http://www.faz.net/-gsf-6uc9z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 13.10.2011, 23:22 Uhr

Politik und Internet Mein neues Leben unter Piraten

Der Staatstrojaner zwingt die Innen- und Sicherheitspolitik zur Einsicht: Der Zugang zum Internet ist, behauptet der CDU/CSU-Fraktionsgeschäftsführer, so wichtig wie der zu Wasser und Nahrung. Das Netz kann mehr als nur Wahlkampf. Bekenntnisse eines jungen Twitterers.

von Peter Altmaier
© dpa Sobald man sich in den Sumpf des Einsatzes staatlicher Spionagesoftware begibt, verschwinden echte Gewissheiten

Obwohl ich mit Computer und Internet seit Jahren arbeite, verstand ich bis vor kurzem nichts vom „Netz“. Computer stehen in meinen Büros und in meinen Wohnungen, ich besitze iPad und Handy, nutze E-Mail und SMS, surfe und kaufe im Internet, beziehe Informationen aus Online-Medien. Dennoch war mir die gesellschaftliche und politische Dramatik, die von der rasanten Evolution des Internet und der elektronischen Medien ausgeht, bislang nicht einmal im Ansatz klar.

Durch diese quantitative und qualitative Evolution im Zeitraffer werden die Bedingungen politischer Gestaltung stärker verändert als durch alles, was seit der Französischen Revolution geschehen ist. Das lässt sich mittlerweile zwar erahnen, im öffentlichen Bewusstsein angelangt ist es bislang aber ebenso wenig wie die Bedeutung von Liberté und Égalité im Bewusstsein das Ancien Regime am Tag vor dem Ballhausschwur. Die Wirklichkeit des weltweiten Internet verändert die Bedingungen politischer Kommunikation von Grund auf, aber auch das materielle Konzept von Demokratie und Partizipation.

Mehr zum Thema

Die politische Freiheit und Gleichheit der Bürger realisiert sich im Netz zum ersten Mal in Permanenz: Die neu entstehenden Strukturen eröffnen die Möglichkeit jederzeitiger und umfassender politischer Einflussnahme und Gestaltung, über jede Art von geographischer, politischer oder sozialer Grenze hinaus. Jenseits von Parteien, Verbänden und klassischen Medien entwickeln sich fast über Nacht revolutionäre Verhaltensmuster, werden traditionelle Macht- und Entscheidungszentren durch Bypässe umgangen, wird der Einzelne endgültig vom Objekt zum Subjekt politischer Gestaltung. Wer in Posemuckel wohnt, kann heute in China die Welt verändern, umgekehrt natürlich auch.

Das Virtuelle schwappt in die Realität

Schon jetzt hat das Internet auch die Arbeitsbedingungen der Politik erheblich verändert. Die Verfügbarkeit fast aller relevanter Informationen über iPhone und iPad macht politische Debatten anspruchsvoller, weil der Gegner falsche Zahlen oder Zitate umgehend widerlegen und entkräften kann. Die Existenz des Netzes bedeutet eine enorme Beschleunigung: Innerhalb von Minuten und Stunden verbreiten sich Tatsachen und Gerüchte, werden Meinungen gebildet und verworfen. Die Reaktionszeiten für die Politik werden immer kürzer: Wenn ein Vorfall bekannt wird, muss man einen Tag später sprechfähig sein, sonst hat man schon verloren. Unser Aktionsradius vergrößert sich aber enorm. Die Rückkopplung zwischen Wählern und Gewählten erfolgt in Echtzeit. Auch Politiker, die nicht twittern oder posten, können sich dem nicht entziehen.
Die neuen Medien wie Twitter, Facebook lösen die traditionellen Medien wie Presse, Funk und Fernsehen nicht ab, sondern treten mit ihnen in vielfältige Interaktion. Die damit verbundene Komplexität ist für alle Beteiligten extrem arbeitsintensiv, erlaubt aber auch Formen der Kommunikation und Bürgeransprache, an die früher nicht zu denken war.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Software-Roboter Automatisierter Hass im Netz

Immer mehr Hetzkommentare im Internet stammen von Maschinen. Mit ihnen werden die sozialen Netzwerke manipuliert – doch das hat auch Folgen für die Offline-Welt. Mehr Von Oliver Georgi

24.05.2016, 12:38 Uhr | Politik
Statement auf Twitter Trump fühlt sich von Londons Bürgermeister angegriffen

Sadiq Khan hatte über Trump getwittert, dass er durch seine ignorante Sicht auf den Islam, Amerika und Großbritannien nicht sicherer machen würde. Mehr

16.05.2016, 20:08 Uhr | Politik
TV-Kritik: Hart aber fair Zuhause ist, wo ich das WLAN-Passwort kenne

Machen Smartphones dumm und krank? Jede moderne Technik startet ihre Laufbahn als Fluch, bis sich ihr Segen durchsetzt. Selbst Frank Plasberg scheint vom digitalen Leben überfordert. Mehr Von Hans Hütt

24.05.2016, 04:33 Uhr | Feuilleton
Buchbinder Bedrohte Leidenschaft

Zwei Buchbinder aus Frankfurt lieben ihr Handwerk. Aber immer weniger große Unternehmen nehmen ihre Dienste in Anspruch, die Innung hat sich aufgelöst. Der Jüngere der beiden hofft auf das Internet - der Ältere nicht. Mehr Von Jörn Wenge (Text) und Nina Hewelt (Bild)

30.05.2016, 13:15 Uhr | Rhein-Main
Everything Doughnut Von Zucchininudeln und Tiramuffins

Wer weiß, was der nächste Food-Hype im Internet werden wird? Sicher ist: Die Trends kommen als Extreme daher. Mehr Von Kathrin Hollmer und Dorothea Wagner

17.05.2016, 12:39 Uhr | Stil
Glosse

Tückische Tellerminen

Von Patrick Bahners

Das Amtsgericht München hat geurteilt: Sexuelle Nötigung. Doch der ehemalige Rektor der Münchner Musikhochschule hat Berufung eingelegt. Und hat berühmte Unterstützer auf seiner Seite, die es aus irgendeinem Grund besser wissen als 16 Zeugen. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“