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Mediale Überforderung Der Mensch wird neu formatiert

Ist Facebook ein Religionsersatz? Was können wir von Google lernen? Wie überstehen wir erfolgreich die mediale Überforderung? Ein Interview mit dem Soziologen Dirk Baecker.

© Kat Menschik Vergrößern

Herr Baecker: Werden wir vom Computer überfordert?

Am Computer studieren wir eine Überforderung, mit der wir es seit dem Beginn des elektrischen Zeitalters zu tun haben. Elektrizität, so Marshall McLuhan, heißt Instantaneität, heißt weltweiter Signalaustausch in Lichtgeschwindigkeit. Seither sind wir global miteinander verknüpft, vernetzt und verschaltet, ohne zu wissen, woher wir die Zeit und den Raum nehmen sollen, um dies auf ein menschliches Maß zu reduzieren.

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Zwingt uns der Computer die Instantaneität gleichsam auf?

Der Computer und seine Derivate, das Internet, das Intranet, Datenbanken und Computernetze, nutzen sie nur aus. Und indem sie sie ausnutzen, machen sie sie uns verfügbar und steigern damit das Problem. Der Trader an seinem Reuters-Bildschirm, der Arzt an seinem Diagnosecomputer, der Designer an seinen Entwurfsmaschinen, der Soldat im elektronisch überwachten Gefechtsfeld sind insofern die Pioniere, die wir uns anschauen müssen, wenn wir wissen wollen, ob und wie wir mit dieser Überforderung zurechtkommen. Das ist ja nicht neu. Die Menschheit hat mindestens drei Überforderungen ähnlichen Ausmaßes mit erstaunlichem Erfolg überstanden: die Einführungen der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Von der Einführung der Sprache besitzen wir keine schriftlichen Zeugnisse, aber seit der Einführung der Schrift wird eine Überforderung durch neue mediale Möglichkeiten beschrieben. Platon schaut nach Ägypten und befürchtet die Bürokratisierung der griechischen Polis und das Erkalten der menschlichen Kommunikation, wenn man beginnt, sich auf die Schrift und damit eine mechanische Gedächtnisstütze zu verlassen. Das Gegenteil war der Fall. Die Griechen erfanden in der Auseinandersetzung mit der Schrift die Philosophie, und die frühe Neuzeit erfand in der Auseinandersetzung mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle.

dirk baecker porträt © ZU/Ilja Mess Vergrößern „Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden”: Der Soziologe Dirk Baecker

Die Überforderung ist somit sozialer, nicht psychischer Natur?

Doch, das ist ein Teil des Phänomens. Die Psyche bleibt ja nicht unbeeindruckt, wenn sich die Kommunikation zum einen auf eine hochgradig nervöse Lichtgeschwindigkeit einstellt und sich zum andern an dieser Kommunikation Maschinen mit großen Datenbanken und enormer Rechengeschwindigkeit beteiligen, die wir nicht durchschauen, mit denen wir jedoch dennoch zu Rande kommen müssen. Von Multitasking würde ja niemand reden, wenn es uns nicht auch grenzenlos faszinieren würde. Wir haben es mit neuen kommunikativen Möglichkeiten zu tun, auf die sich die menschliche Psyche und der menschliche Körper erst einmal einstellen müssen. Unsere Kinder machen es uns vor.

Ihre These lautet, dass der Computer das Verbreitungsmedium der „nächsten Gesellschaft“ sei, an deren Schwelle wir uns gerade befänden. Was wird diese nächste Gesellschaft kennzeichnen?

Nach allem, was man bisher erkennen kann, wird diese Gesellschaft ihre sozialen Strukturen auf heterogene Netzwerke und ihre Kultur auf die Verarbeitung von Schnelligkeit einstellen. Heterogene Netzwerke treten an die Stelle der eher homogenen Funktionssysteme, wie wir sie von der modernen Gesellschaft kennen. Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden und sich stattdessen mit einer Komplexität anfreunden, mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können.

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