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Die Frage der digitalen Generation Was lassen wir in unsere Köpfe?

Das Internet bereichert und bedroht unser menschliches Gehirn. Mehr denn je müssen wir steuern, was wir in unsere Köpfe lassen. Die Herausforderung kann klar benannt werden. Welcher Auswahlstrategie aber sollen wir folgen?

© Stuart McMillen Vergrößern

Eine scheinbar alberne Frage zuerst: Mit welchem Gehirn denken Sie am meisten, mit dem schwammartigen in Ihrem Kopf oder dem elektronischen Wunderding unter Ihren Fingerkuppen? Welches von beiden speichert mehr Erinnerungen von Ihnen, welches knüpft die Netze Ihrer Freundschaften?

Noch vor einem Jahrzehnt wäre die Antwort eindeutig ausgefallen. Wir waren auf die Denkmaschine, die wir zwischen unseren Ohren tragen, das raffinierteste Schaltkreisprodukt im bekannten Universum, angewiesen. In den vergangenen Jahren jedoch haben wir uns mehr und mehr an das gigantische und sich rasch ausbreitende externe Gehirn gehalten, das wir alle teilen. Die vernetzte Welt mit ihren ausgedehnten, über Neuronen aus fiberoptischen Kabeln verbundenen vollklimatisierten Rechenzentren beantwortet unsere Fragen, korrigiert unsere Rechtschreibung und stellt nicht nur genau fest, wo wir uns befinden, sondern auch die jährliche Niederschlagsmenge und das durchschnittliche Bruttoeinkommen an diesem Ort sowie Name, Gewicht und Balzrituale der Spezies, die mit größter Wahrscheinlichkeit über den Gartenzaun klettert und die Tomatenstauden verwüstet. Im Unterschied zu unserer eigenen mangelhaften Ausstattung vergisst dieses Gehirn nie etwas.

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Während unsere Gehirne seit 40.000 Jahren mehr oder weniger gleich geblieben, also von den Cro-Magnon-Höhlenmalern bis zu Quentin Tarantino evolutionär auf der Stelle getreten sind, entwickelt sich unser externes Gehirn sprunghaft. In den letzten ein, zwei Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts hat es gelernt, wie man etwas sucht. Mit dem Wachstum der sozialen Netzwerke fing es anschließend an, Freundschaften zu studieren. Während Sie diesen Text lesen, bringen ihm Computerwissenschaftler bei, wie man liest und Gesichter in einer Menschenmenge identifiziert. Jahr für Jahr verdoppelt dieses globale Gehirn die Zahl seiner Transistoren. Es wird stärker. Und während es stärker wird, türmt es nicht nur Berge, sondern ganze Gebirgsketten von Daten auf. Unlängst las ich, dass die Menge der im vergangenen Jahr gesammelten biologischen Informationen die Gesamtmenge der Daten übertraf, die in diesem Feld zusammengetragen wurden, ungefähr seit die alten Chinesen oder Ägypter ihren ersten Frosch zergliederten.

bak © Jalaire Craver Vergrößern Stephen Baker

Das Netz tut alles für uns: Es sucht sogar schon unsere Freunde aus

Dieses Gehirn, das von allem genährt wird, womit wir die Netzwerke füttern, jedem Chat, jedem Klick, jeder Änderung in Wikipedia, wird immer klüger. Und je klüger es wird, desto häufiger nutzen wir es. Wir zitieren es mittels neuer Erfindungen und Dienste herbei und halten so diese sagenhafte Ressource in jedem unserer wachen Momente in permanenter Bereitschaft. Warum auch nicht? In diesem Stadium auf unser gemeinsames Gehirn zu verzichten wäre so, als würde man sich freiwillig für eine Lobotomie melden. Hirnverbrannt wäre das.

Nichtsdestotrotz muss jeder von uns eine Strategie für seinen eigenen Kopf entwickeln. Was müssen wir in unseren biologischen Gehirnen speichern, während das externe Gehirn lernt und sich ausdehnt und mit ständig neuen Einfällen aufwartet, wie es uns zu fassen bekommen und zu Diensten sein kann? Welche Fertigkeiten brauchen wir, um uns abheben, um glücklich zu sein, um gedeihen zu können? Kurz gesagt: Was müssen wir wissen?

In gewisser Weise haben viele von uns, die wir diese neuerliche Informationsrevolution durchleben, etwas mit den Legionen mittelalterlicher Mönche gemeinsam, die von der letzten überrollt wurden. Jahre ihres Lebens hatten sie damit zugebracht, heilige Texte auswendig zu lernen, die sich bald darauf aus den neumodischen Druckerpressen ergießen sollten. Statt all diese Daten im Kopf zu behalten, hätten die Mönche eine Menge Zeit sparen und vermutlich enorme geistige Kapazitäten freisetzen können, wenn sie besagte Texte auf Regalen hätten archivieren können. (Hier ist nicht der rechte Moment, um zu erörtern, ob die Mönche überhaupt großen Wert auf „freie Zeit“ legten, ein Konzept, das der Trägheit, der vierten der sieben Todsünden, gefährlich nahe kam.) Genauso wird heute ein Großteil des Wissens, das wir im Lauf der Jahre in unsere Köpfe gestopft haben, durch neue Maschinerien überflüssig gemacht.

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