06.08.2010 · Als der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg verkündete, das Zeitalter der Privatsphäre sei endgültig vorbei, war die Empörung groß. Das heißt allerdings nicht, dass er mit seiner These danebenlag.
Von Alard von KittlitzDie Website „Gawker“ hat sich in der vergangenen Woche einen eigenwilligen Scherz erlaubt. Ein Paparazzo wurde von den Betreibern des Klatsch-und-Tratsch-Portals eigens dazu angeheuert, Mark Zuckerberg, den Gründer und Chef von Facebook, ein ganzes Wochenende lang auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Der sonst nicht sonderlich glamouröse Zuckerberg wurde fotografiert, was der Auslöser hielt, als sei er Paris Hilton. „Mark Zuckerbergs Zeitalter der Privatsphäre ist vorüber“, titelte der „Gawker“ hämisch.
Die Aktion war gleich doppelt ein Witz auf Zuckerbergs Kosten, hatte der jüngste Milliardär Amerikas doch im Januar noch selbst behauptet, die Privatsphäre sei ein Ding von gestern, ein Wert, der keinen mehr interessiere. Mit dieser Aussage hatte er den Zorn von Kunden und Kommentatoren auf sich gezogen, peinlicherweise unterlief der Website in den folgenden Wochen dann auch noch eine Panne nach der anderen: Sicherheitslücken in der Chatfunktion von Facebook wurden bekannt, fotoklauende Spion-Programme auf der Seite sorgten für Empörung, der Gipfel waren dann alte (und private) Textnachrichten von Zuckerberg selbst, in denen er seine Kunden ob ihrer unvorsichtigen Datenhandhabe unflätig beschimpfte. Zuckerberg gab schließlich klein bei, im Mai unterzog er die Sicherheitseinstellungen von Facebook einer Generalreform, die den Nutzern zumindest mehr Überblick verschaffte in der Frage, wer was auf ihrer Profilseite einsehen kann.
Wille zur Selbstpreisgabe
Das Zeitalter der Privatsphäre ist also mitnichten vorbei, könnte man jetzt sagen. Die öffentliche Empörung über Zuckerbergs Aussagen, seine wütenden Blicke in die Linse des „Gawker“-Stalkers, der ganze Sturm, den Zuckerbergs Aussagen provozierten, belegt, dass niemand vollkommen durchsichtig, allen zugänglich dastehen will.
Allerdings stellt sich die Frage, ob aus den wütenden Reaktionen auf Zuckerbergs These zur Privatsphäre tatsächlich folgen muss, dass sie falsch ist. Denn was Facebook mächtig gemacht hat, war nicht der laxe Umgang mit den Kundendaten. Es war vielmehr die von Beginn an massenhaft vorhandene Bereitschaft der Nutzer, sich digital preiszugeben. Die Seite bedeutet für viele nicht bloß die Angabe von Wohnort, Lieblingsfilm, Lieblingsessen und sexueller Vorlieben wie in einem erwachsenen Poesiealbum, sondern ein von Blackberry und Notebook ständig aktualisiertes Guckloch in ein modifizierbares Idealleben.
Sicher ermöglicht Facebook den Nutzern einen facettenreichen Austausch. Nachrichten, Bilder, Filmchen und Links können ausgetauscht werden. Die Seite hat auch deshalb solchen Erfolg, weil sie komplexe Kommunikation auf einfacher Oberfläche erlaubt. Man kann auf Facebook am echten wie am digitalen, zunehmend gleich wichtigen Leben des eigenen Bekanntenkreises teilhaben.
Tür an Tür mit einem anderen Leben
Als „soziales Netzwerk“ bietet Facebook für viele jedoch in erster Linie Selbstdarstellungsraum. So bietet die Website zum Beispiel die Möglichkeit, Leute in Fotos zu „taggen“, das heißt, hochgeladene Bilder von ihnen gleich mit deren Profil zu verknüpfen. Der Porträtierte kann das rückgängig machen und so die Kennzeichnung des eigenen Antlitzes im Netz vermeiden. Die Funktion dient den Nutzern aber eher dazu, nur noch Bilder von der eigenen Schokoladenseite zu erlauben. In dieser Handhabe zeigt sich, wie die Seite nicht nur zur Kommunikation dient. Sie gestattet vielmehr, ein durch andere legitimiertes, mit den eigenen Phantasien kongruentes, digitales Selbstbild zu schaffen.
Die Profile verkünden, wohin ihre Besitzer reisen, auf welche Parties sie gehen, wen sie treffen, welches kluge Buch sie lesen. Konversationen und Kommentare, wiewohl durch eine „Nachricht schicken“-Funktion auch privatim erlaubt, werden vorzugsweise auf der für alle „Freunde“ einsichtigen „Wall“ gemacht, der eigenen Profilseite. Die Freunde sind das Publikum, welches das Gelingende der eigenen Existenz bezeugt, in dessen Reaktion und Eigenleben sie sich spiegelt, wie in einem doppelten Panoptikum.
Immer wieder tauchen auf Facebook Anzeigen für (untaugliche) Programme auf, die den Nutzern Einblick versprechen in die Liste der „Freunde“, die zuletzt das eigene Profil betrachtet haben. Man wüsste eben gerne, wer einem beim Leben zuschaut. Intersubjektivität, selbst wenn sie reduziert wird auf die armselige Oberfläche eines Bildschirms, bedeutet Wahrheit. Facebook erlaubt deren Steuerbarkeit. Hier endet die Sorge um die Privatsphäre und beginnt das Begehren, sich daraus zu befreien. Die von Facebook geförderte Zurschaustellung erfüllt eine existentielle Funktion.
Zwänge der Selbstbestimmung
In seinem 1998 erschienenen Buch „Das erschöpfte Selbst“ stellt der Soziologe Alain Ehrenberg die These auf, dass die Depression als seelische Volkskrankheit der letzten Dekaden eine „Krankheit der Autonomie“ sei. Vorgeblich von allen sozialen, religiösen, politischen Zwängen und Funktionen befreit, muss das Individuum sich in einer ständigen Wahl selbst konstituieren. Depression ist für Ehrenberg das Symptom des Scheiterns an dieser Aufgabe der Selbst(er)findung, von der schon Sören Kierkegaard wusste, dass sie die schwerste überhaupt bedeutet. „Verzweifelt man selbst sein zu wollen“: was für Kierkegaard die Krankheit zum Tode war, ist für Ehrenberg das erschöpfte Selbst. Es erwächst aus der doppelten Erkenntnis zunächst der eigenen Unbestimmtheit und dann des Ungenügens der eigenen Gestaltungskraft. Sich selbst zu verwirklichen ist laut Ehrenberg somit keine bloße Phrase der Marktwirtschaft, sondern der mühselige Kampf, den die Emanzipationsbewegungen dem überforderten Individuum aufgebürdet haben.
Das Internet bereitet den Kommentatoren Kopfzerbrechen, weil es wie kein Artefakt zuvor das wirre Aggregat menschlicher Motivationen spiegelt. Das tut im Kleinen auch Facebook. Es stellt sich dennoch die Frage, ob ein wesentlicher Reiz der Seite nicht darin besteht, dass sie dem erschöpften Selbst Ermächtigung verspricht. Sie erlaubt ihren Nutzern die baukastenhafte Konstruktion einer Narrative in der eigenen Existenz. Das Zeugnis der „Freunde“ nährt die Hoffnung, dass der Facebook-Avatar seinem Original entsprechen könnte. Dessen Zusammengesetztheit einzig nach den eigenen Bedürfnissen mehrt zwar die Gefahr einer nachhaltigen Spaltung der Nutzer in digitales und real verbliebenes Selbst. Der Verzicht auf Privatsphäre scheint jedoch ein geringer Preis für eine gefundene Identität, und so steht zu befürchten, dass Zuckerberg trotz allem recht behält.
Idealsphäre
Simon G. (RedSquirrel)
- 06.08.2010, 17:10 Uhr
Privatsphäre ist heute schon vorbei
Ilka Hoepner (Hoepner.Ilka)
- 06.08.2010, 17:54 Uhr
Facebook - Ende der Privatsphäre
Andreas Bethke (rosinenwecke)
- 06.08.2010, 18:08 Uhr
Das Ende der Privatsphäre ist dann am Ende,
Thorsten Haupts (ThorHa)
- 09.08.2010, 11:41 Uhr
Alard von Kittlitz Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge