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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Gefahren der Softwaregläubigkeit Die Aschewolke aus Antiwissen

 ·  Der Software-Staat führt in die intellektuelle Passivität - warum wir den Verstand verlieren, wenn wir uns auf Computersimulationen verlassen.

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In der F.A.Z. vom 19. April (siehe Triumph der Simulation über die Intuition) hat Frank Schirrmacher die Wolke aus Vulkanasche, die zu einer tagelangen Sperrung des europäischen Luftraums führte, als Metapher und böses Omen interpretiert - meines Erachtens völlig zu Recht. Vor etwas mehr als einer Woche stürzten ausgeklügelte Computermodelle Europas Reiseverkehr ins Chaos. Unser ständig wachsendes Vertrauen auf solche Softwaresimulationen birgt für die Zukunft mindestens zwei Gefahren.

Erstens, dass wir in eine dauerhafte Aschewolke aus Antiwissen eingehüllt werden, wenn Softwaremodelle falsche Vorhersagen treffen, die durch das ehrwürdige Imprimatur der wissenschaftlichen Priesterschaft abgesegnet, von der Presse wie ein hässliches Gerücht in Umlauf gebracht, von den Vereinten Nationen überhastet gebilligt und von Politikern auf der ganzen Welt zur Grundlage ihres Handelns gemacht werden.

Softwaregläubigkeit kann zu einer lähmenden Abhängigkeit werden

Weil viele der Softwaremodelle, auf die wir uns verlassen, zu komplex sind, als dass die Öffentlichkeit sie verstehen könnte - und oft auch zu komplex, als dass irgendjemand sie verstehen könnte -, ähneln die Urteile, die sie uns verkünden, den unerfindlichen bürokratischen Diktaten eines kafkaesken Staats, denen fraglos Folge zu leisten ist, obwohl keiner sie erklären kann.

Die zweite, noch größere Gefahr ist: So, wie sich in einem prozessfreudigen, mit Rechtsanwälten vollgepfropften Staat moralische Passivität ausbreitet, weil Recht an die Stelle von Ethik tritt, greift in einem Softwarestaat intellektuelle Passivität um sich. Softwaregläubigkeit kann zu einer lähmenden Abhängigkeit werden. Die Collegestudenten, die ich unterrichte, sind selbstverständlich mit Taschenrechnern aufgewachsen. Folglich geben sie manchmal unsinnige Antworten auf numerische Aufgabenstellungen, weil ihre Taschenrechner oder Computer unsinnige Antworten ausspucken: Die Studenten haben Fehler bei der Dateneingabe gemacht, besitzen aber nicht genügend gesunden Zahlenverstand, um zu merken, dass die Ergebnisse ihrer Berechnungen um Größenordnungen danebenliegen.

Der These von der Erderwärung mit Skepsis begegnen

Das blinde Vertrauen auf die Kafka-Computer des wissenschaftlichen Mysterium-Staats hat uns bereits in erhebliche Schwierigkeiten gebracht. Kohlendioxidemissionen könnten die zivilisationsbedingte Erderwärmung verursachen; wir wissen es noch nicht. Die Erderwärmung, die von Kohlendioxidemissionen verursacht werden könnte, könnte gefährlich sein; wir wissen es noch nicht. Was wir wissen, ist, dass die zivilisationsbedingte Erderwärmung vorläufig eine wissenschaftliche Hypothese ist, der man mit Skepsis begegnen sollte - weil man allen derartigen Hypothesen mit Skepsis begegnen sollte und weil das Klima von Natur aus zwischen kälteren und wärmeren Perioden schwankt.

Wir wissen auch, dass man den Computermodellen, denen wir die Vorhersage der vom Menschen verschuldeten Erderwärmung verdanken, ihrerseits mit Skepsis begegnen muss - weil man jedes komplexe Stück Software mit Skepsis behandeln sollte und weil das Klimageschehen derart komplex ist, dass unsere Softwaremodelle auf diesem Feld besonders grobschlächtig ausfallen; bei einigen einschlägigen Testläufen konnten sie die Vergangenheit nicht vorausberechnen - und die Zukunft erst recht nicht. Es geht darum, auch bei Dingen, die wir moralisch richtig finden, skeptisch und lernfähig zu bleiben, solange wir nicht imstande sind, die Aussagen rational nachzuvollziehen.

Wir haben reichlich Zeit zum Nachdenken

Skepsis ist in diesem Fall auch deshalb besonderes angebracht, weil eine nennenswerte Beeinflussung der weltweiten Kohlendioxidemissionen Billionen Dollar kosten würde - Geld, das wir für die Medizin oder die Wissenschaft oder für Parkanlagen ausgeben könnten, für die Bildung oder die Ernährung der Menschheit, für die Erforschung des Weltalls oder für Museen oder dafür, jedem Dorf auf dem Planeten zu einer anständigen Kanalisation und sauberem Trinkwasser zu verhelfen. Geld, das wir vielleicht aber auch gar nicht ausgeben und stattdessen den Bürgern, die es erwirtschaften, zu ihrer eigenen Verwendung lassen könnten. Auf jeden Fall ändert sich das Klima langsam, wenn es sich ändert, und wir haben reichlich Zeit, um in Ruhe darüber nachzudenken. Stattdessen haben wir uns entschlossen, Billionen von Dollar und die Gesundheit der gesamten Weltwirtschaft auf einen Würfelwurf zu setzen.

Was Sie soeben gelesen haben, hätte ein Erzgrüner schreiben können. Diese Überlegungen entsprechen dem elementarsten gesunden Menschenverstand; sie bringen nichts anderes zum Ausdruck als das Regelsystem, auf dem das moderne wissenschaftliche Zeitalter von Anfang an beruht hat. Wir aber sind berauscht von Computersimulationen, die unseren Blick verschleiern und unser Urteilsvermögen trüben. Warum begnügen wir uns damit, Technologen und Wissenschaftler zu den einzig wahren Erwachsenen zu erklären und uns selbst wie Kinder zu benehmen?

Ein neues Zeitalter intellektueller Knechtschaft

In England nennt man ein sozialistisches Gemeinwesen, in dem staatliche Bürokraten eine gefügige Bürgerschaft überwachen, Vormundschafts- oder Bevormundungsstaat. Der Softwarestaat ist ein Bevormundungsstaat par excellence, in dem das Kindermädchen, das nur das Beste will, durch den allmächtigen Priester eines Mysterienkults ersetzt wurde, der eine merkwürdige Sprache spricht und die Macht hat, das Leben der Bürger und die Geschicke von Nationen zu lenken. Wie Schirrmacher schrieb: „Heute stoppt die Computersimulation den Flugverkehr, zu Kosten, die täglich in die Hunderte Millionen gehen. Was wird sie morgen tun? Was tut sie jetzt schon, ohne dass wir es ahnen? Und was ist der Preis?“

Vor geraumer Zeit veröffentlichte ich ein Buch mit dem Titel „Mirror Worlds“ (1991; deutsch „Gespiegelte Welten im Computer“, 1996). Dort behauptete ich, die Wirklichkeit werde sich im Cyberspace auf dieselbe Art spiegeln wie ein Dorf im unbewegten Wasser des Dorfteichs. Das Buch schließt mit einem fiktiven Streitgespräch zwischen einem Technologen und einem Humanisten. Der Humanist behauptet, dass Spiegelwelten - und ausgeklügelte Computersimulationen sind eine Form von „Spiegelwelt“ - ein neues Zeitalter intellektueller Knechtschaft herbeiführen werden. „Nicht, dass ich den Softwareexperten, die entwickeln und bauen, misstraue“, sagt der Humanist, „ich halte sie für verantwortungsbewusste, professionelle Typen. Sie werden sich hervorragend um uns kümmern. Und genau das ist das Problem. Knechtschaft ist ein Zustand völliger Abhängigkeit - ich verstehe diese Dinge nicht, aber ich verlasse mich auf sie, nicht nur aus Bequemlichkeit, sondern um überhaupt denken zu können. Das Ergebnis heißt Feudalismus, ob ein tatsächlicher oder ein intellektueller.“

In meinem Buch setzt sich der Humanist mit seiner Argumentation durch. Im wirklichen Leben gewinnt der Technologe, und der Rest von uns, wir alle überall - wir verlieren.

David Gelernter, geboren 1955, hat mit seinen Forschungen die Grundlagen des World Wide Web geschaffen. Sein Name ist eng mit dem Siegszug des digitalen Zeitalters verbunden, sein Buch „Mirror Worlds“ (1991) nimmt fast alle Entwicklungen digitaler Kommunikation der letzten zwei Jahrzehnte vorweg. Am 24. Juni 1993 öffnete er ein Päckchen: den Sprengsatz des Una-Bombers Ted Kaczynski, der die Köpfe jener Revolution töten wollte und sich einen der wichtigsten Computerwissenschaftler ausgesucht hatte. Heute ist Gelernter Professor für Computerwissenschaft in Yale.

Aus dem Englischen von Michael Adrian.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in einem Kommentar des Physikers und Wissenschaftmanagers Haim Harari.

Quelle: F.A.Z.
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