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Jewgeni Kaspersky Der Nachtwächter des Internets hat auch Ihren Schlüssel!

24.11.2011 ·  Ihm vertrauen Millionen von Computernutzern und 200.000 Firmen weltweit: Der Russe Jewgeni Kaspersky hält die Rechte an weitestverbreiteten Virenschutzprogrammen, aber er selbst bleibt der große Unbekannte.

Von Kerstin Holm, Moskau
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© Kaspersky labs Erhalten auch Viren Zutritt zum Kaspersky-Fanclub? Der russische Unternehmer gilt in seiner vom Zynismus infizierten Heimat als eine Art Volksheld, der auf digitale Sauberkeit achtet.

Außer dem Maschinengewehr Kalaschnikow und milliardenschweren Rohstoffoligarchen hat Russland auch eine erfreuliche Erfolgsgeschichte hervorgebracht: die von Jewgeni Valentinowitsch Kaspersky, dem Krieger gegen die globale Internetkriminalität, der mit seiner Computersicherheitsfirma Kaspersky Lab die Welt vor dem virenerzeugten Chaos bewahren will. Tausende, ja, Zehntausende neuer virtueller Ungeziefer würden heute täglich in Umlauf gesetzt, mahnte der Unternehmer, der seit mehr als zwanzig Jahren Infektionssoftware jagt, jüngst auf einer russischen Internet-Konferenz, und sie vermehrten sich exponentiell. Das anonym nutzbare Internet sei für diese Schädlinge wie eine öffentliche Toilette oder ungeschützter Geschlechtsverkehr, eine Börse und Brutstätte von Krankheitserregern, predigt der Netzhygieniker Kaspersky jetzt aus London den Lesern seines russischen Blogs, weshalb der Pfad, auf dem die Menschheit derzeit noch wandelt, sie geradewegs in die Hölle führen werde.

Wenn man den Russen, der für das internationale Publikum seinen Vornamen in „Eugene“ anglisiert, im Fernsehen erlebt, glaubt man eher, einen moralisch gefestigten Farmer aus Kansas vor sich zu haben als einen Mann aus dem Schwarzmeerhafen Noworossijsk, der noch vom KGB als Textverschlüsseler ausgebildet wurde. Der kybernetische Krieg habe längst begonnen, verkündet der sympathische Internet-Gendarm, der zumeist in Turnschuhen und legeren Hemden mit aufgekrempelten Ärmeln auftritt.

Illustrierend erinnert er an den offenbar durch Viren verursachten Stromausfall an der amerikanischen Nordostküste 2003; an die Botnet-Attacke, womit russische Spammer 2007 Estland paralysierten; an den viral herbeigeführten Internetcrash in Südkorea oder an die aktuelle Infektion des amerikanischen Drohnennavigationszentrums. Umso entschiedener verteidigt Kaspersky seine Sache der „guten Jungs“ und duldet keine Sympathie für die „Bösen“. Vaterländischen Programmierern, die gestehen, sie bewunderten Schöpfer von Viren, entgegnet er per Videokamera streng, sie gehörten hinter Gitter; dabei sprühen seine jungenhaft blauen Augen Funken. Gern nennt er dann auch die Strafgesetzparagraphen und das Strafmaß. Einen Hacker, und sei der auch noch so begabt, würde er niemals einstellen.

„Kabasidschi“ heißt sein Name auf Mandarin

Seine klare Position macht den weltweit angesehenen Datenräuberschreck in seiner zynismusinfizierten Heimat geradezu zum Pop-Helden. Es gibt mehrere Kaspersky-Fanklubs. Jüngeren, die von seinem Erfolg lernen wollen, empfiehlt er, viel zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln. Die nützten immer, auch wenn es schiefgeht. Doch oft komme das Geld plötzlich von allein. Wichtig sei nicht zuletzt die beflügelnde Idee, wie für ihn die vom besten Antivirus. Vor allem aber dürfe man nie und niemals, sagt Kaspersky, sein eigenes Karma verderben.

Böse sind für den Förster im Internet-Dschungel sämtliche Schadprogramme und Trojaner, egal, ob Privatleute oder Staaten sie aussäen. Und überall auf der Welt wird er gebraucht. 2009 verlieh Präsident Medwedjew ihm für seine besonderen Verdienste um den Schutz von Informationssystemen den Technologie-Staatspreis. Im selben Jahr wurde er aus dem gleichen Grund mit dem Freundschaftspreis der Volksrepublik China geehrt. Auf dem Pekinger Flughafen begrüßte ihn voriges Jahr ein wildfremder Mann als „Kabasidschi“, wie sein Name auf Mandarin ausgesprochen wird. In Deutschland, wo Kaspersky eine Niederlassung in Ingolstadt betreibt, ist er Marktführer in der Internet-Sicherheitsbranche. Zu seinen Kunden gehören die Deutsche Bahn und eine wichtige Bank, verriet er dem russischen Internet-Sender „Russia.ru“. Im Russland gegenüber misstrauischen Amerika belegt Kaspersky den zweiten Platz unter den Virenwächtern. Und jetzt sprach er in London bei der vom Außenministerium des Erzfeindes Großbritannien organisierten Conference on Cyberspace, auf persönliche Einladung von Minister William Hague. Endlich begreifen westliche Staatslenker den Ernst der Lage, meldet Kaspersky von dort. Er hofft auf Alliierte in seinem Krieg gegen Internet-Anarchisten, jene Fanatiker von Freiheit und Anonymität, wie er sie nennt, die aus sträflichem Unwissen oder verantwortungslosem Populismus die wahre Freiheit zugrunde richteten.

Schwache Noten in puncto Cyber-Kriegskunst

In Kasperskys Hauptquartier in Moskau ist der Chef auf absehbare Zeit leibhaftig nicht zu sprechen, erfährt man von den äußerst liebenswürdigen Mitarbeitern seines Pressedienstes. Doch gern unterhält er sich per Mail. Seine Heimat bringe die besten Programmierer der Welt hervor, behauptet Kaspersky und erklärt das durch die noch immer stark grundlagenorientierte naturwissenschaftliche Ausbildung. Viele Russen studieren erst Mathematik - wie er es tat - oder Physik und landen dann bei der Computerprogrammiertechnik. Deswegen seien sie insgesamt kreativer als etwa die mehr angewandt ausgerichteten Chinesen, lautet sein Urteil.

Doch leider treffe das auch auf die russischen Hacker und Internetbetrüger zu. Als große Schädlingsquelle identifiziert der Epidemie-Experte ferner das Boomland Brasilien, was man an portugiesischen Vokabeln im Programmcode erkennen könne. Doch die Anatomie der bei weitem meisten Netzungeziefer sei chinesisch geprägt. Kaspersky erklärt das teils durch die Bevölkerungsdichte und Internetverbreitung in China, aber auch durch kulturelle Faktoren. Kaspersky blickt aus einer Polizistenperspektive auf die Welt. Deutschland und Japan, die er für ihre hervorragende Hardware, die qualitätvollsten Autos und technischen Geräte lobt, bekommen von ihm in puncto Cyber-Kriegskunst eher schwache Noten. Die Japaner, meldete er neulich, seien deswegen sogar ernsthaft besorgt. Aus Kasperskys Labor-Berichten erfährt man, dass im Sommer Hacker, die wahrscheinlich Mandarin sprachen, von einem amerikanischen Proxy-Server aus einen Rechner der japanischen Luftfahrtkonzerngesellschaft infizieren und dabei möglicherweise Daten über Militärflugzeuge und Atomanlagen entwenden konnten. Der Standort des Servers, über den ein Parasit ins Netz kommt, ist von dem des Hackers unabhängig. In einem Viertel aller Fälle befindet er sich heute in den Vereinigten Staaten, so Kaspersky. Dann folgen Russland mit 23 Prozent und Deutschland mit immerhin zehn.

Über ein Urteil wurde nichts bekannt

Das Virengeschäft ist ein hochkomplexer, heißumkämpfter Markt. „Romantische“ Hacker, einsame Programmierer, die aus uneigennütziger Zerstörungslust Schadsoftware entwickeln, finde man heute praktisch nicht mehr, bezeugt Kaspersky. Virtuelle Waffen werden auf speziellen Foren umgesetzt, zu denen man nur auf Empfehlung eines Mitglieds Zugang bekommt. So versucht der Händlerring sich gegen Spione aus der Antiviren-Industrie zu schützen. Aufgrund der Arbeitsteilung betrachten viele Internetkriminelle sich gar nicht als solche. Der Programmierer, der einen Virus baut und meistbietend verkauft, sagt sich, er stehle ja nichts, sondern liefere bloß Informationstechnologie an seine Kunden. Und der Geschäftsmann, der mit Hilfe maligner Programme Daten klaut, Konten plündert oder auf fremde Kosten einkauft, will nur mit Konkurrenten gleichziehen, deren Entwicklungsarbeit er nicht leisten kann.

Kaspersky weiß, wovon er spricht, wenn er unermüdlich davor warnt, neue technologische Spielzeuge zu benutzen, ohne sich die damit verbundenen Sicherheitsrisiken klarzumachen. Im April hatten Kidnapper einen seiner Söhne entführt, nachdem dieser im russischen Sozialnetz „vkontakte“ leichtsinnig persönliche Daten ausgehängt hatte. Die Kidnapper, ein vorbestrafter Autoschlosser, dessen Frau und Sohn, wollten mit dem Lösegeld ihre Schulden begleichen und hatten ihr Opfer per Forbes-Liste gefunden. Sie hielten den in Handschellen gefesselten Kaspersky junior im Badehaus ihrer moskaunahen Datscha fest. Nach wenigen Tagen wurde der Junge in einer minutiös geplanten Aktion befreit. Der Schlosser gestand vor Gericht, betonte allerdings, man habe die Geisel wie ein eigenes Kind behandelt. Über ein Urteil wurde nichts bekannt. Nach unbestätigten Meldungen leben die Entführer nicht mehr.

Kaspersky senior fühlte sich in seiner Annahme bestärkt, dass Raubtiere immer der Antilopenherde hinterherziehen, die Netzschädlinge den besonders populären und optionsreichen Kommunikationssystemen. Wegen des Erfolgs von Android-Geräten würden die meisten Handy-Viren derzeit und wohl noch in absehbarer Zukunft für diese Programme geschrieben, heißt es aus dem Kaspersky-Lab.

Duqu ist offensichtlich mit Stuxnet verwandt

Die Parteien im Netzweltkrieg, der vor unseren Augen anläuft, wollten nicht Territorien, Ressourcen oder politische Hebel erobern, sondern den Zugang zu Informationen, sagt Kaspersky. Das könnten die Karte eines Stromnetzes sein, der Bauplan eines Ministeriums oder eines Öltankers der nächsten Generation oder aber die Zehn-Jahres-Strategie eines multinationalen Unternehmens. Wer immer einen solchen Fang macht, kann ihn zur eigenen Bereicherung nutzen, er kann ihn an den Meistbietenden verkaufen, er kann aber auch versuchen, die Quelle der Information zu beschädigen oder zu zerstören.

Wie Stuxnet zeigte, der die iranischen Atomanlagen sabotierte und den Kaspersky als hochprofessionellen, von Staaten - möglicherweise Israel und Amerika - gestützten, ihm überlegenen Übeltäter respektiert, könne ein Virenangriff nicht nur die Software wichtiger Infrastrukturobjekte, sondern diese auch physisch kaputtmachen und dadurch die Sicherheit der Bevölkerung akut bedrohen. Der Trojaner Duqu sei offensichtlich mit Stuxnet verwandt, werde jedoch für Spionage- statt für Sabotage-Zwecke eingesetzt. Unsere hochgezüchtete Infrastruktur, bei der alles, Energieversorgung, Flughäfen, Eisenbahnen, Geldverkehr, Krankenhäuser, an Computern hänge, sei fast eine Einladung an Hacker, die Kontrolle an sich zu reißen.

Mit seinem Wissen um Abgründe plädiert Kaspersky dafür, bei der Informationsindustrie wie beim Autobau mehr auf die Sicherheit zu achten als auf technische Spielereien. Außerdem fordert er Internet-Pässe, strenge Gesetze und eine effektive Netz-Polizei.

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Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

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