20.01.2010 · Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu lebt und arbeitet konsequent offline. Im Interview erklärt er seine analoge Lebensplanung, die gelegentlich Lücken aufweist. Für seine Literatur seien die aber gerade recht, meint Zaimoglu - und preist die Arbeit an einer Schreibmaschine ohne Display.
Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu („Kanaksprach“, „Hinterland“) lebt und arbeitet konsequent offline. Er tut dies nicht, weil er etwas gegen das Internet hätte, er kann es nur nicht gebrauchen. Im Interview erklärt er seine analoge Lebensplanung, bei der er nicht umhin kommt, gelegentlich einen Freund für sich ins Netz zu schicken.
Herr Zaimoglu, Sie haben keine E-Mailadresse, keinen Computer und keinen Internet-Anschluss. Wie kommen Sie zurecht?
Sehr gut. Ich habe ein Faxgerät, einen Festnetzanschluss, ein Mobiltelefon und ich habe eine elektrische Schreibmaschine. Als Schriftsteller muss ich ja Texte verfassen. Und mein Verlag hat nichts dagegen, dass ich ihm meine Manuskripte zufaxe, so lange das Ergebnis stimmt. Die Texterkennungsprogramme sind heute so gut, dass kaum Fehler bei der Digitalisierung auftreten. Was könnte mir also fehlen? Ich weiß es nicht. Ich habe all die Jahre kein Verlustgefühlt gehabt.
Erschwert die Schreibmaschine nicht die Arbeit des Schriftstellers?
Wenn ich eine Idee habe, schreibe ich sie die nicht in den Computer, sondern - ganz alte Schule - auf Notizblätter, am liebsten auf Hotelbriefpapier. Gerade bin ich mit meinem nächsten Roman befasst - und zu Hause sind über meinen großen Schreibtisch hinweg alle möglichen Blätter verteilt. Jeden Tag nach dem Frühstück spanne ich einen Bogen Papier in die Walze und tippe drauflos.
Vor einiger Zeit hatte ich regelrecht Angst davor, dass die Maschine kaputtgeht, also habe ich Bekannte gebeten, ein paar Schreibmaschinen des Typus', den ich bevorzuge, zu ersteigern. Das konnte ich freilich nicht selbst machen. Aber wofür hat man Freunde? Jetzt habe ich fünf Exemplare und immer einen Haufen Schreibmaschinen- und Korrekturbänder auf Lager. Außerdem habe ich kleine Deponien bei meinen Eltern in Ankara angelegt. Das müsste für die kommenden drei bis vier Romane reichen.
Was ist so wichtig an diesem speziellen Schreibmaschinen-Modell?
Meinen Erstling, „Kanak Sprak“, habe ich auf dieser Maschine geschrieben, die ich meiner damaligen Freundin abgekauft hatte. Das klappte wunderbar. Ich würde sagen, dieses Modell ist besonders benutzerfreundlich. Eine Schreibmaschine ohne Display übrigens.
Hätten Sie wirklich Angst vor einem Leben ohne diese Maschine?
Ich bin jetzt nicht panisch, aber ich war es mal. Meine Art zu schreiben ist einfach sehr effektiv. Ich habe bisher keine einzige Seite ein zweites Mal geschrieben. Schreiben ist hart genug und ich will nicht etwas aufgeschrieben haben, um mich dann nochmal lange damit zu befassen. Es ist weniger Nostalgie bei mir, als vielmehr das Gefühl, seine Arbeit anständig zu machen.
Ihre Art zu schreiben hat etwas Materielles.
Ja, es ist ein tolles Gefühl, den Papierstapel wachsen zu sehen. Das geht aber natürlich auch mit dem Computer.
Nur bei ihre Schreibtechnik können Sie viel schwerer korrigieren. Sie müssen alles gleich definitiv aufschreiben. Ahmen Sie damit das orale Erzählen nach?
Ja, das ist es. Denn, sehen Sie, es geht ja auch um Sprachschönheit und die finde ich in der gesprochenen Sprache.
Spüren Sie eigentlich einen sozialen Druck wegen Ihres Internet-Verzichts?
Ich gelte als der Onkel Horst aus Kiel (lacht). Meine Freunde und Bekannte aus anderen deutschen und europäischen Großstädten sagen: Aha, der Mann kann nicht Auto fahren, der Mann hat keinen Computer und der Mann lebt in Kiel. Damit ist für sie alles klar (lacht). Neue Bekannte denken sogar, ich würde nur behaupten, ich hätte keine Mailadresse, um sie nicht rausgeben zu müssen. Auch die Beteuerung, ich wolle sie nicht veräppeln, hilft da manchmal nicht. Aber damit kann ich leben. Für mich ist wichtig, dass ich meine Termine einhalte, vor allem meine Abgabetermine - und das klappt.
Sie sind häufig auf Lesereisen. Würde das Internet nicht Ihre Planung erleichtern?
Ich nutze die Auskunft der Deutschen Bahn oder gehe zum Schalter. Ich lasse mir die Reiseverbindung ausdrucken - und vor Ort nehme ich ein Taxi. Für die Rückreise lasse ich mir von der Hotelrezeption die Verbindung ausdrucken. Das klappt alles prima.
Durchs Internet wären Sie in diesen Situationen selbstbestimmter.
Ich habe nie an den modernistischen Hokuspokus von Selbstbestimmung geglaubt. Ich bin in dieser Hinsicht ein großer Skeptiker. Ich kann doch nicht von mehr Selbstbestimmung ausgehen, bloß, weil ich auf Tasten hacke und in Nullkommanichts ein Suchergebnis habe. Dass ich das nicht mache, ist sogar gut, weil, dann muss ich zum Bahnhof gehen - und das ist unbequem. Für einen Schriftsteller ist Bequemlichkeit Gift. Dann würde ich anfangen, Ältere-Herrschaften- und Fräuleinwunderstubenprosa zu schreiben.
Eines stimmt traurig. Sie wissen bei Ihren Auftritten nicht, wo sich das nächste gute Restaurant befindet. Das könnten Sie gut im Internet herausfinden.
Der Ablauf einer solchen Lesung ist ja genau festgelegt. Fast immer werde ich vom Veranstalter zum Essen eingeladen. Ich sage im Vorfeld immer nur: Bitte weder zum Griechen noch zum Türken. Ich möchte einfach kein Döner mehr essen (lacht). Meine bisherige Ration reicht mir für mein weiteres Leben.
Ihr Konzept ist schwer zu knacken. Wie aber steht es mit der Recherche? Wie kommen Sie an entlegene Informationen, die Sie für Ihre Bücher brauchen? Hierin ist das Internet ja unschlagbar.
Stimmt. Meine Bücher stehen und fallen mit der Recherche. Aber ich reise einfach zu den Schauplätzen hin, die ich für meine Bücher brauche. Ich mache das auf die harte Tour: Ich muss dorthin, ich muss sehen, ich muss fühlen, ich muss logische Fehler vermeiden. Ich muss das Zweidimensionale aufbrechen in das Dreidimensionale. Gerade habe ich acht Monate Recherche in unregelmäßigen Abständen hinter mir. Ich gehe fast tot bei der Recherche. Wenn es sein muss, stelle ich den Wecker auf drei Uhr in der Frühe, weil ich wissen will, wie in Kiel die Krähen morgens auf der Straße spazieren gehen. Ich habe zwar die künstlerische Freiheit und die Phantasie, mir gewisse Sachen auszumalen, aber ich muss den Praxistest machen. Es freut mich, wenn mir dann bei Lesungen bestätigt wird: Das stimmt so, wie Sie es aufgeschrieben haben.
Aber was machen Sie, wenn Sie bei Ihrer Vorort-Recherche irgendein Detail vergessen haben? Ihnen fehlt ein Straßenname oder die Ansicht eines Gebäudes?
Jetzt haben Sie mich doch gekriegt. Dann gehe ich nämlich zu meinem besten Kumpel, wir wohnen Tür an Tür, und lasse mir helfen. Gerade neulich ist es wieder passiert: Ich war im Ruhrgebiet und hatte nicht richtig geschaut, wie es sich mit den Schleusen an einer bestimmten Stelle verhält - er konnte mir helfen.
Ist es für einen Schriftsteller nicht auch interessant zu wissen, wie stark er gerade wahrgenommen wird? Ich erinnere mich an die Aussage eines Buchpreisträgers, der regelmäßig die Amazon-Seiten seiner Bücher aufrief.
Aha. Ich bin da altmodisch, ich finde das wirklich albern. Wer so etwas tut, trägt schon den Keim des Wahnsinns in sich (lacht).
Muss man sich als Schriftsteller heute nicht im Internet einmischen, um seine maximale Wirksamkeit zu entfalten?
Ach wissen Sie, am Ende hält man Papier in der Hand, sehen wir vom E-Book mal noch ab. Und da steht entweder ein guter Text drauf oder ein schlechter. Wenn er gut ist, stimmt die Wirkung auch.
Wie hat das Internet das Denken Ihrer Umwelt verändert?
Ich habe manchmal ehrlich gesagt das Gefühl, dass der Computer und das Internet das Geschwätz vermehrt haben. Und übrigens auch schlechtes Deutsch, das sage ich, selbst, wenn ich jetzt als Schulmeister rüberkomme. Die deutsche Sprache ist ja nicht an Apparaten entstanden, sondern durch mündliche Überlieferung. Die deutsche Sprache ist so schön, man müsste sie viel mehr pflegen. Wissen Sie, ich dachte früher immer, wenn ich junge Menschen sah, die in ihr Laptop schauten, Herrgottnochmal, sind die klug. Dabei haben die Computerspiele gespielt oder Filme geguckt. So wahnsinnig viel hat sich also nicht geändert. Die Menschen sind immer noch genau so klug und genau so dumm wie früher. Vielleicht eines: Ich glaube, die Zahl der Stubengelehrten hat zugenommen.
Wie würden sie den Satz zu Ende bringen: Das Internet ist sehr praktisch, aber ...
... es ist für mich völlig ungeeignet.
Jetzt haben wir nur ein Problem: Ich würde Sie das Interview gerne gegenlesen lassen, Sie sind aber unterwegs, ohne Faxanschluss.
(lacht laut) Das müssen Sie nicht, ich bin ja kein Politiker. Es wäre nur nett, wenn ich am Ende nicht allzu sehr als Depp dastehe (lacht).
Das Gespräch führte Uwe Ebbinghaus.