09.10.2011 · Er war weder Ingenieur noch Designer. Trotzdem hat Steve Jobs uns gezeigt, dass Eleganz der beste Wegweiser zu guter Technologie ist. Das macht ihn fast unsterblich.
Von David GelernterSteve Jobs’ tragischer Tod im Alter von 56 Jahren ist eine gute Gelegenheit, über den Computer nachzudenken, der im Zentrum einer der wichtigsten, mächtigsten und am wenigsten verstanden Industriezweige steht. Jeder weiß, wer Jobs war, aber es ist nicht leicht zu sagen, was er war. Natürlich erfand er wie alle großen Gestalten seine Stellenbeschreibung Monat für Monat, Jahr für Jahr neu, und er hat keinen Nachfolger. Doch Steve Jobs zu beschreiben und einzuordnen, ist nicht nur wegen seiner Einzigartigkeit schwer, sondern auch, weil wir die fundamentale Bedeutung der Ästhetik für Wissenschaft und Technologie noch nicht recht verstehen.
Wo er auch war, bei Apple oder einem anderen Unternehmen, das er gründete, besaß oder umstrukturierte, er war ein künstlerischer Leiter. Er war der Dirigent, der den Musikern sagt, was er will, und so lange mit ihnen arbeitet, bis er es bekommt. Er war kein Ingenieur und kein Designer. Er verstand die Bedeutung des Designs aber oft besser als die Designer.
Vor allem Amerikanern fällt es schwer zu glauben, dass Technologie Design ist, dass große Technologie schöne Technologie ist: innen und außen. Schönheit ist der beste Wegweiser zu guter Technologie und zu guter Wissenschaft. Eine gute Theorie ist eine schöne Theorie - dasselbe gilt für ein schönes Mobiltelefon.
Amerika besitzt eine glanzvolle Designgeschichte und einen eigenen Stil, für den in vollkommener Weise das Werk von Steve Jobs steht. Amerikanisches Design ist funktionell, originell und vor allem romantisch. Während etwa der große europäische Architekt Richard Rogers - im Einklang mit Le Corbusiers berühmtem Diktum, wonach ein Haus eine „Wohnmaschine“ sei - Gebäude in große Maschinen verwandelt, lässt der Amerikaner Frank Gehry Bauwerke herabstoßen, sich in die Höhe schwingen und laut auflachen - wie es auch seinen Vorläufern Eero Saarinen und Frank Lloyd Wright gelang. Amerikaner erfanden die Stromlinienform, so dass Flugzeuge wie die Douglas DC-3 von 1936 sich wie ein Messer durch die Luft bewegten und nicht wie ein großes Klavier (nach Art der Fokker F.VII). Dann begannen sie, alles stromlinienförmig zu gestalten, einschließlich riesiger Wolkenkratzer in Manhattan, und das allein wegen des Glanzes und der Eleganz, die sich daraus ergaben. Während Europa in den 1960er Jahren komfortable Züge und Busse wie auch elegante und effiziente Kleinwagen entwickelte, schickte Amerika Menschen auf den Mond. Das war das romantischste Technologieprojekt aller Zeiten.
Steve Jobs begriff von Anfang an, dass er den Ingenieuren zu sagen hatte: So soll es aussehen, klingen, sich anfühlen; so soll die Bedienung funktionieren; so groß soll es sein, und so viel soll es kosten. Jetzt macht euch an die Arbeit! Und meldet euch, wenn ihr fertig seid! Jobs wusste, dass in der Technologie Größe aus Eleganz erwächst. Unter seiner Anleitung entstanden einige der elegantesten technischen Geräte der Geschichte: iPod, iPhone und iPad; der schöne und einflussreiche Next Computer von 1988 und vor allem der Apple Macintosh von 1984, das Vorbild nahezu aller Desktop- und Laptopcomputer in der heutigen Welt.
Steve Jobs erkannte Schönes auf den ersten Blick. Das war seine große Begabung. Er und Steven Wozniak gründeten 1977 Apple. Wozniak war ein Ingenieur von bald schon legendärer Brillanz, berühmt für die Eleganz und Schönheit der von ihm entworfenen elektronischen Schaltungen. Doch der Macintosh ging aus einem Samenkorn hervor, das Xerox gesät hatte. In den 1970er Jahren erfand bei Xerox eine Gruppe von Forschern den Personal-Computer (dem sie den Namen Alto gaben), mit allem, was dazugehört: mit einer grafischen Benutzeroberfläche, Menüs, Icons, Grafik und der Maus - alles mehr oder weniger so, wie wir es heute kennen. Der wichtigste unter diesen großartigen Erfindern war Alan Kay. Er baute seinerseits auf Erfindungen auf, die Douglas Engelbert in den 1960er Jahren gemacht hatte. Engelbert hatte als erster die Maus, die grafische Benutzeroberfläche und die ganze Idee eines Computers entwickelt, der wichtigere Dinge tat als nur zu rechnen. Engelbert wollte, dass Computer alltägliche Probleme lösen, dass sie Autoren beim Schreiben und beim Drucken von Dokumenten helfen, dass sie das Finden und Verstehen von Informationen erleichtern, dass sie Kommunikation und Zusammenarbeit im Arbeitsprozess verbessern.
Die Unternehmensführung bei Xerox war vom Alto nicht beeindruckt. Das Gerät war teuer. Und wer brauchte überhaupt einen Personal-Computer? „Personalcomputer“, das klang für die Bosse bei Xerox wie „persönliches Atomkraftwerk“. So schloss denn Xerox einen Vertrag mit Apple, der es einer Gruppe von Apple-Leuten erlaubte, in die geheime Forschungsabteilung in Palo Alto zu kommen (der Kleinstadt, die zur Hauptstadt von Silicon Valley wurde), sich dort umzusehen und Fragen zu stellen. Jobs, der die Gruppe von Apple-Leuten anführte, erkannte sofort, dass die Xerox-Forscher etwas Großartiges geschaffen hatten, nämlich einen leicht zu bedienenden Computer, der in Bildern statt in Zahlen sprach. Und er erkannte, dass eine billige Version dieses eleganten Computers unendlich populär und äußert bedeutsam werden konnte.
Er sagte seinen Ingenieuren, was er haben wollte: einen Computer mit grafischer Benutzeroberfläche, Menüs, Icons und all den technischen Feinheiten des Xerox Alto - nur besser und so billig, dass fast jeder ihn sich leisten konnte. Unmöglich, sagten die Ingenieure. Und sie hatten recht. Der erste Macintosh war zu teuer, besaß einen winzigen Bildschirm und war so langsam, dass die Benutzer schier verrückt wurden. Aber in einem umfassenderen Sinne hatten sie unrecht. Am Ende wurde der Macintosh ein gewaltiger Erfolg.
Es stimmt, dass in den 1980er Jahren der unendlich langweilige IBM-PC mit seinem veralteten, hässlichen Betriebssystem DOS weit größeren Absatz fand als der Mac. Aber als es Bill Gates, der selbst schon immer zu den größten Bewunderern des Macintosh gehört hatte, und Microsoft in den 1990er Jahren schließlich gelang, eine Nachahmung des Macintosh-Betriebssystems zu konstruieren, eroberte der Macintosh die ganze Welt - sowohl in seiner ursprünglichen Apple-Form als auch in Gestalt der billigeren, aber fast ebenso guten Microsoft-Version.
Aus Engelberts Vision - verbessert und perfektioniert von Alan Kay, verfeinert und zur Größe geführt von Steve Jobs, massenhaft unter die Leute gebracht von Bill Gates - wurde der Desktopcomputer schlechthin, und eine ganze Generation später, 27 Jahre nach seiner Geburt (das sind in dieser rasch voranstrebenden Branche so viel wie 27 Jahrtausende), gilt das immer noch. Unter der Anleitung von Jobs wurden noch viele andere Geräte erfunden - keines so einflussreich wie der Macintosh, aber jedes elegant und viele von ihnen schön.
Wohin hat all das geführt? Was hat Jobs letztlich bewirkt? Indem er schöne Geräte baute, machte er die Welt schöner. Das ist eine wunderbare Leistung. Natürlich sind viele junge Leute (und auch einige ältere) besessen von Jobs’ Geräten. Sie lassen sich davon betören, als wären es iRattenfänger von Hameln. Sie verbringen ihr Leben damit, gehorsam auf den Klingelton zu warten, betrachten die Welt durch ein winziges Fenster von der Größe eines iPhone, spielen unablässig mit dem Gerät, schieben die Bilder andächtig hin und her und halten ihre iToys in Ehren, als wären es Rosenkränze.
Man kann fragen, ob das gut ist oder richtig. Doch das ändert nichts daran, dass Jobs ein Zauberer war, ein Magier mit wunderbaren Kräften. Indem er, der Schönes auf den ersten Blick erkannte, dieses Schöne verfeinerte, mit einer neuen Verpackung versah und mit unglaublichem Elan weiterverkaufte, veränderte er die Welt. Es wird viele Jahre dauern, bis wir noch einmal einem Jobs begegnen werden oder den ersten vollkommen verstanden haben.
Mythenproduktion
sverris son (sverris)
- 11.10.2011, 12:24 Uhr