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Jörg Albrecht We are talk of a town

13.01.2010 ·  Haben wir mit dem Internet eine Welt geschaffen, die jenseits unseres Verstehens liegt, haben wir die Welt überhaupt je verstanden? Der Schriftsteller Jörg Albrecht verabschiedet sich von seiner Subjektivität und begibt sich in den heißen Tanz des Netzes.

Von Jörg Albrecht
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Du bist doch im Internet geboren, sagt Matthias zu mir, sag doch einfach: Du bist im Internet geboren, du kennst das von Anfang an. Ich bin im August geboren, 1981, in einem Bonner Krankenhaus. Ich bin nicht im Netz geboren. Aber als derjenige, als der ich hier schreibe, bin ich ganz sicher dort geboren, als jemand, der sich mit Text so befasst, wie ich Text auffasse, ganz sicher, und das Ende des 20. Jahrhunderts, als ich gerade noch Teenager war. Teenager heute googeln nicht, Teenager heute youtuben, Google ist eben doch textbasiert, und Youtube liefert Text, Musik und Bild [im Idealfall/im Medialfall], und wir fühlen uns umsorgt. Ich, für mein Arbeiten, brauche meine Sinne umsorgt. Ich kann mich erst konzentrieren, wenn mehr als eine Spur läuft, mehr als ein Tab geöffnet ist im Browser, manchmal noch Skype dazu, vorher ist mir das nicht genug. Hätte ich auch nie gedacht, dass das mal so geht. Hätte ich auch nie gedacht, dass das nicht mehr anders geht. Hätte ich auch nicht gedacht, dass meine Teenagerzeit mal zuende geht, sagt die Menschheit, die wieder am Ende eines Zeitalters steht. Was für ein Zeitalter?

Daniel Hillis schreibt, wir hätten eine Welt geschaffen, die jenseits unseres Verstehens liegt. Wann denn, in welcher Zeit lag die Welt nicht jenseits unseres Verstehens, dieser seltsamen Art von Verstehen, die wir als Verstehen bezeichnen, und die nicht mehr tut, als Vereinfachungen hervorbringen, die sich mal: Subjekt nennen, mal: Plot, mal: Geschichtsschreibung? Wann war das Verstehen mehr, oder, wie Luhmann fragt, mehr als Missverstehen ohne Verstehen des Miss? War das Verstehen schon mal mehr, oder kommt das noch in the upcoming centuries or the downcoming centuries? Bin ich handgreiflich geworden, oder war das genau dieses Verstehen? Begutachten wir die bleibenden Schäden. Die bleibenden Reden. Bleibenden Fehden.

Dieses erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends mit seinen neuen alten Fehden, mit den globalkapitalistischen Berg- und Talfahrten, mit den historischen Eckdaten, die wir alle kennen, das kann es ja nicht gewesen sein. Das kann nicht das gewesen sein, als was es manchen vielleicht scheint, Konkurs der Geschichte. Oh, mir ist die Geschichte entfallen. DIE Geschichte ist mir entfallen, die ist zurückgefallen, in das Jahrhundert, in das sie vielleicht am meisten gehört, ins 20., aber stattdessen ist mir was zugefallen, eine Beziehung. Ja, so schnell kann das gehen mit Beziehungen. Eine Beziehung zu den Möglichkeiten der Geschichte, zu ihren möglichen Versionen, da auch sie nicht einfach dieselbe ist, sondern ich mich immer wieder neu zu ihr in Beziehung setze, dazu braucht es nicht unbedingt neue Infos wie in den Fällen Kurras und Dutschke/Bachmann. Beziehungsarbeit ist das nach Theweleit, was uns mit Geschichte verbindet, und wie soll, wenn ich mit der Geschichte spreche, das noch dieselbe sein, die es ist, mit der du sprichst? Und: Wie soll ich noch derselbe sein, wenn du mit mir sprichst?

Es gibt Menschen, denen ich noch nie begegnet bin und die besser verstehen, was ich morgen denken werde, als einige meiner engsten Freunde, schreibt Sam Harris. Davon ausgehend denken, von diesem neuen Verständnis von Freundschaft, durch das Netz ermöglicht, denken, dass auch das Wissen über meine engsten Freunde nie ein gesichertes ist, auch dieses Wissen verändert sich, und ich muss immer wieder neu schauen, wen ich in den Arm nehme, ja, auch eine Umarmung ist nicht immer dieselbe, da kann Jennifer Grey über Patrick Swayze noch so oft sagen: Wenn ich an ihn denke, denke ich daran, wie ich in seinen Armen lag. Wenn Patrick Swayze noch etwas antworten könnte, würde er vielleicht lächeln und sagen: Hör endlich auf, mir Identität zu unterstellen, das stößt uns ins 20. Jahrhundert!

Wir sind jetzt schon zehn Jahre in diesem neuen Jahrhundert, und trotz der Ablösung des Brockhaus durch Wikipedia ist es noch immer nicht denkbar oder nicht genug denkbar, dass unsere Identität sich sekündlich ändert. Und das nur, weil ich biometrisch scanbar bin, weil Facebook mich auf mein Face reduziert und den Space um mich herum ausradiert, weil Amazon mir suggeriert, mit Angeboten, es würde mich ganz genau kennen. Um das zu verhindern, brauche ich immer neue Nicknames. Aber ich will nicht noch einen Nickname! [Nickname als Name, zu dem man nickt.] Und als notanothernickname schreibe ich: Hör auf, mich auf mein Inneres zu reduzieren! Ich bin nicht nur dieses Subjekt innen, das mal auf die Nutzungsbedingungen von Amazon und Facebook hört und mal auf Menschlichkeitsbedingungen bei Ibsen und Mann, nicht das Subjekt, das verzweifelt versucht, sich in einem obskuren Innen festzuhalten und so zu verwirklichen. Wir verwirklichen uns nie. Das meint: Identität als Praxis.

So ähnlich schrieb schon Marx tief im 19. Jahrhundert, wann genau, weiß Google bestimmt, aber ich schaue jetzt nicht nach, auch den genauen Wortlaut schaue ich nicht nach, aber in etwa: Ich bin nichts, und ich müsste alles sein. Ach ja, let's drop the subject. Ja. Lasst es uns droppen, das Subjekt! Und lieber sehen, was Identität jenseits dieses Subjekts sein kann, nämlich ein Gespräch. Wir führen ein intensives und ununterbrochenes Gespräch mit diesem Riesending, schreibt Kevin Kelly über das Netz. Wir führen ein intensives und ununterbrochen unterbrochenes Gespräch, und dieses Gespräch, das sind wir. We are talk of the town, a global [not: globalized] town. Und vielleicht gerade dabei, zu erfassen, was das heißt, mit Hilfe des Netz. Ein komplizierter Tanz, in jedem Fall. Aber ein schöner. It's relentless dancing. Yes. Relentless dancing!

Jörg Albrecht lebt als Autor von Prosa, Hörspielen und Theatertexten in Berlin; seine Romane „Drei Herzen“ und „Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif“ erschienen im Wallstein Verlag; seine Stücke wurden u.a. gezeigt an den Münchner Kammerspielen und am Maxim Gorki Theater Berlin; mit seinem Theaterkollektiv copy & waste produziert er außerdem Arbeiten, die sich mit urban-medialen Räumen befassen http://fotofixautomat.de

Quelle: FAZ.NET
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