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Julian Assange Große und kleine Fische

07.12.2010 ·  Was immer auch nach seiner Verhaftung mit ihm geschieht: Wikileaks-Gründer Julian Assange hat mit seinen Enthüllungen die Weltpolitik justiert und Dinge erreicht, die der globalen Öffentlichkeit im Gedächtnis bleiben werden.

Von Lorenz Jäger
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Julian Assange hat etwas erreicht, für das so schnell kein Vergleich parat steht. Vielleicht muss man ins achtzehnte Jahrhundert zurückgehen, um diesen Mann und seinen Effekt zu begreifen. Damals gab es eine klandestine Enthüllungsliteratur, die mit den Lastern des Ancien Régime abrechnete, die Korruption der Mächtigen geißelte, ihre Verachtung des Volkes, ihre schiere Dummheit. Man würzte solche Streitschriften gern auch mit pornographischem Material über die Königin Marie Antoinette. Abgesehen von diesem letzten Punkt erscheint Julian Assange als ein Wiedergänger jener Aufklärer, nur im globalen Maßstab und ohne Zeitverzögerung.

Selbst wenn manche Neuigkeiten nicht so sensationell waren – für den Laien erscheint es doch so, als wären die Scheiben des Aquariums einmal gründlich geputzt worden, und er sähe jetzt klarer die großen und die kleinen Fische und vor allem die Schwärme, die da miteinander im engen Verbund ziehen. Ein großer Fisch ist der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der schon vor seiner Wahl als der am deutlichsten proamerikanische Politiker seines Landes galt. Ausweislich von Botschaftskabeln erwog er die Entsendung französischer und internationaler Truppen in den Irak, um den Vereinigten Staaten bei der „Lösung“ zu helfen. Dass Sarkozy der Liquidator des traditionell amerikaskeptischen Gaullismus war und ist, kann auch nicht als übermäßig streng gehütetes Geheimnis erstaunen; aber es aus der Botschaft im O-Ton zu erfahren ist ein Gewinn für den Bürger.

Ein kleiner Fisch wie der in der amerikanischen Botschaft plaudernde FDP-Mann Helmut Metzner, der in seinem Blog „MunterMacherMetzner“ inzwischen alle Inhalte gelöscht hat, ließ doch den Link zur „Achse des Guten“ intakt (neben der zu seiner Partei ist es der einzige auf der Seite) – also zu einer, sagen wir es vorsichtig: publizistischen Einflussagentin der Vereinigten Staaten – und ironischerweise zu einem Eintrag dort, der ausgerechnet eine matte Witzelei zu „Wikileaks“ anbietet. Ansonsten: „Error 404 – Not found“. Die Plaudertasche ist schweigsam geworden. Die FDP wiederum hat ihre Verbindung zu Metzner, im Netz jedenfalls, ihrerseits gelöscht.

Amazons Rolle

Beide Seiten – die politische Klasse ebenso wie Julian Assange selbst – umgeben sich mit Geheimnissen. Auch Wikileaks entgeht nicht der Dialektik von Aufklärung und Konspiration, die sich mit arkanen Vereinigungen der Königs- und Kirchenfeinde im achtzehnten Jahrhundert herausbildete. Assange überwarf sich mit manchen seiner Kampfgenossen, die für größere Transparenz von Wikileaks eingetreten waren.

Die politische Klasse der Vereinigten Staaten hat mit großer Heftigkeit auf Assange reagiert. Newt Gingrich, ein altes Schlachtross der Republikanischen Partei, sieht ihn förmlich als „kriegführende Partei“ („engaged in warfare“). Assange, so gab er zu Protokoll, solle als feindlicher Kombattant behandelt werden, als „Informationsterrorist“. Und Wikileaks, so Gingrich weiter, solle man dauerhaft abschalten. Joe Lieberman, einst Vizepräsidentschaftskandidat, heute einflussreich im Komitee für „Homeland Security and Governmental Affairs“, also für die innere Sicherheit, spielte eine Rolle, als der Internet-Anbieter Amazon seine Verbindung zu Wikileaks vor einigen Tagen beendete – bis dahin hatte Assanges Organisation sich der Amazon-Server bedienen können.

Das „Handelsblatt“ sah „großen politischen Druck“ hinter dieser Entscheidung, was Amazon umgehend (und erwartbar) dementierte. Eine Sprecherin von Senator Lieberman teilte der Presse mit, man hoffe, der Fall Amazon werde eine „Botschaft“ auch für andere Unternehmen sein, die „unverantwortlichen“ Verbindungen zu Wikileaks zu kappen. Lieberman selbst erklärte auf seiner Website, man werde Amazon noch „ausführlich“ zum Grad der Zusammenarbeit mit Wikileaks befragen und dazu, wie Provider künftig daran gehindert werden könnten, gestohlene klassifizierte Informationen zu verbreiten. Es gab in den Tagen davor größere Hacker-Angriffe auf Amazon, aber ein Zusammenhang wird von dem Unternehmen (auch wieder erwartbar?) bestritten.

Bleibendes Verdienst

Die offenkundige Nervosität deutet an, dass nicht alles in den Dokumenten so putzig und provinziell zu lesen ist wie die Geschichten des Berliner FDP-Maulwurfs. Die Auswertung der Botschaftsmitteilungen hat erst begonnen, womöglich ist es zu früh für eine endgültige Bewertung von Nutzen und Schaden. Auch während des Vietnam-Krieges gab es Geheimnisse, die, hätte man sie früher erfahren, der ganzen Politik eine andere Wendung hätten geben können, etwa der „Zwischenfall von Tonkin“, der tatsächlich eine Provokation war.

Das geputzte Aquarium der weltpolitischen Urteile und, vor allem, der kurze Film über die Liquidierung einer Gruppe von Zivilisten im Irak aus einem Hubschrauber heraus: Das wird, was immer nun mit Assange geschieht, was immer an den schwedischen Vergewaltigungsvorwürfen dran ist, als bleibendes Verdienst dieses Mannes im Gedächtnis bleiben. Solche Dinge vergisst die Weltöffentlichkeit nicht so schnell.

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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