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Resultat der Hirnforschung Multitasking ist ungesund

Die neue Studie eines angesehenen Hirnforschers belegt, dass das Gehirn maximal zwei Aufgaben gleichzeitig bewältigen kann. Es sei denn, man ist ein „Supertasker“. Aber die sind extrem selten.

© AFP Vergrößern Ikone der Multitasking-Ära? Steve Jobs bei der Präsentation von OS4, dem Programm von iPhone und iPad.

Auch sie gibt es: die Superhelden des Gehirns. Glückliche Ausnahmen in einer verteufelt komplizierter werdenden Multimediawelt, in der manchmal auch zehn Hände nicht genug wären. Vor ein paar Tagen haben amerikanische Psychologen unter zweihundert jungen Leuten fünf ausfindig gemacht, die während eines simulierten Autofahrtrainings mit dem Handy telefonieren sollten und beides praktisch fehlerfrei absolvierten. „Supertasker“, den Superlativ des Multitaskers, haben die Psychologen dafür gewählt.

Mehrere Aufgaben quasi parallel und ebenso gut zu erledigen wie im Idealzustand, wenn man sich auf eine Sache konzentrieren kann, diese Gabe haben die wenigsten. Noch ahnt die Wissenschaft nicht einmal, was solche Supertasker dazu befähigt. Wild wird etwa über außergewöhnliche genetische Konstitutionen spekuliert. Wir anderen zumindest, die große Mehrheit, sind den gottgewollten Grenzen ihres Gehirns gnadenlos ausgeliefert. Wir können unser Großhirn ausquetschen wie Zitronen und müssen dennoch schmerzlich feststellen, dass Konzentration und Ergebnis beim mehrfach parallelen Arbeiten unweigerlich leiden. Die exekutiven Funktionen, wie das die Hirnforschung nennt, kommen beim Multitasking an ihr Limit.

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Eine Art Zwischenspeicher

Wie schnell sogar, das hat jetzt einer der erfahrensten Wissenschaftler auf diesem Gebiet, Etienne Koechlin von der Ecole Normale Supérieure in Paris, in einer Studie deutlich gemacht, die an diesem Freitag in „Science“, einem der weltweit angesehensten Wissenschaftsmagazine, erscheint. Maximal zwei einigermaßen anspruchsvolle Aufgaben können demnach gleichzeitig vom Gehirn bewältigt werden. Gleichzeitig bedeutet allerdings in dem Fall oft zwangsläufig parallel. Denn darin ist unser Großhirn den mit Hunderten oder Tausenden Prozessoren gespickten Supercomputern heillos unterlegen. Nein, viele unserer Entscheidungen fallen im Gehirn immer noch nacheinander, wenn auch gestaffelt und zeitlich extrem gerafft.

Multitasking Grafik Koechlin © Etienne Koechlin, INSERM-ENS Vergrößern Zwei Ziele werden gleichzeitig verfolgt:Die beiden Stirnlappen teilen sich die „Arbeit” auf. Ganz vorne sorgt ein Schalter dafür, auf ein Areal umzuschalten, während die andere Hälfte ihre Inhalte zwischenspeichert und auf Abruf bereit steht.

Das Gehirn legt, wenn es die erste Aufgabe für die Bearbeitung der zweiten unterbricht, die entscheidenden Inhalte der ersten gewissermaßen in einem Zwischenspeicher ab. Wer seine Multitaskingfähigkeiten trainiert, was den Hirnforschern zufolge in Grenzen durchaus machbar ist, der tut nichts anderes, als die Geschwindigkeit der Signalübertragung in den betreffenden Gedächtnis- und Verarbeitungszentren zu steigern. Woher aber weiß das alles die Hirnforschung, und wieso sollte das nur mit zwei Parallelaufgaben einigermaßen verlustfrei funktionieren?

Kontakt halten mit dem emotionalen Zentrum

Einige entscheidende Antworten dazu gibt Koechlins neueste Studie, in der er den Multitaskern im Hirnscanner zwei oder mehr Buchstabenrätsel zu lösen aufgab. Sein wichtigster Befund: Die funktionale Architektur des Vorderhirns ist - jedenfalls beim Erwachsenen - so angelegt, dass mehr als zwei „Arbeitsgänge“ sinnvollerweise nicht parallel in annähernd gleicher Präzision und Geschwindigkeit verarbeitet werden. Koechlin und seine Kollegen haben in ihren Hirnaufnahmen eine klare Arbeitsteilung entdeckt. Im Mittelpunkt dabei: der präfrontale Kortex im Stirn- oder Frontallappen, jener Teil also an der Vorderseite des Gehirns, der die verarbeiteten sensorischen Signale empfängt, sie mit Gedächtnisinhalten abstimmt und dabei mit dem emotionalen Zentrum, dem limbischen System, Kontakt hält - was für die Motivation ausgesprochen wichtig ist. Er ist also eine Art Kontrollzentrum, das bewertet und unsere Handlungen einleitet.

Konzentriert man sich auf nur eine Seite, so sind die Schlüsselstellen in diesem Teil des Stirnlappens in beiden Gehirnhälften gleichzeitig aktiv. Beim Multitasking kommt es dagegen zum Bruch: Die beiden Hirnhälften teilen sich die kognitive Arbeit plötzlich auf. Die linke Hälfte des Stirnlappens übernimmt die Erledigung der ersten Aufgabe, die rechte Hälfte des Stirnlappens die der zweiten Aufgabe. Mehr als zwei Hälften gibt es nicht. „Wir erkennen hier eine Kapazitätsgrenze, die den Menschen in seinen höheren kognitiven Funktionen stark einschränkt“, meint Koechlin. Der Rubikon des Multitasking liegt also möglicherweise, wenn man so will, in der denkbar einfachen, nämlich symmetrischen Konstruktion unseres Gehirns.

Autofahren und telefonieren - und bremsen?

Wenn also grundsätzlich zwei Kanäle zur Verfügung stehen, wieso können wir es dann nicht zumindest alle den autotelefonierenden Supertaskern gleichtun, die das Potential ihres Stereogehirns offensichtlich glänzend auszunutzen verstehen? Antwort: Die Probanden der amerikanischen Psychologen hatten es nicht mit zwei Aufgaben, sondern mit mehreren Herausforderungen gleichzeitig zu tun. Sie mussten nicht nur telefonieren und das Lenkrad im Fahrsimulator bewegen, sondern mehrere komplexe Entscheidungen simultan fällen: gezielte Bremsmanöver ausführen, Hindernissen ausweichen, Abstand halten, sprechen, sich an Wörter erinnern und Matheaufgaben lösen.

Zu viel ist zu viel. Für einen kleinen Teil der Bevölkerung gilt das zwar nicht. Aber die Chance, zu ihnen zu gehören, ist etwa so groß wie die Wahrscheinlichkeit, beim Münzwurf fünfmal nacheinander das gleiche Ergebnis zu erhalten. Sehr unwahrscheinlich also.

Quelle: F.A.Z.

 
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