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Phänomen Internetradio Unsere Musik-DNA von morgen

Amazon empfielt, was wir lesen sollen und Radiosender im Internet sagen uns, was wir hören sollen. Ist das ein Freiheitsgewinn, oder setzen wir damit unseren Musikverstand aufs Spiel. Plädoyer für eine zeitgemäße Kritik.

© die bildstelle Vergrößern Ende der Selbstbestimmung? Das Internet verändert mit der Digitalisierung des Radios nicht nur unsere Hörgewohnheiten, sondern auch unsere Urteilskraft

Wächst im Internet das Konzertpublikum von morgen heran? Klassiknerds, die irgendwann ihre Ansprüche an den realen Konzertbetrieb stellen werden? Die Frage muss noch radikaler gestellt werden: Sind die im Netz angewandten Algorithmen einer personalisierten Musikauswahl auf dem Wege, diesen Betrieb von Grund auf umzuwälzen, ihm völlig neue Aufgaben zuwachsen zu lassen, ihn gar überflüssig zu machen? Und wie wird sich die traditionelle Musikkritik verändern, wenn ihr das Internet irgendwann den Rang als Empfehlungsinstanz abgelaufen haben wird, weil immer mehr Menschen auf die Musikauswahl vertrauen, die eine Maschine für sie getroffen hat? Sie wird überleben - jedoch nur dann, wenn sie mehr leistet, als nur den Daumen hoch oder runter zu halten.

Rasant mehren sich im Netz die unterschiedlichsten und auch skurrilsten Sende-Angebote. Allein in Deutschland gibt es 3100 Webradiosender, von denen 2600 reine Internet-Angebote sind, die gar nicht mehr über UKW zu empfangen sind. Und verblüffenderweise hören jene 3,2 Millionen Menschen, die laut der bundesweiten Radiostudie 2011 täglich ihr Webradio einschalten, prozentual wesentlich mehr Kunstmusik im traditionellen Rundfunk. Eine Studie, die Logfiles des Portals „Phonostar“ auswertete, ergab, dass die Nutzungsanteile der Sparte „Klassik und Oper“ im Internet bei 17,5 Prozent und damit deutlich höher als bei traditionellen Sendern lägen. Wie hören all diese Menschen Musik?

Das ganze Jahr lang Weihnachtsmusik

Die Zugriffe erfolgen hauptsächlich über soziale Netzwerke wie Facebook oder über „Aggregatoren“. Das sind Websites wie www.radio.de, www.surfmusik.de oder www.medien-index.de, die versuchen, in den Dschungel des unüberschaubaren Angebots eine Ordnung zu bringen, indem sie eine nach Ländern und Genres geordnete Übersicht bieten, Beliebtheits-Rankings vornehmen und auf jeden Stream weltweit verlinken.

Da finden sich neben Kuriositäten wie Sendern, auf denen man das ganze Jahr über Weihnachtslieder hören kann - und die sich übrigens, wie „GotRadio Christmas Celebration“, einer solchen Beliebtheit erfreuen, dass sie bei www.radio.de auf Platz 10 von 142 der „am besten bewerteten“ Stationen des Genres „Klassik“ landen -, auch zahlreiche andere monothematische, das heißt nur einer Epoche, einer Musikgattung, einem Instrument oder einem einzigen Komponisten gewidmete Sender. Feinsäuberlich sortieren zum Beispiel „Abacus“ und „Iceberg Radio“, beide aus Kanada, ihre Hörerschaft nach Sparten. „Iceberg Radio“ bietet auf seinen 55 der Rubrik „Classical“ gewidmeten Stationen sowohl dem reinen Bach-Liebhaber wie dem Bewunderer des „europäischen Orchesterklangs“, dem Horn-Fetischisten oder dem auf Barockmusik eingeschworenen Spezialhörer die passend gefilterte Nonstop-Beschallung - 24 Stunden an sieben Tagen der Woche.

Identität oder Algorithmus?

Gepflegt wird eine Potpourrikultur, die ohne redaktionellen Kommentar und ohne auf einen in der Musik selbst begründeten Zusammenhang zu zielen, einzelne Partien verschiedenartigster Werke aneinanderreiht. Das ist für sich genommen nichts Neues: Die Geschichte musikalischer „Fricassées“ und „Ensaladas“ in Frankreich und Spanien lässt sich bis in die erste Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts zurückverfolgen. Auch dort wurde dem Prinzip, einen Höhepunkt an den nächsten zu reihen, das Kriterium einer genuin ästhetischen „Logik“ nachgeordnet. Den im Netz erzeugten Medleys erwächst jedoch eine dramatisch neue Qualität dadurch, dass an die Stelle einer von Menschen vorgenommen Auswahl, an der sich der Hörer auch reiben könnte, ein ausgefeilter Algorithmus tritt: eine mathematische Formel, die das bisherige Verhalten des Webradio-Nutzers auswertet und in die Zukunft projiziert.

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Veröffentlicht: 08.03.2012, 17:00 Uhr

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