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Digitale Informationssysteme : Krieg nach Zahlen

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Der Fall „Wikileaks“ mit Geheimdokumenten zu Afghanistan zeigt: Algorithmen sagen menschliches Verhalten präzise voraus und entscheiden über die Machbarkeit und den Sinn von Kriegen. Ein Blick ins Herz des amerikanischen Militärs.

          Im Jahre 1983 brachte der amerikanische Film „War Games“ die Macht der Algorithmen über das Schicksal der Menschheit ins öffentliche Bewusstsein. Ein Computer, „War Operation Plan Response“ (WOPR) genannt, löst auf Basis von Modellen und Simulationen beinahe einen Atomkrieg aus. Das reale Vorbild von WOPR war ein geheimes Computersystem, das im Ernstfall den sogenannten Single Integrated Operational Plan ausführen sollte, den auf der Basis von Spieltheorie-Berechnungen erstellten nuklearen Einsatzplan der amerikanischen Streitkräfte.

          Dass am Ende eine Software, die auf der Basis von Radar-Echos einen Angriff erkennen soll, automatisch den Start von Atomraketen auslösen und damit über das Schicksal der Menschheit entscheiden sollte, hat viele erschreckt. Spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges aber verblasste das Unbehagen. Die militärischen Spieltheoretiker und Softwarestrategen zogen sich in eine komfortable Grauzone zurück, aus der zwar vieles bekannt ist, aber die Details kaum jemanden interessieren. Die Aufmerksamkeit wandte sich anderen Themen zu. Echte Mathematiktalente arbeiten heutzutage eher für Hedgefonds, selten bei der Armee.

          Krieg ist auch im einundzwanzigsten Jahrhundert eine komplizierte Angelegenheit. Eine schier endlose Reihe von Faktoren entscheidet über Sieg oder Niederlage. Hinzu tritt die neue Art von Guerrillakrieg, die in Afghanistan zu beobachten ist: Es gibt kaum mehr klare Fronten, Feind und Freund wechseln im Wochentakt. Alle Ereignisse und Zustände schnell zu erfassen, einzuordnen, zu verarbeiten und daraus ein exaktes Modell für Entscheidungen abzuleiten ist von alters her ein Traum der Generäle.

          Wie reagieren? Diese Luftaufnahme zeigt eine vermeintliche Formation von über hundert Taliban-Kämpfern, die sich auf einem Friedhof befinden

          Hier pocht das operationelle Herz des amerikanischen Militärs

          Das Aufkommen von Computern und elektronischer Kommunikation versprach das mathematische, perfekte Weltabbild, wenn nicht heute, dann übermorgen. Wie immer, wenn es um künstliche Intelligenz geht, ist die Lösung nur wenige Jahre entfernt – seit vielen Jahrzehnten. Man muss es nur noch schaffen, detaillierter, schneller, umfangreicher zu erfassen, was gerade passiert. Noch mehr Daten verarbeiten, noch präzisere Statistiken erstellen, noch umfassendere Modelle bilden: diese Illusion der vollständigen Erfass- und Berechenbarkeit der Welt hat seit Anbeginn des Computerzeitalters im Militär Fuß gefasst, nur wurde sie nie erreicht. Die vollständige Durchdringung des Militärs mit digitalen Informationssystemen seit Ende der neunziger Jahre führte zur Wiederbelebung der alten Verheißung. Aus den tröpfelnden Berichten von der Front, meistens telefonisch oder per Funk übermittelt, wurde eine Flut von immer feiner aufgelösten, direkt in der Kampfzone erfassten Daten. Die Schwelle, ab der ein Ereignis nach oben rapportiert wird, ist immer weiter gesunken.

          Die Infrastruktur sowie die Speicher- und Verarbeitungskapazitäten sind ohnehin vorhanden. Informationen über ihren Aufenthaltsort werden von mehr und mehr Einheiten automatisch und in Echtzeit übermittelt. Die Zeit, die es zum Eintippen der Meldung braucht, ist längst zum größten Aufwandsfaktor geworden, daher wimmeln die Nachrichten von Abkürzungen, aber auch Tippfehlern.

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