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Veröffentlicht: 15.06.2010, 14:17 Uhr

Künstliche Intelligenz Ein Geist aus Software

Werden Computer einmal denken können? Und was hätte Sigmund Freud mit dem Cyberspace zu tun? Der amerikanische Internet-Pionier David Gelernter prognostiziert die nächste Entwicklungsstufe der künstlichen Intelligenz.

von David Gelernter
© David Ottenstein Der Internet-Pionier als Maler: „Answer Us” von David Gelernter

Was bedeutet es, zu denken? Können auch Maschinen denken oder nur Menschen? Diese Fragen treiben die Informatik seit den fünfziger Jahren um, und sie werden mit jedem Tag dringlicher, an dem sich das Firmament des Internets über unseren Köpfen schließt und uns im bedeutungsschweren Halbdunkel des Cyberspace zurücklässt. Das Netz in seiner Gesamtheit ist eine erstaunlich komplexe Ansammlung von Computern, die Hirnzellen gleichen und wie diese dicht miteinander verschaltet sind. Auch wächst es an Millionen von Stellen gleichzeitig, als wäre es ein lebendiger Organismus - oder ein mehr als lebendiger? Es ist also nur natürlich, sich zu fragen, ob das Internet eines Tages anfangen wird, selbst zu denken.

Falls es das nicht schon tut.

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Diese Fragen betreffen nicht nur das Internet, sondern auch den einzelnen Computer. Computer werden immer leistungsfähiger. Bereits heute spielen in der gesamten Softwarelandschaft Programme eine große Rolle, die nicht nur mittels Berechnungen, sondern auch mit Hilfe von plausiblen Vermutungen gesteuert werden.

gelernter porträt © AP Vergrößern David Gelernter, bevor er 1993 von einer Briefbombe verletzt wurde

Solche Programme sind Beispiele einer angewandten künstlichen Intelligenz, deren großer Traum darin besteht, einen Geist aus Software zu bauen, einen denkenden Computer - eine Maschine mit menschenähnlicher oder gar übermenschlicher Intelligenz.

In gewisser Weise sind dies erschreckende Möglichkeiten. Zumindest zwingen sie uns zum Nachdenken. Andererseits ist die menschliche Intelligenz das Wertvollste, was wir im Universum kennen, und wir haben nie genug davon. Eine computererzeugte Steigerung des weltweiten Intelligenzangebots wäre, gelinde gesagt, willkommen.

Eine Art Cyberpest

Es wäre auch nicht unvernünftig zu erwarten, dass die Computer uns dabei helfen, den Schlamassel zu beseitigen, den sie angerichtet haben. Tagtäglich laden sie gewaltige Mengen an Informationen in der Cybersphäre ab. Können Sie uns auch dabei unterstützen, diese Informationsmassen auf intelligente Weise auszuwerten?

Oder sind sie bloß unverschlossene Ölquellen, aus denen unablässig Ströme einer Art Cyberpest entweichen - Ströme, die uns heute vielleicht nur zerstreuen, die uns aber zunehmend paralysieren könnten, wenn sich unsere Wahlmöglichkeiten und Informationskanäle unkontrolliert vermehren? Wenn sich jeder von uns erst einmal von einer wachsenden Menge digitaler Paparazzi umstellt sieht, die alle gleichzeitig Fragen herausschreien und mit Daten wedeln, ohne dass irgendwo Sicherheitspersonal in Sicht wäre?

Es gilt, eine unerfreuliche Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen: Die heute vorherrschenden Vorstellungen von menschlichem und künstlichem Denken führen zu nichts.

Drei zentrale falsche Annahmen

Wir sind in einem System von Annahmen gefangen, die sich in Luft auflösen, sobald wir über sie nachdenken, wobei mit „wir“ nicht nur Laien gemeint sind, sondern auch viele Philosophen und Naturwissenschaftler. Drei zentrale falsche Annahmen sind die folgenden:

Erstens glauben viele Menschen, dass Denken und Schlussfolgern im Wesentlichen dasselbe sind. Doch wenn man für einen Moment seine Arbeit unterbricht, aus dem Fenster blickt und seinen Gedanken freien Lauf lässt, denkt man immer noch. Unser Geist arbeitet auch dann. Diese Art freier Assoziation ist ein wichtiger Teil des menschlichen Denkens. Kein Computer wird je wie ein Mensch denken können, wenn er nicht frei assoziieren kann.

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