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Gespräch mit Google-Chef Eric Schmidt Offenheit ist meine Religion

 ·  Das Internet wird sozialer, mobiler und kleinteiliger - auch abgeschlossener. Für Google eine Gefahr. Zum Abschluss der IFA hat Google-Chef Schmidt trotzdem in Visionen geschwelgt und im Streit um Netzneutralität erstmals Tacheles geredet.

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F.A.Z.: Auf der Funkausstellung sagten Sie, Google werde für die Menschen in Zukunft mehr sein als eine Suchmaschine und ein riesiges Datendepot. Sie sagten wörtlich: "Der Computer wird sich alles merken, was Sie sich hätten merken sollen." Soll der Computer uns künftig das Denken abnehmen?

ERIC SCHMIDT: Das Wesen der Informatik war es immer, riesige Datenmengen zu beherrschen. Denken Sie an das weltweit größte Experimente der Physiker am Teilchenbeschleuniger des Cern. Es ist die Aufgabe von Computern, die nützlichen Daten aus diesen Milliarden von Datensätzen herauszufischen, das können Menschen niemals schaffen. Computer können für uns die Daten sammeln und filtern, sie denken in gewisser Weise mit. Das alles ist mehr als eine Suchfunktion, das sind Entdeckungen. Technisch gesehen trainieren wir die Systeme, damit sie herausfinden, was wir benötigen. Dasselbe gilt für historische Daten. Wenn Sie Bilder aus den fünfziger Jahren mögen, können wir den Computer mit Mustererkennung darauf trainieren, dass er mehr von diesen Bildern im Internet findet. Auch unterwegs mit dem Smartphone, jederzeit.

Konkret: Stellen Sie sich eine Welt mit 100 Megabit mobiler Übertragungsgeschwindigkeit vor, also einer vielfach schnelleren Verbindung als heute, und jeder Mensch hat ein Smartphone in der Tasche...

. . .was so kommen wird . . .

. . was kann die Technik dann leisten, wenn der Nutzer einverstanden ist, Google seine Daten zu geben?

Zunächst werden die bestehenden Unterhaltungsmöglichkeiten mobil. Auf dem mobilen Gerät lassen sich dann Fernsehen oder Videos anschauen. Danach werden Videotelefonate kommen. Der nächste Schritt: Wenn ich eine Straße hinuntergehe, können Passanten per Livestream Informationen ANTWORT: von der Oper, dem Kino, dem Händler und den Schulen empfangen. An der Oper könnte das Telefon dann ein Stück der Oper vorspielen. Wenn der Nutzer die Oper hasst, bekommt er eine andere Einspielung. Das allwissende System trifft also Entscheidungen in Echtzeit und versorgt die Menschen mit Informationen.

Das klingt nach etwas, was es schon gibt: Augmented Reality, die erweiterte Realität.

Es ist so etwas Ähnliches. Ich richte meine Handykamera auf die Oper - durch Standortbestimmung und Internetverbindung wird sodann über das Bild ein Text eingeblendet, der zum Beispiel den Architekten benennt oder erläutert, wann das Gebäude erbaut wurde. Diese Dinge gibt es schon. Aber in fünf bis zehn Jahren wird das Gerät wissen, was um den Nutzer herum passiert, und es wird Vorschläge machen, was für den Nutzer besonders wichtig sein kann. Das Gerät wird also wissen, ob der Nutzer lieber Oper hört oder lieber den Film anschaut. Die nächste Stufe werden dann die Freunde sein. Das Gerät wird mir sagen, ob einer meiner Freunde auch gerade in Berlin ist und ob es ihn kontaktieren soll.

Woher hat das Gerät diese Information?

Diese Information muss man vorher hinterlassen haben, zum Beispiel über eine Liste der Freunde. Wichtig ist dabei, dass diese Informationen gelöscht werden können. Wenn jemand nicht mehr mein Freund ist, sollte er aus der Liste gelöscht werden können.

Braucht Google neben der Suchmaschine also doch ein soziales Netzwerk, um diese Informationen zu bekommen?

Man braucht den Social Graph, also die Verknüpfungen der Freundschaften, kein ganzes Netzwerk. Den Social Graph kann man von Facebook bekommen, von Twitter oder auch selbst erstellen.

Vor zwei Jahren sagten Sie, in den sozialen Netzwerken stecke kein Geld, weil die Menschen mit Kommunikation beschäftigt seien und nicht damit, eine Waschmaschine zu kaufen. Stimmt diese Aussage heute noch?

Diese Aussage ist auch heute noch korrekt. Es gibt allerdings eine neue Möglichkeit für die Monetarisierung sozialer Netzwerke, nämlich die der Gelben Seiten. Das lässt sich in Facebooks Places oder Google Places erkennen, also ortsbezogenen Diensten. Mit den Informationen über die Läden, die Menschen besuchen, lässt sich Werbung verknüpfen und damit eine Menge Geld verdienen. Diese Ortsdienste werden ein großes Geschäft für Facebook, Google oder andere. Der Unterschied zur Situation vor zwei Jahren: Mit dem Aufkommen der mobilen Geräte erhalten die Menschen mehr Angaben über den Ort, an dem sie sich gerade aufhalten. Das sieht man schon an Unternehmen wie Foursquare, deren Nutzung in Städten wie New York regelrecht explodiert.

Wenn Ortsdienste das große Geschäft sind, warum haben Sie dann Google Buzz als Facebook-Konkurrenten gestartet?

Alle schauen auf Facebook. Aber ich leite Google. Und wir ticken etwas anders. Wir haben Google Buzz gestartet, weil es interessant ist. Buzz läuft erfolgreich; wir sind sehr zufrieden.

Also ist Google Me, ein neues soziales Netzwerk von Google, nur ein Gerücht?

Es gibt so viele Gerüchte und Spekulationen über Google, wir kommentieren selbige nicht.

Welche Optionen für das Internet wird Google in Zukunft noch anbieten?

Das wissen wir heute noch nicht. Die einfachste Antwort lautet: Mehr von allem. Wenn Sie also zum Beispiel ein Video ansehen und von derselben Machart beziehungsweise. zum selben Thema mehr Filme, Bilder und historische Daten angezeigt haben wollen. Das Ergebnis wird vielleicht nicht so perfekt sein wie ein Forscher, der die Büchereien systematisch durchforstet, aber wir können so schnell sein, wie es ein Wissenschaftler niemals schaffen kann. Die Suchfunktion wird dabei nur eine Art sein, an Informationen zu kommen. Wenn ich in Berlin bin und mein mobiler Computer weiß, dass ich als Tourist unterwegs bin, ist es möglich, dass nicht ich ihn frage, sondern dass mir der Computer sagt, was ich wissen sollte. Zum Beispiel könnte er mir vorschlagen, diese oder jene Sehenswürdigkeit anzusehen.

Glauben Sie nicht, das wird den Leuten unheimlich, wenn man das Internet anschaltet und Google weiß schon mehr von mir als ich selbst, meinen Wünschen, meiner Umgebung und den Zielen, über die ich noch gar nicht nachgedacht habe?

Das ist die Frage, die ich inzwischen am häufigsten gestellt bekomme. Sicher, es gibt Leute, denen das Sorgen bereitet, aber die meisten haben keine Angst. Ganz einfach, weil die meisten sehr schnell den phänomenalen Nutzen für sich erkennen. Ein Beispiel: Haben Sie persönliche Bilder im Internet veröffentlicht?

Einige wenige . . .

Ihnen ist klar, dass diese Bilder gestohlen werden und gegen Sie benutzt werden können? Es war Ihre Wahl, die Bilder zu veröffentlichen. Sie wägen das Risiko ab, und letzten Endes liegt die Entscheidung, ob positive oder nachteilige Bilder im Internet kursieren, allein bei Ihnen. Ich zum Beispiel schreibe nicht jeden privaten Gedanken, der mir durch den Kopf geht, auf. Aber es gibt viele Jugendliche, die genau das im Internet tun.

Setzt die Sorge um die Privatsphäre, die ja bei vielen unbestreitbar ist, den Visionen von Google bald Grenzen?

Darüber denken wir nicht nach, wir denken anders. Wir wollen, dass der Konsument unser Produkt mag und nicht Angst vor Missbrauch hat. Wenn die Leute es nicht mögen, ist das okay, wir können es nicht allen recht machen, wir sind nicht perfekt. Uns interessiert aber, warum sie es nicht mögen oder Angst haben und reden mit ihnen darüber. Es wird aber immer so sein: Die einen mögen Videokonferenzen, andere nicht. Ein gewisser Prozentsatz wird Bankautomaten immer misstrauen, sie suchen vielleicht lieber das Gespräch mit einem Bankangestellten. Die meisten anderen aber werden wenigstens hin und wieder den Automaten nutzen. Ich glaube fest daran, dass sich die Menschen organisieren, und zwar nach den Kriterien der Nützlichkeit.

Gibt es für die Datenverwertung bei Google eine rote Linie, die nicht überschritten wird?

Es gibt Produkte, die wir herstellen können, die wir aber nicht anbieten wollen. Bei der IFA hat eine Frau das Beispiel gebracht, dass man mit der Kamera des Smartphone den Menschen nebenan ausspioniert und ihn identifiziert. Das werden wir nicht anbieten. Definitiv nicht.

Öffentlich sprechen Sie inzwischen nicht mehr nur von erweiterter Realität, sondern vom anbrechenden Zeitalter der Augmented Humanity, der erweiterten Menschheit. Was meinen Sie damit?

Die Menschen sollen das, was sie tun, noch besser machen. Sie sollen produktiver werden zum Beispiel. Computer brauchen die Hilfe des Menschen, um besser zu werden, sie brauchen Training. Auf der anderen Seite sind wir Menschen mit unserer Intelligenz überfordert, wenn es etwa um die Bereitstellung eines perfekten Gedächtnisses geht. Da stoßen wir Menschen an Grenzen. Meine Idee ist, dass wir die Computer verbessern, die den Menschen helfen, und gleichzeitig Menschen besser darin werden, die Computer zu trainieren. Das Ziel muss sein, dass die Leute weniger Zeit verschwenden und mehr Spaß im Internet haben.

Ganz nützlich könnte ja auch eine Art simulierte Realität sein. Wenn Wissenschaftler große Daten sammeln, versuchen sie Gesetzmäßigkeiten zu finden und Voraussagen zu treffen. Das ist ein sehr erfolgreiches Prinzip und bringt Fortschritt. Könnte Google irgendwann diesen Schritt auch für den Konsumenten gehen und personenbezogene Prognosen erzeugen? Wer wollte nicht wissen, was morgen passiert, auf was man sich einstellen kann, welche Chancen sich auftun?

Sicher könnte man mit den Daten einige interessante Voraussagen treffen. Die interessantesten würden solche über den Aktienmarkt sein. Aber Google wird das nicht tun.

Warum nicht?

Weil das nicht unser Geschäft ist. Wir könnten aber vielleicht aus der simulierten Welt ein schönes Spiel machen. Ein Spiel, das auf der Realität basiert. Farmville ist so ein Versuch, der schon sehr erfolgreich ist. Viele Dinge, die auf Farmville passieren, geschehen auch in der realen Welt.

Wie weit geht der Planungshorizont von Google?

Ein Jahr. Wir haben schon mal versucht, zwei Jahre im Voraus zu planen, aber das ist kaum möglich. Es gibt immer neue Ideen, die Dinge ändern sich ständig.

Das mobile Internet entwickelt sich sehr schnell. Aber womit wird das Geld verdient?

Heute ist es die Suchfunktion; das Wachstum ist hoch. Graphische Display-Werbung wird aber das nächste große Ding im mobilen Internet sein. Es lässt sich sehr gut an den Interessen der Menschen ausrichten. Und das Experiment mit bezahlten Apps ist gemacht. Die meisten Menschen bevorzugen kostenlose Apps, die werbefinanziert sind.

Mögen Sie eigentlich Apps wie die abertausende, mit denen Apple-Konsumenten inzwischen das Internet nutzen?

Wir bei Google bevorzugen Apps, die im Browser laufen. Stellen Sie eine App für das iPad vor und eine, die im Browser läuft. Die Programmierer der iPad-Apps haben einen guten Job für eine geschlossene Plattform gemacht, aber das Problem ist, dass sie nur auf dem iPad läuft. Eine Browser-App läuft im gesamten Web.

Im Moment sehen wir aber eine fragmentierte mobile Welt mit vielen App-Stores, verschiedenen Betriebssystemen und noch mehr Handytypen. Erwarten Sie eine Bereinigung?

Es ist klar, dass unsere Betriebssystem Android eines der erfolgreichen Systeme sein wird. Man kann auch annehmen, dass das iPhone langfristig ein Erfolg sein wird. Wir müssen abwarten, was Nokia und Research in Motion tun. Beide haben neue Geräte im Markt. Nokia ist ein sehr großer Handyhersteller, aber die Browser seines Smartphones entsprechen nicht dem Stand der Technik. Ähnliches gilt für Blackberry.

Google kann die Apps von Apple nicht durchsuchen und kann dort auch keine Werbung anzeigen. Bedroht die Popularität von Apple das Modell von Google, weil Sie keinen Zugang zu dieser geschlossenen Welt haben?

Meine Antwort ist: Der Markt ist groß und wird viele Gewinner haben. Das iPad hat viele gute Apps gezeigt, die aber limitiert sind, weil sie nicht auf anderen Plattformen arbeiten. Es ist unsere Aufgabe, Apps auf ähnlichem Niveau zu entwickeln, die aber überall im Browser funktionieren. Unser Modell ist offen. Wir haben eine große Wette auf die Offenheit der Systeme laufen. Offenheit ist meine Religion. Die Apple-Religion ist das genaue Gegenteil. Ich weiß das, weil ich im Aufsichtsrat gesessen habe.

Der bekannte Blogger Tim O'Reilly hat einen interessanten Artikel über den Krieg der Plattformen im Internet geschrieben - einen Krieg zwischen Google, Facebook und Apple, die sich gegenseitig voneinander abschotten und das freie Web aushebeln. Herrscht Krieg zwischen den Giganten im Internet?

Ich würde es nicht Krieg nennen, aber eine strategische Schlacht. Die geschlossenen Systeme machen einen guten Job, haben aber ihre Grenzen. Wir halten die Wette, dass die offene Plattform gleich gute Funktionen aufweist, aber viel größer ist und daher am Ende gewinnen wird.

Ein großer Streit im Internet dreht sich zurzeit um die Netzneutralität, also die Frage, ob Netzbetreiber alle Daten gleich behandeln müssen oder die Daten zahlender Kunden bevorzugt transportieren dürfen. Google hat mit dem gemeinsamen Vorschlag mit dem Netzbetreiber Verizon zur Netzneutralität große Entrüstung hervorgerufen, die bis zum Vorwurf des Verrats am freien Internet ging. Stimmt das?

Zuerst: Der Großteil des Internets heute ist kabelgebunden, nicht mobil. Unser Vorschlag an den amerikanischen Kongress war, die volle Netzneutralität im kabelgebundenen Internet zu garantieren. Einige Leute haben bewusst gelogen und unsere Meinung falsch wiedergegeben.

Aber die Netzbetreiber bauen gerade Überholspuren im mobilen Internet ein, um ein Zwei-Klassen-Internet zu schaffen. Spätestens mit dem Start der vierten Mobilfunkgeneration LTE wollen sie die Netzneutralität aufweichen.

Der Wettbewerb um das mobile Internet ist so groß, dass der Markt die richtige Antwort gibt. Wenn die Kunden das nicht wollen, werden sie den Netzbetreiber wechseln.

War Ihnen klar, welche Reaktionen Ihr Vorschlag auslösen würde?

Die Reaktionen waren schärfer, als wir erwartet haben. Das lag auch daran, dass einige Leute uns falsch wiedergegeben haben. Vieles von dem, was geschrieben wurde, ist einfach falsch. Wir haben unsere Politik nicht geändert. Wir haben keinen Deal mit Verizon, wir kaufen keinen bevorzugten Datenverkehr. Also klare Antwort auf alle der drei Fragen: No, no, no, no.

Aber die Netzbetreiber wie die Deutsche Telekom fordern doch Geld von Google, weil Google und Youtube so viele Daten durchs Netz transportieren. Werden Sie zahlen?

Die Netzbetreiber bekommen kein Geld von Google. Das ist eine schlechte Strategie. Wir zahlen nicht für den Traffic. Das ist eine ganz klare Aussage.

Und Google wird auch nicht in Zukunft für solchen bevorzugten Traffic zahlen?

Nein.

Sie sagten, Sie wollen Probleme immer von der Konsumentenseite her lösen. Persönlich zugeschnittene Informationen und Werbung ist Ihr Geschäft. Muss es da nicht das Ziel sein, dass Google auch sehr persönliche und wertvolle Daten sammelt und auswertet, zum Beispiel medizinische Informationen oder gar Genominformationen, wenn wir eines Tages alle unser Genom entschlüsselt und digitalisiert haben?

Medizinische Informationen sind gesetzlich geschützt, in Amerika genauso wie in Europa. Ich halte zudem das Szenario, dass jeder sein Genom entschlüsselt hat, für sehr unwahrscheinlich. Selbst wenn es so wäre, gäbe viele juristische Hürden, solche Daten im Internet zu nutzen. Wir wollen das jedenfalls nicht.

Google spricht gerne davon, den Verlegern im Internet helfen zu wollen, Geld zu verdienen. Wie denn genau?

Wir entwickeln ein Bezahlsystem für Verleger. Sie sollten ihre Informationen auf allen verfügbaren Plattformen verkaufen können, ob es nun das iPad ist oder das Web. Das System ist aber noch nicht fertig. Wir sprechen aber zurzeit mit vielen amerikanischen und europäischen Verlegern über das Thema.

Eric Schmidt, 55, ist in Washington DC geboren. Der Informatiker und Manager leitet seit 2001 die Geschäfte von Google und ist seit zwei Jahren Berater von Präsident Obama in Technologiefragen. Seine Abschlussrede war Höhepunkt der diesjährigen Internationalen Funkausstellung IFA in Berlin.

Das Gespräch führten Joachim Müller-Jung und Holger Schmidt

Quelle: F.A.Z.
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