Home
http://www.faz.net/-gsf-6uc9z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Politik und Internet Mein neues Leben unter Piraten

Der Staatstrojaner zwingt die Innen- und Sicherheitspolitik zur Einsicht: Der Zugang zum Internet ist, behauptet der CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer, so wichtig wie der zu Wasser und Nahrung. Das Netz kann mehr als nur Wahlkampf. Bekenntnisse eines jungen Twitterers.

© dpa Vergrößern Sobald man sich in den Sumpf des Einsatzes staatlicher Spionagesoftware begibt, verschwinden echte Gewissheiten

Obwohl ich mit Computer und Internet seit Jahren arbeite, verstand ich bis vor kurzem nichts vom „Netz“. Computer stehen in meinen Büros und in meinen Wohnungen, ich besitze iPad und Handy, nutze E-Mail und SMS, surfe und kaufe im Internet, beziehe Informationen aus Online-Medien. Dennoch war mir die gesellschaftliche und politische Dramatik, die von der rasanten Evolution des Internet und der elektronischen Medien ausgeht, bislang nicht einmal im Ansatz klar.

Durch diese quantitative und qualitative Evolution im Zeitraffer werden die Bedingungen politischer Gestaltung stärker verändert als durch alles, was seit der Französischen Revolution geschehen ist. Das lässt sich mittlerweile zwar erahnen, im öffentlichen Bewusstsein angelangt ist es bislang aber ebenso wenig wie die Bedeutung von Liberté und Égalité im Bewusstsein das Ancien Regime am Tag vor dem Ballhausschwur. Die Wirklichkeit des weltweiten Internet verändert die Bedingungen politischer Kommunikation von Grund auf, aber auch das materielle Konzept von Demokratie und Partizipation.

Mehr zum Thema

Die politische Freiheit und Gleichheit der Bürger realisiert sich im Netz zum ersten Mal in Permanenz: Die neu entstehenden Strukturen eröffnen die Möglichkeit jederzeitiger und umfassender politischer Einflussnahme und Gestaltung, über jede Art von geographischer, politischer oder sozialer Grenze hinaus. Jenseits von Parteien, Verbänden und klassischen Medien entwickeln sich fast über Nacht revolutionäre Verhaltensmuster, werden traditionelle Macht- und Entscheidungszentren durch Bypässe umgangen, wird der Einzelne endgültig vom Objekt zum Subjekt politischer Gestaltung. Wer in Posemuckel wohnt, kann heute in China die Welt verändern, umgekehrt natürlich auch.

Das Virtuelle schwappt in die Realität

Schon jetzt hat das Internet auch die Arbeitsbedingungen der Politik erheblich verändert. Die Verfügbarkeit fast aller relevanter Informationen über iPhone und iPad macht politische Debatten anspruchsvoller, weil der Gegner falsche Zahlen oder Zitate umgehend widerlegen und entkräften kann. Die Existenz des Netzes bedeutet eine enorme Beschleunigung: Innerhalb von Minuten und Stunden verbreiten sich Tatsachen und Gerüchte, werden Meinungen gebildet und verworfen. Die Reaktionszeiten für die Politik werden immer kürzer: Wenn ein Vorfall bekannt wird, muss man einen Tag später sprechfähig sein, sonst hat man schon verloren. Unser Aktionsradius vergrößert sich aber enorm. Die Rückkopplung zwischen Wählern und Gewählten erfolgt in Echtzeit. Auch Politiker, die nicht twittern oder posten, können sich dem nicht entziehen.
Die neuen Medien wie Twitter, Facebook lösen die traditionellen Medien wie Presse, Funk und Fernsehen nicht ab, sondern treten mit ihnen in vielfältige Interaktion. Die damit verbundene Komplexität ist für alle Beteiligten extrem arbeitsintensiv, erlaubt aber auch Formen der Kommunikation und Bürgeransprache, an die früher nicht zu denken war.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Netz ohne Anschluss Es gibt keine digitale Gesellschaft

Wieso meinen viele, wir brauchten als Grundlage einer neuen Welt nur Technik? Was läuft in der Netzgemeinde außer Shitstorms? Denken wir das Konzept künstlicher Intelligenz und der Herrschaft des Digitalen mal zu Ende: Wo bleibt der Mensch dann, als Wesen aus Fleisch und Blut? Mehr Von Lutz Hachmeister

01.06.2015, 09:59 Uhr | Feuilleton
Facebook, Twitter und Co Neue Berufe: Social Media Manager

Führungskräfte in der Wirtschaft haben im digitalen Zeitalter ein Problem: Sie müssen sich im Internet gut positionieren, haben aber keine Zeit für Facebook, Twitter und Co. Das erledigen heute Profis für sie - die Social Media Manager. Mehr

10.02.2015, 11:15 Uhr | Beruf-Chance
Vernetzte Maschinen Die Daten der Industrie werden zum Milliardengeschäft

In der Industrie 4.0 fallen Daten an, die es bisher nicht gab. Wer sie für neue Geschäfte zu nutzen weiß, beherrscht die Welt von morgen. Anregungen aus der Elektroindustrie. Mehr Von Georg Giersberg

31.05.2015, 11:58 Uhr | Wirtschaft
Türkei Twitter wieder erreichbar

Nach einem Streit über Bilder von einer Geiselnahme im Internet wurde die Blockade von Twitter in der Türkei wieder aufgehoben. Facebook teilte mit, man habe einer türkischen Gerichtsanordnung entsprochen und den Zugang zu bestimmten Inhalten blockiert. Gegen die Anordnung sei aber Widerspruch eingelegt worden. Mehr

07.04.2015, 09:44 Uhr | Politik
Systemkonformität Die privatisierte Revolution

Früher maskierten sich Angestellte als Rebellen. Heute tarnt sich der Rebell als braver Funktionsträger. So kann man zugleich Systemkritiker sein und im System funktionieren, wie der Fall Münkler-Watch zeigt. Mehr Von Mark Siemons

25.05.2015, 15:45 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.10.2011, 23:22 Uhr

Mobile Freidenker

Von Jan Wiele

Mobilität bedeutet nicht, selbst ins Bordbistro laufen zu müssen: In der jüngsten Ausgabe ihres Kundenmagazins bereitet uns die Bahn auf die digitale Zukunft vor. Mehr 7