Home
http://www.faz.net/-gsi-8r7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Triviales iPad Die Kunst des Ingenieurs ist Kunst

08.07.2011 ·  Es trivialisiert uns alle, weil es Optik und Intellekt durch Herumfingern ersetzt: Ivan Sutherland, legendärer Programmierer und Internet-Vordenker, sprach bei einem Vortrag in Lüneburg über die Kehrseite der neuen Computertechnik.

Von Detlef Borchers
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Moderne Computer sind trivial zu bedienen. Das Wischen und Betatschen am Apple iPad lernt ein Kind binnen Minuten. Verglichen mit der Spreizgeste zum Vergrößern einer Ansicht, wirkt die Bedienung einer grafischen Oberfläche mit der Maus schon altertümlich. Die nächste Stufe der Trivialisierung wartet schon mit der Gestensteuerung von Microsoft Kinect, die uns von einer Geißel der Menschheit befreien wird, der Fernbedienung.

„Es geht wieder ganz einfach zu, viel simpler, als wir es am PC je akzeptieren würden. Trivialisierte Nutzer betatschen glücklich, was sie vom Monitor zu verlangen gelernt haben. Haptik ersetzt Optik und Intellekt“, heißt es im Programm der 20. HyperKult, die morgen an der Leuphana-Universität in Lüneburg zu Ende geht. Zu ihrem Geburtstag beschäftigte sich die „Konferenz für Hypertext und kulturelle Produktion“ mit der Trivialisierung, die uns der Computer schenkt.

Ein Kran musste den Daten-Monitor heben

Vor dem iPad und vor der Maus gab es den Lichtgriffel. Mit ihm und einem Kasten von Knöpfen kam 1962 das technische Zeichnen am Computer in die Welt, entwickelt vom jungen Doktoranden Ivan Sutherland. Was mit dem Griffel auf dem Kathodenstrahlbildschirm – wie wackelig auch immer – gezeichnet wurde, hat die Programmlogik des Computers, das „Constraint Programming“, zum ordentlichen Kreis oder zum gleichschenkeligen Dreieck gerechnet. Das Sketchpad genannte System von Sutherland wurde niemals in Großserie gebaut, doch die Erkenntnisse wurden im Deds/Arts-System bei der Flugverkehrsüberwachung umgesetzt: Vom Radar kommt ein Analogbild, das gefiltert dargestellt wird, vom Rechner kommen dazu Flugplannummern, Höhenangaben und Flugvektoren, die auf dem Schirm eingeblendet werden.

So wurde aus der Not, dass Rechner damals die kompletten Bilddaten nicht verarbeiten konnten, eine Tugend: Die junge Dame, die auf unserem Bild an einem Deds von Univac sitzt, arbeitete am Urgroßvatersystem der „Augmented Reality“. Für diese Form der rechnerisch angereicherten Realität baute Ivan Sutherland 1968 das erste funktionsfähige „Head Mounted Display“. Die Lösung der trivialen Aufgabe, einen Daten-Monitor vor den Augen eines Piloten einzublenden, war seinerzeit so schwer, dass ein Kran an der Decke die Last tragen musste.

Fünfzig Prozent waren reine Verschwendung

„The Art of Engineering and the Engineering of Art“ hieß der Vortrag, den Ivan Sutherland in Lüneburg hielt. Gewürzt mit Anekdoten und einem Komplettausfall der Hörsaaltechnik nach Druck auf den Knopf „Nicht Drücken!“, beschäftigte sich Sutherland damit, dass die für den Nutzer nicht sichtbare Struktur eine Macht ist, die großen Einfluss auf die Inhalte hat. Wer nicht weiß, dass die Informationen zur Formatierung eines Textes zusammen mit dem Absatzzeichen gespeichert werden, kämpft beim Löschen dieses Zeichens mit für ihn rätselhaften Textveränderungen. Sein Fazit vom Umgang mit den trivialen Computern: „Sie erzählen uns nichts über die Struktur ihrer Programme, und dafür müssen wir bezahlen.“ Nach seiner Dissertation und der Entwicklung von Sketchpad wurde Ivan Sutherland als Reserveoffizier aufs Neue zur Armee eingezogen.

Ein Glücksfall für die Forschung: Als Offizier löste er J.C.R. Licklider ab, den Leiter der Advanced Research Projects Agency, die damals den Grundstock für das legte, was heute als intergalaktisches Internet unser Leben prägt. Mehrere Jahre lang koordinierte und finanzierte Sutherland die dafür notwendigen Forschungsprogramme. „Ich denke, dass fünfzig Prozent der Gelder sinnvoll investiert wurden und uns Fortschritt brachten und fünfzig Prozent reine Verschwendung waren. Aber ich weiß bis heute nicht, welche Hälfte welche ist.“

Heute arbeitet der Dreiundsiebzigjährige an dem von ihm gegründeten Asynchronous Research Center der Portland State University, das nach Freiheit von der Tyrannei des Zeitzählers sucht, der in allen Computern tickt und den Takt für alle Subsysteme vorgibt. Asynchrones Computern soll in Zukunft zu einer starken Reduktion des Stromverbrauchs führen. „Computer werden mehr wie in einer zivilisierten Gesellschaft organisiert sein, in der die Zeit für viele anders geht.“ Leider sei die Konstruktion solcher Systeme sehr komplex.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr 1