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Künstliche Intelligenz Fragen Sie doch Watson!

 ·  Keine Chance für menschliche Gegner: Der IBM-Supercomputer „Watson“ hat bei „Jeopardy!“ gezeigt, wohin die Reise geht. Eine Automatisierungswelle wird unsere Sprachkultur und die Ökonomie grundlegend verändern.

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Es ist nun schon mehr als einen Monat her, dass ein IBM-Computer von der Größe eines ganzen Zimmers, der auf den Namen „Watson“ getauft wurde und sich hinter einer Glaswand in dem angesehenen Forschungszentrum dieses Unternehmens befand, in einem Turnier die besten menschlichen Spieler des beliebten Fernsehquiz „Jeopardy“ besiegte. In der aufgezeichneten und vergangene Woche an drei Abenden ausgestrahlten Show trat der in der Quizrunde optisch durch einen farbenfrohen Avatar vertretene Watson gegen Ken Jennings und Brad Rutter an, die beide zuvor schon Millionen Dollar in diesem Quiz gewonnen hatten. Bei „Jeopardy“ gewinnt, wer am schnellsten in der Lage ist, gewisse Stichwörter zuzuordnen und die Frage zu benennen, auf die sie die Antwort darstellen.

Den menschlichen Verstand ersetzen

Am Ende der letzten Runde hatte der Hersteller des Riesencomputers bewiesen, dass ihm ein gewaltiger Fortschritt auf einem Gebiet gelungen war, das für Künstliche-Intelligenz-Forscher in den vergangenen fünf Jahrzehnten zu den größten Herausforderungen zählte. Eine Folge hat dieser technologische Meilenstein mit Sicherheit. Wir werden schon bald fest davon überzeugt sein, dass es Computer geben wird, die uns verstehen und mit uns interagieren können. Sie werden wissenschaftliche Literatur, juristische Dokumente und Gedichte studieren, und es werden Computer im Stil von Star-Trek entstehen. Sie werden eine Synthese aus Google und einem ausgezeichneten Berater sein, und sie werden sich über Smartphone mit uns unterhalten. Sie werden uns bei der Navigation helfen, uns mit Einkaufs-, Restaurant- und Filmtipps versorgen und eines Tages selbstverständliche Begleiter für uns sein.

Wir haben es hier also mit einem Fortschritt zu tun, der an Cyborgs denken lässt und den Computerwissenschaftler und Theoretiker als „intelligence augmentation“ (erweiterte Intelligenz) bezeichnen. Diesen Begriff führte der Computerwissenschaftler Douglas Engelbart Anfang der sechziger Jahre ein. Er glaubte, zu Beginn des modernen Computerzeitalters werde es Rechner geben, mit deren Hilfe Arbeitsgruppen ihre kollektive Intelligenz vergrößern könnten. Er erfand die Computermaus, die moderne Textverarbeitung und den Hyperlink, der später zur Grundlage des World Wide Web wurde, und in seinem Laboratorium entstand das ARPAnet, der Vorläufer des Internets.

Zur selben Zeit gründete damals, kaum zehn Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Stanford University, ein Computerwissenschaftler, John McCarthy, ein anderes computerwissenschaftliches Laboratorium. Es erhielt den Namen Stanford Artificial Intelligence Laboratory und setzte sich das Ziel, menschliche Intelligenz zu simulieren. Damals glaubten McCarthys Forscher, dafür allenfalls zehn Jahre zu benötigen. Eine Gruppe verfolgte das Ziel, den menschlichen Verstand zu erweitern, eine andere, ihn vollständig zu ersetzen. Seit 45 Jahren bildet diese grundlegende Spannung - zwischen künstlicher Intelligenz und erweiterter Intelligenz - den Kern des Fortschritts im Bereich der Computer.

Der Irrtum der sogenannten Maschinenstürmer

Watson kündigt nun eine neue Automatisierungswelle an, die die Kultur und Weltwirtschaft in einem heute noch gar nicht abzusehenden Maße verändern wird. Denken wir etwa an die Auslagerungswelle, in der zahllose Arbeitsplätze in Callcenter auf den Philippinen oder in Indien verlegt wurden. Inzwischen kehren einige dieser Arbeitsplätze nach Amerika zurück, und zwar in Gestalt der Auslagerung von Software-Anwendungen in Datencenter. Automatische Sprachverarbeitungssysteme finden immer größere Verbreitung. Und obwohl sie anfangs verunglimpft wurden, haben sie sich inzwischen so weit entwickelt, dass man damit vielerlei Dinge tun kann, von der Reservierung eines Flugs bis hin zum telefonischen Kauf und Verkauf von Aktien mit Hilfe eines Systems, das über Fähigkeiten der Spracherkennung und Sprachsynthese verfügt.

Obwohl Computer in zahlreichen Branchen Arbeitsplätze vernichtet haben, sind die meisten Ökonomen der festen Überzeugung, dass in der Gesamtwirtschaft dadurch weiterhin mehr und bessere Arbeitsplätze geschaffen als vernichtet werden. Die Vereinigten Staaten waren einstmals auch ein riesiger Agrarstaat, doch im Verlauf der industriellen Revolution und der daran anschließenden Computerrevolution sank der Anteil der im Agrarsektor Beschäftigten auf weniger als ein Prozent. Schon die letzte Automatisierungswelle erschütterte die Kritik der Ökonomen am Irrtum der sogenannten Maschinenstürmer - die Befürchtung, der Computer werde Arbeitsplätze vernichten. Seit einigen Jahren behaupten manche Ökonomen, neue Formen der Automatisierung bewirkten eine „Aushöhlung“ der amerikanischen Werte und Wirtschaft. Sie vernichteten im mittleren Bereich klassische Angestelltentätigkeiten und drängten die Beschäftigten in Dienstleistungsjobs oder weniger attraktive einfache Stellen ab.

Computerisierung der Sprache

Inzwischen ist weltweit unter den Konstrukteuren von Computerplattformen ein Wettlauf um die Entwicklung von Computersystemen entbrannt, die mit einem Sprach-Interface ausgestattet sind. Die Führung hat hier eindeutig Google mit seinem Android-Mobilfunksystem übernommen. Schon im letzten Jahr erfolgte nach Angaben des Unternehmens mehr als ein Drittel der von Android-Mobilfunknutzern in Amerika eingegebenen Google-Suchanfragen über die Sprachfunktion. Auch Apple hat großes Interesse an einer deutlichen Verbesserung der Sprachfähigkeit seines beliebten iPhone. Im vergangenen Jahr gab das Unternehmen über zweihundert Millionen Dollar für den Kauf eines kleinen Silicon-Valley-Start-up-Unternehmens namens Siri aus. Diese Firma war aus einem vom Pentagon finanzierten Forschungsprojekt hervorgegangen, das mehr als ein halbes Jahrzehnt an der Entwicklung eines computerisierten persönlichen Assistenten gearbeitet hatte.

Microsoft bemüht sich gleichfalls intensiv um den Einsatz von Sprache. Schon heute können Besucher des Microsoft-Forschungszentrums in Redmond, Washington, einen computerisierten Avatar bewundern, der eine Reihe von Aufgaben erledigt, zum Beispiel Mitarbeiter über das Eintreffen von Besuchern informiert oder Shuttle-Busse bestellt. Weniger klar ist allerdings, ob die sprachbezogenen Innovationen Arbeitsplätze vernichten oder aber eine riesige neue Hightech-Branche ins Leben rufen werden. So gab es noch vor fünfzehn Jahren kaum Arbeitsplätze im Bereich der Internetsuche, während diese Branche heute weltweit Hunderttausende oder vielleicht sogar mehr als eine Million Menschen beschäftigt. Die Computerisierung der Sprache könnte denselben Effekt haben.

Das ist wirklich cool

Einige Technologen in Silicon Valley sind ausgesprochen skeptisch. Eine lautstarke Gruppe hat das alte Lied der Maschinenstürmer aufgegriffen und sieht eine Beschleunigung des technischen Wandels, der aufgrund einer raschen Steigerung der Leistungsfähigkeit von Computern bei zugleich sinkenden Kosten schon sehr bald zu beträchtlichen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt führen werde. „Ich glaube, das wird erbarmungslos“, sagt Martin Ford, ein Software-Unternehmer in Silicon Valley, der im vergangenen Jahr ein Buch mit dem Titel „The Lights in the Tunnel“ veröffentlicht hat, in dem er vor den Folgen eines beschleunigten technischen Wandels warnt.

Die Erbauer des Supercomputers Watson sind dagegen optimistisch. Der KI-Forscher David Ferrucci, der sich hauptsächlich mit Textsuchsystemen befasst hatte, mit deren Hilfe man große Mengen unstrukturierter Daten analysieren kann, organisierte für die Konstruktion des Riesencomputers Watson seit 2007 eine Gruppe, die inzwischen auf zwei Dutzend Forscher angewachsen ist. Er glaubt nicht an die vermeintliche Gefahr, Computer könnten die Fähigkeiten des „Colossus“ aus dem gleichnamigen Film von Joseph Sargent entwickeln, der schließlich Empfindungsfähigkeit erlangt und die Herrschaft über die Welt anstrebt.

„Ich werde oft gefragt, ob das HAL ist“, sagt er mit Blick auf den Computer aus Stanley Kubricks Film „2001 - Odyssee im Weltraum“. „Es geht nicht um HAL, sondern eher um Computer wie in ,Star Trek'. Es geht um einen intelligenten Dialog bei der Suche nach Informationen, bei dem man Fragen stellt und der Computer alle verfügbaren Daten durchsucht, um diese Fragen zu beantworten, wobei er selbst Fragen stellt, die sich aus der ersten Frage ergeben. Das ist wirklich cool, und dahin wollen wir diese Technologie führen.“

John Markoff ist Buchautor und Redakteur der „New York Times“, ein Kenner des Silicon Valley. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit den Fortschritten der neuen Medien und der Künstlichen Intelligenz.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.
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