Man braucht nur einen kurzen Rundgang durch eine beliebige deutsche Universitätsbibliothek zu wagen, um zu erkennen, wie abgelenkt und zerstreut, ja wie zerrissen und aufgeschreckt der heutige Bildungsbürger ist: Auf fast allen Rechnern, die der Buch-Recherche dienen, auf allen Laptops und schelmenhaft aus der Hosentasche hervorgezogenen Smart-Phones erstrahlen im Minutentakt blau-weiße Streifen, welche die Blicke der zu Lesezwecken angereisten Besucher weg von den Büchern hin zu den funkelnden Bildschirmen lenken. Es sind die magnetisierenden Farben von Facebook, die sich wie azurne Wellen auf den Gesichtern einer digital versunkenen Gesellschaft spiegeln, die einfach nicht anders kann, als immer wieder nachzuprüfen, was sich in den letzten Minuten in ihrem virtuellen Leben verändert hat.
Die Konsequenzen sind, wie der Kognitionswissenschaftler Michael Rich von der Harvard Medical School kürzlich in einer Studie festgestellt hat, verheerend: Mittlerweile ist es zu einem teuflischen Unterfangen geworden, konzentriert ein Buch durchzulesen oder diszipliniert einen Text zu schreiben, ohne der Versuchung des medialen Überangebots zu erliegen, das dank der Allgegenwart von Wireless-Hotspots und portablen Computern abrufbar ist.
Doch auch wenn die Zeichen der Zerstreuung immer drastischer werden: Prinzipiell ist das Phänomen medialer Überforderung gar nicht mal so neu. Seit fünfhundert Jahren, präziser gesagt: seit der Erfindung des Buchdrucks geht jedes neu etablierte Medium mit einem parallel feststellbaren Unbehagen einher. Beispiel ist Goethe. In der Studie „Fausts Kolonie - Goethes kritische Phänomenologie der Moderne“ (Würzburg, 2010) zeigt der Berliner Literaturwissenschaftler Michael Jaeger eindrucksvoll, dass selbst dieser Schriftsteller durch das Aufkommen eines relativ neuen, zunächst bedrohlich wirkenden Mediums, durch die Zeitung nämlich, sich heillos überfordert fühlte.
Hassliebe gegenüber der Zeitung
Zeitungen begannen damals nicht nur in bahnbrechender Aktualität und entgrenzter Dramatik über Krieg und Krise und die gewaltvollen Erosionen in Zentraleuropa zu berichten. Für Goethe waren die morgendlich eintreffenden Gazetten Mitverursacher jener epistemologischen Krisen selbst. Diagnostisch gedeutet: Goethe als Bewahrer des Beständigen litt an einer medialisierten, niemals fixierbaren Wirklichkeit - an der Konsequenz, die eine globalisierte Moderne in ihrer zeitlichen Vielfalt und räumlichen Mehrdeutigkeit impliziert. Denn mit jeder Zeitungsausgabe, die er vor seiner Haustür vorfand, war die Wirklichkeit eine andere geworden - so wie die Welt für den modernen Facebook-User eine andere wird, sobald er mit dem Mauszeiger auf die Refresh-Taste klickt. Freundschaften brechen auseinander, Beziehungen werden gestiftet, Heiratspläne werden verkündet, in rasendem Tempo.
Das erstaunliche an dieser medienhistorischen Parallele ist die Tatsache, dass Goethes Hassliebe gegenüber der Zeitung ziemlich exakt dem entspricht, was Kognitionswissenschaftlern heute angesichts der Schnelllebigkeit des Internets so viel Sorge bereitet: die Abnahme der Fähigkeit zur Kontemplation, zur geistigen Produktivität und intellektuellen Ordnung.
Goethe hatte ein quälend-ambivalentes Verhältnis zur Zeitung. Einerseits bestand er auf der Lektüre seiner beiden Lieblingsblätter „Le Globe“ und „Le Temps“, andererseits wollte er sich - spätestens gegen 1830 - auf den Abschluss des „Faust“ konzentrieren. Das Ergebnis war ein fast schon manisch durchgeführter Zeitungsentzug, der den zerstreuten Dichter endlich an den Schreibtisch zurückholen sollte: „Seit ich die Zeitungen nicht mehr lese, bin ich viel freieren Geistes“, schrieb Goethe in einem Brief vom 23. März 1830. Doch wenn man Michael Jaegers Analysen glaubt, konnte Goethe von den skandalträchtigen Blättchen, die ihn über die Hintergründe des Revolutionsgeschehens der in Frankreich informierten (so wie uns heute Blogs und Live-Streams über das Geschehen in Ägypten in Kenntnis setzten), letztlich doch nicht ganz die Finger lassen.
Die Sucht nach digitaler Stimulanz
Vermutlich wird er sich ungefähr so gefühlt haben wie der Bildungsbürger in der Universitätsbibliothek, der zwar einen Berg an Arbeit zu erledigen hat, sich aber gleichzeitig magisch angezogen fühlt von der irisierenden, süchtig machenden Welt des Internets. Goethes Freund Frédéric Soret berichtete damals: „Monate hindurch hat er mit größter Ausdauer den „Globe“ und den „Temps“ gelesen, und plötzlich, seit etwa 14 Tagen, sieht er sie nicht mehr an und stapelt die Nummern auf, ohne sie zu öffnen; er versiegelt sie sogar, um zu zeigen, dass er sie nicht liest, versichert aber seinen Freunden, es sei ihm sehr lieb, wenn sie ihm erzählten, was in der Welt vorgehe.“
Goethes Sorge um den Verlust menschlicher Reflexions- und Distanzfähigkeit, ausgelöst durch ständig neu eintreffende Informationen, lässt sich ähnlich interpretieren wie die Kritik des Kognitionswissenschaftlers Michael Rich aus Harvard, der die Sucht nach digitaler Stimulanz als größtes Bildungsproblem des einundzwanzigsten Jahrhunderts identifiziert, weshalb er sich vehement für eine „Rückkehr zur Langeweile“ stark macht.
Schon im neunzehnten Jahrhundert verzeichnete Goethe in Anbetracht des Aufkommens öffentlicher Blätter einen Beschleunigungsprozess, den er als Ursache für eine Erosion der überlieferten Bildungsideale identifizierte. Was Goethe forderte, so Jaeger in seinem Buch, sei ein kognitives Gegenprogramm der kontemplativen Selbstbeherrschung gewesen: „Zeit, Ruhe und Konzentration sind die notwendigen Voraussetzungen jener Pädagogik, die Goethe in den ,Lehrjahren' und ,Wanderjahren' Wilhelm Meisters entwickelt im Widerspruch gegen die moderne Bewegungsfaszination und gegen das konzentrations- und reflexionsfeindliche Prinzip des Divertissements.“
Auswertung und Reflexion
Facebook und Youtube lassen sich als Appendix der Beschleunigung des Informationszeitalters begreifen, als nächster Schritt in einer durchmedialisierten Moderne. Denn in vielen Bereichen des Internets kommt es nicht mehr auf Auswertung und Reflexion an, sondern auf einen schnellen, stimulativen Austausch von Reizen. Und hier liegt das Problem, ob nun für Goethe, Michael Rich oder den Journalisten Alex Rühle, der sich ähnlich wie sein medial überforderter Vorgänger freiwillig ein halbes Jahr auf Internetentzug setzte, um hinterher darüber einen erhellenden Erfahrungsbericht zu schreiben („Kein Netz“).
Die Ergebnisse dieses Experiments hat Goethe schon im neunzehnten Jahrhundert vorweggenommen. Denn auch er war nicht imstande, sich den medialen Verheißungen vollständig zu entziehen. Eines Nachmittags, so beobachtete sein Freund Soret, ließ sich der Dichter - trotz aller Beteuerungen und guten Vorsätze - einen Zeitungskorb bringen, „der voll von Nummern des Globe und des Temps war, alle noch unter Kreuzband“.
Er wollte beweisen, „dass er sie wirklich nicht lese, doch durfte einer von uns eine Nummer wie ein Los ziehen und er scherzte über deren Inhalt“. Im Facebook-Zeitalter nennt man das: einen User mit Fake-Account.
Kommunikation auf DSDS-Niveau.
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 04.03.2011, 00:18 Uhr
Studieren ist mehr als
Eduard Heindl (eduardheindl)
- 04.03.2011, 11:24 Uhr
Im Zitat des Michael Rich wird die „Rückkehr zur Langeweile“ gefordert.
Karl Mohr (MoriaeEncomium)
- 04.03.2011, 12:55 Uhr
Refresh-Button?
Thomas Pionteck (thomasschmidts)
- 04.03.2011, 12:57 Uhr
@ Thomas Pionteck
Helga Zießler (Steuernagel34)
- 05.03.2011, 13:37 Uhr