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Veröffentlicht: 19.10.2011, 16:47 Uhr

iSpielzeug Kinderköpfe brauchen Ruhe

Gebt ihnen ein Handy, aber erst, wenn sie vierzehn sind. Ansonsten sorgt dafür, dass Kinder kein iSpielzeug in die Hände bekommen, sonst landen sie im elektronischen Fegefeuer. Ein Plädoyer für die wirkliche Welt.

von David Gelernter
© dapd Moderne Computer sind wunderbar für Jugendliche und Erwachsene - aber nicht für unsere Kinder

Wenn ich ein Kind von elf, zwölf, dreizehn Jahren sehe, das an seinem Pad oder Pod oder Laptop oder Handy herumspielt, Kurznachrichten liest, mit Freunden chattet, von einer Website zur nächsten springt wie ein zufriedener Feldmarschall, der nicht alle seine Truppen inspizieren kann, dann weiß ich: Etwas stimmt hier nicht. Was es ist, erschließt sich aber nicht sofort.

Das Kind beschäftigt sich mit einem flachen Stückchen Welt, das weder Leben noch Substanz hat; aber es ist faszinierend, hypnotisierend und substanzlos wie sich kräuselnder Zigarettenrauch. Die ewigen Telefongespräche, die das Kind mit seinen Freunden führt, sind so nuanciert wie eine Mickymaus-Geschichte. Mit Hilfe seines Webbrowsers betrachtet es eine reduzierte Welt, ohne sie zu fühlen oder zu riechen oder ihre verborgenen Echos oder ein fernes Murmeln zu hören.

Ständiges Telefonieren als Amnestie

Das ist so, als würde man Lafite mit Wasser und Coca-Cola trinken. Oder durch das Guckloch in eine Häftlingszelle spähen oder stundenlang im Haus hocken und mit dem Hund spielen. Ich liebe Hunde, aber sie sind nicht allzu intelligent, und nach ein paar Stunden wird man von ihnen nicht mehr viel lernen. Endlos mit einem Hund zu spielen ist aber besser, als endlos mit iSpielzeug zu spielen. Zumindest kann man abschalten, mit den Gedanken woanders sein. Und der Hund hat seinen Spaß.

Mit iSpielzeug spielen ist, als würde man ein Kinderlexikon durchblättern und sich nur die Bilder anschauen, ohne ein einziges Wort zu lesen. Das Lexikon hat jedoch einen entscheidenden Vorteil: Es ist langweilig. Das Kind sucht sich also etwas anderes. Modernes iSpielzeug erlaubt kein Abschweifen der Gedanken. Wenn Dante sein Fegefeuer heute neu schriebe, würden die Protagonisten mit iPhones herumlaufen, sie müssten mit Apps spielen und einander ständig anrufen, bis sie ihre Strafe verbüßt haben; sie werden nicht arbeiten, nicht ruhen, nichts schaffen, an das sie sich mit Freude oder Stolz erinnern.

Jüngsten Internetnutzer auf Problemseiten © dpa Vergrößern Die Hand an der Maus: Kinder lernen nicht mehr, bei einem schwierigen Thema nicht gleich wegzurennen

Unsere Kinder studieren oder haben das Studium schon hinter sich, so dass man leicht Regeln für Kinder aufstellen kann. Ich muss sie ja nicht befolgen! Und in der modernen Welt wird allzu oft Alarm geschlagen. Es ist viel leichter, sich zu beklagen, als sich von Neuem inspirieren zu lassen.

Keinerlei Möglichkeiten für die kindliche Phantasie

Moderne Computer, große oder kleine, sind wunderbar - für Jugendliche und Erwachsene. Aber bei einem Kind würde ich warten, bis es vierzehn oder fünfzehn ist. Ich würde ihm ein einfaches Handy geben, damit es zu Hause anrufen und notfalls mit seinen Freunden sprechen kann, und es ansonsten zum Spielen rausschicken.

Jeder Mensch braucht Ruhe und Tätigkeit. Wir entspannen uns, wenn wir die Gedanken schweifen lassen, wenn wir ihnen erlauben, ziellos umherzutreiben, hier und da innezuhalten und durch die weite Welt der Erinnerung zu streifen. Das Denken arbeitet, wenn irgendwo ein mentales Seil herabhängt, an dem es hinaufklettern kann; wenn die Eindrücke alle Sinne auf einmal ansprechen (weil man an einem strahlend schönen Tag auf einem schnellen Vaporetto über die glitzernde Lagune auf San Marco zurast oder man draußen steht und den Regen spürt); wenn man unter lebendigen Menschen ist (nicht mit ihren Telefonstimmen und Computerfotos kommuniziert), jeder mit seinen verrückten Ideen und heimlichen Vorhaben und schlauen Plänen, voller Aura und Magie; oder wenn man durch eine Stadt streift, durch ein Dorf oder eine Landschaft mit Menschen, Wolken, fernen Bergen, einem gelegentlich vorbeifahrenden Ferrari oder einem schönen Mädchen, das einem auffällt. Oder wenn man ein Buch liest.

Computerspiele legen die Aufmerksamkeit jedoch in Ketten, so dass die Gedanken nicht abschweifen können und der Kopf nicht die Ruhe findet, die er braucht. Und digitale Spiele geben der kindlichen Phantasie nichts zu tun, geben ihr kein Seil, an dem sie hinaufklettern kann, denn sie sind passiv, unterwürfig, gehorsam. Sie haben keinen Charakter. Sobald man sich langweilt, steigt man mit einer einzigen Fingerbewegung oder einem Mausklick aus, so wie Heinrich VIII. in Hampton Court seinen Teller mit majestätischer Geste zu Boden warf und sich etwas anderes bringen ließ, wonach ihm gerade der Sinn stand.

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