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Im Gespräch: Feridun Zaimoglu : „Das Internet ist für mich völlig ungeeignet“

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Ich gehe fast tot bei der Recherche: Feridun Zaimoglu Bild: Frank Röth

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu lebt und arbeitet konsequent offline. Im Interview erklärt er seine analoge Lebensplanung, die gelegentlich Lücken aufweist. Für seine Literatur seien die aber gerade recht, meint Zaimoglu - und preist die Arbeit an einer Schreibmaschine ohne Display.

          Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu („Kanaksprach“, „Hinterland“) lebt und arbeitet konsequent offline. Er tut dies nicht, weil er etwas gegen das Internet hätte, er kann es nur nicht gebrauchen. Im Interview erklärt er seine analoge Lebensplanung, bei der er nicht umhin kommt, gelegentlich einen Freund für sich ins Netz zu schicken.

          Herr Zaimoglu, Sie haben keine E-Mailadresse, keinen Computer und keinen Internet-Anschluss. Wie kommen Sie zurecht?

          Sehr gut. Ich habe ein Faxgerät, einen Festnetzanschluss, ein Mobiltelefon und ich habe eine elektrische Schreibmaschine. Als Schriftsteller muss ich ja Texte verfassen. Und mein Verlag hat nichts dagegen, dass ich ihm meine Manuskripte zufaxe, so lange das Ergebnis stimmt. Die Texterkennungsprogramme sind heute so gut, dass kaum Fehler bei der Digitalisierung auftreten. Was könnte mir also fehlen? Ich weiß es nicht. Ich habe all die Jahre kein Verlustgefühlt gehabt.

          „Besonders benutzerfreundlich”: Feridun Zaimoglus elektrische Schreibmaschine
          „Besonders benutzerfreundlich”: Feridun Zaimoglus elektrische Schreibmaschine : Bild: AEG

          Erschwert die Schreibmaschine nicht die Arbeit des Schriftstellers?

          Wenn ich eine Idee habe, schreibe ich sie die nicht in den Computer, sondern - ganz alte Schule - auf Notizblätter, am liebsten auf Hotelbriefpapier. Gerade bin ich mit meinem nächsten Roman befasst - und zu Hause sind über meinen großen Schreibtisch hinweg alle möglichen Blätter verteilt. Jeden Tag nach dem Frühstück spanne ich einen Bogen Papier in die Walze und tippe drauflos.

          Vor einiger Zeit hatte ich regelrecht Angst davor, dass die Maschine kaputtgeht, also habe ich Bekannte gebeten, ein paar Schreibmaschinen des Typus', den ich bevorzuge, zu ersteigern. Das konnte ich freilich nicht selbst machen. Aber wofür hat man Freunde? Jetzt habe ich fünf Exemplare und immer einen Haufen Schreibmaschinen- und Korrekturbänder auf Lager. Außerdem habe ich kleine Deponien bei meinen Eltern in Ankara angelegt. Das müsste für die kommenden drei bis vier Romane reichen.

          Was ist so wichtig an diesem speziellen Schreibmaschinen-Modell?

          Meinen Erstling, „Kanak Sprak“, habe ich auf dieser Maschine geschrieben, die ich meiner damaligen Freundin abgekauft hatte. Das klappte wunderbar. Ich würde sagen, dieses Modell ist besonders benutzerfreundlich. Eine Schreibmaschine ohne Display übrigens.

          Hätten Sie wirklich Angst vor einem Leben ohne diese Maschine?

          Ich bin jetzt nicht panisch, aber ich war es mal. Meine Art zu schreiben ist einfach sehr effektiv. Ich habe bisher keine einzige Seite ein zweites Mal geschrieben. Schreiben ist hart genug und ich will nicht etwas aufgeschrieben haben, um mich dann nochmal lange damit zu befassen. Es ist weniger Nostalgie bei mir, als vielmehr das Gefühl, seine Arbeit anständig zu machen.

          Ihre Art zu schreiben hat etwas Materielles.

          Ja, es ist ein tolles Gefühl, den Papierstapel wachsen zu sehen. Das geht aber natürlich auch mit dem Computer.

          Nur bei ihre Schreibtechnik können Sie viel schwerer korrigieren. Sie müssen alles gleich definitiv aufschreiben. Ahmen Sie damit das orale Erzählen nach?

          Ja, das ist es. Denn, sehen Sie, es geht ja auch um Sprachschönheit und die finde ich in der gesprochenen Sprache.

          Spüren Sie eigentlich einen sozialen Druck wegen Ihres Internet-Verzichts?

          Ich gelte als der Onkel Horst aus Kiel (lacht). Meine Freunde und Bekannte aus anderen deutschen und europäischen Großstädten sagen: Aha, der Mann kann nicht Auto fahren, der Mann hat keinen Computer und der Mann lebt in Kiel. Damit ist für sie alles klar (lacht). Neue Bekannte denken sogar, ich würde nur behaupten, ich hätte keine Mailadresse, um sie nicht rausgeben zu müssen. Auch die Beteuerung, ich wolle sie nicht veräppeln, hilft da manchmal nicht. Aber damit kann ich leben. Für mich ist wichtig, dass ich meine Termine einhalte, vor allem meine Abgabetermine - und das klappt.

          Sie sind häufig auf Lesereisen. Würde das Internet nicht Ihre Planung erleichtern?

          Ich nutze die Auskunft der Deutschen Bahn oder gehe zum Schalter. Ich lasse mir die Reiseverbindung ausdrucken - und vor Ort nehme ich ein Taxi. Für die Rückreise lasse ich mir von der Hotelrezeption die Verbindung ausdrucken. Das klappt alles prima.

          Durchs Internet wären Sie in diesen Situationen selbstbestimmter.

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