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iPad und Virtualität Sage mir, Muse, die Daten des Helden

21.09.2010 ·  Ulysses kommt nicht aus dem Haus und Harry Potter darf nicht ins Internet: Während wir auf dem Sofa das iPad bedienen, entzieht das Internet den traditionellen Erzählungen gleich reihenweise den Boden. Wie die neuen Technologien die Geschichten unserer Zeit verändern.

Von Uwe Ebbinghaus
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Am 16. Juni 2010 könnte Leopold Bloom eigentlich zu Hause bleiben. Als Anzeigenakquisiteur in der krisengeschüttelten irischen Metropole Dublin hat er in seinem Home Office in der Eccles Street Nummer 7 auch an diesem Mittwoch alle Hände voll zu tun - auch wenn ihm das iPad die Arbeit erleichtert. Wir kennen seinen Tagesablauf aus dem Roman-Klassiker „Ulysses“ von James Joyce, dem ersten Echtzeitexperiment unserer literarischen Welt.

Auf fast tausend Buchseiten folgen wir über neunzehn Stunden hinweg einem introvertierten Durchschnittsmenschen, der faszinierende Selbstgespräche führt, schüchtern soziale Kontakte pflegt, einen guten Appetit hat und von Eifersucht heimgesucht wird. Aber wie statisch wäre Blooms Tagesablauf im Jahre 2010! Und mit dem heutigen Tag hat das iPad sein Home Office sogar noch zum Sofa schrumpfen lassen.

Der Roman erzählt vom 16. Juni 1904. An diesem Morgen hatte Leopold Bloom seiner Frau Molly noch das Frühstück ans Bett gebracht, bevor er sich auf den Weg in die Stadt machte - ein zeitluxuriöser Auftakt, der heute auch noch denkbar wäre, mit dem Blooms rein analoge Existenz an diesem Tag aber wohl ihr Ende fände. Gegen neun Uhr müsste er seine SMS-Nachrichten abrufen und das E-Mail-Konto durchforsten. In jedem Fall könnte er sich gegen zehn den Weg zum mehr als zwei Kilometer entfernten Westland Row Post Office sparen, wo er im Roman eine Nachricht seiner heimlichen Brieffreundin Martha Clifford abholt.

Seine immer frivoler werdenden Antworten kann er bequemer per Mail von zu Hause aus versenden, womit auch seine Abstecher in die All Hallows Church und der Besuch beim Drogisten Sweeny entfielen. Erübrigen würde sich auch der Weg in die Bibliothek, um eine gedruckte Anzeige zu recherchieren. Die fände er mittels Internet-Bildsuche oder auf Anfrage im digitalisierten Zeitungsarchiv weit schneller.

Stubenhocker vor den Bildschirmen

Wenn die Beerdigung Paddy Dignams nicht wäre und Bloom nicht eine Vorliebe für Restaurantbesuche besäße, die sich heute eigentlich kein Durchschnittsverdiener mehr leisten kann, müsste man sagen: Der berühmteste Anzeigenverkäufer der Weltliteratur hätte seinen Gang durch Dublin 2010 nie angetreten - die von Joyce bewusst schon reduzierte Romanhandlung, eine zuweilen übermütige Aktualisierung von Homers „Odyssee“, löste sich 2010 in einen äußerlich ereignislosen Tag vor verschiedenen Bildschirmen auf. Der Held säße in seinen eigenen vier Wänden fest wie in de Chiricos Bild „Retour d'Ulysse“. Das mobile Internet wäre nur ein Trostpflaster. Die Echtzeit hat, so scheint es, ihre Väter gefressen. Leopold Bloom blickt auf die Spiegelfläche seines Tablet-Computers und sieht an der Oberfläche von allem: den Stillstand des Helden.

Natürlich bleibt Joyces Romanklassiker im Kern von alldem unberührt. Er bleibt immanent nachvollziehbar, und er bleibt auch gültig, denn was ihm anhaltende Frische verleiht, sind die frei-assoziativen, scheinbar ungefilterten inneren Monologe Blooms. Können solche inneren Bewusstseinsströme sich aber auch in einer von Bildschirmen bestimmten Existenz, so augenschmeichelnd diese auch sein mögen, Bahn brechen?

Romanciers des wahren Lebens

Für die Gattung des Romans jedenfalls sind das Haushüten des Ulysses und dessen drohender Erlebensverlust keine Kleinigkeit. Sie zerstört nicht nur Joyces literarisches Konzept, sie läuft auch einer Ursituation der epischen Gattung zuwider. Anders als im Drama, wo die tragischsten Geschichten hinter verschlossenen Türen stattfinden, beginnt der Roman klassischerweise mit dem Auszug des Helden: Odysseus, Parzival, Wilhelm Meister. Sämtliche Hauptfiguren werden, wie es in Goethes Roman heißt, durch etwas Äußeres auf sich selbst zurückgeführt, ständig müssen sie ihr Erkenntnisvermögen neu justieren und beglaubigen damit Kants Grundsatz: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ Nur wer sich auf die erfahrbare Welt einlässt, wächst in seinem Inneren, so die Grundannahme.

Neu ist ein Held, der vor lauter verlockenden Annehmlichkeiten nicht mehr aus dem Haus findet, der erzählenden Gattung freilich nicht: Lange vor Gontscharows „Oblomow“ und Thomas Manns „Zauberberg“ kannte die mittelalterliche Epik den stubenhockenden Minnediener, der vor lauter Sich-“verligen“ die „aventiure“ vernachlässigt, die Abenteuerfahrt, seine gesellschaftliche Bestimmung. Womit sich eine erstaunliche Parallele zu einer vor wenigen Wochen vom englischen „Guardian“ initiierten Umfrage nach den zehn goldenen Regeln für das Verfassen von Romanen ergibt, in deren Rahmen etwa Roddy Doyle, Jonathan Franzen und Zadie Smith den Ratschlag gaben, man solle sich - ein grundtraditioneller Ansatz - als Romancier vom Internet fernhalten und sich lieber dem wahren Leben zuwenden. Der Alltag eines Anzeigenverkäufers des Jahres 2010 aber müsste im realistischen Roman den Bruch mit der Tradition gerade erzwingen.

Zeitung schafft Zusammenhang

Und die Aktualisierung des Bloomsday bietet noch eine weitere Schwierigkeit. Leopold Bloom fehlte heute nicht nur der direkte Anlass, vor die Haustür zu treten - auch die Realien, die seinem Leben dort draußen Struktur verliehen haben (und auch wieder verleihen könnten), wären neuer Konkurrenz ausgesetzt, was sich mustergültig am Beispiel von Joyces Verwendung des Zeitungsmotivs bemerkbar macht, einem Symbol des Analogen schlechthin.

Geradezu als Allzweckwaffe wird das gedruckte Medium im „Ulysses“ eingesetzt: Am Morgen wickelt der Metzger Blooms Leibspeise, Schweinenieren, in altes Druckwerk; das Bild über dem Ehebett stammt aus einem Fotomagazin. Die Zeitung dient Bloom als Briefversteck und ist ihm Mittel, nach dem Verlassen des Postamts einen redseligen Bekannten loszuwerden, der sich für Pferdewetten interessiert. Die Zeitung ist Seifenverpackung, Taktstock auf dem Weg durch die Stadt - und diese gerade aufgeführten Funktionen sind nur den ersten beiden Bloom-Kapiteln entnommen. Die Zeitung schafft Zusammenhang in Blooms Leben und ist die Grundlage seiner Existenz als Anzeigenverkäufer. Das alles könnten Smartphones oder Tablet-Computer, die zumindest die Inhalte einer Zeitung zu schlucken imstande sind, schon rein körperlich nicht leisten. Sie strukturieren unser Leben auf andere Weise; damit es wieder erzählbar wird, müssten wir allerdings unseren Umgang mit den Geräten neu strukturieren.

Schöne neue Welt?

Auch das Zeitungsmotiv macht deutlich, dass das Internet die Literatur gehörig in stoffliche Bredouille bringt. Wird das Netz die Menschheit mit seiner Tendenz zur Virtualität allmählich des wahren, fassbaren, sie berührenden Lebens berauben, das immer noch das bevorzugte Referenzobjekt von Literatur ist, oder verschieben sich die Stoffe lediglich von der analogen, haptischen, synästhetischen Welt in Richtung auf eine digitale, virtuelle, multimediale?

Man kann es geradezu als Gesellschaftsspiel betreiben - sich ausmalen, welchen großen Romanen und Filmen das Internet stofflich den Boden entzieht. Mag die Behauptung auch oberflächlich klingen: Herman Melvilles Ismael wäre im Zeitalter der Suchmaschinen wahrscheinlich nie auf der „Pequod“ gelandet, weil er zuvor nach einem neuen Arbeitsplatz gegoogelt hätte - und auf Warnungen früherer Besatzungsmitglieder vor Kapitän Ahab gestoßen wäre. Oder ein Blick in Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“: Natürlich wäre es schön für Jurij Andrejwitsch und seine Geliebte Lara gewesen, wenn moderne Kommunikations- und Suchtechniken nach den erzwungenen Trennungen der beiden das unentwegte Verfehlen in Straßenbahnen und anderswo verhindert hätten. Doch würden die Segnungen des mobilen Netzes auch hier zum Fluch für die Dramaturgie. Gelöste Suchanfragen führen gattungsökonomisch gesehen zur emotionalen Verarmung - und zu Nachlassen im Aufbegehren gegen die Zeitläufte. Der Literatur fällt es immer schwerer, tragische Inhalte herkömmlichen Zuschnitts zu konstruieren.

Schicksalhafte Selbstpreisgabe in den Medien

Das sieht man auch in Vikas Swarups Roman „Rupien, Rupien“, der Vorlage für Danny Boyles Erfolgsfilm „Slumdog Millionaire“. Swarup muss sich eine Menge einfallen lassen, um die wiedererkennbare Schiwago-Dramaturgie mit modernen Mitteln in ein fesselndes Happyend zu überführen. Dass sich seine Hauptfiguren Ram (im Film: Jamal) und Nita (im Film: Latika) nicht finden, kann er über weite Strecken nur dadurch plausibel machen, dass sich ihr Leben durch onlinefreie Zonen wie die Slums von Bombay zieht. Dass es Jamal schließlich doch gelingt, seine Geliebte wiederzufinden, ist das Resultat einer stofflich äußerst gewagten Schöpfung: In einem ersten Schritt heuert der Underdog in einem Callcenter an, um Zugang zu einem aussichtsreichen Informationspool zu bekommen, in einem zweiten dringt Jamal in die Endrunde einer Fernsehquizsendung vor, wo er Latika nach einer Reihe aberwitziger Zufälle in der Rolle des Telefonjokers für seine Millionenfrage zurückgewinnt.

Dieser durch und durch gegenwärtige und dennoch ursprünglich-dramatische Stoff hat im Kino Millionen Zuschauer in aller Welt begeistert. Die omnipräsente Quizshow wird zum Spiegel eines unprivilegierten Lebens, ein liegengelassenes Handy droht eine Alltagskatastrophe auszulösen, und die Selbstpreisgabe in den Medien wird zur schicksalhaften Entscheidung. Der Zufall, der in einem durchdigitalisierten Leben nicht mehr vorgesehen ist, schlüpft durch die Maschen moderner Netze und gewinnt seine elementare Kraft zurück. In den neuen Geschichten könnte er als Garant menschlicher Unberechenbarkeit eine ganz neue Rolle spielen.

Intime Details über Mobilfunkanschlüsse

Das sieht man auch in Daniel Kehlmanns „Ruhm“, dem „Roman in neun Geschichten“, der neben den Auswirkungen moderner, meist scheiternder Kommunikationstechnologie auf ihre Nutzer auch jene auf die Literatur selbst erzählt. Kehlmann schafft technisch bewirkte Parallelwirklichkeiten, in denen sich nicht nur die Figuren, sondern auch Autor und Leser verfangen. Im Interview (Interview: In wie vielen Welten schreiben Sie, Herr Kehlmann?) beschrieb Kehlmann seine Technik als „sanften Surrealismus“, mit dem er versucht habe, „die große seelische Umwälzung“ durch die neuen Kommunikationsformen in den Blick zu bekommen. Was er betreibt, ist dabei Surrealismus im Wortsinn: Die Auswirkungen der neuen Technologien auf das menschliche Leben sind derart durchgreifend, dass ihnen nur noch eine Perspektive gerecht wird, welche die Realität und ihre Voraussetzungen selbst erfasst.

Nun kann man entgegenhalten, das Doppelgängermotiv in der Episode „Stimmen“ gehe über die Spiegelungen der Romantik wenig hinaus und der Ertrag des Ablauschens intimer Details durch eine Verwechslung von Mobilfunkanschlüssen halte dem Vergleich etwa mit Kleists „Amphitryon“ nicht stand, wo Jupiter in die Rolle des Titelhelden schlüpft und der Alkmene intimste Geständnisse entlockt. Doch ist das Netzwerk, das Kehlmann tragikomisch um seine Figuren und deren technische Geräte schlingt, in seinem Beziehungsreichtum nur schwer zu übertreffen. Es bietet übrigens auch Anknüpfungspunkte zu David Shields' vieldiskutiertem Plädoyer für ein neues Erzählen „Reality Hunger“.

Speichern, vernetzen und ausspucken

Im Großen und Ganzen aber meidet die Gegenwartsliteratur die neuen Medien, stellt sie zumindest nicht ins Zentrum ihrer Geschichten. Zwar macht Terézia Mora in ihrem Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ einen Spezialisten für drahtlose Netzwerke zur Hauptfigur, lässt Ulrich Peltzer seine Protagonisten in „Teil der Lösung“ auf dem neuesten Stand der Technik dauerüberwachen, bedienen sich die Figuren in Frank Schätzings Mond-Roman „Limit“ trotz raumfahrttechnischer Fortschritte immer noch der herkömmlichen Online-Suche, doch das sind Einzelfälle.

Man muss die These von Kathleen Fitzpatrick in ihrem Buch „The Anxiety of Obsolence“ über den amerikanischen Roman im Zeitalter von Fernsehen und Internet nicht teilen. Ihre Argumentation entzündet sich an der Auseinandersetzung zwischen Jonathan Franzen und der amerikanischen Talkmasterin Oprah Winfrey aus dem Jahre 2001, die sie als Machtkampf des alten Mediums mit dem neuen darstellt und anhand weiterer Analysen vertieft. Doch zu ähnlichen Schlüssen gelangt man, wenn man die Amphitryon-Spur weiter verfolgt. Tritt bei Kleist und in vielen anderen kanonischen Dramen der Deus ex machina nur sparsam auf, um die Handlung zu beschleunigen, sie aufzulösen oder zu befrieden, so ist das Internet ein Maschinengott, der immer bereitsteht, imstande, Beziehungen zu stiften und zu vernichten, Probleme zu lösen und neue zu schaffen. Das Internet speichert Geschichten, vernetzt sie und spuckt sie in millionenfachen Kombinationen wieder aus. Und bedroht gerade damit das Selbstverständnis des Geschichtenerzählers, der sich ganz ähnlicher Techniken bedient.

Kinderfilme zeigen agrarische Lebensform

Eine regelrechte Online-Exit-Strategie verfolgen populäre Kinder- und Familienfilme der jüngsten Zeit: Im Animationsfilm „Wall-E“ organisieren ironischerweise zwei Roboter aus unterschiedlichen Entwicklungsgenerationen den Widerstand gegen einen Computer, der mittels fehlerhafter Prognosen die Herrschaft über die Menschheit erlangt hat, die unterdessen in einem Rundum-Sorglos-Raumschiff auf ihren Liegestühlen irgendwo im Weltraum bequem und breit geworden ist. Doch die Menschen ringen sich am Schluss zur Rückkehr auf die Erde durch und kriechen wie Säuglinge in allerdings beängstigendem Optimismus einer harten agrarischen Lebensform entgegen. Sie wollen ihre Lebensgeschichten wieder selbst schreiben.

Und auch im Pixar-Nachfolgefilm „Oben“ verlässt die Hauptfigur - ein alter Mann, der gerade die Liebe seines Lebens verloren hat - zwar nicht sein Haus, dafür aber mit seinem Haus den korrupten fortschrittsgläubigen Stadtrand. Mittels Ballons steigt er - „sanfter Surrealismus“ auch hier - in die Luft empor, in Richtung auf ein abenteuerliches Traumziel, und wird dabei mehr unfreiwillig von einem jungen vereinsamten Pfadfinder begleitet, der zu sich selbst, echter Herausforderung und innerer Zufriedenheit erst findet, nachdem er sein „Abenteuer-Profi-Navi“ über Bord geworfen und sich - ganz ohne Netz - der Welt mit all ihren Fährnissen, darunter einem drahtlosen Überwachungssystem, ausgesetzt hat.

Harry Potter und der Tablet-Computer

Einen Sonderweg in der Aneignung neuer Stoffe geht „Harry Potter“, die erfolgreichste Buch- und Filmreihe aller Zeiten. Auch in J. K. Rowlings Romanen kommt die Handlung immer erst dann ins Rollen, wenn der Held das Haus seiner Pflegefamilie am Privet Drive verlässt und ins pralle, phantastische Leben der Schule von Hogwarts eintaucht. Sein Leben wäre in den Schulferienzeiten dabei weitaus erträglicher, wenn er zu seinen Freunden aus der Zauberwelt Kontakt über Mobiltelefone oder soziale Netzwerke halten könnte. Doch Rowling gestattet ihm keinerlei technische Vernetzung und nicht einmal einen Computer. Denn der Clou ihrer Romane besteht gerade darin, dass Harry Potter im Vergleich zu seinen Muggel-Altersgenossen Abenteuer erleben darf, die Letzteren in dieser Dramatik nur noch am Computer oder im Fernsehen zugänglich sind.

Mehr noch: Man kann „Harry Potter“ als großangelegte Analogie auf das Internet lesen. Die anfängliche Briefflut, mit der die Dursleys gezwungen werden, den Zögling nach Hogwarts ziehen zu lassen, kann nur mit einer massiven Mailschwemme verglichen werden; die Kommunikation mit Tom Riddle im zweiten Teil der Reihe entspricht einem Chat, und die „Karte des Herumtreibers“ korrespondiert mit aktuellen Formen der Navigation. Fotoalben und Zeitungen der Zauberwelt sind mit ihren Bewegtbildern Vorwegnahmen der jüngsten digitalen Zündstufe, des Tablet-Computers.

Rowlings Bücher dringen zudem direkt ins Gefahrenzentrum des digitalen Zeitalters. Der Grundkonflikt ist immer der gleiche: Unentwegt versucht der radikal böse Lord Voldemort, Harry Potter, mit dem ihn ein misslungener Zauber, ein missglückter Austausch von Energie charakterstrukturell verbindet, aufgrund eines vereinfachten Persönlichkeitsprofils zu manipulieren. Doch immer wieder scheitert Voldemort an den Störfaktoren Liebe, Freundschaft und Mut, die die Welt von Hogwarts zusammenhalten. Harry wiederum gelingt die Einfühlung in seinen Gegner weit treffsicherer, weil dieser durch seinen vorhersehbaren Weltbeherrschungsplan durch und durch berechenbar ist. Harry knackt Voldemorts Code, er besiegt ihn, indem er das Profil des Feindes hackt - J. K. Rowling hält dem Internet in ihren Büchern den Zauberspiegel vor, ohne es auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Zugleich hat sie seinen Strukturen viel zu verdanken. Wie Joyce gelingt ihr eine faszinierende Verbindung von mythologischen Figuren und zeitgenössischen Medien.

Digitale Bohemiens der Tagesaktualität

Zurück zur Ausgangsfrage nach der Möglichkeit eines zeitgemäßen „Ulysses“: Zwei Wege bieten sich an. Entweder man ringt der Zeit einen introvertierten Herumtreiber mit neuen repräsentativen Bewusstseinsströmen ab, oder man gestaltet die erzwungene Bewegungslosigkeit des neuen Bloom als Herausforderung.

Was die erste Möglichkeit angeht, ist fraglich, ob Blooms Rolle durch die neuen Echtzeit-Spezialisten, die digitalen Bohemiens, gefüllt werden könnte. Denn zumindest ihre geposteten Monologe sind nicht innerlich, sondern äußerlich; es sind Briefe an die zugeneigte Welt, Monologe von Menschen, die sich, ganz anders als Bloom, beobachtet fühlen wollen. Sie verschießen ihr Pulver in der Tagesaktualität, während Joyce mit Bloom und seinem „Ulysses“ angeblich sieben Jahre lang schwanger ging.

Ergebnislosigkeit durch moderne Technologien

Für die zweite Möglichkeit gibt es immerhin schon eine zeitgemäße Lösung: James Camerons Science-Fiction-Film „Avatar“, der erfolgreichste Kinofilm und eine der meistverkauften DVDs aller Zeiten. „Avatar“ beginnt mit den Worten: „Als ich da im Veteranenkrankenhaus lag, mit einem riesigen Loch in meinem Leben, träumte ich auf einmal vom Fliegen.“ Auch der Held dieses Werkes, ein ehemaliger Aufklärungs-Marine, ist wie Bloom 2010 zur Bewegungslosigkeit verurteilt: Er ist an den Rollstuhl gefesselt und sehnt sich nach Schwerelosigkeit. Die wiederum wird ihm nur als virtueller Figur in einer fiktionalen Welt geschenkt, und er muss über seine Erlebnisse akribisch in einem Videolog berichten. Es gehört zu den eindrucksvollsten Szenen in Camerons Film, wie ausgelassen die Hauptfigur als Avatar ihre neue Bewegungsfreiheit austobt und schließlich sogar das Fliegen lernt. Wobei für den Zuschauer die Identifikation noch verstärkt wird, weil sie sich ihm in 3D darbietet.

Aber sind die Möglichkeiten für den auszugswilligen Helden des Jahres 2010 tatsächlich derart eingeschränkt? Moderne Technologien zwingen ihn zur Erlebnislosigkeit - und zum Ausgleich wird er mit Virtualität abgespeist. Dabei könnte man beides ja gegeneinander kürzen. Andererseits ließe sich dieses Argument gegen die Erzählungen aller Zeiten wenden, die ja immer auch kompensatorische Ansätze in sich tragen und Phantasiewelten konstruieren.

Vernünftiges Kommunizieren mit Endgeräten

Wie moderne Kommunikationstechnologien die Geschichten unserer Zeit verändern, entscheiden immer noch die Roman- und Kinoerzähler. Stofflich haben sie es schwerer als ihre Vorgänger: Sie stehen an der Schwelle zwischen der analogen Tradition, als deren Statthalter sie sich vielfach begreifen, und der digitalen Herausforderung. Aber auch in dieser Schwellensituation bietet Camerons „Avatar“, rein stofflich gesehen, einen bemerkenswerten Ausgleich. Mit seiner Darstellung einer neuronal vernetzten Lebenswelt (“Eywa“), einer organologischen Version des „Connected“-Seins (“zaheylu“), schafft er seltene poetisierte Netz-Vorstellungen, die Virtualität und Realität gleichermaßen verbinden. Zwar trifft sein Held am Schluss eine eskapistische Entscheidung, doch seine Ideale bleiben bestehen. Als wollte er für das Science-Fiction-Genre Abbitte leisten, weil es die neuen Kommunikationsformen auch in ihren Auswüchsen vorweggenommen hat, schafft Camerons Film-Geschichte neue Impulse für ein vernünftiges Kommunizieren und einen aufs Wesentliche beschränkten Umgang mit den Endgeräten.

Das Internet verändert eben nicht nur die Geschichten unserer Zeit - die neuen Geschichten können auch die modernen Kommunikationsformen und unser Nutzungsverhalten verändern. Dazu müssen die Autoren allerdings auf der Höhe der Zeit sein. Auch wenn er seinen weniger als ein Kilogramm schweren Computer neuerdings in jede Tasche stecken kann - Leopold Bloom kommt erst dann wieder aus dem Haus, wenn er sein Kommunikationsproblem gelöst hat.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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