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Don Alphonso Das Internet und mein Ururgrossvater

09.01.2010 ·  Sein Ururgrossvater, ein Privatier mit viel Muße, war ein zufriedener Mann mit einem erfüllten Leben. Don Alphonso hingegen muss, wie er schreibt, aufpassen, dass sein Leben nicht überfüllt wird, vollgequetscht mit Informationsmüll und Nachrichten.

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Mein Ururgrossvater war von Beruf Privatier und Hausbesitzer. Er galt in der Stadt als zufriedener Mensch mit einem angenehmen Dasein, er saß im liberalen Cafe, las seine Zeitung, plauderte, diskutierte gegen die Kirche, schlenderte durch die Stadt und den Park, war nett zu Kindern und ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft. Am Ende, als er gestorben war, sagte man über ihn, er habe ein erfülltes Leben gehabt. Ich dagegen muss aufpassen, dass mein Leben nicht überfüllt wird, vollgequetscht mit Informationsmüll und Nachrichten, in denen der Spaziergang im Park ebenso irrelevant ist, wie das Plaudern, die Ruhe oder das fragmentierte Chaos, das man nur mit Mühe noch als Gesellschaft bezeichnen kann.

Frustrierend dabei ist nicht nur der direkte Vergleich mit meinem Ururgrossvater, sondern auch der Umstand, dass diese Überfrachtung meines Daseins auch dann noch vom Internet bestimmt wird, wenn ich es gar nicht nutze. Wenn ich es nicht nutze, benutzen es andere, um mich zu beeinflussen, der Nachrichtenredakteur wie der Produktentwickler, der Spekulant an der Wall Street und der Typ hinter der Überwachungskamera. Ich kann dem zeitweise entgehen, indem ich auf einen einsamen Berg gehe. Tatsächlich ist der Berg der Ort, fern von allen Zumutungen der Moderne, an dem ich mich zur Zeit sehr wohl fühle. Ich könnte dem vielleicht dauerhaft entgehen, wäre ich so unabhängig wie mein Ururgrossvater. Am besten aber meine ich dem zu entgehen, indem ich die Herausforderung annehme und das Internet zu meinen Gunsten benutze. Und das ändert natürlich auch mein Denken.

Heimtückisch im Internet

Mein Ziel ist es nicht, irgendetwas ins Internet zu schreiben. Wenn ich etwas im Internet unternehme, dann ist das Ziel der Dialog, die Kommunikation, das Plaudern. Im Internet kann jeder senden, aber die Fähigkeit, einen Rückkanal nicht nur zu denken, sondern auch so zu betreiben, dass er das Leben für sich selbst und andere angenehm macht, verlangt ein anderes Bewusstsein als das eines Autors, eines Börsenzockers oder eines Überwachers. Ich versuche mich so zu äußern, dass meine Texte als Einladung zum Diskurs aufgefasst werden. Dafür breche ich Regeln, ich lasse Gedanken offen, ich bin subjektiv, ich erfinde Wörter, ich lasse die Leser wissen, dass ich überhaupt nicht an ihrem behäbigen Kopfnicken interessiert bin, ich provoziere und literarisiere.

Mit etwas Glück schaffe ich es, dass am Ende eine Plauderei steht, die so angenehm und interessant ist wie das, was meinem Ururgrossvater im liberalen Cafe Kürzinger so gefallen hat. Mit etwas Glück nehmen die Leser etwas Neues für sich mit, einen klugen Gedanken, eine Anmerkung in einem Kommentar, oder auch nur das Gefühl, über 9000, 10000 Zeichen gut unterhalten zu werden. Es mag wenig und gering scheinen, aber in Zeiten, da Beiträge mit mehr als 3000 Zeichen schon als zu lang gelten, ist das ein Sieg für lange Texte gegen kurze Aufmerksamkeitsspannen, jene theoretische Kleinheit, in die Mediaplaner, Journalisten und Werber das Denken der Menschen im Netz quetschen möchten, um sie zu möglichst vielen Clicks, Views und Kontakten mit Werbung zu bringen. Ich bin sicher der höflichste Mensch von der Welt, aber im Internet beginne ich, kritisch, subversiv oder gar heimtückisch zu denken. Und zu sein. Ich komme nicht in Frieden.

Götzen der Geschwindigkeit

Im Internet verläuft die Frontlinie zu den Barbaren der Schnelligkeit, des Grundrauschens, der Überfrachtung und des warmen Wellnessbreis zwischen Schleichwerbung und kleinstem gemeinsamen Nenner. Vom Standpunkt meiner Bibliothek aus ist das Internet ein stinkender Sumpf, aber leider ist es auch der Morast, in dem entschieden wird, ob die Bibliothek noch eine Zukunft haben wird, oder von einem seichten Rundumsorglosinternet abgelöst wird, dessen bescheidene inhaltliche Tiefe das definiert, was man später mit „Bildung“ verwechselt. Wikipedia ist eine nette Sache, wenn man schnell etwas sucht, aber keine Bildung. Das Internet jedoch hat den großen Vorteil, dass es ein Markt ist, an dem man gestaltend teilnehmen und überzeugen kann, man kann den Sumpf mitunter auch trockenlegen und bebauen, und nirgendwo steht geschrieben, dass das Netz so schnell, schludrig und gedankenlos sein muss, wie es sich leider oft darstellt.

Im Kern geht es also immer noch um jenen Konflikt, den mein Ururgrossvater auf Seiten der Liberalen im Cafe Kürzinger gegen die Antisemiten, die Säufer, die Totalitaristen und die Abergläubischen ausfocht, die es zu jener Zeit natürlich auch an den Stammtischen in seinem bayerischen Heimatkaff gab. Die Mittel haben sich geändert, die Möglichkeiten, die Chancen und die Risiken. Man kann, und auch das ist eine Lehre aus Ururgrossvaters Zeit, nicht erwarten, dass man die anderen überzeugt, oder gar die neu hinzu gekommenen Götzen der Geschwindigkeit und der Technik des Netzes vom Sockel stürzt. Irgendwo wird immer ein Propagandist das Echtzeitnetz mit 140 Zeichen verkünden und ein Islamist meinen Tod fordern, der Bildgossist wird das halbnackte Mädchen in eine „App“ laden und jemand die Suchabfrage „Don Alphonso schwul“ starten. Das mag alles sein, aber das Internet ist nicht so schlecht wie viele seiner Nutzer, und deshalb auch eine hervorragende Gelegenheit, unseren eigenen Garten zu denken und zu bestellen.

Don Alphonso wohnt am Tegernsee, wo es keine Werber gibt, und betreibt mit den „Stützen der Gesellschaft“ auf FAZ.NET ein Blog mit sehr langen Texten.

Quelle: FAZ.NET
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