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Dossier Deutsche Blogger

Die Menge an Information ist nicht das Problem am Internet, solange sie jemand einordnet und bewertet. Lange sah es so aus, als könnten Blogger das übernehmen. Leider beschäftigen sie sich lieber mit sich selbst.

© FAZ.NET Dossier: Deutsche Blogger

Wenn man das Internet einmal für einen Moment vergisst, dann handelt diese Geschichte von ein paar Leuten, die alles anders machen wollten. Sie gingen an einen Ort, an dem noch keiner vor ihnen war und bauten an einer Gemeinschaft, wie es sie noch nicht gab.

In dieser Gemeinschaft war jeder mit jedem verbunden, und damit schien alles aufgehoben zu sein, was die Einzelnen sonst voneinander trennt. Es war eine Gemeinschaft, die so offen und frei sein sollte, dass sich in ihr keine Grenzen bildeten, keine Hierarchien und kein Besitz. Eine Gemeinschaft eben, in der all ihre Mitglieder ganz anders miteinander umgehen, als sie das bisher kannten. Und warum sollte ihnen das auch nicht gelingen, wo diese Geschichte - und hier ist der Moment dann vorbei - im Internet spielt?

Die Redaktion von spreeblick sitzt in jener Art Büro, wie es sie inzwischen häufig gibt in Berlin. Ein schöner, karger Raum, in dem sich die Computer dekorativ auf Schreibtischen verteilen. Nur ein großes Schaufenster, das zur Straße hin weist, verrät, dass dies einmal ein Laden gewesen sein muss. Wenn hier früher die Produkte von Arbeit ausgestellt wurden, dann ist es heute die Arbeit selbst.

Vorschaubild Bloggerszene (gross für Quelle NEU) © Vergrößern

Es ist morgens halb elf, aber außer Johnny Haeusler ist gerade keiner da aus der Redaktion, was nicht schlimm ist, weil die Autoren ihre Beiträge auch von Zuhause schicken können. An diesem Morgen haben sie noch keine geschickt, was auch nicht schlimm ist. Auf spreeblick geht es zurzeit ohnehin nur um den sexuellen Missbrauch am Canisius-Kolleg. War die Diskussion unter den Lesern anfangs noch sachlich, sickerten später Gerüchte ein, Namen wurden genannt, Behauptungen aufgestellt, es wurde beleidigt und bezichtigt, und in ein paar Tagen wird Johnny Haeusler die Debatte abbrechen, weil sie nicht mehr zu beherrschen ist. Im Moment aber steht er noch in der Küche seiner Redaktion und sucht nach einer sauberen Kaffeetasse.
„Warum muss eigentlich ich immer abspülen?“

Johnny Haeusler ist Mitte vierzig und wirkt seltsam sanft und vorsichtig für jemanden, der in die Öffentlichkeit strebt. Er war Sänger einer Rockband, Radiomoderator und Mediendesigner, bevor er vor acht Jahren auch noch Blogger wurde. Spreeblick ist sein Projekt. Das Blog funktioniert wie eine Zeitschrift, und da sie im Internet erscheint, funktioniert sie manchmal sogar wie eine Echtzeitschrift. Mehrere Autoren schicken jeden Tag Texte, Fotos oder Videos, die nach den Rubriken Pop, Politik, Produkte oder Positionen abgelegt werden. Das Blog ist seit langem eines der bekanntesten in Deutschland, und es hat nur einen einzigen Text gebraucht, das zu werden.

Der Eintrag ist fünf Jahre alt und handelt von Jamba, einer Firma, die Spiele und Klingeltöne für das Handy verkauft. Ihr Name ist heute fast vergessen, aber damals schaltete sie ständig Werbung im Fernsehen, Spots mit verrückten Fröschen, die vor allem Jugendlichen gefielen, Erwachsenen aber auf die Nerven gingen, Johnny Haeusler auch. Er verfasste einen Text, in dem er vor den undurchsichtigen Geschäftsbedingungen der Firma warnte und stellte ihn auf spreeblick. Es war eine gut geschriebene Aufklärung im Stil der „Sendung mit der Maus“, nicht sensationell witzig, aber treffend.

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Veröffentlicht: 14.04.2010, 16:46 Uhr

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Von Helmut Mayer

Fernsprechen ist mit der fatalen Verbreitung von Mobiltelefonen eine enervierende öffentliche Angelegenheit geworden. Bleibt einzig noch die Hoffnung, dass in Zukunft wirklich mehr getippt als laut erzählt wird. Mehr 1