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Mediale Überforderung Hätte Goethe einen Facebook-Account?

Die Antwort ist: vermutlich. Unbefangen nutzen würde er ihn aber nicht. Denn auch der Dichter kannte schon die Überforderung des Geistes durch fortlaufende Neuigkeiten. So mied er phasenweise bewusst seine Lieblingszeitungen.

© dpa; facebook Fühlte sich durch das Aufkommen der Zeitung hoffnungslos überfordert: Johann Wolfgang von Goethe (1749 bis 1832)

Man braucht nur einen kurzen Rundgang durch eine beliebige deutsche Universitätsbibliothek zu wagen, um zu erkennen, wie abgelenkt und zerstreut, ja wie zerrissen und aufgeschreckt der heutige Bildungsbürger ist: Auf fast allen Rechnern, die der Buch-Recherche dienen, auf allen Laptops und schelmenhaft aus der Hosentasche hervorgezogenen Smart-Phones erstrahlen im Minutentakt blau-weiße Streifen, welche die Blicke der zu Lesezwecken angereisten Besucher weg von den Büchern hin zu den funkelnden Bildschirmen lenken. Es sind die magnetisierenden Farben von Facebook, die sich wie azurne Wellen auf den Gesichtern einer digital versunkenen Gesellschaft spiegeln, die einfach nicht anders kann, als immer wieder nachzuprüfen, was sich in den letzten Minuten in ihrem virtuellen Leben verändert hat.

Die Konsequenzen sind, wie der Kognitionswissenschaftler Michael Rich von der Harvard Medical School kürzlich in einer Studie festgestellt hat, verheerend: Mittlerweile ist es zu einem teuflischen Unterfangen geworden, konzentriert ein Buch durchzulesen oder diszipliniert einen Text zu schreiben, ohne der Versuchung des medialen Überangebots zu erliegen, das dank der Allgegenwart von Wireless-Hotspots und portablen Computern abrufbar ist.

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Doch auch wenn die Zeichen der Zerstreuung immer drastischer werden: Prinzipiell ist das Phänomen medialer Überforderung gar nicht mal so neu. Seit fünfhundert Jahren, präziser gesagt: seit der Erfindung des Buchdrucks geht jedes neu etablierte Medium mit einem parallel feststellbaren Unbehagen einher. Beispiel ist Goethe. In der Studie „Fausts Kolonie - Goethes kritische Phänomenologie der Moderne“ (Würzburg, 2010) zeigt der Berliner Literaturwissenschaftler Michael Jaeger eindrucksvoll, dass selbst dieser Schriftsteller durch das Aufkommen eines relativ neuen, zunächst bedrohlich wirkenden Mediums, durch die Zeitung nämlich, sich heillos überfordert fühlte.

Hassliebe gegenüber der Zeitung

Zeitungen begannen damals nicht nur in bahnbrechender Aktualität und entgrenzter Dramatik über Krieg und Krise und die gewaltvollen Erosionen in Zentraleuropa zu berichten. Für Goethe waren die morgendlich eintreffenden Gazetten Mitverursacher jener epistemologischen Krisen selbst. Diagnostisch gedeutet: Goethe als Bewahrer des Beständigen litt an einer medialisierten, niemals fixierbaren Wirklichkeit - an der Konsequenz, die eine globalisierte Moderne in ihrer zeitlichen Vielfalt und räumlichen Mehrdeutigkeit impliziert. Denn mit jeder Zeitungsausgabe, die er vor seiner Haustür vorfand, war die Wirklichkeit eine andere geworden - so wie die Welt für den modernen Facebook-User eine andere wird, sobald er mit dem Mauszeiger auf die Refresh-Taste klickt. Freundschaften brechen auseinander, Beziehungen werden gestiftet, Heiratspläne werden verkündet, in rasendem Tempo.

Das erstaunliche an dieser medienhistorischen Parallele ist die Tatsache, dass Goethes Hassliebe gegenüber der Zeitung ziemlich exakt dem entspricht, was Kognitionswissenschaftlern heute angesichts der Schnelllebigkeit des Internets so viel Sorge bereitet: die Abnahme der Fähigkeit zur Kontemplation, zur geistigen Produktivität und intellektuellen Ordnung.

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