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Internet und Demokratie Ich kann mir da nur zustimmen

19.10.2010 ·  Immer mehr Kommunikation, aber immer weniger Meinungsvielfalt? Obamas Berater Cass Sunstein sieht im personalisierten Internet lauter isolierte Egozentriker herumtreiben - und sieht langfristig eine Gefahr für die Demokratie.

Von Thomas Thiel
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Mitte der Neunziger, als das Internet ein grenzenloses Versprechen schien, euphorisierte Bill Gates die Vorstellung, in absehbarer Zukunft in ein Zimmer treten und in jedem Augenblick jedes gewünschte Video sehen zu können. Mancher Traum hat sich inzwischen erfüllt. Fernsehen und Rundfunk bieten immer mehr Sendungen außerhalb fester Programmzeiten im Internet an. Online-Magazine offerieren einen nach persönlichen Vorlieben maßgeschneiderten Zugang. Wer ein bestimmtes politisches Interesse pflegt, kann es punktgenau ansteuern. Die individualisierte Nachrichtenzufuhr über RSS-Feeds oder soziale Netzwerke tut ein Übriges. Der amerikanische Informationstheoretiker Nicolas Negroponte nennt dies Daily.me: ein täglich selbstgeschaffener Zugang zur Welt, den das Internet ermöglicht.

Negroponte verstand die Personalisierung als Triumph des Individuums über Programm- und Zeitzwänge. Mit dem einzigen Haken, dass die Zeit, die man braucht, um in dem Meer der Möglichkeiten seine Wahl zu treffen, nicht mitgeliefert wird. Die neue Freiheit läuft dadurch ständig Gefahr, pervertiert zu werden. Die mangelhafte Kenntnis der zahllosen Alternativen kann in ironische Distanz zur eigenen Entscheidung treiben oder zum Verzicht auf die gerade in Aussicht gestellte Individualität.

Man kann die Wahl schließlich auch anderen überlassen. Es gibt Websites, die auf den Leib geschneiderte Programme einrichten. Wer seinen Musikgeschmack an Apples Genius-Algorithmus delegiert, liefert sich einer algorithmisch überformten Geschmacksbildung aus, die den Massengeschmack favorisiert und eine technisch vermittelte Identität produziert, die womöglich bald kaum noch von der „natürlichen“ unterscheidbar ist. Der nächste Schritt auf diesem Weg sind personalisierte Suchmaschinen, die das Gesichtsfeld auf Vertrautes eingrenzen, indem sie das Individuum auf bestimmte, berechenbare Aspekte reduzieren.

Dialog und Gleichgesinnten

Der amerikanische Jurist Cass Sunstein, einer der meistzitierten Vertreter seines Faches und ein enger Berater von Barack Obama, sieht darin nicht weniger als eine Gefahr für die Demokratie. In seinem Buch „Republic.com“, dessen deutsche Übersetzung noch aussteht, sieht er das Internet, einst als Medium radikaler Demokratie gefeiert, langfristig in Aufmerksamkeitsinseln zerfallen und den Nährboden der Demokratie, den Raum geteilter Erfahrung, zerfressen. Die Personalisierung verpuppt in seiner Sicht immer mehr Menschen in widerspruchslose Informationskokons, wo sie nur ihnen genehme Bruchstücke der Realität wahrnehmen und Fremdes bald nicht mehr integrieren können. Nerds unterhalten sich mit Nerds, Sozialstaatskritiker mit Sozialstaatskritikern, Hobbygärtner mit Hobbygärtnern - anderer Austausch findet kaum statt. Unangenehme Begegnungen lassen sich so weitgehend vermeiden.

Inmitten der Vielfalt droht so massive Engstirnigkeit. Der Diskurs unter Gleichgesinnten hat eine Verhärtung der Gruppenmeinung und den Ausschluss des Andersartigen zur Folge. Sunstein nennt Xenophobie, Denkfaulheit und wachsenden Extremismus als erwartbare Folgen. Als Beleg führt er Studien an, die den Nachweis führen, dass im Internet vorwiegend Gleichgesinntes miteinander verlinkt wird. Auch Blogs fallen für ihn hauptsächlich unter die Kategorie Dialog unter Gesinnungsgenossen. Das Netz zerfällt in diesem Szenario in unzählige Echokammern der eigenen Stimme, die nicht mehr in einem Metadiskurs aufgehoben sind und den Keim des Politischen ersticken. Zwei Dinge, sagt Sunstein, sind essentiell für die lebendige Demokratie: ein Raum gemeinsamer Erfahrung, damit der politische Diskurs überhaupt entstehen kann, und ungeplante Begegnungen. Leute müssen Dingen ausgesetzt seien, die sie selbst nicht gewählt hätten. Beides sei im Netz immer weniger gegeben.

Entleerung des Politischen

Was aber sollte grundsätzlich falsch daran sein, seinen Blick auf die Welt nach den eigenen Vorlieben zu gestalten? Sunstein trifft eine grundlegende Unterscheidung, die diesen Einwand umgeht. Es ist die zwischen Konsument und Bürger. Dem Kunden macht es das Internet leichter, seine Bedürfnisse zu befriedigen. Das Problem besteht darin, dass der Netzbesucher fast nur noch als Kunde wahrgenommen wird. Sunstein sieht das Netz von einer verengten Konsumentenlogik durchzogen, die das Politische aufsaugt.

Gerade bei Suchmaschinen wie Google ist die Tendenz, den Nutzer als potentiellen Kunden nach den Gesichtspunkten der Werbewirtschaft zu betrachten, deutlich zu erkennen. Dem Bürger als Kunden nützt das Internet, um seine Kaufinteressen zu befriedigen, als Teil eines Gemeinwesens schadet es ihm, weil es langfristig die Möglichkeit entzieht, sich um ein gemeinsames Thema zu versammeln.

Anders als Gates ist Sunstein der Ansicht, dass die meisten sich ihres Urteils gerade nicht sicher sind und zum Anschluss an die herrschende Meinung neigen, schon weil die „sozialen Kosten“ dafür absehbar niedrig ausfallen. Der individuelle Wille trägt nur den Schein der Originalität. Sunstein setzt den „Willen“ des Konsumenten daher in Anführungszeichen und stellt ihm die weitsichtige politische Aspiration gegenüber. In dieser Perspektive erscheint der Kundenwunsch als selbstzufriedener Affekt, der sich über die Vorläufigkeit und Bedingtheit des eigenen Wollens keine Rechenschaft gibt. Eine vitale Demokratie ist dagegen abhängig von einem hypothetischen Selbstverständnis, das über Privatinteressen hinausblickt und Meinungen immer zu revidieren bereit ist.

Ein posthumanes Medium

Es fällt nicht schwer, Gegenargumente zu dieser in großen Linien gezeichneten, empirisch noch etwas schwachbrüstigen These zu finden. Niemand verbietet es, andere Websites zu besuchen, nirgends ist es so einfach, auf Meinungsalternativen zu stoßen. Die Möglichkeit zur aktiven Partizipation im Netz bewirkt gerade das Gegenteil der vermeinten intellektuellen Passivität. Gewichtige Unterstützung erhält Sunsteins Argument dagegen durch die Tatsache, dass sich der Verkehr im medialen Hochpluralismus des Netzes auf einige wenige Knotenpunkte konzentriert.

In Sunsteins Optik hat das seine Notwendigkeit: In seiner unüberschaubaren Polyphonie ist das Netz ein posthumanes Medium. Von der Vielfalt überschwemmt, sucht der Nutzer die Einfachheit, die zur Einfalt herabsinken kann. An der Allianz von Massen- und Konsumentenlogik droht das radikaldemokratische Anfangsideal zu zerbrechen. Die Gegenmaßnahmen, die Sunstein vorschlägt - etwa ein politischer Relevanzindex auf Websites -, erscheinen nur als leichte Korrekturen eines grundlegenden Problems. Es bleibt vorerst beim Appell: Es ist nicht genug, den eigenen Vorlieben zu folgen.

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Jahrgang 1975, Redakteur im Feuilleton.

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