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Veröffentlicht: 03.02.2010, 16:13 Uhr

Endstation App-Store Das iPad ist nur eine Fernbedienung

Hemmt das iPad die Kreativität im Umgang mit dem Computer oder treibt es die Computergeschichte entscheidend voran? Unser Autor ist ein erfolgreicher Blogger und EDV-Chef am Max-Planck-Institut. Der Trubel um Apples Tablet-PC regt ihn mächtig auf. Hier schreibt er, warum.

von Jörg Kantel
© dpa Kein Gerät für Kreative? Apples iPad

Zu Beginn ein wenig Computergeschichte: 1987 veröffentlichte Apple das Programm HyperCard und legte es kostenlos jedem verkauften Macintosh-Computer bei. HyperCard erlaubte es, kleine Anwendungen für den Mac zu schreiben, und die dafür zuständige Programmiersprache HyperTalk war einfach, intuitiv und leicht zu lernen. Dies löste eine Welle von Kreativität aus. Lehrer schrieben sich ihre Unterrichtsmaterialien selbst, Literaturwissenschaftler schufen sich eine multimediale Arbeitsumgebung, Museen zeigten virtuelle Führungen durch ihre Ausstellungen. Das Besondere an den kleinen Programmen, die damals noch nicht Apps, sondern Stacks (für Stapel) hießen, war, dass sie meist nur für die eigene Nutzung geschrieben waren. Der Anwender löste seine Probleme mit Hilfe von HyperCard selbst, ohne auf externe Hilfe professioneller Programmierer angewiesen zu sein.

Schon in den sechziger und siebziger Jahren arbeitete der Computerpionier Alan Kay gemeinsam mit dem Mathematiker und Psychologen Seymor Papert am Massachusetts Institute of Technology (MIT) am Konzept des „Dynabooks“. Es sollte ein Computersystem sein, das selbst Kinder nutzen und programmieren können. Kay setzte auf die Idee eines Tablet-Computers, der auch mit haptischen Gesten zu bedienen ist. Das Dynabook ist also der Urgroßvater des iPads.

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Ungleicher Kampf um die Netzhoheit

Zeitsprung: Seit das Internet etwa 1997 die akademischen Spielwiesen verließ, tobt ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft im World Wide Web. Auf der einen Seite die, die das Internet als eine Erfüllung des nie eingelösten Versprechens der Brechtschen Radiotheorie sehen, als ein Medium, in dem jeder Empfänger auch gleichzeitig Sender sein kann. Der amerikanische Internetpionier Dave Winer etwa spricht vom „Two-Way-Web“, davon, dass das Web eine „Umgebung für Schreiber, nicht nur für Leser“ sei. Auf der anderen Seite sitzen die Vertreter der Unterhaltungskonzerne, für die das Netz nur ein weiterer Distributionskanal der klassischen Medien ist, angereichert um ein paar interaktive Spielereien. Es ist ein ungleicher Kampf, bei dem die kleinere Seite nur deshalb überlebt hat, weil die großen Medienunternehmen bis heute nicht wirklich verstanden haben, wie das Netz – auch als soziales Netz – funktioniert. Und weil ihnen bis heute noch keine Idee gekommen ist, wie eine Wertschöpfungskette im Internet aufgebaut werden kann. Der Kampf ist hart, wie die aktuellen Angriffe auf die Netzneutralität zeigen. Noch sind im Internet alle gleich, doch nun wird gefordert, dass derjenige, der mehr zahlen kann, auch mehr Bandbreite zur Verfügung gestellt bekommt. Also schnelles Internet für die einen, lahmes Internet für den Rest der Welt.

In dieser Situation präsentiert Apple nun das iPad. Alle Welt jubelt. Sieht das Gerät nicht aus wie eine moderne und schicke Verkörperung des Dynabooks? Verspricht es uns nicht Internet überall und in Farbe? Ist es nicht das Gerät, mit dem auch unsere Oma durch die endlosen Weiten des Webs surfen kann?

Ein Gerät, das sich auszahlen könnte

Und erst der Jubel der Medienunternehmen. Zum Konzept des iPads – wie schon des iPhones – gehört, dass man nicht nur Inhalte, sondern auch die Programme, Apps genannt, nur noch über Apples eigenen App-Store gegen Abgabe seiner Kreditkartennummer herunterladen kann. Beim iPhone wurde das mühsam mit Sicherheitsanforderungen begründet und zähneknirschend akzeptiert. Doch beim iPad? Warum sollte es gefährdeter sein als jeder andere Computer? Nein, mit dem iPad kann man zum ersten Mal richtig Geld für seine Webinhalte verlangen. Springer hat es schon vorgemacht: Die „Bild“ kommt nicht mehr als Website, sondern als „App“ auf das iPhone oder iPad, die Berechnung ist unproblematisch, der Nutzer hat seine Kreditkartennummer im App-Store hinterlegt.

Und das iPad ist ein faszinierendes Gerät. Es erlaubt, die täglichen Nachrichten multimedial aufzubereiten, mit farbigen Bildern zu illustrieren und mit begleitenden Videos aufzupeppen. Nur – kein Lehrer kann damit speziell für seine Schüler entwickeltes Unterrichtsmaterial in die Klassenzimmer bringen. Er kann nur Unterrichtsmaterial im App-Store kaufen.

Es ist so nur konsequent, dass jede Skript- oder Programmiersprache niemals den geheiligten Hauptprozessor (CPU) eines iPads erreichen wird. Das ist der eigentliche Grund, warum keine Flash-Videos auf iPhone oder iPad laufen. Denn wäre Flash installiert, dann könnte man die Geräte mit ActionScript, der Flash-eigenen Skriptsprache, programmieren. Und da sei Steve Jobs vor.

Apples Spiel

Ebenso konsequent ist es, dass alle Medieninhalte über den App-Store automatisch mit einem DRM-Stempel versehen werden. DRM steht für „Digital Rights Management“, also eine digitale Rechteverwaltung, mit der die Nutzung der Medieninhalte kontrolliert wird. Das führt zu absurden Konsequenzen, bis hin zu der, dass ein Autor, wenn er einmal sein Werk im App-Store hochgeladen hat, dieses nur noch zu den Rechten, die Apple ihm einräumt, weitergeben kann. Das iPad ist das Gerät, von dem die Medienkonzerne träumen: Endlich eine Abspielplattform, die Gewinne für ihre Inhalte garantiert und verspricht, das weite, wüste und wilde Internet auszusperren. Das hat Konsequenzen für Software-Entwickler. Denn nun entscheidet ein mächtiger Cerberus am Eingang des App-Stores, ob ihre Software der Menschheit zugemutet werden darf. Das ist nicht mehr das Spiel des freien Marktes, es ist Apples Spiel.

Und es ist eine Gefahr für alle Bemühungen um einen „Open Access“, um einen freien Zugang zum Wissen. Das iPad ist eine ideale Plattform, um digitale Bücher abzuspielen, doch behindert der DRM-Stempel die freie Weitergabe. Wohin das im Extrem führen kann, hat man bei Amazon gesehen, die ein schon gekauftes und bezahltes elektronisches Buch auf den Abspielgeräten der Nutzer – in diesem Fall Amazons Kindle – wieder löschen ließen, weil es urheberrechtliche Probleme gab. Der ständige Zugriff des App-Stores auf das iPad macht solch eine Löschaktion zu einem Kinderspiel.

Und stellen wir uns einmal vor, wie das Internet aussähe, hätte es die App-Stores schon in den neunziger Jahren gegeben: keine alternativen Browser wie Firefox, keine Wikipedia, keine Weblogs und kein YouTube, und auch Google wäre mit seiner spartanischen Suchmaschine sicher nicht am Torwächter der App-Stores vorbeigekommen. Stattdessen „Unterschichtenfernsehen“ auf allen Kanälen, garniert mit ein paar Diskussionsforen und CNN News als kulturellem Feigenblatt. Das hätten wir dann allerdings vermutlich zu einer Flatrate bekommen und dafür noch mehr Werbung, als wir jetzt in Kauf nehmen müssen.

Entmündigung der Nutzer

Das iPad ist also kein Computer im Sinne einer Universalmaschine mehr, sondern eine Abspielplattform für die Inhalte der Medienkonzerne. Das iPad macht aus dem Two-Way-Web wieder eine Einbahnstraße und zwar eine, für deren Nutzung gezahlt werden muss.

Das führt letztlich zur Entmündigung der Nutzer. Der für das soziale Netzwerk Twitter arbeitende Autor und Programmierer Alex Payne, eigentlich ein Mac- Enthusiast, formuliert es drastisch: „Was mich am meisten am iPad stört, ist dies: Hätte ich als Kind anstelle eines richtigen Computers nur ein iPad gehabt, wäre ich nie ein Programmierer geworden.“ Möglicherweise läutet das iPad das Ende einer „Hacker-Ära“ ein und entmündigt uns mit klinisch reinen Anwendungen, die zwar praktisch sein mögen, aber jede Kreativität im Keim ersticken. Für mich jedenfalls steht fest: Ein Computer, auf dem keine einzige Programmiersprache läuft, ist kein Computer, sondern eine Fernbedienung.

Digitaler Exorzismus

Wird das iPad dennoch ein Erfolg? Ich hoffe es. Denn Google hat schon angekündigt, falls das iPad erfolgreich sei, mit einem eigenen Tablet-Computer nachzustoßen. Und Google hat dafür mindestens ein Betriebssystem, das diesen Namen verdient: „Android“ ist eine freie und quelloffene Plattform für Mobiltelefone, für die jeder Software schreiben und verkaufen darf. Es basiert, wie Googles zweites, ebenfalls freies und quelloffenes Betriebssystem, „Chrome OS“, das für Netbooks gedacht ist, auf Linux und bringt eine Java Virtuelle Maschine (JVM), also eine Umgebung, in der Java-Programme laufen, mit.

Ob Googles Tablet mit Android oder Chrome OS oder einer Mixtur aus beiden läuft, ist unerheblich, denn Google hat das Internet verstanden: Es kann sich nur entfalten, wenn sich Ideen auf offenen Plattformen unreglementiert und meist ohne kommerziellen Hintergedanken manifestieren. Solange ich Google „nur“ meine Seele, also meine Daten, schenke, verwöhnt mich die Datenkrake mit Open-Source-Software und der Idee eines freien Internets. Das liegt sicher auch an den unterschiedlichen Geschäftsverhältnissen: Mit Apple stehe ich in einer direkten Geschäftsbeziehung und kaufe Produkte. Umgekehrt steht Google mit mir in einer Geschäftsbeziehung und möchte von mir meine Daten haben. Im ersten Fall bin ich Käufer, im zweiten Fall Anbieter.

Um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen: Ich sehe die Datenkrake Google durchaus kritisch und bin ein begeisterter Nutzer der Apple-Computer. Aber das Internet ist schon eine seltsame Welt. In ihr muss man Apple mit Google austreiben.

Glosse

Der erste Leser

Von Tilman Spreckelsen

Erst war es Bewunderung, dann war es nur so eine Phase: Martin Walser pflegte ein durchaus kompliziertes Verhältnis zu Arno Schmidt. Mehr 1

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