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Soziale Netzwerke Vorsicht, Freund hört mit!

 ·  Soziale Netzwerke sind angeblich der schnellste Weg, Widerstand zu organisieren. In Wahrheit führen sie Geheimdienste und Diktatoren geradewegs zu ihren Gegnern. Datenschutz kann Leben retten. Das zeigen Beispiele aus Weißrussland und Iran.

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Meine alte Heimat Weißrussland ist wohl kaum der Ort, an dem es zu einer Internetrevolution kommen wird. Condoleezza Rice hat das Land, das seit 1994 von dem autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenka regiert wird, einmal als „letzten Vorposten der Tyrannei in Europa“ bezeichnet. Auf die letzte Präsidentenwahl im März 2006 folgte eine kurzlebige und erfolglose Revolution. Kaum aufgeflammt, wurden die Proteste brutal unterdrückt. Wo jedoch Massenkundgebungen nichts bewirkten, wandten sich die Demonstranten mit Flashmobs kreativeren Formen des Widerstands zu. Bei einem Flashmob verabredet sich eine Anzahl von Leuten mittels sozialer Medien oder per E-Mail an einem öffentlichen Ort, um dort eine kurze, oft surreal anmutende Aktion durchzuführen. Einige junge Weißrussen nutzten den Bloggingdienst LiveJournal, um hintergründig regierungsfeindliche Botschaften in Minsk zu organisieren. Es gab viele Festnahmen durch Sicherheitskräfte, doch westliche Blogger und in der Folge traditionelle Medien griffen die Nachrichten auf. Das scharfe Vorgehen der Behörden blieb nicht unbemerkt.

Ein Kreis vor allem westlicher Denker, in deren Augen ein solcher digitaler Aktivismus autoritäre Regime zu stürzen vermag, rühmen die weißrussischen Flash-mobs: Sie dienten als Beleg dafür, wie sich eine neue Generation von dezentralisierten Demonstranten, für die Technologie die einzige Waffe ist, dem Staat widersetzen könne. 1968 oder 1989 war das noch Inhalt von Utopien. Nur verraten diese digitalen Enthusiasten in der Regel nicht, was im Anschluss geschah.

Die Einschüchterungsversuche zeigten Wirkung

Die Idee einer Revolution mit digitalen Mitteln hat Hochkonjunktur. Von 2006 bis 2008 war auch ich an westlich finanzierten Internetprojekten in der ehemaligen Sowjetunion beteiligt, die mehrheitlich den Ansatz verfolgten‚ Demokratie durch Blogs zu fördern. Im vergangenen Jahr jedoch zog ich mich zurück. Unsere Mission, die Bürger autoritärer Regime dazu zu bringen, sich zur Wehr zu setzen, hatte so viele unerwartete Folgen, dass sie mitunter unseren Anliegen eher zu schaden schien.

Die Mehrzahl der Medien, die so griesgrämig über den Einfluss des Internets auf ihre Branche berichten, bringen immer wieder rührselige Beispiele für die Verbindung von politischem Protest und sozialen Medien. Ist die Liste nicht eindrucksvoll? Burmesische Mönche, die einer schurkischen Junta mit Digitalkameras die Stirn bieten; philippinische Teenager, die mittels SMS eine „textuelle Revolution“ auslösen; ägyptische Aktivisten, die Verschlüsselungstechnologien nutzen, um sich dem allsehenden Auge des Muchabarat zu entziehen; selbst brasilianische Ökologen, die mit Hilfe von Google Maps die Abholzung des Amazonasdeltas nachweisen, zählen dazu. Ganz zu schweigen von Moldawien, China und Iran. Diese digitalen Dissidenten, sagt man uns, führten ihre Kämpfe jetzt online, ersetzten Flugblätter durch Twitterupdates und ließen Faxgeräte für iPhones stehen.

In Weißrussland geschah aber noch etwas ganz anderes. Nach dem ersten Flashmob begannen die Behörden, „By_mob“, die Live-Journal-Community, in der die Aktivitäten angekündigt wurden, zu überwachen. Oft tauchte die Polizei noch vor den Flashmobbern auf. Und sie nahm nicht nur Demonstranten fest, sondern machte auch Fotos. Zusammen mit den Porträts, die die Aktivisten selbst ins Netz gestellt hatten, halfen diese Aufnahmen dabei, Unruhestifter zu identifizieren, die dann vom Geheimdienst KGB verhört wurden. Man drohte ihnen mit Universitätsverweis oder Schlimmerem. Die Einschüchterungsversuche zeigten Wirkung. Bald tauchte nur noch der harte Kern auf, denn die sozialen Medien hatten ein Panoptikum geschaffen, das der Revolution entgegenwirkte: Ihre Netzwerke wurden von einer hoffnungslos überlegenen Staatsmacht infiltriert und verbreiteten nun öffentliche Angst.

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Evgeny Morozov ist Fellow an der Georgetown-Universität in Washington, D.C. und „Contributing Editor“ des Magazins „Foreign Policy“, wo er den Blog NET.EFFECT führt. Derzeit bereitet er die Drucklegung eines Buchs über die Demokratie und das Internet vor, das Ende 2010 in den Vereinigten Staaten bei PublicAffairs erscheint.

Quelle: F.A.Z.
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