30.07.2010 · Die „Open Source Intelligence“ hat klassische Spähtechniken in ihrer Bedeutung überholt - mit Programmen, die massenhaft Daten analysieren und daraus Szenarien der Zukunft ableiten. Google und die CIA interessieren sich dafür gleichermaßen. Sie investieren daher in die gleiche Firma.
Von Detlev BorchersAlles schon bekannt, so lautet das Urteil über die von Wikileaks besorgte Veröffentlichung von Geheimdokumenten zum Krieg in Afghanistan. Jeder, der nur ein Drittel der Berichterstattung über Afghanistan in einer Zeitung verfolgt hat, habe dieselben Kenntnisse wie nach dem Studium all der Dokumente, sagt Andrew Exum, ein Afghanistan-Veteran und Sicherheitsberater (Daniel Ellsbergs Pentagon-Papiere waren besser: Kritik an den Afghanistan-Veröffentlichungen von Wikileaks). Was immer Wikileaks von wem auch immer zugespielt wurde, sei längst schon von „Osint“-Systemen analysiert und bewertet worden.
Wovon spricht der Mann? Von etwas, das den Suchmaschinenkonzern Google und die CIA in ein Boot bringt. „Osint“ steht im militärischen Sprachgebrauch für „Open Source Intelligence“, die offene Informationsgewinnung. Die Auswertung öffentlich bekannter Quellen wie Nachrichtensendungen, Zeitungsartikeln oder von Blogeinträgen und anderen Daten, die im Internet verfügbar sind, angereichert mit Informationen aus Datenbanken, hat der Bedeutung nach die klassischen Spähtechniken überholt. „Sigint“, die „Signal Intelligence“, das direkte Abhören der Sendesignale des Feindes, oder die Informationsarbeit von Spionen, „Humint“ genannt, spielen im Zeitalter der Datennetze nicht mehr die größte Rolle. Dafür wird die Software immer wichtiger, die Daten analysiert und „nachrichtendienstlich anreichert“, wie es im Sprachgebrauch des Bundesnachrichtendienstes heißt.
Informationsgewinnung auf vielen Ebenen
Spezialisten wie die britische Softwarefirma Autonomy, die deutsch-amerikanische Attensity oder die amerikanische Palantir Technologies liefern Programme, die mehr können als „googeln“, eben Informationen verdichten und in einen größeren Kontext stellen. Das fängt schon damit an, dass sie vor unterschiedlichen Schreibweisen von (arabischen) Namen nicht kapitulieren und noch die entlegensten Dateiformate beherrschen. Auf einer höheren Ebene geht es dann darum, die öffentlichen Informationen mit den verschiedensten Listen abzugleichen, die in bestimmten Informationsgebieten täglich aktualisiert werden. Bei der Suche nach terroristischen Aktivitäten sind dies die verschiedenen Verzeichnisse von Handelsgütern, deren Export beschränkt ist, oder die Suche nach verdächtigen Finanztransaktionen. Zur Informationsgewinnung zählt auch die Verknüpfung mit geographischen Informationssystemen oder eben mit Satellitenaufnahmen.
„Osint“-Systeme werten Massendaten aus und verknüpfen gerade im militärischen Bereich ihre Suchstrategien mit Echtzeitdaten, die von den unterschiedlichsten Sensoren kommen können (eine Grenzübergangsstelle zum Beispiel). Dabei geht es nicht nur um einfache „Treffer“, sondern auch um die Analyse von Trends. Eine große Rolle spielt die Mustererkennung, mit der etwa Verbindungen zwischen verschiedenen Mitgliedern des sozialen Netzwerks Facebook mit den in anderen Datenbanken vorhandenen Reiseinformationen abgeglichen werden.
Prognosetechniken
Nun sorgt die Firma „Recorded Future“ für Schlagzeilen, weil der Suchmaschinenkonzern Google und die Firma „In-Q-Tel“ in den Neustarter investierten. Hinter In-Q-Tel steht der amerikanische Geheimdienst CIA, der in etliche Firmen investiert hat, die neue Wege der Informationsverarbeitung versprechen. Bei „Recorded Future“ soll die Vorhersage von Trends, „Predictive Analysis“ genannt, besonders präzise arbeiten. In ihrem Blog Analysis Intelligence versuchen Mitarbeiter der Firma zu zeigen, wie aus öffentlichen Nachrichten etwa über die Frage, ob die palästinensische Hizbullah Raketen besitzt, kommende Entwicklungen „vorhergesagt“ werden können.
Für alle Anbieter von „Osint“-Software gilt die Regel, dass sie allein mit Aufträgen staatlicher Nachrichtendienste nicht existieren können. „Osint“ wird deshalb auch in der Privatwirtschaft propagiert, als System, mit dem die Konkurrenz beobachtet werden, oder als Software, mit der geprüft werden kann, ob wichtige Informationen aus der eigenen Firma in unbekannte Kanäle fließen und dort abgeschöpft werden. Denn die Wirtschaftsspionage als die am stärksten wachsende Sparte im „Cybercrime“ genannten Komplex erzeugt inmitten der gleichfalls wachsenden Benutzung von Systemen wie Twitter und Facebook einen Druck bei großen Unternehmen, sich mit „Osint“ auseinanderzusetzen. So findet sich im jüngst vorgestellten Verfassungsschutzbericht 2009 der Hinweis, dass „Osint“-Schulungen durch Spionageexperten der Landesämter des Verfassungsschutzes stark gefragt sind. Neben der Beobachtung von Links- und Rechtsextremisten soll sich der Firmenservice zu einem dritten Standbein der Schützer entwickeln. Die Zukunft vorherzusagen wird zum Public-Private-Partnership.
Rückständige Hirtenvölker nicht besiegen, aber die Zukunft vorhersagen ...
Klaus Wege (covenants)
- 29.07.2010, 19:19 Uhr
Raketen vorhersagen
Hans-Ulrich Grefe (Ha_Ulrich)
- 29.07.2010, 19:36 Uhr
Dann können die ja wohl auch...
Thomas Falz (ThomasFalz)
- 30.07.2010, 11:48 Uhr
erst entwickeln wir die Spionagesoftware, dann verkaufen wir die Abwehr dazu
Franz Fröhlich (kubitus)
- 30.07.2010, 12:27 Uhr