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Thomas Strobl Das Massensterben der Autoritäten

Das Internet ist ein Serienkiller. Sein bevorzugtes Opfer: Autoritäten jeglicher Art. Da man sich im Netz über alles und jeden informieren kann, werden die Aussagen von Experten, Exegeten und Propagandisten kontrollierbar. Schwierig wird es nur bei der Wahrheitsfrage, meint Thomas Strobl.

© privat Vergrößern Thomas Strobl

Als von Peer Steinbrück Ende September letzten Jahres verlautbart wurde, dass die Hypo Real Estate mit 35 Milliarden gestützt werden müsse, konnte man binnen weniger Stunden in der Blogosphäre nachlesen, dass es wohl eher 100 Milliarden werden würden; als nach dem verhängnisvollen Tankerangriff in Afghanistan Verteidigungsminister Jung noch darauf beharrte, dass es keine zivilen Opfer gegeben habe, wurde im Web schon längst darüber diskutiert, ob deren Zahl bei 50 oder eher 150 läge; von Familienministerin von der Leyen blieb im Netz letztlich nicht viel mehr als die Kennung „Zensursula“ erhalten, nachdem sie sich vehement für Internetsperren zur Verhinderung von Kinderpornografie eingesetzt hatte; und der iranische Präsident Ahmadinedschad schließlich musste auf die harte Tour lernen, dass „Twitter“ keine Geschlechtskrankheit des degenerierten Westens ist, sondern ein wahrlich „revolutionäres“ Medium.

Das Internet ist ein Serienkiller. Sein bevorzugtes Opfer: Autoritäten jeglicher Art. Da man sich im Netz über alles und jeden informieren kann, werden die Aussagen von Experten, Exegeten und Propagandisten kontrollierbar. Und nicht nur das: Sie werden vor allem diskutier- und kritisierbar. Und das unterminiert jede Form von Autorität; auf jedem Gebiet - sei es Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik.

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Was ist Wahrheit?

Das Internet reiße Mauern ein, hieß es schon immer; es breche Strukturen auf. Zunächst fanden das auch alle cool, weil sie dabei ausschließlich an den Kommerz dachten: Wenn man alles vom Kinoticket bis zur Luxus-Villa im Web ordern kann, wozu dann noch Immobilienmakler, Buchhändler und sonstiges Fachpersonal? Das Neue verdrängt das Alte, so ist das eben. Kann man alles schon bei Schumpeter nachlesen, wozu also aufregen?

Mittlerweile hat sich der Schauplatz aber auf den Bereich ausgedehnt, den man landläufig mit „Wahrheit“ bezeichnet.In dieser Arena stehen sich polarisierende Expertenmeinungen gegenüber, Thesen und Anti-Thesen, Propagandisten und Gegenpropagandisten. Für alle einsehbar, für jedermann abrufbar. Wer hat recht? Was ist Wahrheit, wenn keiner mehr die Deutungshoheit darüber hat? Das, was bei einer Google-Suche an oberster Stelle ausgeworfen wird? Steckte dann doch eine Verschwörung der Geheimdienste hinter dem 11. September? Wurden die Juden rechtzeitig davor gewarnt, sich an besagtem Morgen vom WTC fern zu halten? Gab es dann gar keine „grüne Revolution“ im Iran, sondern nur ein Störmanöver der CIA?

Die entscheidende Frage

Mit dem Internet findet eine Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt, die bereits mit dem Buchdruck begann: Gesellschaftliche Kommunikation vollzieht sich nicht mehr entlang von Hierarchien sondern „heterarchisch“. Die Ära der reinen Informationsdistribution ex cathedra ist damit definitiv vorbei. Darin liegt auch das ganze Elend der traditionellen Massenmedien, soweit sie als bloße „Verbreitungsmedien“ aufgestellt sind. Die Öffentliche Meinung wird so um zahlreiche neue Unterscheidungen bereichert, die Welt, von der wir immer nur einen Ausschnitt als Realität wahrnehmen, wird bunter. Aber damit auch komplexer.

Denn welche Wahrheit man auch immer glaubt, im Internet zu finden, die entscheidende Frage wird zunehmend lauten: Wie kam sie dort hin?

Thomas Strobl ist Ökonom und führte im Jahr 2009 auf FAZ.NET das Blog „Chaos as usual“.

Quelle: FAZ.NET

 
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Veröffentlicht: 09.01.2010, 13:26 Uhr

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