmündigkeit noch so groß, dass Stützräder ins Internet eingebaut werden müssen? Und nicht zuletzt: Ist so etwas überhaupt möglich?

          Es ist ein hehres Vorhaben, über neue Wege nachzudenken und dabei interessierte Menschen einzubeziehen, den digitalen Wandel mit eigenen Ideen zu begleiten. Auch war das Ministerium klug genug, nicht allein auf technische Lösungen zu setzen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt wären. Allein, der neue Minister hat andere Prioritäten, wie er in den ersten Wochen seiner Amtszeit deutlich machte. Er blieb dem Auftakt des viermonatigen Ideenwettbewerbs fern.

          Ohnehin sind Daten darüber, wie wir uns bewegen, einkaufen, kommunizieren, surfen, die wir unfreiwillig im industriellen Maßstab von uns geben, die der Staat höchstselbst sammelt oder sammeln lässt, außen vor. Hier hat der neue Innenminister schon deutlich verkündet, dass er eigentlich nicht so gern so schnell vergessen, die Speicherfristen möglichst lang gestalten möchte.

          Das Problem der Kopierbarkeit

          Der regierungsamtliche Ansatz des „Vergessens im Internet“ bezieht sich primär auf Daten, die Nutzer freiwillig abgeben. Die Fotos auf Flickr, die Nachrichten und Mitteilungen im vollgestopften Facebook sollen mit einem Verfallsdatum ausgerüstet werden können. Das Feindbild sind Stalker, Mobber und künftige Personalchefs, nicht aber sammelfreudige Unternehmen oder gar Behörden.

          Gigantische Mengen Daten zu speichern, kostet heute kein Geld mehr. Deswegen horten Wirtschaft und Industrie gnadenlos alles, was irgendwie anfällt, in Deutschland ein wenig gebremst vom Zweckbindungsgebot des Datenschutzes. Wozu sollte man auch löschen, wenn man doch potentiell aus den gesammelten Datenschätzen profitable Erkenntnisse über seine Kunden gewinnen kann?

          Zudem ist das Löschen von Daten im Gegensatz zum Speichern aufwendig, kostet also viel Geld, weswegen die meisten Anbieter nicht tatsächlich löschen, sondern nur verbergen. Das Datenzeitalter ist geprägt durch universelle Kopierbarkeit. Dass sich digitale Daten nach Belieben vervielfältigen und übertragen lassen, ist gerade das Fundament des Zeitalters der Informationsüberflutung. Wie die Hersteller von Verfahren für die Verhinderung und Kontrolle von digitalen Kopien – dem sogenannten Digital Rights Management (DRM) – seit mehr als zwanzig Jahren feststellen können, lässt sich die Kopierbarkeit von Daten nicht wirksam verhindern. Man kann sie auf technischem Wege erschweren, aber nicht unterbinden. Wirksamer sind oft soziale Konventionen, insbesondere wenn es um Daten im privaten Rahmen geht und nicht um die Durchsetzung von Geschäftsmodellen.

          Friedrichs Gedächtnislücken

          Es gibt bereits Systeme im Internet, die die Flüchtigkeit der Bits und Bytes absichtlich eingebaut haben. Die bekanntesten sind sogenannte Image-Boards, wie das im Kontext der virtuellen Protestplattform „Anonymous“ einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgewordene „4chan“.

          Hier strudeln Diskussionsfäden nach wenigen Tagen von allein auf Nimmerwiedersehen in den digitalen Orkus und ersparen so dem Betreiber allerhand Ärger und Nerverei. Die Bilder und Texte sind verschwunden, bevor sich jemand aufregen oder gar klagen könnte. Sie privat abspeichern kann natürlich jedermann trotzdem. Dass der Innenminister sich die dort herrschenden rauhen Sitten als Vorbild für die zukünftige Internet-Etikette vorstellt, darf allerdings bezweifelt werden.

          Hätten die Menschen ein absolutes Erinnerungsvermögen in allen Einzelheiten, lebten wir in einer anderen Welt. Damit umgehen zu lernen, dass unsere ausgelagerten, vernetzten Gehirne von sich aus selten etwas vergessen, was wir ihnen einmal offenbart haben, ist ein schwieriger Prozess. Dass es nicht mit einem amtlich verordneten „digitalen Radiergummi“ gehen wird, hat zumindest das Ministerium verstanden. Dessen Chef offenbart jedoch noch netzpolitische Erinnerungslücken.

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