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Interview: Kant und das Internet Aufklärung braucht Zeit - und die fehlt im Netz

01.02.2010 ·  Der Google-Algorithmus hätte Immanuel Kant fasziniert, die Amazon-Buchempfehlung ihm eingeleuchtet. Er hätte aber auch entscheidende Einwände gegen unseren Umgang mit dem Medium gehabt. Markus Gabriel, Deutschlands jüngster Philosophieprofessor, schaut mit Kant aufs Netz.

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Der Google-Algorithmus hätte Immanuel Kant fasziniert, die Amazon-Buchempfehlung hätte ihm eingeleuchtet. Er hätte aber auch entscheidende Einwände gegen unseren Umgang mit dem Medium gehabt. Markus Gabriel, Deutschlands jüngster Philosophieprofessor, schaut mit Kant aufs Netz.

Welcher Philosoph erklärt aus Ihrer Sicht am besten den menschlichen Verstand?

Wenn man davon absieht, dass jede Erkenntnistheorie meiner Ansicht nach unvollständig sein muss, weil es dem Menschen nicht gelingen kann, die Bedingungen der Erkenntnis zu erkennen, würde ich sagen: Kant.

Was fasziniert Sie an Kants Erkenntnistheorie?

Die Einsicht, dass uns Gegenstände nur zugänglich sind mittels kontingenter, das heißt nicht alternativenloser Filter. Demnach gibt es auch andere Möglichkeiten, Gegenstände zu filtern, die sind aber Kant zufolge dem Menschen nicht zugänglich.

Was versteht Kant unter „Verstand“?

Nach Kants Definition ist der Verstand ein Vermögen der Regeln. Der Verstand ist die Fähigkeit, Regeln anzuwenden.

Und was bedeutet „Denken“ bei Kant?

Denken ist für Kant Urteilen. Unter „Urteilen“ versteht er die Fähigkeit, mit begrifflichen Funktionen Ordnung in die Welt der Erscheinungen zu bringen.

Ein Beispiel?

Wenn man sagt: „Vor mir stehen drei Stühle“, dann ordnet man die unendliche Menge an sinnlichen Eindrücken, die auf einen einströmen, im Hinblick auf die drei Gebilde vor einem. Das wäre nach Kant „Ausübung des Verstandes“.

Wenn man diese Theorie jetzt auf das Internet überträgt: Welche Urteilsformen, welches Verständnis von Erkenntnis kommt hier zum Ausdruck? Kann man zum Beispiel die Google-Suche mit Kants Theorie erfassen?

Was man bei Google macht, lässt sich mit Kant sehr gut begreifen. Hier werden nämlich Informationen gefiltert. Ganz wie unter Kantischen Bedingungen hat man einen unendlich großen Pool an Informationen, nennen wir den mal mit Kant das „Ding an sich“. Dieser Informationspool ist aber nicht direkt zugänglich, es gibt eine logische Form dazwischen, das wäre in diesem Fall die Google-Suche.
Anders als in Kants Erkenntnistheorie vorgesehen, fassen wir allerdings bei Google das, was unabhängig von diesen Filtern besteht, als eine ideologieanfällige Häufung zufälliger Entscheidungen auf. Zwar weist das Internet durchaus Ding-an-sich-Qualitäten auf - es ist anonym, unerkennbar, unüberschaubar -, aber wir wissen, dass im Hintergrund ideologische Kräfte walten. Das sieht man, wenn man sich Google in unterschiedlichen Ländern ansieht. In China und Iran sind die Filter anders und daher auch die verfügbare Menge an Informationen und deren Anordnung.

Der Page-Rank-Algorithmus selbst ist schon ideologisch.

Ja. Aber man muss auch sagen, dass Kants Filter - die von ihm angenommene Raum-Zeit-Brille, durch die wir die Erfahrung wahrnehmen sowie die reinen Verstandesbegriffe, mit denen wir sie unter den Begriff bringen - ebenfalls ideologisch geprägt sind. Das kritisiert schon Hegel an Kant. Hegel hat das so ausgedrückt, dass die Philosophie immer ihre Zeit in Gedanken erfasst. So kann man sagen, dass zum Beispiel Kants Lehre der reinen Verstandesbegriffe, die, wie jede andere auch, aus der Erfahrung bestimmter Urteilsformen hervorgeht, immer eine Kristallisation von Ideologie ist, wenn man es kritisch wendet - oder aber eine Kristallisation von Macht, wenn man sich vorsichtiger ausdrücken möchte.

Dass der Filter der Google-Suche ein Algorithmus ist, ein mathematisches Konstrukt, wäre Kant aber wohl sympathisch gewesen?

Das wäre Kant extrem sympathisch gewesen. Weil die raum-zeitliche Wirklichkeit nach seinem Verständnis konstitutiv mathematisch aufgebaut ist.

Wie hätte Kant das Internet gefunden?

Ihm wäre auf jeden Fall die im Internet angelegte Fenster-Metaphorik vertraut vorgekommen. Er hätte in ihm eine komplexe Kopie der gesamten Vernunftstruktur gesehen: Wir haben eine Sinnlichkeit, also Informationsinput, wir haben Verstand, Regeln und wir haben Vernunft - wobei Vernunft in Kants Sinn dem Zusammenhalten verschiedener Informationsquellen entspräche. Sie kommt ins Spiel, wenn ich mich frage: nutze ich Google, oder greife ich zu einem anderen Angebot. Beim Überblicken der Vielfalt des Internets und der Auswahl zwischen unterschiedlichen Optionen, kommt die Vernunft zum Tragen.

Nehmen wir ein weiteres Beispiel: Wie steht es mit Amazon und der dortigen Buchempfehlung? Hätte diese Kant nicht sehr eingeleuchtet? Er geht ja von einer subjektiven Allgemeinheit in ästhetischen Urteilen aus, also davon, dass ästhetische Urteile auf einem Gemeinsinn beruhen.

Ja. Da gibt es bei Kant noch Reste eines Common-Sense-Denkens. Er geht von einem verlässlichen Gemeinsinn aus, in dem sich eine bestimmte akzeptable Durchschnittlichkeit des Urteilens manifestiert.

Es irritiert, dass Kant nicht vom Kunstgegenstand, sondern nur von der Rezeption ausgeht.

Ich würde sogar sagen, dass Kants Ästhetik als pure Rezeptionsästhetik nicht richtig funktioniert. Kant hat keine ordentliche Theorie des ästhetischen Gegenstands. Er fragt sich nicht: Was passiert eigentlich in Kunstwerken. Das hat dann der deutsche Idealismus versucht zu korrigieren. Hegel und Schelling versuchten herauszufinden, welche Logik in den einzelnen Kunstformen am Werk ist. Was unterscheidet zum Beispiel eine Skulptur von einem Gedicht?

Wenn man sich Kants Aufklärungsschrift anschaut, findet man vieles wieder, was das Internet auszeichnet. Kant unterscheidet einen privaten Gebrauch der Vernunft, dem man in Amt und Würden nachgeht, von einem öffentlichen Gebrauch, der sich frei, in gelehrten Schriften an „die ganze Welt“ richtet. Wo könnte man dieser Forderung besser nachgehen als im Internet?

Kant hat ein bestimmtes Interesse an Öffentlichkeit. Das Internet ist eine extrem beschleunigte und umfassende Form von Öffentlichkeit. Dem würde Kant prinzipiell positiv gegenüberstehen. Die Flüchtigkeit, Unübersichtlichkeit und Geschwindigkeit des Austauschs von Informationen konnte er aber nicht antizipieren und schon gar nicht die Macht dieser Geschwindigkeit und Unübersichtlichkeit. Beides würde dem Kantischen Aufklärungsdenken entgegenstehen. Im Internet gelingt es ja oft nicht einmal mehr, den Ursprüngen von Informationen nachzuspüren, weil die Ursprünge schon verschwunden sind. Etwas ist da, und man kann nicht mehr klären, wo es herkommt. Das heißt, in Kants Kategorien gedacht, die Kausalitätskategorie, das Denken in Ursache und Wirkung, hilft uns hier nicht mehr beim Erfassen von Wirklichkeit. Die Wirklichkeit bewegt sich so schnell, dass uns Kausalität nichts mehr erklärt. Darüber hinaus können Wirkungen Ursachen sehr extrem simulieren.

Welche Herausforderungen lauern auf Menschen, die aufgeklärt sein wollen, im Internet? Bedarf es hier nicht einer besonderen Disziplin, um eine angemessene Urteilsfindung zu bewahren? Man wird ja permanent mit den Urteilen anderer konfrontiert.

Das Kriterium für Aufklärung ist bei Kant die gelingende Selbsttransparenz. Wer als Urteilender beim Urteilen als Begründung eine andere Instanz als sich selbst einsetzt, der ist unkritisch. Die Gründe seines Urteilens muss jeder auf kritische Nachfrage hin verteidigen können. Wer das nicht kann oder will, ist nicht aufgeklärt. Die Kantische Aufforderung richtet sich immer auf Autonomie und Autonomie heißt: Sich selber die Gesetze zu geben.
Autonomie ist schwierig geworden, denn die Geschwindigkeit unserer Lebensformen ist uns so sehr über den Kopf gewachsen, dass wir oft nicht mehr imstande sind, selbst zu urteilen, weil das nämlich Zeit braucht. Man könnte sagen, dass die Geschwindigkeit in der Welt, in der wir leben und die wir akzeptieren, nicht aufklärungsförderlich ist, sondern im Gegenteil, die für Aufklärung nötige Zeit destruiert. Denn Aufklärung braucht Zeit.

Unsere Autonomie wird durch unseren bisherigen Umgang mit dem Internet bedroht, ich glaube nicht, dass man sagen kann, das Internet sei von Beginn an verseucht. Das Medium hat uns aber in eine Überforderungssituation gebracht, die ideologisch ausgebeutet wird. Diese Überforderungssituation ist selbstverschuldet, denn sie ist nicht notwendig. Schließlich war die Welt immer schon unübersichtlich.

Wie entfaltet sich nach Kant die Vernunft? Setzt sich Vernunft in allen Lebensbereichen durch - auch im Internet?

Kant rechnet damit, dass die Geschichte ihren ordentlichen Gang geht, weil die Stimme der Vernunft laut genug ist. Kant glaub letztlich, dass Autonomie eine Stimme ist, die sich immer durchsetzt. Auch im öffentlichen Raum, im ideologieträchtigen Bereich, zu dem das Internet gehört, läuft alles auf Vernunft hinaus. Vernunft reguliert sich nach Kant von selbst. Kant ist ein relativer Optimist.

Das Gespräch führte Uwe Ebbinghaus

Markus Gabriel, 1980 in Remagen geboren, lehrt Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn. Dissertation über die Spätphilosophie Schellings, Habilitationsschrift über „Skeptizismus und Idealismus in der Antike“, die im letzten Jahr bei Suhrkamp erschienen ist.

Quelle: FAZ.NET
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