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Veröffentlicht: 24.01.2011, 16:21 Uhr

Logik der Technik Das Denken und die Digitalisierung

Es wird Zeit, sich nach dem ersten technophoben Erschrecken zu beruhigen und sich der Herausforderung der Digitalisierung zu stellen. Das Erschrecken hat den Menschen in der Evolution oft, aber nicht immer gerettet.

von Mercedes Bunz
© REUTERS Wenn sich Menschen intelligente Maschinen vorstellen, kommen meistens Killer dabei heraus. Das Kino hält dafür zahlreiche Beispiele parat, hier ein nur auf den ersten Blick possierliches aus dem Trickfilm „Monsters vs Aliens”

Auf welcher Seite stehen Sie bei der digitalen Revolution? Gehören Sie zu den Befürwortern, die neugierig alles ausprobieren? Heben Sie mahnend den Finger, um Bestehendes zu bewahren? Oder glauben Sie ganz pragmatisch, dass man die Geschichte nicht aufhalten kann?

Revolution mag vielleicht ein abgenutzter Begriff sein, zweifellos ist er in die Jahre gekommen. Und doch ist es genau das, was sich mit der Digitalisierung ereignet: Unter unseren Fingerspitzen erleben wir eine eruptive Umwälzung. Die vielen Anglizismen, die sich bereichernd in unserer Sprache eingenistet haben - mailen, googeln, skypen, bloggen, posten, twittern -, versuchen sich angestrengt unauffällig zu verhalten, aber sie vermögen nicht, uns darüber hinwegzutäuschen: Nicht nur die Worte hinken den zeitgenössischen Entwicklungen hilflos hinterher und erfassen nicht mehr die Welt, in der wir leben, auch das Denken. Wahrscheinlich wissen unsere Fingerspitzen schon mehr als wir.

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Fragen, denen man sich stellen muss

Kein Wunder: Historisch sind die Ausmaße der Digitalisierung mit jenen der industriellen Revolution vergleichbar; doch während die Industrialisierung die Kraft des Arbeiters durch die Maschine ersetzt und bestehende Arbeitsabläufe automatisiert hat, automatisiert die Digitalisierung das Wissen. Ein Umstand, dem nachgegangen werden muss, auch weil an ihm große gesellschaftliche Fragen hängen: Wird die Digitalisierung den Aufgabenbereich des Angestellten in der gleichen Weise umwandeln, wie die Maschine die Tätigkeit des Arbeiters verändert hat? Wird also die Auswirkung der Digitalisierung auf die Mittelschicht jener der Industrialisierung auf das Proletariat gleichen? Ist die aktuelle Verunsicherung der Mittelschicht so zu lesen? Fragen, denen man sich stellen muss, auch wenn man nur ersten Spuren der Automatisierung des Wissens folgen kann.

Google © dapd Vergrößern Neue Technologien stehen in den Startlöchern, die weit über Google hinausgehen

Hindernisse wie dieses dürfen dem Denken jedoch keinen Abbruch tun, denn wie Martin Heidegger betonte, baut das Fragen an einem Weg. Was diese Technik ist, die die Arbeit und zunehmend auch den Alltag umgestaltet, danach muss man fragen, denn die Automatisierung des Wissens findet statt: Wenn die Dampfmaschine das Ausüben von Arbeitskraft verstärkt hat, beschleunigt die Vernetzung der Computer das Auffinden von Wissen: 0,27 Sekunden braucht Google, um Ergebnisse für den Suchbegriff "Algorithmus" zu liefern und die 1.240.000 Ergebnisse nach ihrer Relevanz zu ordnen. Das Nachschauen mit der Suchmaschine ist ohne Zweifel schneller als die Befragung eines Experten, selbst wenn der unmittelbar neben einem säße. Was dazu geführt hat, dass wir lieber Google fragen. Alles.

Google als Index der Wirklichkeit

Was Menschen auf Google suchen, das hat sich in den letzten Jahren essentiell geändert. Das Wissen des Internets verfügbar zu machen, nur davon träumten die Google-Erfinder noch 1998 in ihrem Gründungstext "Die Anatomie einer Suchmaschine". Schnell haben die Benutzer allerdings begonnen, die Suchmaschine nicht zur Erschließung des Wissens im Internet, sondern als Index ihrer Wirklichkeit zu gebrauchen.

Von Google erhofft man sich die Lesbarkeit der Welt: Gesucht werden historische Fakten, Kochrezepte, Krankheitsbefunde, Preisvergleiche, Archivmaterial, Fahrtrouten. Mehr denn je wird das Wirkliche zum Bestand, denn Google ist die moderne Version der Weltchronik. Ein Klick, und die Suchalgorithmen sortieren ausschließlich Bilder zum Schlagwort. Ein weiterer, und sie zeigen nur Videos. Oder Bücher. Oder Nachrichten. Und während wir noch aufgeregt diskutieren, ob das viele Googeln uns dumm macht, stehen bereits neue Technologien in den Startlöchern, die weit über Google hinausgehen.

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