Eine scheinbar alberne Frage zuerst: Mit welchem Gehirn denken Sie am meisten, mit dem schwammartigen in Ihrem Kopf oder dem elektronischen Wunderding unter Ihren Fingerkuppen? Welches von beiden speichert mehr Erinnerungen von Ihnen, welches knüpft die Netze Ihrer Freundschaften?
Noch vor einem Jahrzehnt wäre die Antwort eindeutig ausgefallen. Wir waren auf die Denkmaschine, die wir zwischen unseren Ohren tragen, das raffinierteste Schaltkreisprodukt im bekannten Universum, angewiesen. In den vergangenen Jahren jedoch haben wir uns mehr und mehr an das gigantische und sich rasch ausbreitende externe Gehirn gehalten, das wir alle teilen. Die vernetzte Welt mit ihren ausgedehnten, über Neuronen aus fiberoptischen Kabeln verbundenen vollklimatisierten Rechenzentren beantwortet unsere Fragen, korrigiert unsere Rechtschreibung und stellt nicht nur genau fest, wo wir uns befinden, sondern auch die jährliche Niederschlagsmenge und das durchschnittliche Bruttoeinkommen an diesem Ort sowie Name, Gewicht und Balzrituale der Spezies, die mit größter Wahrscheinlichkeit über den Gartenzaun klettert und die Tomatenstauden verwüstet. Im Unterschied zu unserer eigenen mangelhaften Ausstattung vergisst dieses Gehirn nie etwas.
Während unsere Gehirne seit 40.000 Jahren mehr oder weniger gleich geblieben, also von den Cro-Magnon-Höhlenmalern bis zu Quentin Tarantino evolutionär auf der Stelle getreten sind, entwickelt sich unser externes Gehirn sprunghaft. In den letzten ein, zwei Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat es gelernt, wie man etwas sucht. Mit dem Wachstum der sozialen Netzwerke fing es anschließend an, Freundschaften zu studieren. Während Sie diesen Text lesen, bringen ihm Computerwissenschaftler bei, wie man liest und Gesichter in einer Menschenmenge identifiziert. Jahr für Jahr verdoppelt dieses globale Gehirn die Zahl seiner Transistoren. Es wird stärker. Und während es stärker wird, türmt es nicht nur Berge, sondern ganze Gebirgsketten von Daten auf. Unlängst las ich, dass die Menge der im vergangenen Jahr gesammelten biologischen Informationen die Gesamtmenge der Daten übertraf, die in diesem Feld zusammengetragen wurden, ungefähr seit die alten Chinesen oder Ägypter ihren ersten Frosch zergliederten.
Das Netz tut alles für uns: Es sucht sogar schon unsere Freunde aus
Dieses Gehirn, das von allem genährt wird, womit wir die Netzwerke füttern, jedem Chat, jedem Klick, jeder Änderung in Wikipedia, wird immer klüger. Und je klüger es wird, desto häufiger nutzen wir es. Wir zitieren es mittels neuer Erfindungen und Dienste herbei und halten so diese sagenhafte Ressource in jedem unserer wachen Momente in permanenter Bereitschaft. Warum auch nicht? In diesem Stadium auf unser gemeinsames Gehirn zu verzichten wäre so, als würde man sich freiwillig für eine Lobotomie melden. Hirnverbrannt wäre das.
Nichtsdestotrotz muss jeder von uns eine Strategie für seinen eigenen Kopf entwickeln. Was müssen wir in unseren biologischen Gehirnen speichern, während das externe Gehirn lernt und sich ausdehnt und mit ständig neuen Einfällen aufwartet, wie es uns zu fassen bekommen und zu Diensten sein kann? Welche Fertigkeiten brauchen wir, um uns abheben, um glücklich zu sein, um gedeihen zu können? Kurz gesagt: Was müssen wir wissen?
In gewisser Weise haben viele von uns, die wir diese neuerliche Informationsrevolution durchleben, etwas mit den Legionen mittelalterlicher Mönche gemeinsam, die von der letzten überrollt wurden. Jahre ihres Lebens hatten sie damit zugebracht, heilige Texte auswendig zu lernen, die sich bald darauf aus den neumodischen Druckerpressen ergießen sollten. Statt all diese Daten im Kopf zu behalten, hätten die Mönche eine Menge Zeit sparen und vermutlich enorme geistige Kapazitäten freisetzen können, wenn sie besagte Texte auf Regalen hätten archivieren können. (Hier ist nicht der rechte Moment, um zu erörtern, ob die Mönche überhaupt großen Wert auf „freie Zeit“ legten, ein Konzept, das der Trägheit, der vierten der sieben Todsünden, gefährlich nahe kam.) Genauso wird heute ein Großteil des Wissens, das wir im Lauf der Jahre in unsere Köpfe gestopft haben, durch neue Maschinerien überflüssig gemacht.
In der Auseinandersetzung mit diesen beiden Gehirnen steht für uns viel mehr auf dem Spiel als die Optimierung unseres Ressourcenmanagements für Gedanken, Berechnungen, Träume und Erinnerungen. Über Fragen der Effizienz hinaus geht es darum, dafür einzutreten und zu definieren, was es heißt, menschlich zu sein. Zwischen diesen beiden Gehirnen findet nämlich ein Kampf statt, und es gibt ernüchternde Nachrichten von der Front. Unser Standard aus Fleisch und Blut, der Sitz unseres Seins, befindet sich auf dem Rückzug.
An diesem Punkt sollte ich eines klarstellen. Hin und wieder beschreibe ich das externe Gehirn womöglich wie ein einziges Ding, das über seine eigenen Strategien und Interessen verfügt. Das ist es aber nicht. Es ist vielmehr ein Ökosystem, an dem wir alle teilhaben. Es umfasst alles, was durch Computernetze hindurch auf unsere Aufmerksamkeit zielt, von der Textnachricht unserer Vorgesetzten bei der Arbeit bis zur blinkenden Bannerwerbung auf Yahoo. All diese Elemente buhlen um einen oder zwei Momente unserer Zeit. Davon leben sie. Man stelle sich nur vor, was geschähe, wenn wir alle ein paar Monate ohne das elektrische Netz verbrächten, Karten spielten oder in alten Büchern und Zeitschriften blätterten. Das Netzwerk wäre ausgehungert nach Informationen. Unternehmen verlören ihre Arbeiter und Abläufe aus den Augen. Twitter hätte ausgezwitschert, Wikipedia würde veralten und für Facebook die Zeit stillstehen. Google ginge bankrott. Ohne menschlichen Input wäre unser elektronisches Gehirn nicht viel mehr als eine große Rechenmaschine am Himmel.
Schlimmstenfalls werden wir konfus, vielleicht auch dümmer
Darwinistisch gesprochen, hängt das Überleben jedes Akteurs im Netz von seiner Fähigkeit ab, unsere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Wie die Geranien auf der Straßenseite gegenüber, deren leuchtendes Rot Hummeln anziehen soll, entwickelt jedes einzelne Element seinen eigenen Reiz. Manche bieten Antworten, andere Klatsch oder Sexbilder. Einige der Erfolgreichsten wie E-Mail-Anbieter und soziale Netzwerke gewinnen uns dafür, unsere Freunde zu aktivieren und einzubinden. Ihre Dienste können nützlich, unterhaltsam oder sogar unverzichtbar sein. Betrachtet man sie aber aus der Perspektive unseres belagerten Gehirns, dann pflanzt uns die vernetzte Welt einen riesigen Basar voller Ablenkungen direkt vor die Nase – und schickt uns in diesem Basar auf tausend Pfade.
Wenn sie damit Erfolg hat, kann sie einen simplen E-Mail-Check oder eine Websuche zu einer mehrstündigen Reise ins Chaos werden lassen. Im schlimmsten Fall werden wir konfus und zerstreut – in mancher Hinsicht vielleicht sogar dümmer –, während die vernetzte Welt selbst immer intelligenter wird. Ich betrachte sie als einen gigantischen Parasiten, der sich bester Wachstumsbedingungen erfreut.
Was geschieht unterdessen mit unseren eigenen Gehirnen? Immerhin ist unser Gehirn weit mehr als nur eine Werkstatt oder ein Nachschlagewerk, nämlich der Stammsitz von Liebe, Glaube, Freude, Freundschaft und jeder Erfahrung, die wir im Leben machen. Wie können wir die Kontrolle über das elektronische Gehirn erlangen, statt diesem erdumspannenden Wunderding zu erliegen?
Diese Herausforderung gleicht gewissermaßen der, vor der wir bei unserer Ernährung stehen. Die meiste Zeit seines Erdenlebens musste der Mensch, wie andere Tiere auch, nach Nahrung suchen. Höhlenmenschen zählen keine Kalorien. Angesichts des Überflusses in den heutigen reichen Gesellschaften führen unsere allesfresserischen Instinkte jedoch zur Fettleibigkeit. Auch Informationen waren lange Zeit ein rares Gut. Sie sind es aber nicht mehr. Wir können uns mit ihnen überfrachten. Wir können uns am Ramsch ins Koma saufen. Damit nähren wir das elektronische Gehirn und riskieren es, unser eigenes verhungern zu lassen. Mehr als je zuvor müssen wir steuern, was wir in unsere Köpfe lassen. Vor einigen Monaten entwarf ich ein Exposé für ein Buch zu diesem Thema. Wie mir bald klar wurde, bestand das Problem darin, dass ich zwar die Herausforderung beschreiben konnte, aber kaum Antworten anzubieten hatte. Was sollten wir in unseren Köpfen behalten? Das ist die Frage unserer Generation.
Aus dem Englischen von Michael Adrian.
Wie lautet Ihre Antwort?
Stephen Baker
Der amerikanische Journalist Stephen Baker hat sich vor allem mit der Frage beschäftigt, wie Unternehmen unsere Online-Kontakte für sich und gegen uns verwenden können. In seinem Buch „Die Numerati. Datenhaie und ihre geheimen Machenschaften“ (Hanser Verlag, 2009) zeigt er, wie wir als Wähler, Käufer und Blogger erfasst, eingeordnet und damit berechenbar gemacht werden. Sein hier abgedruckter Beitrag ist der Beginn eines für uns überlebenswichtigen Gesprächs: Was von den immer gigantischer werdenen Datenbergen sollen wir überhaupt noch in unsere Köpfen hineinlassen, und was sollen wir davon behalten?
Stephen Bakers Website: www.thenumerati.net.
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Werner Kastor (wkastor)
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