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Veröffentlicht: 06.08.2010, 13:16 Uhr

Ende der Privatsphäre? Der Traum von einem idealen Leben

Als der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg verkündete, das Zeitalter der Privatsphäre sei endgültig vorbei, war die Empörung groß. Das heißt allerdings nicht, dass er mit seiner These danebenlag.

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© AFP Mark Zuckerberg verkündet das Ende der Privatheit ohne gänzlich Verzicht leisten zu wollen

Die Website „Gawker“ hat sich in der vergangenen Woche einen eigenwilligen Scherz erlaubt. Ein Paparazzo wurde von den Betreibern des Klatsch-und-Tratsch-Portals eigens dazu angeheuert, Mark Zuckerberg, den Gründer und Chef von Facebook, ein ganzes Wochenende lang auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Der sonst nicht sonderlich glamouröse Zuckerberg wurde fotografiert, was der Auslöser hielt, als sei er Paris Hilton. „Mark Zuckerbergs Zeitalter der Privatsphäre ist vorüber“, titelte der „Gawker“ hämisch.

Die Aktion war gleich doppelt ein Witz auf Zuckerbergs Kosten, hatte der jüngste Milliardär Amerikas doch im Januar noch selbst behauptet, die Privatsphäre sei ein Ding von gestern, ein Wert, der keinen mehr interessiere. Mit dieser Aussage hatte er den Zorn von Kunden und Kommentatoren auf sich gezogen, peinlicherweise unterlief der Website in den folgenden Wochen dann auch noch eine Panne nach der anderen: Sicherheitslücken in der Chatfunktion von Facebook wurden bekannt, fotoklauende Spion-Programme auf der Seite sorgten für Empörung, der Gipfel waren dann alte (und private) Textnachrichten von Zuckerberg selbst, in denen er seine Kunden ob ihrer unvorsichtigen Datenhandhabe unflätig beschimpfte. Zuckerberg gab schließlich klein bei, im Mai unterzog er die Sicherheitseinstellungen von Facebook einer Generalreform, die den Nutzern zumindest mehr Überblick verschaffte in der Frage, wer was auf ihrer Profilseite einsehen kann.

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Wille zur Selbstpreisgabe

Das Zeitalter der Privatsphäre ist also mitnichten vorbei, könnte man jetzt sagen. Die öffentliche Empörung über Zuckerbergs Aussagen, seine wütenden Blicke in die Linse des „Gawker“-Stalkers, der ganze Sturm, den Zuckerbergs Aussagen provozierten, belegt, dass niemand vollkommen durchsichtig, allen zugänglich dastehen will.

Allerdings stellt sich die Frage, ob aus den wütenden Reaktionen auf Zuckerbergs These zur Privatsphäre tatsächlich folgen muss, dass sie falsch ist. Denn was Facebook mächtig gemacht hat, war nicht der laxe Umgang mit den Kundendaten. Es war vielmehr die von Beginn an massenhaft vorhandene Bereitschaft der Nutzer, sich digital preiszugeben. Die Seite bedeutet für viele nicht bloß die Angabe von Wohnort, Lieblingsfilm, Lieblingsessen und sexueller Vorlieben wie in einem erwachsenen Poesiealbum, sondern ein von Blackberry und Notebook ständig aktualisiertes Guckloch in ein modifizierbares Idealleben.

Sicher ermöglicht Facebook den Nutzern einen facettenreichen Austausch. Nachrichten, Bilder, Filmchen und Links können ausgetauscht werden. Die Seite hat auch deshalb solchen Erfolg, weil sie komplexe Kommunikation auf einfacher Oberfläche erlaubt. Man kann auf Facebook am echten wie am digitalen, zunehmend gleich wichtigen Leben des eigenen Bekanntenkreises teilhaben.

Tür an Tür mit einem anderen Leben

Als „soziales Netzwerk“ bietet Facebook für viele jedoch in erster Linie Selbstdarstellungsraum. So bietet die Website zum Beispiel die Möglichkeit, Leute in Fotos zu „taggen“, das heißt, hochgeladene Bilder von ihnen gleich mit deren Profil zu verknüpfen. Der Porträtierte kann das rückgängig machen und so die Kennzeichnung des eigenen Antlitzes im Netz vermeiden. Die Funktion dient den Nutzern aber eher dazu, nur noch Bilder von der eigenen Schokoladenseite zu erlauben. In dieser Handhabe zeigt sich, wie die Seite nicht nur zur Kommunikation dient. Sie gestattet vielmehr, ein durch andere legitimiertes, mit den eigenen Phantasien kongruentes, digitales Selbstbild zu schaffen.

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