22.06.2010 · Der permanente Aufmerksamkeitsdruck verändert die Psyche des Menschen. Doch nicht die Technologie ist das Problem, sondern die Kombination von Informations- und Konkurrenzdruck. Wir müssen wieder Herren unserer Zeit werden.
Von Geert LovinkDie Informationsüberflutung beschäftigt uns schon eine ganze Weile. Bereits in den sechziger Jahren haben Marshall McLuhan und Herbert Simon dieses Phänomen studiert. Erst war es das unübersehbare Angebot an Fernsehkanälen und Büchern, später die gigantische Speicherkapazität, die für Aufmerksamkeitsstörungen sorgte, doch die Symptome waren immer gleich: Man fühlt sich überfordert und verarbeitet die eingehenden Informationen nicht mehr, bis das System irgendwann zusammenbricht. Inzwischen sind Milliarden mit der Datenexplosion konfrontiert, ständig online und auf immer kleineren Displays im Netz unterwegs. Wenn täglich Hunderte von Mails gelesen und beantwortet werden müssen, kann von einer „Tyrannei der kleinen Entscheidungen“ längst keine Rede mehr sein. Es ist viel schlimmer.
Kürzlich sprach ich in Bologna mit dem italienischen Medientheoretiker Franco „Bifo“ Berardi. Er gehörte mit Antonio Negri, Paolo Virno und anderen in den siebziger Jahren zur italienischen Autonomenbewegung, gründete den Piratensender „Radio Alice“ und das Webforum „Rekombinant“. Der Sechzigjährige, der an einer Mailänder Kunstakademie unterrichtet, hat einen scharfen Blick für die „prekären“ Arbeitsverhältnisse von heute. Überlastung, Kurzarbeit, Antidepressiva, Blackberrys und Kreditkartenschulden werden zunehmend Thema theoretischer Debatten.
Von Repression zu hyperaktiver Selbstdarstellung
Berardis Arbeiten liegen seit kurzem auf Englisch, aber noch nicht auf Deutsch vor. In „The Soul of Work“ (2009) beschreibt er die Entwicklung der letzten dreißig, vierzig Jahre – von Entfremdung zu Autonomie, von Repression zu hyperaktiver Selbstdarstellung, von den Hoffnungen und Wünschen eines schizophrenen Aktivismus zur diffusen, wenn nicht depressiven Subjektivität der Generation Web 2.0.
In seiner Aufsatzsammlung „Precarious Rhapsody“ (2009) schreibt Berardi: „Der Cyberspace ist theoretisch unendlich, die Cyberzeit ist es nicht. Als Cyberzeit bezeichne ich die Fähigkeit des bewussten Organismus, Informationen (aus dem Cyberspace) zu verarbeiten.“ Flexibilität in der Netzökonomie hat zu einer Fragmentierung der Arbeit geführt, zu befristeter Zeitarbeit. Uns allen ist diese Fragmentierung der Arbeitszeit bekannt. „Psychopathische Störungen“, schreibt Berardi, „treten heutzutage immer klarer als soziale Epidemie auf, genauer als soziokommunikative Epidemie.
Wer überleben will, muss konkurrenzfähig sein, und wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein, eine riesige und ständig wachsende Datenflut aufnehmen und verarbeiten. Das führt zu permanentem Aufmerksamkeitsstress, für Affektivität bleibt immer weniger Zeit.“ Um fit zu bleiben, greifen die Leute zu Prozac, Viagra, Kokain, Ritalin und anderen Drogen. Wenn wir diese Analyse auf das Internet übertragen, sehen wir die beiden Bewegungen – die Erweiterung der Speicherkapazität und die Verdichtung von Zeit –, die Computerarbeit so stressig machen. Daraus resultiert das Chaos unserer Zeit. Chaos ist, wenn sich die Welt so schnell dreht, dass wir nicht mehr hinterherkommen.
Wir sind mitten im Netzparadigma
Laut Berardi müssen wir uns auf die „Digital Natives“ konzentrieren, wenn wir die Informationsüberflutung verstehen wollen. Die Frage, ob ältere Generationen unter einem Zuviel an Information leiden, kann hier außer Acht gelassen werden. Berardi: „Fragen Sie sich nicht, ob Sie der Flut gewachsen sind oder nicht. Es geht nicht um Anpassung oder Auswahl. Pan, Gott der Jagd und der Hirtenmusik, symbolisiert Überfluss und Fülle, wurde aber nie als Problem stigmatisiert. Die Menschheit war immer fasziniert vom sternenübersäten Nachthimmel, ist angesichts der unübersehbaren Zahl aber nie in Panik geraten.“
Wir müssen genau beobachten, wie Menschen in der Informationssphäre aufwachsen. Der Nonkonformist Berardi hinterfragt die Auseinandersetzung zeitgenössischer Künstler und anderer mit dem „Werden“, einem zentralen Begriff bei Deleuze und Guattari, seinen Lehrern, mit denen er zusammengearbeitet und über die er ein Buch geschrieben hat. Wir „werden“ keine Bewohner der digitalen Welt mehr, wir sind mitten im Netzparadigma. Dieser Perspektivwechsel hat weitreichende Konsequenzen. Für Deleuze ist das Begehren eine positive Kraft. Begehren kann eine gefährliche Anziehungskraft entwickeln. Inzwischen gilt das nicht mehr für jeden Fall.
Verändertes Verhältnis zwischen Körper und Psyche
Berardi empfiehlt Mark Fishers Studie „Capitalist Realism“ (2009), in der beschrieben wird, was passiert, wenn die Postmoderne sich eingebürgert hat. Junge Leute sehen, dass nichts mehr möglich ist. Sie spüren, dass die Gesellschaft auseinanderbricht und sich nichts ändern wird. Fisher bezeichnet diese Haltung als „reflexive Impotenz“. Berardi, psychoanalytisch ausgebildet, verweist nun darauf, dass statt Mutterbindung und väterlicher Stimme die Maschinenwelt die wichtigste Quelle für Spracherwerb ist. Das Heranwachsen in einer alles beherrschenden Medienwelt verändert das Verhältnis zwischen Körper und Psyche.
Wir lebten, sagt Berardi, nicht einfach in einer „Aufmerksamkeitsökonomie“, die auf freier Wahl beruht. Als wären das Mitmachen bei Facebook und Twitter und das permanente digitale Erreichbarsein eine Sache der freien Wahl.
Wir müssen unbedingt Herren unserer Zeit werden
Die Älteren, ob konservativ oder liberal, glauben an das Prinzip der freien Entscheidung, doch für die junge Generation X, im „kapitalistischen Realismus“ aufgewachsen, gilt das nicht mehr. Berardi: „Nicht die Technologie ist das Problem. Damit müssen wir leben. Problematisch ist die Kombination von Informationsstress und Konkurrenz. Im Marktwettbewerb müssen wir stets die Ersten und Besten sein. Was wirklich krank macht, ist nicht die Informationsüberflutung, sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen Arbeitsbedingungen.“
Eine „Lösung“ für Besserverdienende und ethisch Gleichgültige könnte so aussehen, dass man sein Informationsmanagement an einen persönlichen Assistenten in China delegiert. Computerspieler kaufen ihre Avatar-Updates bei „Goldfarmern“; jemanden anzuheuern, der jeden Morgen die Unmengen von Spam auf unserem Account löscht, ginge in eine ähnliche Richtung. Wenn wir Souveränität erlangen wollen, müssen wir unbedingt Herren unserer Zeit werden. Nach „Fair Trade“ könnte sich eine Bewegung „Fair Time“ herausbilden.
Nach Slow Food nun Slow Communication?
Vor allem müssten wir die „Echtzeit“-Strategien von Google und Twitter bekämpfen und längere Arbeitssequenzen entwickeln. Man denke nur an Hakim Bey und seine „temporäre autonome Zeit“. Früher ging es um die Schaffung von Räumen (Partys, Hausbesetzungen), heute geht es um die Zeit selbst, um Chronos, um die Kunst der longue durée. Nach Slow Food nun also Slow Communication?
Diesmal freilich wird es keine reformistische Lifestyle-Bewegung sein, der es einzig darauf ankommt, ein positives Image zu verbreiten. Es reicht nicht, das „Filterproblem“ (Clay Shirky) zu reparieren. Zeit verweist auf den Kern der kapitalistischen Ausbeutung. „Zeitmanagement“ zu sabotieren ist alles andere als harmlos.
Malaise namens Semiokapitalismus
Doch Berardi hat seine Zweifel an diesem klassischen Störszenario. Paul Virilios Plädoyer für ein neues Zeitverständnis, für Langsamkeit, für Momente des Innehaltens ist unpolitisch. Es fehlt die Auseinandersetzung mit den real existierenden Arbeitsbedingungen im Neoliberalismus – Verinnerlichung des Konkurrenzprinzips, der Aspekt der Freiwilligkeit von langen Arbeitszeiten und der Einsatz von Drogen und Tabletten zur Bekämpfung struktureller Krankheiten wie Panik und Depression.
Wie Mark Fisher fordert auch Berardi, die Malaise namens Semiokapitalismus zu analysieren, bevor wir anfangen, wieder von revolutionären Subjekten und der Befreiung der kollektiven Phantasie zu träumen.