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Facebook Generation Warum?

09.12.2010 ·  Die 500 Millionen Mitglieder von Facebook liefern sich der Gedankenwelt eines jungen Nerds aus, dessen Werte die meisten von ihnen wohl kaum teilen. Das Ziel ist eine gleichförmige Welt. Ein Essay der britischen Schriftstellerin Zadie Smith.

Von Zadie Smith
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Wie lange dauert eine Generation heutzutage? Ich gehöre vermutlich zu Mark Zuckerbergs Generation (wir sind nur neun Jahre auseinander), doch es fühlt sich nicht so an. Obwohl ich (wie jeder, der im Herbst 2003 auf dem Harvard-Campus war) sagen kann, dass ich dabei war, als es mit Facebook losging. Ich erinnere mich an Facemash und die ganze Aufregung darüber. Auch an den schönen Filmstar, dem junge Fans durch den Schnee hinterherliefen, und überhaupt an den Schnee, der so schlimm war, dass die Zehen sich grau verfärbten und alle Lebensgeister einfroren und ein Eichhörnchen vor meinem Haus ein unblutiges Ende fand - erstarrt, leblos, perfekt wie eine Blaschka-Glasblume. Noch in vielen Jahren werde ich glauben, ich sei Zuckerberg nahe gewesen, so wie jeder im Liverpool der sechziger Jahre John Lennon kannte.

Tatsächlich waren Zuckerberg und all die Harvard-Kids mir fern. Daran hat sich bis heute nichts geändert, zumal ich (bewusst, zwangsläufig) auf all die Dinge verzichte, die ihnen wichtig sind. Wir haben andere Vorstellungen, vor allem ein anderes Menschenbild. Ich frage mich oft, ob meines nicht nostalgisch, irrational, unzutreffend ist. Vielleicht hat die Generation Facebook ihre virtuellen Häuser für die Web-2.0-Menschen in gutem Glauben gebaut, und wenn ich mich darin unwohl fühle, dann deswegen, weil ich über den 1.0-Mensch nicht hinausgekommen bin. Doch je mehr ich mich mit der Generation Facebook (in Gestalt meiner Studenten) befasse, desto überzeugter bin ich, dass ein Großteil der sie prägenden Software ihrer unwürdig ist. Sie sind interessanter, sie haben Besseres verdient.

Der Film „The Social Network“ schafft das fast, erstaunlicherweise, so dass er gelungener wirkt, als er wohl objektiv ist. Schon die Eingangsszene macht klar, dass es ein Film über 2.0-Menschen von 1.0- Menschen ist (Drehbuchautor Aaron Sorkin ist 49, Regisseur David Fincher 48). Es wird viel geredet, so viel und so schnell wie in Howard Hawks' „Sein Mädchen für besondere Fälle“. Ein junger Mann (Mark) sitzt mit seiner Freundin (Erica) in einer Studentenkneipe, und sie reden in jener unerbittlichen Sorkinschen Art aufeinander ein, die durch „West Wing!“ berühmt wurde.

Etwas stimmt aber nicht mit diesem jungen Mann. Sein Blick ist nervös, übliche Redewendungen oder sprachliche Nuancen scheint er nicht zu verstehen, er ist auf geradezu aggressive, verletzende Weise pedantisch. Er begreift nicht, dass Erica mit ihm Schluss machen will („Moment, ist das real?“), geschweige denn, warum. Ihm ist nicht klar, dass Tatsachenbeschreibungen verletzen können.

Kurzum, er ist ein Nerd, ein Autist - ein Typus, der den Zuschauern so vertraut ist wie seinerzeit Howard Hawks' zynischer Reporter. Sorkin kann Zuckerberg mit wenigen Strichen zeichnen. Wir wussten, dass wir diesem Typus begegnen würden, und so sieht man Sorkin mit großem Vergnügen dabei zu, wie er unser Bild von Zuckerberg mit Leben erfüllt. Manchmal macht sich die Allgemeinheit ein Bild von jemandem. Wissen wir nicht alle, was Nerds wollen? Reichtum, Berühmtheit, Mädchen. Sorkin entwickelt eine hinreißende Story von zweifacher Zurückweisung: von Erica und dem Porcellian Club abgelehnt, beginnt Zuckerberg seinen Rachefeldzug.

Die Zuschauer, so mein Eindruck, konnten sich sofort mit der Handlung identifizieren. Aber wenn die Hipster und Nerds auf Finchers übliche Pyrotechnik hoffen, werden sie enttäuscht sein. In einem Anwaltsbüro kann Fincher nicht viel anstellen. Er muss sich darauf beschränken, rasant zwischen Harvard und späteren Gerichtsverhandlungen zu schneiden. Sehr gut ist die Besetzung. Jesse Eisenbergs Zuckerberg ist überzeugend: Die passiv-aggressive, flache Stimme, das Gelangweiltsein, wenn jemand anderes spricht, das kaum unterdrückte dümmliche Grinsen. Eisenberg beherrscht auch den korrekten Gang eines Nerd (kein schüchternes Schlurfen, sondern bemüht aufrechtes Gehen). Natürlich mit Rucksack. In einer Vier-Minuten-Szene sehen wir Zuckerberg den Harvard-Campus durchqueren, bis er schließlich dort ankommt, wo er hingehört, wo er sich wohlfühlt - vor seinem Laptop und seinem Blog.

Welche Macht hoffte er als Siebzehnjähriger zu erlangen? Mädchen? Aber dieses Motiv kann es nicht sein - Zuckerberg ist, mit kurzer Unterbrechung, seit 2003 mit derselben jungen Frau liiert, was der Film völlig übergeht. In der Schlusssequenz, wenn alle Gerichtsverfahren ausgestanden sind, sehen wir Zuckerberg, zusammengesunken vor seinem Laptop, an Erica denkend. Er schickt ihr eine „Freundschaftsanfrage“ und schreibt, in Erwartung einer Antwort, die Seite ständig um.

Sie bauen eine neue Welt

Wenn es nicht um Geld und nicht um Mädchen geht - worum dann? Mit Zuckerberg haben wir ein typisches amerikanisches Rätsel. Vielleicht ist es nicht so rätselhaft, und er spielt einfach sein Spiel, wartet ab: nicht eine Milliarde Dollar, sondern Hundert Milliarden. Oder programmiert er einfach gern? Diese Option haben die Filmemacher sicherlich erwogen, aber man sieht sofort das Dilemma: Wie vermittelt man verständlich und filmisch überzeugend die Freuden des Programmierens (so es sie gibt). Filme sind bekanntermaßen nicht geeignet, die Freuden und Zwänge kreativer Arbeit vorzuführen, selbst wenn das Medium vertraut ist.

Als Zuschauer ist man fast ein wenig stolz auf diese 2.0-Generation, obwohl man weiß, dass Sorkin das Gegenteil erreichen will. Diese Jungs sind jahrelang dafür kritisiert worden, keinen Roman geschrieben, kein Bild gemalt, keine Musik komponiert und sich nicht politisch engagiert zu haben. Die schlauesten 2.0-Kids haben etwas ganz anderes getan: Sie haben eine neue Welt gebaut.

Die wichtigste Frage solcher Macher lautet: Wie schaffe ich das? Zuckerberg hat das in rund drei Wochen gelöst. Zur zweiten Frage, der ethischen, kam er später: Warum? Warum Facebook? Warum dieses Format? Warum so und nicht anders? Bemerkenswert an dem realen Zuckerberg ist die relative Banalität seiner Gedanken zu dem „Warum“ von Facebook. Er spricht von „verbinden“ wie von etwas Heiligem, so wie Gläubige von „Jesus“ sprechen: „Die Idee ist, äh, dass die Leute mit anderen in Verbindung treten und Informationen mit den Leuten austauschen können, mit denen sie verbunden sein wollen . . .“ Es geht also um Verbundensein. Die Qualität dieser Verbindung, die Qualität der Informationen, die auf diese Weise ausgetauscht werden, die Qualität der sich daraus ergebenden Beziehung - all das ist unwichtig. Dass die Software die Nutzer sozialer Netzwerke dazu verleitet, weitgehend inhaltsleere, oberflächliche Beziehungen mit anderen herzustellen, und dass das vielleicht nicht unbedingt erstrebenswert ist, scheint Zuckerberg nicht zu tangieren.

All die grundsätzlichen Fragen zu Privatsphäre und Öffentlichkeit, die sein raffiniertes Projekt aufwirft, interessieren ihn nicht. Wenn ich Interviews mit ihm sah, wartete ich immer auf den sprachlichen Witz, den beherrschten Sarkasmus des berühmten Zuckerberg - bis mir einfiel, dass das ja Sorkin war. Der reale Zuckerberg ähnelt viel mehr seiner Website, auf der er, als 2004 alles anfing, durchgängig den Hinweis „A Mark Zuckerberg Production“ anbrachte. Beherrscht, aber langweilig, intelligent und sauber, aber schlicht, ideologiefrei, emotionslos.

Meister der Affektkontrolle

Dem Zuckerberg-Porträt im New Yorker ist zu entnehmen, dass er auf seiner Facebook-Seite unter Interessen Minimalismus, Revolutionen und „das Überwinden von Begierde“ auflistet. Wir erfahren auch, dass er viel für die Kultur und die Schriften der alten Griechen übrighat. Vielleicht ist das der Unterschied zwischen dem realen und dem fiktiven Zuckerberg. Der Film zeigt ihn in der römischen Welt von Verrat und Exzessen, während der reale Zuckerberg wohl eher zu den Griechen gehört, zu den Stoikern. Die Physiognomie der beiden ist aufschlussreich: Der reale Zuckerberg ist eine hellenische Skulptur, nobel, unausgeprägt, ein wenig wie der Doryphoros (aber nur das Gesicht, der Torso ist eindeutig nicht siebenmal so lang wie der Kopf). Der Leinwand-Zuckerberg hat etwas Römisches, die Gesichtszüge sind detailliert ausgearbeitet. Die Freundin an seiner Seite, das gemietete Haus und die Unaufgeregtheit, mit der er im Fernsehen auf Angriffe reagiert - all das gibt ihm etwas Stoisches. Und wer die Begierde überwindet, hat ja auch nichts zu verbergen, nicht wahr?

Mit einem solchen Menschen haben wir es zu tun, mit jemandem, der nie (wie im Film) mit einem Groupie auf der Toilette vögeln oder seine Freundin wegen eines Dessous-Models verlassen würde. Dieser Mensch glaubt, dass weniger Privatsphäre gut ist. Bemerkenswert an Zuckerbergs Vision vom offenen Internet ist die Unauffälligkeit seines Funktionierens - wie Facebook-Mitglieder feststellen mussten, als die Privatsphäre-Einstellungen geändert wurden. Nun wurde immer mehr öffentlich - mit der Folge, dass Tante Dora plötzlich herausfinden konnte, dass man Dienstag letzter Woche in den Schwulenverband eingetreten war. Junge Schwule wurden wieder Heteros, Partygänger entfernten ihre Fotos, radikale Stimmen zogen es vor, sich nicht mehr zu Wort zu melden. Im realen Leben können wir all diese Leute sein und nach Belieben mit anderen kommunizieren. Facebook hat das in einem verräterischen Moment vergessen. Oder wollte nicht so lange warten, bis wir uns in der vorgesehenen Weise angepasst haben. Zum Thema Privatsphäre erklärte Zuckerberg: „Diese soziale Norm hat sich im Laufe der Zeit entwickelt.“ Die Öffentlichkeit protestierte lautstark. Facebook richtete daraufhin Gruppen ein. Wir sollen unsere Freunde nach „Cliquen“ einteilen können, von denen einige etwas mehr über uns erfahren, andere weniger.

Wie diese „Gruppen“ parallel neben „Facebook Connect“ funktionieren sollen, bleibt abzuwarten. Facebook Connect bietet Nutzern die Möglichkeit, ihr Profil, ihre Freunde und ihre Privatsphäre mit anderen Websites zu „verbinden“. In diesem offenen Internet bewegen wir uns mit unserer realen Identität. Dieses Konzept mag eine stoische Haltung befördern: keine anonymen Gehässigkeiten, keine böswilligen Trolle mehr. Wer unter eigenem Namen via soziale Netzwerke in der ganzen virtuellen Welt unterwegs ist, muss vorsichtig sein. Andererseits hat man auch seine Präferenzen dabei, seinen Geschmack, seine Konsumgewohnheiten, alles mit dem eigenen Namen verknüpft - die Werbeindustrie reibt sich schon die Hände.

Die Sorge, nicht mehr Schritt zu halten

Vielleicht wird es eine noch intensivere Version jenes Internets sein, in dem ich schon lebe, wo ich von Zahnarztwerbung verfolgt und unablässig aufgefordert werde, meine eigenen Bücher zu kaufen. Oder vielleicht wird das ganze Internet einfach eine Art Facebook sein - gespielt fröhlich, gespielt freundlich, ichbezogen, unaufrichtig. Aus all diesen Gründen bin ich nur zwei Monate bei Facebook geblieben. Der Ausstieg ist, wie bei jeder Droge, viel schwerer als der Einstieg. Dauernd schwankte ich in meiner Meinung. Facebook ist die größte Ablenkung, die ich kenne, und genau darum fand ich es gut. Vielen Menschen dürfte es ähnlich gehen. Bestimmte Verfahren der Arbeitsvermeidung sind anstrengend - Rauchen, Essen, Telefonieren -, und die Zeit vergeht dabei auch nicht besonders schnell. Bei Facebook vergingen Stunden, Nachmittage, ganze Tage wie im Flug.

Als ich dann beschloss, endgültig aufzuhören, stand ich vor der Frage, die alle beschäftigt: Wird man tatsächlich entfernt? Ein für allemal? Auch Matt Lauer wollte das in der „Today Show“ von Zuckerberg wissen, aber weil er nie zuhört, gab er sich mit der Antwort zufrieden - „Ja, also, keine einzige Information wird weitergegeben“ - und stellte die nächste Frage.

Man will ja in Bezug auf die eigene Generation optimistisch sein. Man will mit den anderen Schritt halten und nicht Sorge haben, etwas nicht mehr zu verstehen. Anders gesagt, wenn man sich in ihrer Welt nicht ganz wohl fühlt, möchte man gute Gründe dafür haben. Der Computerpionier Jaron Lanier, der den Begriff der virtuellen Realität eingeführt hat, gehört nicht zu meiner Generation (er ist 1960 geboren), aber er kennt und versteht uns. Er hat ein überaus fundiertes Buch geschrieben, „You Are Not a Gadget“ (Deutsch: „Warum die Zukunft uns noch braucht“), das genau meine Besorgnis zum Ausdruck bringt.

Lanier geht der Frage nach, warum Menschen „sich selbst reduzieren“, um ein möglichst zutreffendes Computerprofil von sich zu haben. „Informationssysteme“, so Lanier, „benötigen Informationen, wenn sie funktionieren sollen, doch in der Information ist die Realität unterrepräsentiert.“ Es gibt kein vollkommenes Computerprofil eines Menschen. In der Realität ist uns das klar, aber sobald wir online sind, vergessen wir es. Auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken wird das Leben zu einem Datenbestand. Lanier sieht darin eine Herabsetzung, die auf einem philosophischen Irrtum beruht - „dem Glauben nämlich, Computer seien in der Lage, das menschliche Denken oder zwischenmenschliche Beziehungen abzubilden. Zumindest heute können Computer das jedoch nicht.“

Die Ideologie der Software

Wir wissen instinktiv, welche Konsequenzen das hat, wir spüren es. Wir wissen, dass zweitausend Facebook-Freunde nicht das sind, was es suggeriert. Wir wissen, dass wir die Software verwenden, um mit anderen Menschen in einer bestimmten, oberflächlichen Weise zu interagieren. Wir wissen, was wir in diesem Programm machen. Aber wissen wir auch, was die Software mit uns macht? Könnte das, was wir online kommunizieren, irgendwann „Wahrheit“ werden? Lanier, der Softwareexperte, erklärt mir, die ich von Software keine Ahnung habe, was (für andere Experten) offensichtlich ist: Software ist nicht neutral. Software gründet auf Philosophien, die für den Nutzer unsichtbar sind.

Wir sollten, schlägt Lanier vor, uns eine Welt ohne „Dateien“ vorstellen. (Die erste Version des Macintosh, die nie auf den Markt kam, kannte keine Dateien.) Ich muss gestehen, dieses Denkexperiment fand ich so irritierend, als hätte ich mir eine Welt ohne „Zeit“ vorstellen sollen. Und stellen wir uns weiter vor, dass diese Softwaredesigns, oft beiläufig und spontan angenommen, sich „festsetzen“ und, von Millionen verwendet, kaum mehr zu ändern sind. MIDI, eine in den frühen achtziger Jahren entwickelte Software zur Datenübertragung von Musik (beispielsweise zwischen Keyboard und Computer), kann die melodische Linie eines Koloratursoprans nicht darstellen; bis heute ist MIDI die Grundlage der Konservenmusik, die wir am Telefon, in den Charts, im Aufzug hören - weil das Programm too big to fail geworden, also nicht mehr zu verändern war.

Lanier möchte, dass wir aufmerksam mit der Software umgehen, der wir uns unterwerfen. Dient sie tatsächlich unseren Bedürfnissen? Oder reduzieren wir unsere Bedürfnisse, um uns sagen zu können, die Software kenne keine Grenzen? Lanier schreibt: „Unterschiedliche Mediendesigns stimulieren unterschiedliche Potentiale der menschlichen Natur. Wir sollten nicht versuchen, die Rudelmentalität so effizient wie möglich zu machen. Wir sollten lieber versuchen, die individuelle Intelligenz zu fördern.“

Aber genau diese Rudelmentalität will Open Graph (ein neues Feature von Facebook) fördern. Mit Open Graph sieht man, was Freunde lesen, essen, sich ansehen, so dass man genau dasselbe lesen, essen, sich ansehen kann wie sie. Zuckerberg erklärte in dem „New Yorker“-Porträt: „Am meisten interessiert uns, was in unseren Köpfen vorgeht. Und das kann man nicht auf den Index setzen . . . Das ist doch ein ganz tiefes Bedürfnis, man möchte wissen, was in anderen Leuten vorgeht.“

Das Ziel ist eine gleichförmige Welt

Wirklich? Geht es darum? Im Film liefert Sean Parker in einem seiner endlosen Monologe eine Definition der Generation Facebook: „Wir haben auf dem Land gelebt, dann in den Städten, und jetzt werden wir im Internet leben.“ Dem kann der Internetvisionär Lanier eigentlich nicht widersprechen. Seine Skepsis angesichts des Reduktionismus der Web-2.0-Nerds bringt uns aber zu der Frage: Was für ein Leben? Sicher keines, in dem 500 Millionen beschließen, „Bride Wars“ zu schauen, nur weil ihre Freunde das tun. „Man muss jemand sein“, schreibt Lanier, „bevor man etwas mitzuteilen hat.“ Für Zuckerberg ist man aber schon jemand, wenn man Kontakt mit allen Leuten aufnimmt (und tut, was sie tun).

Ich persönlich glaube nicht, dass es wirklich um die Studentenclubs ging. Es ging nicht um Exklusivität, nicht einmal um Geld. E pluribus unum - darum geht es. Ich vermute einfach, dass Zuckerberg sein will wie alle anderen. Er will geliebt werden. Die 1.0-Leute, die Zuckerbergs ungeschickte PR-Geste nicht verstehen konnten (am Tag der Filmpremiere spendete er 100 Millionen Dollar für die Schulen in Newark) - sie kapieren einfach nichts. Für unsere verunsicherte Generation (das gilt für mich und Zuckerberg und alle anderen, die in den Achtzigern und Neunzigern mit dem Fernsehen großgeworden sind) ist der Gedanke, unbeliebt zu sein, ziemlich schlimm, geradezu unerträglich. Zuckerberg musste zeigen, dass er besser war als die Story. Zwei Wochen später sah er sich den Film an. Warum? Weil er allen gefiel.

Wer auf einer Website wie Facebook nur noch als Datenmenge existiert, ist ein reduzierter Mensch geworden. Alles ist eingeschränkt - Charakter, Freundschaften, Sprache, Empathie. In gewisser Weise ist es eine neue Erfahrung von Transzendenz: Wir verlieren unseren Körper, unsere Gefühle, unsere Bedürfnisse, unsere Angst. Wer das liberal-bürgerliche Menschenbild ablehnt, muss wissen, was an dessen Stelle treten soll. Social Networking macht uns nicht freier, sondern abhängiger.

Mit Facebook will Zuckerberg offenbar eine Art Noosphäre schaffen, eine gleichförmige Welt, in der es belanglos ist, wer man ist, solange man „auswählt“, das heißt Kaufentscheidungen trifft. Wenn es darum geht, bei möglichst vielen Menschen beliebt zu sein, wird jede Besonderheit weggebügelt. Eine Nation, ein Format. Wir selbst halten uns natürlich für etwas ganz Besonderes, davon zeugen wunderbare Fotos, und manchmal kaufen wir auch irgendetwas. Letzteres ist für uns nicht entscheidend. Aber die Werbeeinnahmen, die über Facebook herabregnen - sofern Zuckerberg es schafft, dass 500 Millionen Menschen sich mit ihrem Facebook-Profil im ganzen Internet tummeln -, zeichnen ein anderes Bild von uns. Für die Werbeindustrie sind wir potentielle Käufer, die sich mit ein paar uninteressanten Fotos schmücken.

Der unsichere Status des Virtuellen

Sehen wir uns womöglich auch schon so? Interessant fand ich, dass eine kleine Rechenübung auf dem Weg ins Kino (wie alt war ich damals in Harvard, wie alt bin ich heute?) eine Web-1.0-Panikattacke in mir auslöste. Bald bin ich vierzig, dann fünfzig, und nicht mehr lange, dann bin ich tot. Ich brach in Zuckerbergschen Schweiß aus, mein Herz raste. Ich musste stehenbleiben und mich irgendwo anlehnen. Ist dieses Gefühl auch auf Facebook möglich? Ich habe gesehen (ich gestehe, es war mir peinlich), dass auf der Facebook-Pinnwand von ermordeten Jugendlichen, jedenfalls in Großbritannien, oft Nachrichten hinterlassen werden, die dem Ernst der Situation nicht ganz angemessen sind. Sachen wie „Sorry Schätzchen! Fehlst mir!!! Hoffe du bist bei den Engeln. Wir hatten sooo viel Spaß zusammen LOL! Peace xxxxxx.“

Wenn ich so etwas lese, sagt eine Stimme in mir: „Es ist einfach mangelnde Bildung. Sie empfinden genau wie andere, können es nur nicht ausdrücken.“ Doch dann meldet sich eine andere Stimme, düsterer, beunruhigend. Glauben die Leute wirklich, dass das tote Mädchen irgendwie noch lebt, bloß weil die Pinnwand noch aktiv ist? Wo ist der Unterschied, wenn es ohnehin nur ein virtueller Kontakt war?

Software mag die Menschen reduzieren, aber es gibt graduelle Unterschiede. Auch die Literatur reduziert den Menschen, schlechte Literatur mehr als gute, und wir können uns für gute Literatur entscheiden. Jaron Lanier sagt, dass das „Gefangensein“ im Web 2.0 bald passieren wird, jetzt gerade passiert, tendenziell schon eingetreten ist. Und was ist da gefangen? Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass Facebook, unser liebstes Interface mit Realität, von einem jungen Harvard-Studenten mit den typischen Interessen eines jungen Harvard-Studenten entwickelt wurde. Was ist dein Beziehungsstatus? (Wähle einen. Es kann nur eine Antwort geben. Die Leute müssen Bescheid wissen.) Hast du ein „Leben“? (Beweise es. Stelle Bilder ein.) Interessierst du dich für die richtigen Dinge? (Stell eine Liste auf. Gut sind Film, Musik, Bücher und Fernsehen. Architektur, Ideen oder Pflanzen kommen nicht in Frage.)

Daseinsmetapher Badewanne

Ich fürchte, ich werde nostalgisch. Ich träume von einem Web, das die Bedürfnisse eines nicht mehr existierenden Menschen erfüllt. Eines Menschen, der der Welt und, ganz besonders, sich selbst ein Rätsel ist. Der Mensch als Rätsel, dieses Bild verändert sich zweifellos, hat sich schon verändert. Hier stimme ich Zuckerberg zu: die Menschen entwickeln sich.

Zuckerberg behauptet natürlich, dass sie das ganz allein tun und dass die von ihm und anderen entwickelte Technologie keinen Einfluss darauf hat. Darüber sollten Computerspezialisten und Philosophen streiten (idealerweise Techniker-Philosophen wie Jaron Lanier). Woher die Veränderung auch kommt, mir ist klar, dass meine Studenten anders sind als ich früher oder als die Studenten, die ich vor gerade einmal sieben Jahren in Harvard unterrichtet habe. Zurzeit lese ich mit meinen Studenten den Roman „Das Badezimmer“ des belgischen Experimentalisten Jean-Philipp Toussaint (ich hatte ihn jedenfalls für einen Experimentalisten gehalten). Es geht darin um einen Mann, der beschließt, sein Leben fortan in der Badewanne zu verbringen. Meine Studenten finden diesen Roman ausgesprochen realistisch. Er ist ein zutreffendes Porträt ihrer eigenen Existenz oder, neutral formuliert, eine überzeugende Vorwegnahme der unbestreitbaren Langeweile urbaner Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert.

Einmal wirft der namenlose Protagonist seiner Freundin einen Dartpfeil in die Stirn. Im Krankenhaus versöhnen sie sich mit einem Kuss, keine Erklärung. „Es ist nur zwischen den beiden“, erklärte einer meiner Studenten und klang sehr überzeugt. Für einen Leser meiner Generation scheinen Toussaints Figuren auf den ersten Blick kein Innenleben zu haben - tatsächlich haben wir es mit einer ethischen Verweigerung zu tun. Was in mir vorgeht, geht dich nichts an. Für meine Studenten ist „Das Badezimmer“ eine wahre Liebesgeschichte.

Das Leben im Pinnwand-Format

Toussaint schrieb das Buch 1985 in Frankreich. Dort kommt die Philosophie offenbar vor der Technologie. Hier, in der anglo-amerikanischen Welt, stürmen wir mit der Technologie voran und überlassen die Ideen sich selbst. Enttäuschend an Facebook ist ja die Idee. Wenn es wirklich ein interessantes Interface wäre, eingerichtet für diese ganzen 2.0-Kids - das wäre doch etwas. Aber nein, es ist ein gezähmter Internet-Wilder-Westen für die spießigen Phantasien einer Spießerseele. Lanier: „Wenn man ein Software-Medium gut findet, besteht die Gefahr, dass man sich in den sorglosen Gedanken eines anderen verfängt. Wehrt euch dagegen!“

Sollten wir uns nicht gegen Facebook wehren? Dort wird alles auf die Größe seines Gründers reduziert. Blau, weil Zuckerberg farbenblind ist. „Blau ist für mich die stärkste Farbe - ich kann alle Blaus sehen.“ Und Poken, genau das machen schüchterne Jungs mit Mädchen, die sich nicht trauen, sie anzusprechen. Und besonders wichtig sind persönliche Belanglosigkeiten, weil Mark Zuckerberg glaubt, Freundschaft bestehe im Austausch von persönlichen Belanglosigkeiten. In der Tat, eine Mark Zuckerberg Production. Wir wollten online leben. Es versprach, so toll zu werden. Aber was für ein Leben ist das? Treten wir für einen Moment von unserer Facebook-Pinnwand zurück: Sieht sie nicht ein bisschen lächerlich aus? Das eigene Leben, in diesem Format?

Das letzte Argument eines jeden Facebook-Junkies lautet: Aber es hilft mir, mit Leuten in Verbindung zu bleiben, die weit weg sind! Also, das geht auch mit E-Mail und Skype, und es hat außerdem den Vorteil, dass man sich nicht mit der Welt eines Mark Zuckerberg auseinandersetzen muss - aber, nun ja. Wir alle wissen es. Wenn wir wirklich diesen Leuten in der Ferne einen Brief schreiben oder sie besuchen wollten, würden wir es tun. Aber wir wollen nur das Allernotwendigste tun, wie ein junger Student, der am liebsten etwas anderes tun würde oder überhaupt nichts.

Als in dem Film das alte Blogportal LiveJournal erwähnt wurde (in Russland noch immer populär), lachten die Zuschauer. Ein Leben ohne Dateien kann ich mir nicht vorstellen, sehr wohl aber kann ich mir eine Zeit vorstellen, in der Facebook so komisch und altmodisch erscheint wie LiveJournal. In diesem Sinn ist „The Social Network“ nicht das gnadenlose Porträt einer realen Person namens Mark Zuckerberg. Es ist ein gnadenloses Porträt von uns, von 500 Millionen lebendigen Menschen, die in der Gedankenwelt eines unbekümmerten jungen Harvard-Studenten gefangen sind.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

Quelle: F.A.S.
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