http://www.faz.net/-gsf-78onb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 26.04.2013, 09:27 Uhr

Das ist Googles Wille Die neue digitale Planwirtschaft

Eric Schmidt, der Aufsichtsratschef von Google, und Jared Cohen, einst Hillary Clintons Berater, haben ein Buch geschrieben, das man als Plan lesen muss. Warum lässt die Politik die Informationsmonopolisten so ungehindert gewähren?

von
© dpa Google-Chef Eric Schmidt, rechts im Bild, lernt von Psy den Gangnam Style. Den beherrscht er also jetzt auch

Wenn der Chef des mächtigsten Medienkonzerns der Welt gemeinsam mit seinem außenpolitischen Berater ein Buch über unser aller Zukunft schreibt, dann ist es angezeigt, auf den Gebrauch des Futurs zu achten. Eric Schmidt, Aufsichtsratschef von Google und Jared Cohen, einst das Wunderkind im Außenministerium von Hillary Clinton, ehe Google ihn abwarb, erzählen unter dem Titel „The New Digital Age“ die Zukunft der Informationsgesellschaft. Vermutlich gibt es weltweit niemanden, der mehr darüber weiß oder erfahren könnte als diese beiden; mit Sicherheit kaum ein anderes Unternehmen, das auf absehbare Zeit mehr Anteil an der Gestaltung dieser Zukunft haben wird als das ihre.

Deshalb ist ihr Essay nicht nur eine Prognose, sondern auch ein Plan. Man könnte es für Bescheidenheit halten, dass in diesem Buch über die Rolle Googles in den nächsten Jahrzehnten eher beiläufig geredet wird; es ist aber die Art von Bescheidenheit, die einst der „abwesende Gott“ für sich beanspruchte: wir sehen ihn nicht, aber er ist es, der am Ende die Fäden zieht.

Die Formalisierung unentdeckter Märkte

Das Futur in diesem Buch ist das Futur des technologischen Determinismus, wie man es aus unzähligen Traktaten zum digitalen Zeitalter kennt: „Wir werden“, „es wird“, „man wird uns“. Im Inneren der Maschine gelten die Gesetze der Maschine, und wo alles im Innern des Apparats webt und lebt, wird das Gesetz der Maschine zum Naturgesetz. Das ist die Hauptprämisse dieser Prophetie. Es ist aber ein Unterschied, ob man in dieser geläufigen Rhetorik techno-utopischer Traktate von der Begrünung von Wüsten, der Besiedlung des Mondes oder auch von selbstfahrenden Autos spricht, oder von einer Technologie, deren Evolutionsstufen am Grade ihrer Verschmelzung mit dem Menschen gemessen wird. „Es wird vermutet“, so schreiben die Autoren, „dass 90 Prozent der Weltbevölkerung, die Handys besitzen, sie 24 Stunden am Tag in drei Fuß Entfernung bei sich haben.“

Jeder neue Output des Silicon Valley, von Googles Datenbrille bis zur nächsten Generation ultrabilliger Speichermedien, ist ein Ereignis der sozialen Physik. Technisch gesprochen, handelt es sich dabei fast immer um eine weitere Formalisierung von bislang unentdeckten Märkten durch Algorithmen (im Alltagsleben besorgen das Millionen Arbeitsbienen namens Apps). Die „Meister“ auf diesem Gebiet sind die Geldmaschinen des 21. Jahrhunderts, Wall Street, Google, Apple oder Facebook.

Ein „offizielles Profil“ für jeden Einzelnen

Sozial handelt es sich schlicht darum, Menschen effizient zu organisieren. Das Zeitalter des Motors war erregt von der Idee, sich die Kräfte der Natur, die Energieexplosion von Feuer, Dampf und Verbrennung, untertan gemacht zu haben. Der digitale Tycoon schwärmt von der Idee, die Kräfte des Sozialen auf einen Microchip zu verlöten. In seinem Universum haben, wovon seine Vorgänger nur träumen konnten, auch Gedanken, Assoziationen, Gedächtnis, Gefühle oder Absichten ein physikalisches Gewicht.

Der technologische Determinismus hat keine Zweifel daran, dass sich Gedanken berechnen, bewerten und verkaufen lassen können; er rechnet eine Welt, in der sich heute schon hundert Kilometer entfernte Roboter einzig mit der Kraft der Gedanken bewegen lassen, auf die Zukunft hoch. „Ihre künftige Online-Identität wird wahrscheinlich keine einfache Facebook-Seite sein; es wird eher eine Konstellation von Profilen all Ihrer Online-Aktivitäten sein, die von Regierungen verifiziert und womöglich sogar reguliert werden. Stellen Sie sich vor, dass alle Ihre Accounts - Facebook, Twitter, Skype, Google+, Netfix, das Abo bei der „New York Times“ - in ein ,offizielles Profil’ verschmelzen. Bei den Suchergebnissen werden Informationen, die mit verifizierten Online-Profilen verbunden sind, höher gewichtet als solche ohne Verifikation.“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Glosse

Antigourmet

Von Kerstin Holm

Nach dem Importverbot europäischer Lebensmittel muss die Bevölkerung sich etwas überlegen. Wo bekommt man die beliebten westlichen Produkte? Mehr 1 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“