Das Internet hat unser Denken bereits verändert. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es eine entscheidende Ressource der Industriegesellschaften ist, die vermeintlich das gesamte Weltwissen bereitstellt. Und wenn wir uns nicht selbst wie selbstverständlich darin bewegen, so wissen wir doch, dass der globalisierte Gedanken-, Informations- und Geldaustausch im Netz funktioniert. Er sprengt die engen Grenzen unseres eigenen Gehirns und der Beziehungen unserer Umgebung. Unser Denken beginnt, sich an globalen Dimensionen zu orientieren und neue Verknüpfungen zu bilden.
Die Werkzeuge aber haben einen weiteren Entwicklungsschritt gemacht, und wir hinken hinterher. Eine grundlegende Veränderung hat im Internet stattgefunden, die wichtige Bereiche bereits erfasst und sich immer weiter ausdehnt. Die Zeit löst den Raum als Ordnungsfaktor des Netzes ab. An die Stelle statischer Websites, die in einem geordneten Raum, vergleichbar der analogen Welt, Informationen und Dienste feilbieten, treten locker geknüpfte Beziehungen im Netz, Timelines, Statusmeldungen. Sie schaffen einen beständig sich erneuernden Fluss. Informationen, Wissensschnipsel, Artikel, Enzyklopädien, Äußerungen, Angebote, Bilder, Videos, Gerüchte, Fakten, Lügen, Wahrheiten strömen am Nutzer vorbei, der Einzelne schwimmt mit und lässt den Strom mit seinen Äußerungen und Daten weiter anschwellen.
Ein Netz mannigfaltiger Bewusstseinsströme entsteht: Der Grad der Vernetzung und die Geschwindigkeit, mit der Informationen uns erreichen, scheint kaum zu steigern und nimmt doch weiter zu. Die Smartphones sind der bislang letzte Baustein, der das Netz überall, jederzeit verfügbar macht; die Mobilgeräte bilden die sperrangelweit geöffneten Schleuse für das, was David Gelernter (siehe Alles fließt: David Gelernter über die Zukunft des Internet) als „Lifestreams“ bezeichnet.
Die Filter kennen nur die Vergangenheit
Viele Anwender fühlen sich von diesen Strömen überfordert. Social Networks wie Facebook, Twitter, MySpace und StudiVZ vereinen Bekannte und Unbekannte; sie führen zu einer halböffentlichen Existenz, Privatheit lässt sich kaum mehr bewahren. Selbst wer vorsichtig mit seinen persönlichen Daten umgeht, kann nicht entscheiden, was durch die von ihm hinterlassenen Spuren über ihn herauszubekommen ist. Dabei steht allen Nutzern nahezu jede Information in Echtzeit zur Verfügung. Zeitungen - online wie auf Papier gedruckt - bilden nur Inseln in diesem Strom, die zum Verweilen und Luftholen einladen; Tageszeitungen übernehmen dabei im Netz zunehmend die ordnende und einordnende Funktion von Wochenzeitungen und Zeitschriften der analogen Welt.
Gegen diese Überforderung hilft nur die Rückeroberung der eigenen Autonomie im Netz, eine „digitale Aufklärung“. Für diese Rückeroberung braucht es zwei Dinge: Wir müssen informierte Entscheidungen treffen können, und wir brauchen Filter für die Bewusstseinsströme des Echtzeit-Internets. Wir benötigen Informationen über die Verknüpfungen, damit wir bewusst entscheiden können, wie weit unser öffentliches Leben im Netz reichen soll. Das Problem sind heute nicht mehr die Datensammlungen selbst, es fehlt die Kontrolle über die Verknüpfung der Daten. Was ich mit meiner Privatsphäre und mit meinen persönlichen Daten anstelle, ist meine Sache. Ich kann sie in alle Welt streuen, sollte ich mir davon einen Nutzen versprechen. Ich muss aber die Kontrolle darüber behalten, was passiert. Diese Autonomie muss erkämpft werden, als Freiheit des digitalen Bürgers gegen die kommerziellen Interessen der Datenverwerter. Und das wird nicht ohne Regulierung eben dieser Datenverwerter gehen.
Die Informationsströme, die Äußerungen der im Echtzeit-Netz sich bewegenden Nutzer verlangen nach zusätzlichen Filtern, um dem Denken zugänglich zu sein. Die sozialen Netze bieten die Voraussetzung, diese Filter zu entwickeln. Irgendwann werde der Computer beziehungsweise das Netz alles über uns wissen und uns sagen können, was wir wollen, heißt es aus den Forschungsabteilungen der IT-Konzerne. Dieser algorithmische Filter, der Code des Netzes, aber weiß über meine Zukunft nur, was in meiner Vergangenheit passierte, extrapoliert meine Wünsche aus meinen gegenwärtigen Bedürfnissen. Auf dieser Selbstverstärkung basiert das Geschäftsmodell von Firmen wie Google, die meine Wünsche und meine Zukunft, die sie mit ihren Algorithmen berechnen, monetarisieren.
Das „De-Mainstreaming“ kommt voran
Algorithmen sind nicht moralisch und nicht intelligent. Algorithmische Filter führen zu einem Mainstreaming, das stark an den Matthäus-Effekt erinnert: „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden.“ Bekanntes wird durch Wiederholung und gleichartige Ergänzungen verstärkt; Unbekanntes und Anderslautendes wird ausgeblendet. Wie Filter anders funktionieren können, darauf weist das Nutzerverhalten in den Social Networks hin. Die Freundeskreise auf Facebook, die Follower-Kreise auf Twitter, die in Social Networks entstehenden Beziehungsgeflechte schaffen einen sozialen Filter aus Hinweisen, Verlinkungen, Retweets, Äußerungen, Kommentaren. Der Schriftsteller Peter Glaser bezeichnet den Vorgang als „flüssige Zeitung“ oder „Padcast“. Es handelt sich aber um mehr als nur die Zusammenstellung einer individuellen Zeitung, die sozialen Filter gehen nämlich weit über die algorithmischen Filter hinaus: Sie kombinieren Bewusstseinsströme, lassen Frisches und Unbekanntes neben Gewohntem und Vorhersehbarem in den Strom fließen. Die sich überschneidenden Freundeskreise führen immer wieder zu Neuem, was algorithmische Filter ausblenden würden. Die sozialen Filter geben dem Nutzer die Kontrolle über das Echtzeit-Internet zurück.
Natürlich kann ich mich dafür entscheiden, den sozialen Filter auf den Mainstream einzustellen, ich kann aus den Freundeskreisen streichen, was nicht zu meinen Urteilen oder Vorurteilen passt. Das ist meine Entscheidung: So dumm zu bleiben, wie mich ein algorithmischer Filter machen würde, darf ich mir selbst aussuchen. Ich halte es jedoch für unwahrscheinlich, dass soziale Filter nur zur Verstärkung algorithmischer Filter eingesetzt werden. Sie zeigen vielmehr ihre Korrekturfunktion, das „De-Mainstreaming“ kommt voran, wenn man seine Freundeskreise bewusst pflegt.
Die digitale Aufklärung arbeitet dialektisch
Ein Selbstversuch: last.fm ist eine Musikempfehlungs-Site, die auf Basis dessen, was ich an Musik höre, Empfehlungen ausspricht, die laut Algorithmus zu mir passen. Der erste Aha-Effekt: Die Auswertung dessen, was ich oft höre, birgt Überraschungen. Dann erfolgt das perfekte Mainstreaming, ich bekomme als „Empfehlungen“ nur zu hören, was ich schon kenne oder was sehr nahe an dem liegt, was ich den lieben langen Tag an Musik konsumiere. Der zweite Aha-Effekt: Es gibt nicht nur den Algorithmus, der aus Gehörtem Empfehlungen extrahiert, es gibt „Nachbarn“. Vom Computer berechnet, bietet diese Funktion eine Art Zwitter aus algorithmischem und sozialem Filter: Die Nachbarn sind last.fm-User, die der Algorithmus auf Basis meiner Vorlieben aussucht. In der Regel führt dies zu einer sozialen Komponente im Filter, divergierende Musikvorlieben werden kombiniert. Der dritte Aha-Effekt: Von mir selbst bestimmt sind die „Freunde“, ich suche sie mir selbst aus. Diese korrigieren den Algorithmus; aufmerksam geworden bin ich auf sie zwar auch über die Empfehlungen des algorithmischen Filters, vor allem aber beim Stöbern.
Ähnlich funktioniert das in größeren Umfang und mit etwas mehr Aufwand bei Facebook, Twitter oder StudiVZ. Was uns heute überfordert, stimmt zugleich hoffnungsfroh: Wir beeinflussen durch unseren Umgang mit dem sozialen Echtzeit-Internet das Netz selbst - unser Denken verändert das Internet.
Unser bewusster, manchmal mühsamer Umgang mit den sozialen Filtern gibt die Bewusstseinsströme des Netzes in unsere Verfügungsgewalt. Die Technik mag weiter sein als die Menschen, doch wir können die Kontrolle übernehmen. Die digitale Aufklärung arbeitet dialektisch - mit den Werkzeugen, die uns heute zu überwältigen scheinen.
An was die..
Ronny Schaffer (RonSchaffer)
- 20.03.2010, 22:44 Uhr
....maschinen haben jetzt schon die nase vorn !!
Manfred Sauer (Manni1000)
- 21.03.2010, 07:29 Uhr
Qualitätskontrolle...
L Lustig (dcba)
- 21.03.2010, 11:33 Uhr
Der fundamentale Irrtum
Hermann H. (hermann.12)
- 21.03.2010, 11:55 Uhr
"Selbstversuch" mit last.fm
Hans Ueckert (HansenU)
- 22.03.2010, 12:48 Uhr