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Leben im Takt des Internets : Die Revolution der Zeit

  • -Aktualisiert am

Permanente Verfügbarkeit von Information: Wir erleben eine Revolution, die uns die Herrschaft über die Zeit entreißt Bild: dpa

Es ist, als kämen Buchdruck, mechanische Uhr und Kalenderreform in ein und demselben Moment. In der total vernetzten und digitalisierten Welt gibt es kein Jetzt mehr - und jeder Mensch muss sich in allen Zeitzonen zugleich zurechtfinden.

          Rätselhaftes „Ja“ der Bundeskanzlerin. Man hätte es nicht entschlüsseln können, wenn nicht soeben amerikanische Wissenschaftler die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht hätten, die die Auswirkungen von Google auf das menschliche Gedächtnis belegen. Sie sind beträchtlich. Das Papier, das in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, bestätigt andere Forschungen, die belegen, dass die Menschheit damit begonnen hat, ihr Gedächtnis nach außen zu verlagern, und dafür den Preis der Vergesslichkeit zahlt Searching for the Google Effect on People's Memory .

          Nüchtern und nicht pessimistisch beschreiben die Autoren dieses Phänomen: die digitale Demenz. Wir vergessen Dinge, von denen wir wissen, das wir sie online finden können; und wir behalten solche, die wir nicht im Netz sammeln können. Es ist eine symbiotische und höchst ökonomische Operation. Unsere Spezies wird künftig eben das Internet brauchen, um sich erinnern zu können. Das haben übrigens auch schon frühere Studien gezeigt. Neu in seiner wissenschaftlichen und gar nicht mehr infrage zu stellenden Sachlichkeit ist die Schlussfolgerung der Autoren: „Die Erfahrung, unseren Internetzugang zu verlieren, wird mehr und mehr zur Erfahrung, einen Freund zu verlieren.“

          Darum dieses rätselhafte „Ja“. Vor kurzem wurde Angela Merkel im ersten Stock eines schmucken Gründerzeitkastens irgendwo in Berlin von einem Journalisten gefragt, ob sie, als Handelnde, nicht auch unter dem Druck moderner Echtzeitkommunikation leide. Ja, sagte sie. Und dann fügte sie hinzu: Sie habe sich schon bei Dirk Kurbjuweit darüber beschwert, dass „Spiegel Online“ ab 19 Uhr seine Inhalte so selten aktualisiere.

          Unzertrennlich: Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Handy
          Unzertrennlich: Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Handy : Bild: AP

          Im ersten Stock des Turms von Babel

          Das war es nicht, was der Journalist zu hören hoffte. Und vielleicht auch nicht Dirk Kurbjuweit. Denn der ist als Chef des Berliner „Spiegel“-Büros für Print zuständig, nicht für online. „Ja“, sagte sie - und dann das Gegenteil von dem, was man erwartet hätte. So ist es mit der Ambivalenz von Freunden, die einen manchmal nerven, einem die Zeit stehlen und die man trotzdem vermisst. Ohne die man sogar nicht mehr leben kann, so die Wissenschaftler der „Science“-Studie.

          Jeder der Teilnehmer dieser Berliner Runde verfügte über eine Erweiterung seines Körpers: Jeder hatte ein iPhone in der Tasche, einer war auf Facebook, einer twitterte die Regierungspolitik, und irgendwann rief einer, nach kurzem Check auf dem Handy: „Eben wird gemeldet . . .“ Das war der Zeitungsmann, der vorher von den Qualen der Echtzeitkommunikation geredet hatte. Nichts stimmte hier. Das Gespräch fand statt im ersten Stock des Turms von Babel.

          Jeder baut fleißig mit an seinem Turm. Jeder lebt in diesem Widerspruch. Dass er immer weniger von dem versteht, was der Neben-Bauarbeiter plant, ausführt und hochzieht, ist längst signifikant. Man lese nur die sich oft in nichts mehr aufeinander oder gar auf den Leittext beziehenden Kommentare unter Blogs oder Artikeln. Man schaue auf die von der modernen Nachrichtenökonomie sichtbar gewordenen Kommunikationskrisen der europäischen Politik. Je unverbindlicher die Kommunikationsliturgien der Vergangenheit - von der „Tagesschau“ bis zur Boulevard-Schlagzeile -, desto stärker keimt eine Hoffnung, die nicht nur religiös wirkt, sondern sich auch religiöser Metaphern bedient: Verleger warten auf den großen Architekten, der dem Bau irgendwann Sinn und Funktion gibt, Blogger und die digitale Avantgarde auf den großen Programmierer, der durch Vernetzung Sinn aus dem Zufälligen schafft, und Social-Media-Gläubige, zusammen mit der Werbeindustrie, warten auf den großen Psychologen, der das Unterbewusste des Netzes ummünzt in Erkenntnis oder Konsum.

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