Was ist Zeitlosigkeit? Man wird sie am besten als geschichtsphilosophisches Problem verstehen. Die Zeitlosigkeit betrifft die Natur des historischen Wissens. Sie wirft die Frage auf, was wir über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wissen können.
Wie stellen wir die Geschichte dar und erklären sie uns? Worin besteht die Dynamik der Geschichte und der Zukünftigkeit? Was ist in der Vergangenheit geschehen, was geschieht jetzt? Was wird wahrscheinlich als Nächstes geschehen?
Fragen wir uns zunächst, was eine zeitlose (atemporale) Situation von einer postmodernen (oder einer modernen oder einer klassischen) Situation unterscheidet. Der amerikanische Physiker Richard Feynman, ein sehr direkter und nüchterner wissenschaftlicher Denker, den ich außerordentlich schätze, hat intellektuelles Arbeiten einmal wie folgt charakterisiert:
„1. Schreibe das Problem auf.
2. Denke scharf nach.
3. Schreibe die Lösung auf.“
Eine bewundernswert geradlinige Aussage über die harte Arbeit, die der intellektuelle Arbeiter zu verrichten hat - die natürlich ein Witz ist, aber nicht nur. Feynman versucht es so einfach wie möglich zu sagen: Setzt euch einfach direkt mit dem intellektuellen Problem auseinander! Nur gibt es eine ungeprüfte Annahme in Feynmans Methode, und zwar in Schritt eins, beim Aufschreiben des Problems.
Neun Schritte im Web 2.0
Ich will Ihnen sagen, wie der zeitlose Richard Feynman an diese Aufgabe herangeht. Er ist kein großer Papierfreund, weil er in einer Netzkultur lebt.
Ihm geht also auf, dass er vielleicht ein Problem hat, vielleicht aber auch nicht.
1. Ich gebe das Problem in eine Suchmaschine ein, vielleicht hat es irgendjemand ja schon gelöst.
2. Ich beschreibe das Problem in meinem Blog und studiere die Kommentare mitsamt ihren Links.
3. Ich formuliere mein Problem mit nicht mehr als 140 Zeichen in Twitter - mal sehen, ob ich es so knapp zusammenfassen kann. Und ob es weitergetweetet wird.
4. Ich mache ein quelloffenes Problem daraus und füge einige Instruktionen hinzu, die zeigen, wie weit ich gekommen bin, und schaue dann, ob die Gemeinschaft es ein Stück weiter schafft.
5. Mit Hilfe von Ning starte ich ein soziales Netzwerk über mein Problem, benenne es nach ihm und warte ab, ob sich eine Gruppe um mein Problem bildet.
6. Ich mache ein Video über mein Problem, lade es bei Youtube hoch und warte ab, ob es sich viral verbreitet und ob sich eine Medienkonzentration um es bildet.
7. Ich mache einen Entwurf, der so tut, als wäre mein Problem schon gelöst, designe also irgendeinen Apparat, eine Anwendung, ein Produkt, das etwas mit meinem Problem zu tun hat, und schaue dann, ob jemand es wirklich baut.
8. Ich verschärfe oder vergrößere mein Problem mit einer interventionistischen taktischen Medienaktion.
9. und letztens: Ich suche im „Looking into the Past“-Pool der Online-Fotoplattform Flickr (bei dem jeweils ein historisches Foto mit einer passenden aktuellen Aufnahme kontrastiert wird) nach ein paar hübschen Illustrationen.
Dagegen würde der alte, noch nicht zeitlose Feynman einwenden: Du hast das Problem nicht gelöst! Du hast die wissenschaftliche Erkenntnis nicht vorangebracht. Hier gibt es überhaupt keinen Fortschritt. Bis zum dritten Schritt, der Problemlösung, bist du gar nicht vorgedrungen. Worauf der zeitlose Feynman erwidern würde: Schlimmer noch. Ich habe noch nicht einmal den ersten Schritt ausgeführt und das Problem definiert und aufgeschrieben. Aber ich habe eine Menge über seine Bedeutung, seinen Wert und seinen sozialen Rahmen in Erfahrung gebracht, dazu einiges an Daten ausgewertet und kollaborativ gefiltert, was du mit deinem Stift alles gar nicht könntest.
Zwei grundsätzlich unterschiedliche Fragen
Nun ist die Geschichte, das, was Historiker hervorbringen, eine Geschichte, eine Erzählung. Und die Erzählung des vierzehnten Jahrhunderts aufzuschreiben, sich lediglich à la Feynman zu fragen, was sich damals abspielte, ist etwas ganz anderes, als die zeitlose Frage zu stellen: Was macht Google, wenn ich den Suchbegriff „vierzehntes Jahrhundert“ eingebe? Ich glaube, dass wir diese Schwelle überschritten haben und jetzt wirklich vor ganz anderen Fragen stehen.
Geschichtsbücher sind Druckerschwärze auf Papier. Es sind lineare Erzählungen mit Anfang und Ende. Es sind Geschichten, die aus Archivmaterialien und anderen Büchern komponiert wurden. Das ist nichts, was die Netzkultur interessiert. Die Netzkultur unterscheidet sich auf vielfache Weise von der literarischen Kultur. Und der erste Schritt besteht immer darin, sich an die unhinterfragte Gegebenheit des Betriebssystems zu halten, ohne dass dies einer bewussten Entscheidung bedürfte.
Man kann auch „Internethype-Schmodder“ dazu sagen
Schon sind wir in der gigantischen, durchsuchbaren Sphäre der Netzöffentlichkeit, die in Reichweite unserer Fingerspitzen ist. Hier gibt es Methoden, um die Blicke der Nutzer auf dem Bildschirm zu verfolgen. Hier gibt es Probleme mit der Entgeltung von geistigem Eigentum, was der Gelehrsamkeit genauso schadet, wie es ihr zugutekommt. Hier gibt es eine Praxis des Lumpensammelns von digitalem Material, von Loops, Tracks, Samples. Suchmaschinen mausern sich zu tonangebenden intellektuellen und politischen Akteuren. Hier gibt es eine kollektive Intelligenz, die man, wenn man sie nicht mit dieser Bezeichnung adeln will, auch als „Internethype-Schmodder“ bezeichnen kann. Sie ist aber überall, ein Ameisenhaufen dürftig organisierten und extrem potenten Wissens, quantifizierbarer, austauschbarer Daten, zwischen denen sich neue netzwerkartige Beziehungen bilden.
Dieses Zeug werden wir nicht mehr los. Es ist unsere neue Bürde, ein unhintergehbares Faktum, ein fait accompli. Und es gibt hier neue asynchrone, globalisierte Kommunikationsformen. Was es hier nicht mehr gibt, sind ein Kanon und ein historisches Register. Es gibt nicht mehr die eine autoritative Stimme der Geschichte. Stattdessen sind wir mit verrückt einflussreichen Sonderlingen und Verrückten konfrontiert, und jede Form von intellektuellem Langzeitgeschäft muss sich in der Netzwerkkultur bewähren - wie alles andere von der brillanten Einsicht bis zum obszönen Gerücht auch.
All dies verändert die Erzählung und die organisierte Darstellung von Geschichte in einer Weise, von der die Geschichte sich nicht erholen wird. Das ist die Ursache unseres quälenden Unbehagens.
Die Karten stimmen nicht mehr mit der Landschaft überein
Was all dies bedeutet? Es bedeutet das Ende der Postmoderne. Es bedeutet das Ende der Neuen Weltordnung, die den ganzen Planeten zivilisieren, alle Landkriege beenden und den Terrorismus zurückdrängen wollte. Es bedeutet das Ende des Washingtoner Konsenses der 1990er Jahre. Es bedeutet das Ende der Welthandelsorganisation. Es bedeutet das Ende von Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“, mit dem es einfach zu Ende ging. Alles bewegt sich jetzt unerwartet in eine völlig andere Richtung.
Die Idee, dass die Geschichte zu Ende ist und dass der Markt sich jetzt um sie kümmert und dass das Pentagon sie bombardiert, wenn das nicht funktioniert - dahin. Stattdessen wuchert die Unordnung: Ein Staat scheitert, womöglich scheitert der Erdball, die WTO bricht zusammen, Kopenhagen bricht zusammen, Finanzmärkte brechen zusammen, und wir versuchen mit einer Rettungsboot-Ökonomie den Übergang ins Nirgendwo. Die historische Erzählung deckt sich schlicht nicht mehr mit den objektiven Tatsachen des Dezenniums. Die Karten in unseren Händen stimmen nicht mehr mit der Landschaft überein. Kein Wunder, dass wir so aufgelöst sind.
Ein Jahrzehnt der Notrettungen, der Elastizität, des Bemühens
Nun könnte ja auf dem Papier eine neue Meistererzählung auftauchen. Das wäre einfach. Auf dem Papier, wenn es nur ums Papier ginge, könnten wir das leisten. Aber so etwas im Internet zuwege bringen zu wollen ist ungefähr so wahrscheinlich, wie dass sich das Internet in einen einzelnen staatlich kontrollierten Fernsehkanal verwandelt. Eine historische Erzählung im Singular ist eine papierne Erzählung. Ich glaube nicht, dass wir eine bekommen werden. Es ist vorstellbar, dass wir eine neue Ideologie oder ein neues Wirtschaftsmodell bekommen, das den Gang der Dinge wieder unter Kontrolle zu bringen und irgendeinen klaren Fortschrittskurs wiederzubeleben vermag, für den ein demokratischer Konsens gefunden werden kann. Ich halte das aber nicht für wahrscheinlich, zumindest nicht im nächsten Jahrzehnt.
Was uns bevorsteht, ist eher ein Jahrzehnt der Notrettungen, der Elastizität, des Bemühens um Nachhaltigkeit als ein Geradeausmarsch in Richtung neuer zivilisatorischer Gipfelpunkte. Jetzt beginnt ein Zeitalter des Verfalls und der Neuausrichtung zerbrochener Strukturen, eine Dekade neuer sozialer Erfindungen in Netzwerken, eine Welt des „Gothic Hightech“ und des „Favela Chic“, wie ich es genannt habe, ein betrügerischer vernetzter Basar der Geschichte und Zukünftigkeit - statt einer Kathedrale der Geschichte und einer Utopie der Zukünftigkeit.
Es stellt sich die Frage: Und jetzt? Was können wir angesichts des Umstands, dass wir über all diese zeitlos organisierten Repräsentationen unserer sprachlichen Strukturen verfügen, eigentlich tun? Gibt es auch eine vergnügliche Seite?
Was tun, um ein wenig Leben in die Sache zu bringen?
Gibt es auch eine vergnügliche Seite? Tatsächlich glaube ich, dass da einiges möglich wäre. Wir leben jetzt in einer zeitlosen Netzwerkkultur und sollten deswegen nicht in eine moralische Panik ausbrechen. Wir können es einfach mit dem Umzug in eine andere Stadt vergleichen. Wir sind also in diese neue Stadt gezogen und schauen uns erst einmal um, was hier so los ist. Also, da scheint es eine Art verfallenes Schloss zu geben und auch ziemlich viele Slums, nichts, weswegen man in einen punkigen „No Future“-Furor verfallen müsste nach dem Motto: Ihr habt mir meine Zukunft gestohlen, und dafür werde ich euch umbringen (oder mich) und mit Pflastersteinen auf Polizisten werfen!
Was wir vielmehr brauchen, ist eine Form von Zeitlosigkeit, die etwas Agnostisches hat - einfach einen ruhigen, pragmatischen, heiteren Skeptizismus bezüglich der historischen Erzählungen, die schlechterdings das, was geschieht, nicht mehr abbilden.
Wie erkunden wir nun unsere neue Umgebung? Was können wir, vor allem wir Kulturschaffenden, tun, um ein wenig Leben in die Sache zu bringen? Schauen wir uns die Möglichkeiten an. Der unmittelbare Impuls wäre ein „Frankenstein-Mashup“, weil dies die natürliche Ausdrucksweise der Netzkultur ist. Dabei würde man einfach Elemente aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nehmen und miteinander kreuzen wie in einer Collage. Die Frankenstein-Collage wäre ein halb zufallsgeneriertes Produkt wie beim surrealistischen „Cadavre Exquis“-Verfahren.
Ein großes Loch, das aus zeitloser Perspektive gefüllt werden könnte
Zweifellos kann man auf diese Weise nützliche und interessante Dinge anstellen; aber ich bezweifele, dass uns das sehr weit bringt. Selbst wenn man sehr geschickt darin ist, führt diese Methode doch in der Regel zu der Art von gleichmacherischer Belanglosigkeit, die die sogenannte Weltmusik auszeichnet - zumindest jene Art von Weltmusik, die banale Discorhythmen um Nasenflöten oder Sitars von Pygmäen ergänzt. Das lässt sich zwar allzu leicht machen, ist aber nicht wirklich effektvoll. Es ist billig. Es ist wie Punkrock mit Sicherheitsnadeln und Plastiktüte. Es fehlt jegliche philosophische High-End-Qualität, eigentlich jeglicher zeitlose Lebenssinn. Es fehlt High Art, die hohe Kunst.
Und genau davon sähe ich gern einiges. Mir scheint es da ein großes Loch zu geben, das aus zeitloser Perspektive gefüllt werden könnte, und zwar nicht auf dem untersten Niveau künstlerischen Ausdrucks, sondern auf dem höchsten, dem philosophischen.
Wie wäre es mit generativem Recht oder vielleicht generativer Philosophie?
Neben der Frankenstein-Collage existieren aber noch zahlreiche andere Phänomene. Zum Beispiel die wachsende Beliebtheit „vergangener Zukünfte“: Steampunk, Atompunk, Dieselpunk. Man entdeckt dabei alte Produktionsmethoden neu, tut so, als wären diese niemals aufgegeben worden, und entwickelt sie weiter. Ich würde auch das Verfahren selbst weiterentwickeln: Mit der Materialität toter Regime und auch mit dem Kolonialismus könnte man einige gute Sachen anstellen. All dies wird bislang als Hobby betrieben, unter anderem von Science-Fiction-Fans, könnte aber erheblich aufgewertet werden.
Andere Phänomene stammen aus unserer eigenen Zeit und haben bislang nicht richtig funktioniert, wie etwa die generative Kunst, die ich persönlich ziemlich ernst nehme. Ich würde mich freuen, wenn dieser Ansatz weitergetrieben würde und man sich an generativem Recht oder vielleicht generativer Philosophie versuchte. Der Vorzug der generativen Kunst besteht darin, dass sie das Kunstprojekt von menschlicher Intentionalität reinigt. So schreibt man etwa in der generativen Fertigung den Programmcode für einen computerisierten Herstellungsprozess und weiß selbst nicht, was bei diesem Code herauskommt. Man weiß nicht, wie er sich physisch materialisieren wird.
Insofern erhält man am Ende kreative Objekte, denen die menschliche Absicht ausgetrieben ist. Zweifellos ist dabei ein gewaltiges Maß an kreativer Absicht im Spiel - innerhalb der Software. Die Software aber ist im fertigen generativen Produkt nicht zu sehen. Ich finde es bedeutsam, dass diese Objekte, Designs und Animationen heute unter uns sind. Denn auf eine merkwürdige Weise sind sie von jeder historischen Ideologie geschieden. Sie sind einfach nicht menschlich.
Das Neue soll schon zwanzig Jahre Zukunft hinter sich haben
Es gibt potentielle neue Formen kollaborativer Kunst, die keine individuellen Autoren mehr kennen. Quelloffene Künste, Mehrspielerkünste, Multimediakollaborationen. Auch die Konstruktion von virtuellen Welten ist ein spannendes Thema, etwas, das früher physikalisch gar nicht möglich war, etwas, das wir tun können und niemand sonst. Dies ist nur eine Liste von Methoden, von denen manche funktionieren und manche sich als Sackgassen erweisen werden. Was mich interessiert, ist, dass man sie aus dieser speziellen Perspektive der Zeitlosigkeit betreiben kann und dass mit ihnen etwas Neues möglich ist.
Der Science-Fiction-Autor William Gibson schrieb im Zusammenhang mit der Zeitlosigkeit und seinem im Herbst erscheinenden neuen Roman „Zero History“ von der „künstlich gealterten, antikisierten Zukünftigkeit“. Was er damit meinte, ist, dass man über eine wirklich avantgardistische Idee, etwas, das wirklich noch nicht da war, so schreiben sollte, als würde man in zwanzig Jahren davon lesen. Mit anderen Worten: Es geht ihm darum, den glitzernden Science-Fiction-Chrom abzustreifen, das Gefühl des Wunderbaren. Das Neue soll antik sein, bevor es auf dem Papier oder dem Bildschirm das Licht der Welt erblickt. Also stellt man sich vor, dass es schon zwanzig Jahre Zukunft hinter sich hat.
Ein und dieselbe Perspektive für Vergangenheit und Zukunft
Wir sollten uns nicht länger vom Eindruck der technischen Neuigkeit hypnotisieren lassen. Wir akzeptieren, dass es schon passé ist, und erschaffen es aus dieser Perspektive. Wir versuchen, daraus etwas Neues zu machen, das neu bleibt. Weigern wir uns, Ehrfurcht vor der Zukunft zu empfinden und Ehrerbietung für die Vergangenheit. Wenn beides wirklich das Gleiche ist, dann müssen wir aus ein und derselben Perspektive an Vergangenheit und Zukunft herangehen.
„Wir müssen Formen einer Geschichte wiedererlangen, die sich der Niederschrift verweigert.“ Ich halte es für enorm wichtig, den literarischen Fallen der Geschichte zu entgehen. Es gibt eine Geschichte, über die nicht geschrieben werden konnte - die Geschichte von Menschen, die sich historisch nicht durchgesetzt haben; die Geschichte von Völkern, die keine Literatur hatten. Der Vorgeschichte, der menschlichen Erfahrung vor der Entstehung des historischen Dokuments können wir nun mit Hilfe der Genetik und der Archäologie nachspüren. Die Zeit vor der Existenz des Menschen. Die kosmische Chronologie. Wie finden wir etwas über uns heraus? Durch Abfälle, Pollenflug, Umweltschäden, sogar Leichname. Man bedenke nur, wie viele phantastische Dinge wir von der Leiche „Ötzis“, dieses bronzezeitlichen Europäers, gelernt haben.
„Das schwere Eisen des Humanismus“: Es hat lange gedauert, bis die Geisteswissenschaften sich an Hochleistungsrechner („schweres Eisen“) herangewagt haben oder den Umgang mit großen Datenbanken. Aber jetzt sind sie aufgewacht. Wir werden es bald erleben, dass sogar Anglisten in der Lage sind, jedes Wort zu studieren, das jemals über, für oder wegen Charles Dickens oder Elizabeth Barrett Browning geschrieben wurde. Das wäre einfach eine andere Weise, sich mit dem Korpus der Literatur zu beschäftigen, und zwar eine mit erheblichem Potential. Auch die Visualisierung von Informationen halte ich für ein sehr interessantes Feld - eine Kunstform und eine potentielle Wissenschaft, wie ich glaube, und auch eine Form von Design.
„Multitemporal“ zu werden statt multikulturell: Es war stets ein großes Problem für Historiker, dass sie sich angeblich nicht von den Perspektiven und Interessen ihrer eigenen Zeit lösen konnten. Ich meine aber, dass wir uns bald in einer Situation befinden werden, in der die Perspektiven und Interessen unserer eigenen Zeit kaum noch Sinn ergeben. Sie verpflichten uns einfach auf nichts Bestimmtes mehr. Wir verfügen nicht über eine einheitliche Perspektive und kohärente Interessen, die uns in Beschlag nehmen könnten. Das bedeutet, dass wir einer potentiell objektiven Geschichte näher sind als jemals irgendjemand zuvor.
Man muss es nur als zeitgenössisch begreifen
Es gibt interessante Potentiale für eine vollständige digitale Wiederherstellung früherer Artefakte, früherer Produktionsmittel. Statt bloß darüber zu theoretisieren, was die Leute mit der Dampfmaschine anfangen konnten, modellieren wir einfach eine Dampfmaschine. Wir können eine Dampfmaschine ausdrucken.
Mit der europäischen Museumswirtschaft ließen sich noch nie dagewesene Dinge treiben. Mir gefällt die Idee eines persönlichen Museums. Statt unsere Innenstädte wie ein Relikt aus dem neunzehnten Jahrhundert auszustaffieren, könnten wir unser Feriendomizil im Stil des achtzehnten Jahrhunderts oder unsere eigene Wohnung mit den Gegenständen eines früheren Jahrhunderts einrichten. Warum sollte sich das nicht modern anfühlen? Man klemmt sich vom Stromnetz ab, macht seine eigene Butter und benutzt seinen eigenen Brunnen. Man muss nur mit einer gewissen Unmittelbarkeit an so etwas herangehen und es als zeitgenössisch begreifen.
Sie werden lächerlich aussehen
Warum nicht das Leben einer Designerfiktion leben? Warum nicht Rollenspiele in echten Räumen spielen? Warum nicht der Wandel werden, nach dem man sich sehnt? Sind Sie zum Beispiel der Meinung, die Zukunft sollte den individuellen Raumflug ermöglichen, warum sollten Sie sich dann nicht als Astronaut verkleiden, die ganze Sache erfinden und auf die Straße tragen? Sie können doch einfach das „Jeff Bezos Blue Origin“-Raumschiff erfinden und sich Ihre eigene Astronautenmontur zusammenbasteln. Ja, Sie werden lächerlich aussehen. Aber gemessen an was? Gemessen an welchem Standard kann man Sie für lächerlich halten? Warum wagen Sie nicht einfach den Schritt und verwandeln sich in ein persönliches öffentliches Zeugnis einer Zukunft, die noch nicht existiert? Warum ziehen Sie das nicht einfach mit der Hingabe eines Gandhi durch und warten ab, was passiert?
Es gibt noch weit mehr Methoden, als ich hier erwähnt habe. Man wird sie wiederentdecken oder erfinden. Aber ich glaube, man kann jetzt schon sagen, dass ein enormes kreatives Potential in der Zeitlosigkeit steckt. Ich möchte Sie jedoch warnen - beziehungsweise Ihnen versprechen -, dass auch sie vorübergehen wird. Auch die Zeitlosigkeit ist nur eine Phase.
Gothic Hightech und Favela-Chic
Unser Zeitalter steht meines Erachtens unter dem Eindruck zweier großer kultureller Signifikanten. Da ist einerseits ein analoges System, das unseren Eltern gehörte und mittlerweile von Einschusslöchern durchsiebt ist. Dies symbolisiert das Symbol des verfallenen Schlosses. „Gothic Hightech“: die Ruinen des Unhaltbaren, des nicht Nachhaltigen. Das andere Symbol sind die Favela-Slums. „Favela Chic“: die informalisierte, illegalisierte, hoch vernetzte Struktur der neuen Ordnung, die sich gerade bildet - alles, was man im einundzwanzigsten Jahrhundert an wirklich Neuem macht und was noch nicht domestiziert oder von der Gesellschaft vereinnahmt wurde.
Gothic Hightech und Favela-Chic: Für mich als Romancier und Kulturschaffenden ist beides offensichtlich. Vielleicht sehen Sie es ja anders - aber ich glaube, die Lebensspanne dieser Phänomene wird etwa zehn Jahre betragen. Eine neue Generation wird heranwachsen, der man die Dinge nicht auf diese Weise zu erklären braucht. Die Angehörigen dieser Generation werden sich über einen Slogan wie „Futurity now“ nicht wundern, weil sie nie etwas anderes kennengelernt haben. Sie werden nicht erst vergessen müssen, wie es einmal gewesen ist. Und von diesem Moment an werden wir nicht mehr auf Augenhöhe sein. Aber wir können uns die geschichtliche Epoche nicht aussuchen, in der wir leben. Wir können nur entscheiden, was wir mit den Parametern tun, die real gegeben sind.
Eine Geschichtsphilosophie mit eingebautem Verfallsdatum
Wie verworren oder dürftig formuliert Sie dieses Szenario auch immer finden, es besteht eine gute Chance, dass Sie diese Phase überleben werden. Zehn Jahre nur! „Futurity now“ ist ein Slogan, der in gewisser Weise besagt: „Lasst mich jetzt sofort erwachsen werden.“ Das ist es, was man eigentlich fordert, wenn man „Zukünftigkeit jetzt“ sagt, als würde man verlangen: „Macht mich älter“ oder „Macht mich klüger, jetzt, gleich!“
Kein Problem. Es wird eine frühe Zeitlosigkeit geben, in der wir uns mit der Frage herumschlagen, was Zeitlosigkeit bedeutet und wie sie sich von der Postmoderne unterscheidet, und es wird eine späte Zeitlosigkeit geben, in der wir die Entwicklung ziemlich gut verstehen und auch ihre Grenzen sehen und bereits wissen, dass danach wieder etwas Neues kommen wird. Alles in allem wird das zehn Jahre dauern. Man kann also den Zeitraum, in dem es sinnvoll ist, die Dinge auf diese Weise zu erklären, physisch überdauern. Zeitlosigkeit ist eine Geschichtsphilosophie mit eingebautem Verfallsdatum. Sie wird nicht ewig währen, und sie ist keine perfekte Erklärung, sondern eine ungewisse Erklärung für ungewisse Zeiten.
Die Zukünftigkeit wurde erwartet, die Zukünftigkeit ist jetzt hier, da entschwindet die Zukünftigkeit in die Vergangenheit. Mach's gut, Zukünftigkeit, danke für eine aufregende, erfüllende und lohnende Zeit.
Bruce Sterling, 1954 in Texas, geboren, heute in Turin lebend, gehört zu den profiliertesten Science-Fiction-Autoren unserer Zeit. Er hat sich in Romanen und Sachbüchern mit Zukunftsfragen und vor allem damit beschäftigt, wie unser Leben im digitalen Zeitalter geprägt und verändert wird. Er gehört der Viridian-Design-Bewegung (den „Cyber-Grünen“) an und veröffentlichte 1977 seinen ersten Roman „Involution Ocean“ („Der Staubplanet“).
1992 erregte er mit dem Buch „The Hacker Crackdown“ große Aufmerksamkeit. Sterling warnte hier vor den Aktivitäten des amerikanischen Geheimdienstes bei der Bekämpfung vermeintlicher Hacker - aus heutiger Sicht prophetisch: Die Verfügbarkeit und der Missbrauch digitaler Daten beschäftigen uns alle. Unlängst sprach er in Berlin auf der Veranstaltung „Transmediale“ über Zukunftsfragen. Wir veröffentlichen hier erstmals die vollständige Fassung seines Vortrags.
Was will uns der Autor damit sagen?
Andreas Winkler (fonzie)
- 15.03.2010, 10:38 Uhr
Neun Punkte und ein Haken ...
Crisis Maven (CrisisMaven)
- 15.03.2010, 15:33 Uhr