09.08.2010 · Der Fall „Wikileaks“ mit Geheimdokumenten zu Afghanistan zeigt: Algorithmen sagen menschliches Verhalten präzise voraus und entscheiden über die Machbarkeit und den Sinn von Kriegen. Ein Blick ins Herz des amerikanischen Militärs.
Von Frank RiegerIm Jahre 1983 brachte der amerikanische Film „War Games“ die Macht der Algorithmen über das Schicksal der Menschheit ins öffentliche Bewusstsein. Ein Computer, „War Operation Plan Response“ (WOPR) genannt, löst auf Basis von Modellen und Simulationen beinahe einen Atomkrieg aus. Das reale Vorbild von WOPR war ein geheimes Computersystem, das im Ernstfall den sogenannten Single Integrated Operational Plan ausführen sollte, den auf der Basis von Spieltheorie-Berechnungen erstellten nuklearen Einsatzplan der amerikanischen Streitkräfte.
Dass am Ende eine Software, die auf der Basis von Radar-Echos einen Angriff erkennen soll, automatisch den Start von Atomraketen auslösen und damit über das Schicksal der Menschheit entscheiden sollte, hat viele erschreckt. Spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges aber verblasste das Unbehagen. Die militärischen Spieltheoretiker und Softwarestrategen zogen sich in eine komfortable Grauzone zurück, aus der zwar vieles bekannt ist, aber die Details kaum jemanden interessieren. Die Aufmerksamkeit wandte sich anderen Themen zu. Echte Mathematiktalente arbeiten heutzutage eher für Hedgefonds, selten bei der Armee.
Krieg ist auch im einundzwanzigsten Jahrhundert eine komplizierte Angelegenheit. Eine schier endlose Reihe von Faktoren entscheidet über Sieg oder Niederlage. Hinzu tritt die neue Art von Guerrillakrieg, die in Afghanistan zu beobachten ist: Es gibt kaum mehr klare Fronten, Feind und Freund wechseln im Wochentakt. Alle Ereignisse und Zustände schnell zu erfassen, einzuordnen, zu verarbeiten und daraus ein exaktes Modell für Entscheidungen abzuleiten ist von alters her ein Traum der Generäle.
Hier pocht das operationelle Herz des amerikanischen Militärs
Das Aufkommen von Computern und elektronischer Kommunikation versprach das mathematische, perfekte Weltabbild, wenn nicht heute, dann übermorgen. Wie immer, wenn es um künstliche Intelligenz geht, ist die Lösung nur wenige Jahre entfernt – seit vielen Jahrzehnten. Man muss es nur noch schaffen, detaillierter, schneller, umfangreicher zu erfassen, was gerade passiert. Noch mehr Daten verarbeiten, noch präzisere Statistiken erstellen, noch umfassendere Modelle bilden: diese Illusion der vollständigen Erfass- und Berechenbarkeit der Welt hat seit Anbeginn des Computerzeitalters im Militär Fuß gefasst, nur wurde sie nie erreicht. Die vollständige Durchdringung des Militärs mit digitalen Informationssystemen seit Ende der neunziger Jahre führte zur Wiederbelebung der alten Verheißung. Aus den tröpfelnden Berichten von der Front, meistens telefonisch oder per Funk übermittelt, wurde eine Flut von immer feiner aufgelösten, direkt in der Kampfzone erfassten Daten. Die Schwelle, ab der ein Ereignis nach oben rapportiert wird, ist immer weiter gesunken.
Die Infrastruktur sowie die Speicher- und Verarbeitungskapazitäten sind ohnehin vorhanden. Informationen über ihren Aufenthaltsort werden von mehr und mehr Einheiten automatisch und in Echtzeit übermittelt. Die Zeit, die es zum Eintippen der Meldung braucht, ist längst zum größten Aufwandsfaktor geworden, daher wimmeln die Nachrichten von Abkürzungen, aber auch Tippfehlern.
Dokumente zum Krieg in Afghanistan, die unlängst von Wikileaks – einer internationalen Vereinigung, die auf das Veröffentlichen geheim gehaltener Dokumente spezialisiert ist – publiziert wurden, bieten bisher ungekannte Einblicke in das interne Berichtswesen der amerikanischen Armee. Die Meldungen sind die Datenbasis der Algorithmen und Modelle, mit denen bewaffnete Konflikte im Computerzeitalter geführt werden. Veröffentlicht wurde eine umfangreiche Datenbank von einigen zehntausend internen Alltagsberichten der amerikanischen Armee aus Afghanistan (siehe Afghan War Diary). Die Daten enthalten die alltäglichen Ereignisse eines Krieges: Lagebilder, Feuergefechte, Bombenanschläge und -abwürfe, Tote, Verwundete, Gefangene, Korruption, Verrat, Langeweile, unzureichende Ausrüstung, Fehleinschätzungen und Erfolge. In den Afghanistan-Berichten findet sich häufig ein Verweis auf die Organisation J3 ORSA. Die Abkürzung steht für „Joint Chiefs of Staff, Abteilung J3 (Operations)“, Unterabteilung Operations Research and System Analysis“. Hier pocht das operationelle Herz des amerikanischen Militärs. Mit Hilfe weltumspannender, abgeschirmter Kommunikationsnetze laufen in jeder Sekunde die Berichte von allen Kriegsschauplätzen und Konfliktzonen zusammen.
Die Versenkungszahlen schnellten in die Höhe
Die Reports und Zahlen, in die nun dank Wikileaks ein Blick möglich ist, bilden das Datenfutter für die Algorithmen der Systemanalysten. J3 ORSA steht in einer langen Tradition von „Operations Research“-Strukturen, die seit dem Zweiten Weltkrieg versuchen, Kriegsführung planbar und modellierbar zu machen. Die Ursprünge der Methoden liegen in Großbritannien. Hier erzielten die Wissenschaftler, abkommandiert dazu, in kritischen Bereichen nach Lösungen für Kriegsprobleme zu suchen, beeindruckende Erfolge.
Von den Legenden von damals zehrt die Zunft noch heute. So gelang es durch mathematische Analyse der realistischen Tauchtiefen von U-Booten, die von Flugzeugen überrascht wurden, die Versenkungszahlen drastisch zu steigern. Die Berechnungen ergaben, dass die zuvor geschätzte Tiefe von dreißig Metern in der kurzen Zeit zwischen Alarmtauchmanöver und Ankunft des Flugzeuges über dem U-Boot gar nicht erreicht werden konnte. Die Flugzeugbesatzungen wurden angewiesen, die Zündtiefe der Wasserbomben stattdessen auf weniger als zehn Meter einzustellen. Die Versenkungszahlen schnellten in die Höhe.
Andere kriegswichtige Erfolge in der Frühzeit der Disziplin, die schnell auch westlich des Atlantiks umfangreiche Anwendung fand, waren die Verbesserung der Tarnanstriche von Flugzeugen und die Berechnung der optimalen Größe von Schiffskonvois zum Schutz gegen U-Boot-Angriffe. Die Operations-Research-Methodiken haben sich mit der Zeit erheblich entwickelt. Der Kern besteht aber noch immer in dem Versuch, ein möglichst weitgehend quantifizierbares Bild der Wirklichkeit zu schaffen, um auf dieser Basis anhand von Modellrechnungen, Wahrscheinlichkeiten und Simulationen möglichst gute Strategien zu ermitteln.
Die Methode Holmes
Heutzutage dürfte eine der Aufgaben der Berechnungen die Bestimmung von Frequenz, Ort und Zusammensetzung von Posten und Patrouillen sein, die in Afghanistan die Straßen nach Bomben und Gegnern absuchen. Das offiziell postulierte Ziel von ORSA ist es, durch Anwendung von wissenschaftlichen Methoden und mathematischer Modellierung maximale Resultate trotz beschränkter Ressourcen zu erzielen. Erfolg oder Misserfolg werden danach bewertet, ob die Ziele, die aus den mathematischen Modellen abgeleitet werden, erreicht wurden und ob die Annahmen für die Planung korrekt waren.
Voraussetzung für den Erfolg ist, dass die Vorhersagen über die Zukunft, die Abschätzungen, Projektionen und Schlussfolgerungen aus den Analysen adäquat sind. Ausgehend von einem vorgegebenen Ziel, versucht ORSA, die notwendigen Schritte und Mittel zur Erreichung des Zieles aus den Modellen abzuleiten. Die digitale Landkarte des Konflikts wird zum alleinigen Handlungsraum; alles hängt davon ab, wie gut sie mit der Realität übereinstimmt. Die unvermeidbaren Scheuklappen sind oft genug tödlich: Die Landkarte ersetzt den Blick auf die Landschaft.
Man kann sich das ein wenig so vorstellen wie die Methoden des fiktiven Romanhelden Sherlock Holmes. Aus der Interpretation der Ausgangssituation, aus dem Wissen über typisches menschliches Verhalten und den daraus folgenden Handlungsoptionen zieht er Schlussfolgerungen. Die Welt wird reduziert auf Kausalketten, die zu erkennen die Grundlage seines Erfolges ist. Je mehr er über die Ausgangslage und Handlungen des Gegners in der Vergangenheit weiß, desto mehr kann er über die Zukunft vorhersagen.
Auf der Basis dieser Vorhersagen werden vorgefasste Alternativen modelliert, die dann beim Eintreten der entsprechenden Krisen und Ereignisse herangezogen werden. Bekannt geworden sind die sogenannten „Standard Operation Procedures“, von denen auch einige bei Wikileaks gelandet sind. Diese Vorgehensmodelle versuchen, vorausschauend Handlungsalternativen in Standardsituationen festzulegen.
Ein aktives Hin und Her zwischen Wirtschaft und Kriegswesen
Auch die „Rules of Engagement“ entstammen solcher Vorausplanung. Sie regeln, unter welchen Umständen und wie intensiv Waffen eingesetzt werden dürfen. Wenn Gegner anfangen, Bomben nicht nur an Straßen, sondern auch auf Trampelpfaden zu legen, dann werden die Patrouillen eben querfeldein durchgeführt. Im zivilen Leben lassen sich die militärischen Standard Operation Procedures direkt mit den Regeln für Franchise-Unternehmer vergleichen, die ihnen vom lizenzgebenden Wirtschaftsimperium vorgegeben werden. Typischerweise im klassischen Drei-Loch-Hefter ausgegeben, enthalten sie Verhaltensregeln für alle denkbaren Eventualitäten – vom betrunkenen Störenfried über die Farbe der Servietten bis zur Beseitigung einer Störung der Logistikkette für die tiefgefrorenen Hackfleischscheiben.
Die Ähnlichkeit ist kein Zufall. Jeweils nach Ende größerer Kriege haben die in den ORSA-Methoden geschulten Soldaten ihre Erfahrungen und Fähigkeiten mit in die Industrie genommen. Etliche wurden Unternehmensberater. Die Methoden, nach denen Management-Consultants seit einigen Jahrzehnten vorgehen, sind teilweise direkt aus den jeweils aktuellen militärischen Vorgehensweisen übernommen. Der geradezu fetischhafte Glaube an Quantifizier- und Messbarkeit, Objektivierbarkeit, Modellierbarkeit und Optimierbarkeit ist historisch in enger Wechselwirkung zwischen Militär und Geschäftswelt entstanden. Waren es nach dem Zweiten Weltkrieg die Operations-Research-Spezialisten, die am Ende ihrer Dienstzeit das mathematische Rüstzeug mit in die Industrie nahmen, gibt es heute und seit Dekaden ein aktives Hin und Her zwischen Wirtschaft und Kriegswesen.
Mehr als deutlich wird die Verzahnung bei den Online-Jobbörsen. ORSA-Experten werden zu Hunderten von den üblichen Consulting-Verdächtigen aus dem Militär- und Sicherheitsbereich für die Kriege in Afghanistan und im Irak gesucht. Einschlägige Erfahrung mit den Operations-Research-Methoden, egal, ob im Militär oder in der Industrie, wird vorausgesetzt. Eine vorhandene Sicherheitseinstufung ist ein Vorteil, kann aber auch vom Auftraggeber nachgeholt werden.
Methoden der Manipulation
Aus den Job-Angeboten lässt sich einiges herauslesen. Die Software-Werkzeuge, mit denen die Operations-Research-Analysten arbeiten sollen, sind oft die gleichen wie in der Industrie: Statistik-Programme, Datenbanken, dynamische Modellierungssoftware. Und noch etwas fällt auf: Die Stellenausschreibungen geben praktisch ausschließlich Arbeitsorte in den Vereinigten Staaten, Auslandsstationierungen werden explizit ausgeschlossen. Nicht nur Drohnen, die, mit Raketen und Bomben bewaffnet, Häuser und Menschen vernichten, werden von der anderen Seite des Ozeans aus gesteuert. Auch die Strategie, Taktik und Logistik des Krieges werden weitgehend per Fernsteuerung bestimmt – tagsüber neue Optimierungsmethoden für den Truppeneinsatz planen, abends zum Grillen nach Hause, während die Infanterie im Staub und Dreck die neue Strategie ausprobiert.
In der mathematischen Modellierung des Konflikts werden Faktoren wie die Stimmung in der heimatlichen Bevölkerung und die politische Unterstützung für den Krieg zu Faktoren, die es zu beeinflussen und vorherzusagen gilt. Ein älteres Wikileaks-Dokument, der Red-Cell-Report, gibt folgerichtig Hinweise auf Methoden, mit denen sich die öffentliche Meinung in den Ländern der Verbündeten in der gewünschten Weise manipulieren lässt.
Aus ORSA-Weltsicht gilt es, die Vielzahl der Faktoren, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, zu erfassen und zu beeinflussen. Ob Änderungen an Taktiken, das Aufnehmen von echten oder vermeintlichen Gegnern in die „Capture or Kill“-Listen, die Bombardierungen oder das Zerstören von Ressourcen des Gegners – die Reaktion der Öffentlichkeit ist nur ein weiterer Faktor, der am Rande darüber mitentscheidet, ob eine Aktivität als effektiv beurteilt wird.
Faktoren des Parameters „Kampfmoral“
Bei dieser mathematischen Suche nach Druckpunkten, welche die Kampfbereitschaft des Gegners beeinflussen können, ist fast jedes Mittel recht. Eine Standardmethode ist die forensische Analyse von überrannten Stützpunkten des Gegners, wenn die Situation es erlaubt. Dabei werden etwa Erkenntnisse über Bewaffnung oder den Nachschub gewonnen. In Presseberichten beschrieben werden beispielsweise häufig aufgefundene Bauteile für improvisierte Bomben. Aus den Wikileaks-Berichten lässt sich ersehen, dass es spezielle Einsatzgruppen mit Namen wie „Paladin“ gibt, deren Aufgabe die Zerlegung und forensische Analyse neu angetroffener Typen der Improvised Explosive Devices genannten Eigenbaubomben ist.
Dann wird versucht, die Beschaffungskette der Bauteile zurückzuverfolgen und, wo möglich, mit offenen oder verdeckten Operationen zu unterbrechen. Aus dem Vietnamkrieg gibt es Berichte von Insidern, wonach auch eine detaillierte Inventur aufgefundener Medizinvorräte in eroberten Vietcong-Stützpunkten vorgenommen und der Gesundheitszustand gefangener Gegner statistisch erfasst wurde. Modellrechnungen aus diesen aufgezeichneten Rohdaten, korreliert mit Daten über lokal übliche Krankheitshäufigkeiten aus anderen Quellen, ergaben, dass unter den Bedingungen des Dschungelkrieges eine kleine Anzahl Medikamente einen kritischen Einfluss auf die durchschnittliche Kampffähigkeit des vietnamesischen Widerstands haben könnte. Die schwere Serie von Explosionen, die wenig später die Pharmafabrik in einem Nachbarland zerstörte, aus welcher der Großteil dieser Medikamente stammte, war sicher kein reiner Zufall. Über derlei resultierende „Kollateralschäden“ möchte man eigentlich lieber nicht nachdenken.
Patriotismus, soldatischer Heldenmut, Disziplin und Opferbereitschaft sind aus ORSA-Sicht am Ende nur Faktoren des Parameters „Kampfmoral“. Der dient wiederum als Input-Wert für die Formeln, die bestimmen, wie lange eine Einheit im Kriegsgebiet bleiben kann. Nach wie vielen Feuergefechten, Straßenrand-Bombenangriffen und Anblicken verwundeter und getöteter Menschen ein Soldat nicht mehr einsatzfähig ist, bestimmt wiederum die Kalkulationen für seine Einsatzdauer. In Interviews mit Soldaten in den aktuellen Konfliktzonen wiederholt sich eine Szene. Gefragt, worin denn noch ihre Motivation liegt, das alltägliche Grauen durchzuhalten, antworten viele unisono: „weil ich meine Kameraden nicht im Stich lassen will“. Die Reduktion eines ohnehin sinnlosen Krieges auf ein komplexes mathematisches Problem hat keine andere Motivation mehr übriggelassen.
Der Film „War Games“ endet damit, dass der Computer WOPR erkennt, dass es keine Möglichkeit gibt, in einem nuklearen Konflikt zu siegen. Ob ein Krieg zu gewinnen ist, bei dem der Gegner nur lange genug durchhalten muss, bis die westlichen Truppen entnervt aufgeben und abziehen, ist ähnlich fraglich. Die Ansichten der Operations-Research-Spezialisten dazu lassen sich aus den Wikileaks-Dokumenten nicht direkt ersehen. Da ORSA in bester Wernher-von-Braun-Tradition nicht selbst Ziele definiert, sondern nur den Weg zum Erreichen der Vorgaben sucht und optimiert, bleibt diese Frage wohl der Politik vorbehalten.
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