Home
http://www.faz.net/-gsi-15x63
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Soziale Netzwerke Vorsicht, Freund hört mit!

Soziale Netzwerke sind angeblich der schnellste Weg, Widerstand zu organisieren. In Wahrheit führen sie Geheimdienste und Diktatoren geradewegs zu ihren Gegnern. Datenschutz kann Leben retten. Das zeigen Beispiele aus Weißrussland und Iran.

© REUTERS Vergrößern Verhaftete Demonstranten in der weißrussischen Hauptstadt Minsk

Meine alte Heimat Weißrussland ist wohl kaum der Ort, an dem es zu einer Internetrevolution kommen wird. Condoleezza Rice hat das Land, das seit 1994 von dem autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenka regiert wird, einmal als „letzten Vorposten der Tyrannei in Europa“ bezeichnet. Auf die letzte Präsidentenwahl im März 2006 folgte eine kurzlebige und erfolglose Revolution. Kaum aufgeflammt, wurden die Proteste brutal unterdrückt. Wo jedoch Massenkundgebungen nichts bewirkten, wandten sich die Demonstranten mit Flashmobs kreativeren Formen des Widerstands zu. Bei einem Flashmob verabredet sich eine Anzahl von Leuten mittels sozialer Medien oder per E-Mail an einem öffentlichen Ort, um dort eine kurze, oft surreal anmutende Aktion durchzuführen. Einige junge Weißrussen nutzten den Bloggingdienst LiveJournal, um hintergründig regierungsfeindliche Botschaften in Minsk zu organisieren. Es gab viele Festnahmen durch Sicherheitskräfte, doch westliche Blogger und in der Folge traditionelle Medien griffen die Nachrichten auf. Das scharfe Vorgehen der Behörden blieb nicht unbemerkt.

Ein Kreis vor allem westlicher Denker, in deren Augen ein solcher digitaler Aktivismus autoritäre Regime zu stürzen vermag, rühmen die weißrussischen Flash-mobs: Sie dienten als Beleg dafür, wie sich eine neue Generation von dezentralisierten Demonstranten, für die Technologie die einzige Waffe ist, dem Staat widersetzen könne. 1968 oder 1989 war das noch Inhalt von Utopien. Nur verraten diese digitalen Enthusiasten in der Regel nicht, was im Anschluss geschah.

Mehr zum Thema

Die Einschüchterungsversuche zeigten Wirkung

Die Idee einer Revolution mit digitalen Mitteln hat Hochkonjunktur. Von 2006 bis 2008 war auch ich an westlich finanzierten Internetprojekten in der ehemaligen Sowjetunion beteiligt, die mehrheitlich den Ansatz verfolgten‚ Demokratie durch Blogs zu fördern. Im vergangenen Jahr jedoch zog ich mich zurück. Unsere Mission, die Bürger autoritärer Regime dazu zu bringen, sich zur Wehr zu setzen, hatte so viele unerwartete Folgen, dass sie mitunter unseren Anliegen eher zu schaden schien.

moro © Evgeny Morozov Vergrößern Evgeny Morozov

Die Mehrzahl der Medien, die so griesgrämig über den Einfluss des Internets auf ihre Branche berichten, bringen immer wieder rührselige Beispiele für die Verbindung von politischem Protest und sozialen Medien. Ist die Liste nicht eindrucksvoll? Burmesische Mönche, die einer schurkischen Junta mit Digitalkameras die Stirn bieten; philippinische Teenager, die mittels SMS eine „textuelle Revolution“ auslösen; ägyptische Aktivisten, die Verschlüsselungstechnologien nutzen, um sich dem allsehenden Auge des Muchabarat zu entziehen; selbst brasilianische Ökologen, die mit Hilfe von Google Maps die Abholzung des Amazonasdeltas nachweisen, zählen dazu. Ganz zu schweigen von Moldawien, China und Iran. Diese digitalen Dissidenten, sagt man uns, führten ihre Kämpfe jetzt online, ersetzten Flugblätter durch Twitterupdates und ließen Faxgeräte für iPhones stehen.

In Weißrussland geschah aber noch etwas ganz anderes. Nach dem ersten Flashmob begannen die Behörden, „By_mob“, die Live-Journal-Community, in der die Aktivitäten angekündigt wurden, zu überwachen. Oft tauchte die Polizei noch vor den Flashmobbern auf. Und sie nahm nicht nur Demonstranten fest, sondern machte auch Fotos. Zusammen mit den Porträts, die die Aktivisten selbst ins Netz gestellt hatten, halfen diese Aufnahmen dabei, Unruhestifter zu identifizieren, die dann vom Geheimdienst KGB verhört wurden. Man drohte ihnen mit Universitätsverweis oder Schlimmerem. Die Einschüchterungsversuche zeigten Wirkung. Bald tauchte nur noch der harte Kern auf, denn die sozialen Medien hatten ein Panoptikum geschaffen, das der Revolution entgegenwirkte: Ihre Netzwerke wurden von einer hoffnungslos überlegenen Staatsmacht infiltriert und verbreiteten nun öffentliche Angst.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ägypten Zurück in bleiernen Zeiten

Vier Jahre liegt der Beginn des Aufstands gegen Husni Mubarak zurück. Es folgten ein Intermezzo der Muslimbrüder und ein Putsch des Militärs. Doch die Aktivisten von damals geben nicht auf. Ein Besuch in der Revolutionshochburg Alexandria. Mehr Von Markus Bickel, Alexandria

25.01.2015, 12:32 Uhr | Politik
Hongkong Aktivisten schützen Protest-Kunst vor Verlust

In Hongkong haben etwa 200 Aktivisten damit begonnen, die Kunst, die während der wochenlangen Proteste der Pro-Demokratie-Bewegung entstanden ist, festzuhalten. Mehr

24.11.2014, 11:02 Uhr | Politik
Bitkom-Studie Schon die Erstklässler gehen häufig online

Deutschlands Nachwuchs lebt im Internet. Bei den älteren Jugendlichen erreicht die Nutzerquote bis zu 100 Prozent. Facebook spielt dabei längst nicht mehr die Hauptrolle. Mehr Von Thiemo Heeg

13.01.2015, 07:54 Uhr | Wirtschaft
Chinesische Polizei setzt Pfefferspray gegen Demokratie-Aktivisten ein

Die Polizei setzte Pfefferspray ein, um die Menge vor dem Regierungsgebäude auseinanderzutreiben. Die Demonstranten fordern freie Wahlen in Hongkong. Mehr

27.09.2014, 11:27 Uhr | Politik
Wem gehört das Netz? Entamerikanisiert endlich das Internet

Russland und China streben beide nach mehr Kontrolle im Internet. Doch die aggressivste Strategie fährt mit Abstand Amerika - und schert sich dabei wenig um internationale Regeln. Ein Gastbeitrag Mehr Von Evgeny Morozov

15.01.2015, 23:21 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.03.2010, 19:23 Uhr

Pegida oder Jedem sein Vorurteil

Von Harald Welzer

Ressentiment ist durch Information nicht zu belehren. Die Debatte mit Pegida-Akteuren ist daher nutzlos. Und fahrlässig ist es, ihnen auch noch eine mediale Bühne zu bauen, wie es das öffentlich-rechtliche Fernsehen gerade macht. Mehr 239 35