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Google Street View Die Stunde der Schnüffler

07.05.2010 ·  Was kann man gegen Googles Street View haben, außer dass es mit frappierender Kaltschnäuzigkeit Daten sammelt, ohne nach Erlaubnis zu fragen? Der Dienst gibt Schnüfflern und Spießern Auftrieb - genauso wie totalitären Netzideologen.

Von Don Alphonso
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Im Jahre 1632 nahm die Weltgeschichte für eine Woche Quartier in meinem Haus. Seitdem wird es Besuchern vorgeführt, jedes Kind kann den Weg dorthin weisen, und im Internet sind weit mehr als tausend Fundstellen. Dieses Haus drückt mit seinem barocken Giebel und der Strahlenkranzmadonna den Wunsch aus, gesehen zu werden, es hat im öffentlichen Raum eine gewichtige Aussage über die Macht seiner Erbauer. Kein Tag vergeht ohne Touristen und Kameras.

Trotzdem habe ich bei Google Widerspruch gegen eine Veröffentlichung eines Bildes dieses und anderer Häuser im Rahmen des Dienstes „Street View“ eingereicht. Es ist weniger wegen der Kaltschnäuzigkeit, mit der Google die Bilddaten erhebt, ohne vorher zu fragen, oder wegen der Angst, die Kontrolle darüber an ein fernes Unternehmen zu verlieren. Den eigentlichen Eingriff in die Privatsphäre sehe ich in der Darstellung der Lebensbedingungen der Menschen im Kontext mit Parametern, die sie nicht beeinflussen können.

Einblick in den sozialen Hintergrund

Hat man meine Adresse und die Möglichkeiten von Google Street View, kann man allein über die Wohnlage und das Aussehen des Hauses zu meiner Person Rückschlüsse ziehen, zu jeder Zeit und von jedem Ort der Welt. Aber nicht alle Viertel der Stadt sind so pittoresk wie die herausgeputzte Altstadt. Es gibt graue Blockgebiete und Arbeiterviertel, es gibt schnell errichtete Vorstädte mit wenig geschmackssicheren Toskana-Bunkern, und egal, wie viel Mühe man sich selbst mit seinem Wohnobjekt geben mag: Mit Street View kann der Betrachter problemlos das Lebensumfeld eines anderen erkunden. Billige Geschäfte und Kneipen, ungepflegte Fassaden, vollgestellte Balkone, alle Merkmale, die im realen Leben die gar nicht so seltene Qualifizierung anderer über ihre Wohnorte erlauben, sind mit Street View frei verfügbar.

Richterspruch: Google Street View - Berlin zu hässlich?

Das muss keine unmittelbaren Nachteile haben. Aber wenn sich zwei Bewerber für eine Wohnung finden, kann man mit Street View jenen bestimmen, der aus einem besseren Lebensumfeld stammt. Bei einer Bewerbung wird aus der Adresse mehr als der Wohnort: Eine Suchanfrage, und es wird das soziale Milieu sichtbar, in dem man lebt. Es muss nicht entscheidend sein, aber es kann in die Entscheidung einfließen. Die soziale Herkunft ist immer noch von hoher Bedeutung – man will es nicht mit „Baracklern“ oder Bewohnern von „Hundehütten“ zu tun haben. Oder auch nur mit Leuten, die ihren Balkon als Müllkippe nutzen oder neben solchen Leuten wohnen. Das mag spießig sein, aber auch Spießer haben Internet und verstehen sich auf die Möglichkeiten der Schnüffelei und der Schlussfolgerung, egal, wie ungerechtfertigt sie sein mag.

Zur Freiheit gezwungen

Und selbst wenn die Lebensumstände erfreulich sind: Sie gehen niemanden etwas an. Keinen Werbebelästiger, keinen Vertreter von Anlagemöglichkeiten, keinen Neider oder Stalker aus dem Internet. Street View mag hier keine allzu genauen Erkenntnisse liefern, aber es liefert Anhaltspunkte, wo vorher keine waren. Vor Street View musste man persönlich vorbeikommen, um sich ein Bild zu machen. Mit Street View geht es immer und sofort, sobald man es mit persönlichen Daten verknüpft. Davor würde ich gern mich, meine Familie und meine Mieter schützen, selbst wenn eine Beurteilung über das weitere Umfeld nicht verhindert werden kann.

Es ist nicht ohne Ironie, wenn sich gegen diese Haltung eine Gruppe von Schnüfflern mit Schwerpunkt in Berlin bildet, die alle Verweigerer zwangsweise auf Linie und in das Internet bringen möchte, weil die Veröffentlichung von Lebensumständen ein Anliegen der „Freiheit des Internets“ sei. Sie planen, die von Google akzeptierten Widersprüche mit eigenen Bildern und Ortsbestimmungen nachzutragen (Einen Augenblick lang Google sein: Internetnutzer lichten Hausfassaden ab). Der Unterschied zwischen dem Konzept der Öffentlichkeit, in der jeder Tourist gern mein Haus fotografieren darf, und der Bereitstellung von Daten zur abwertenden Sonderbehandlung von Menschen mit anderer Meinung wird dabei gern in Kauf genommen: Wer etwas verbergen will, macht sich bei der Netz-Tscheka erst recht verdächtig und wird gezielt ausgestellt.

Diese Gruppe möchte sich nicht die Inhalte im Internet regulieren lassen, selbst wenn das bedeutet, anderen ihren erklärten Willen wegzuregulieren. Die Freiheit des Menschen wird außer Kraft gesetzt, wenn er der Freiheit ihres Netzes widerspricht: Die Aktion nennt sich folgerichtig „,Resthäuser‘ fotografieren“, womit der totalitäre Anspruch, wirklich jedes sichtbare Gebäude anzubieten, ob es den Bewohnern nun passt oder nicht, umgesetzt wäre. Das Netz kann alles. Der Einzelne kann nichts.

Die schnüffelnden Spießer meiner Heimatstadt werden dieses Anliegen Berliner Blockbewohner und ihrer totalitären Netzideologie zu schätzen wissen.

Don Alphonso führt bei FAZ.Net das Blog „Stützen der Gesellschaft”

Quelle: F.A.Z.
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