Home
http://www.faz.net/-gsi-cf7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Soziale Netzwerke Auch Mittdreißiger mögen es, gesiezt zu werden

15.07.2011 ·  Redet nicht gleich von „Freunden“, eine schön neutrale „Person“ tut es auch: Das neue soziale Netzwerk Google plus ist eher etwas für Erwachsene. Ein Erfahrungsbericht.

Von Andrea Diener
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (2)

Plötzlich waren sie wieder unter sich. Letzte Woche gab es für kurze Zeit wieder ein Stück Internet ohne Farmville, ohne Umfragen nach Lieblingseissorten, ohne Mütter, überhaupt mit ganz wenigen Frauen und Katzenbildern. Dafür waren alle wichtigen Netzmenschen da, alle techniksozialen Auskenner, alle Was-mit-Medien-Berater mit siebenhundert Kontakten inklusive eigenen Zweitaccounts. Man kannte jeden und klickte sich gegenseitig an. Es war fast wie damals um die Jahrtausendwende, als jeder Blogneuzugang mit Handschlag begrüßt wurde. Und sogar die, die sonst über den Ausverkauf des Internet granteln, zeigten sich euphorisch.

Das neue soziale Netzwerk Google plus soll Facebook Konkurrenz, wenn nicht überflüssig machen. Die Netzseligkeit hielt eine Woche an, innerhalb deren erst rund fünfhunderttausend Testnutzer zugelassen waren. Am zweiten Juli-Wochenende waren es wohl schon zehnmal so viele, inzwischen vermuten Hochrechnungen um die zehn Millionen Nutzer. Google selbst hält sich bedeckt. Und langsam steigt auch die Frauenquote.

Einladungen für einhundert Dollar Sofortkaufpreis

Im Vergleich zu Facebook, das rund 760 Millionen Nutzer verzeichnet, ist das keine kritische Masse; doch die kann schnell erreicht sein, wenn das neue Netzwerk erst einmal für jeden geöffnet ist. Wann es so weit ist, weiß momentan noch keiner außer Google. Die anfängliche Exklusivität war sicherlich ein Grund, sich um die Google-plus-Accounts zu reißen. Nach welchen Kriterien sukzessive neue Nutzer zugelassen wurden, war geheimnisumwittert. Auf Ebay konnte man Einladungen für einhundert Dollar Sofortkaufpreis bekommen. Anderen war jedes Mittel recht, dem nicht unbedingt beliebten Facebook-Gründer Mark Zuckerberg eins auszuwischen, der sofort zur meistkontaktierten Person auf Google plus avancierte - eine hübsch hinterfotzige Art der Schmähung.

Aber nicht zuletzt laden die Funktionen des Google-Netzwerkes, das sich aufgeräumt, elegant und durchdacht präsentiert, zum Probelauf ein. Denn Zuckerbergs Facebook sieht dagegen nicht nur aus wie ein Betriebssystem aus den neunziger Jahren, es erscheint auch umständlich und starr. Google plus erlaubt nämlich eine deutlich verfeinerte Verwaltung von Kontakten. Facebook kennt nur zwei Zustände: befreundet oder nicht. Leider ist das Leben komplizierter und lässt sich auf diese Weise nur schwer abbilden. Grundgedanke von Google plus ist es nun, dass das Interesse an einer Person nicht immer auf Gegenseitigkeit beruhen muss.

Anfragen unangenehmer Zeitgenossen

Und dass das, was für Freunde interessant ist, Kollegen noch lange nichts angeht. Deshalb gibt es keine lineare Liste von Freunden, sondern sogenannte Kreise, in die man jemanden, neutral „Person“ genannt, per Drag und Drop hineinziehen kann, um ihm zu folgen. Falls der so Kontaktierte einen ebenfalls in einen seiner Kreise hineinzieht, bekommt man seine für diesen Kreis bestimmten Statusmeldungen, je nachdem, ob man als Freund oder bloße Arbeitsbekanntschaft eingestuft wird. Wie der andere einen einstuft, erfährt man zum Glück nicht.

Google gibt auch Hilfestellung zur Verwendung der Kreise: „Ihre echten Freunde, denen Sie auch private Dinge anvertrauen können“, so die Google-Beschreibung, bilden einen anderen Kreis als die Bekannten: „Hier können Sie Personen einordnen, die Sie kennen, die Ihnen aber nicht sehr nahe stehen.“ Man kann auch einen neuen Kreis anlegen und ihn „Leute, mit denen ich nie wieder zu tun haben will“, nennen. Damit beseitigt Google plus ein Facebook-Problem: ob man jemandem Freundschaftsanfragen schickt, den man nur flüchtig kennt, oder ob man Anfragen unangenehmer Zeitgenossen wirklich bestätigen will oder lieber ignoriert, was leicht zu Verwicklungen und Verkrampfungen führen kann. Facebook ist ein zu grobes Werkzeug für eine derart filigrane Angelegenheit wie das Hegen und Pflegen von Sozialkontakten, Google plus macht das besser. Vielleicht ist es auch eine Frage des Stils.

Denn Google macht jetzt alles

Während Facebook seinen Highschool-Stallgeruch nie abschütteln konnte und seine Nutzer bis ins Kleingedruckte penetrant duzt, nimmt sich Google plus erwachsener aus. Es ist schön, als Mittdreißiger gesiezt zu werden und Tippfehler in Statusmeldungen nachträglich korrigieren zu können. Es ist sinnvoll, erst einmal von „Personen“ oder „Leuten“ zu sprechen, anstatt gleich von Freunden, denn Freundschaft will verdient werden, auch im sozialen Netzwerk.

Es ist alles ein bisschen nüchterner, und die Fotoalben sind richtiggehend präsentabel. Hier machen sich nicht nur Partybilder gut, sondern auch die schönsten Landschaften des letzten Urlaubs, inklusive Angaben über Belichtungszeit und Blende. Die Fotos können direkt hochgeladen oder mittels Picasa importiert werden. Denn Google macht jetzt alles. Wenn man sich auf einer Google-Seite befindet, wird seit kurzem am oberen Fensterrand eine Navigationsleiste eingeblendet, die sogenannte Sandbar, die über Aktualisierungen auf dem Laufenden hält und den schnellen Wechsel zwischen Mail, Suchmaschine, Kalender, Picasa-Fotoalbum und Google plus erlaubt. Google plus kennt die Absender der Mails im Googlemail-Postfach und fordert auf, diese ins Netzwerk einzuladen: frühere Arbeitgeber, Pressestellen von Großkonzernen, Ebay-Verkäufer, Interviewpartner aus grauer Vorzeit. Man muss Google nicht erlauben, auf das Postfach zuzugreifen, das macht es automatisch. Wer sich dabei unwohl fühlt, hat recht.

Der sympathische Datenaggregator von nebenan?

Eine weitere Funktion ist die Videokonferenz, der „Hangout“. Das ist charmant gelöst: Man sieht erst einmal sich selbst im Vorschaufenster, darüber die wichtigste aller Fragen: „Sitzt die Frisur?“ Dann kann man sich mit bis zu neun weiteren Kontakten verschalten. Skypen ist überflüssig geworden, und wofür man Twitter noch braucht, ist auch eine gute Frage. Eigentlich braucht man Google kaum noch zu verlassen, so gut wie alle wichtigen Dienste sind implementiert. Das ist auch die Strategie hinter diesem Vorstoß. Und wenn man sich doch einmal auf eine andere Website verirren sollte, kann man diese mittels eines „+1“-Knopfes seinen Freundeskreisen empfehlen - das Verb „plussen“ scheint sich dafür durchzusetzen, analog dem „liken“ bei Facebook.

Alle Vorlieben werden gespeichert und sollen in einer Datenbank, die derzeit unter dem Kürzel „DDP“ entwickelt wird, Werbekunden zugänglich gemacht werden. Wir werden jetzt endgültig gläsern. Doch Google will immer noch der sympathische Datenaggregator von nebenan bleiben. So bedenklich es ist, seine Kontakte, Interessen und womöglich Daten auf einen einzigen Anbieter zu konzentrieren - man tritt dabei nicht sämtliche Rechte ab. Wenn man bei Facebook die Nutzungsrechte an hochgeladenen Dateien an der Türschwelle abgibt, so ist das bei Google plus nicht der Fall: „Ausschließlich zum Zweck der Erbringung des jeweiligen Dienstes und lediglich in dem dafür nötigen Umfang“ werden Nutzungsrechte an Texten, Fotos oder Videos eingeräumt, heißt es in den Nutzungsbedingungen. Und auch was publiziert wurde, kann im Nachhinein in seiner Verbreitung beschränkt werden.

Die Implementierung von Browserspielen ist geplant

Natürlich nimmt Facebook die neue Konkurrenz nicht tatenlos hin. Ein von einem Entwickler programmiertes Tool, das den Export von Facebook-Kontakten erlaubte, wurde von Facebook blockiert. In Zusammenarbeit mit Skype wird ab sofort ein Video-Chat angeboten, allerdings kann man damit nur zu zweit kommunizieren. Gemunkelt wird über einen Musikdienst. Und auch vor unsauberen Manövern schreckte Facebook nicht zurück: Bereits im Mai enthüllte der Internetdienst „The Daily Beast“, dass der Konzern eine PR-Agentur dafür bezahlte, gezielt Negativmeldungen gegen Google zu lancieren. Damals sickerte durch, dass Google ein soziales Netzwerk plant. Das trug dazu bei, den schlechten Ruf von Facebook zu festigen, während Google erstaunlicherweise noch immer als Unternehmen angesehen wird, das vergleichsweise wenig Dreck am Stecken hat.

Inzwischen kehrt in dem neuen Netzwerk Leben ein. Drehten sich anfangs sämtliche Statusmeldungen um Google plus selbst, seine Funktionen und Holperigkeiten, wendet man sich nun anderen Themen zu: die Arbeit, das Wetter, Links zu Zeitungsartikeln und Filmtrailer. Immer mehr Bekannte stoßen hinzu, auch solche, die nicht primär mit und vom Internet leben. Allerdings sollte man sich nicht der Hoffnung hingeben, Google plus bleibe ewig so angenehm puristisch: Die Implementierung von Browserspielen ist auch hier geplant. Das Aufpoppen von Suchmeldungen für virtuelles Schweinefutter und andere Facebook-Unarten sind nur eine Frage der Zeit.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Landesfahrrad

Von Hannes Hintermeier

Wer hat´s erfunden? Na hoffentlich die Schweiz. Ihren Nationalstolz lässt sie sich einiges kosten: 2.000 Euro Stückpreis pro Militärfahrrad. Nur leider saugt der Sattel Regenwasser auf. Mehr 1