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Cyberwar Kybernetische Krieger werden überschätzt

 ·  Die Überstrapazierung von militärischen Metaphern im Netz führt nicht zu größerer Klarheit. Der wirkliche Krieg aber wird immer mehr zu einer Angelegenheit, bei der sich das Sterben am Boden wie im Computerspiel in eine Pixelwelt auflöst.

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Der Begriff Cyberwar hat wieder Inflation. Jeder versteht zwar etwas anderes darunter, klar ist nur: Schon morgen, spätestens übermorgen, aber ganz sicher nächstes Jahr droht er unvermeidlich. Dann kommen die virtuellen Heere und attackieren strategisch wichtige Online-Ziele, bringen die noch fahrenden Reste der Deutschen Bahn zum Stillstand und die Klärwerke zum Überlauf.

Da die Computerentwicklung in Hard- und Software ihre Ursprünge, ihre Geldgeber, ja ihre ganze Triebkraft in militärischen Kontexten hatte, ist es nicht überraschend, die Metapher des Krieges in der Diskussion um den Cyberspace wiederzufinden. Doch zivile und militärische Kategorien sollten besser nicht verwischt werden. Anlässlich der Münchner Sicherheitskonferenz, die das Thema ebenfalls beackerte, sagte der wehrtechnische Berater und Autor Arne Schönbohm gar: „Wenn wir den Cyberwar haben, tritt der Verteidigungsfall ein.“ Im harschen Licht der Realität wirkt die Vorstellung, die Bundeswehr würde nun in den Netzen in den Krieg ziehen, deutlich überzogen und geradezu amüsant. Eine Armee, die es nicht einmal schafft, ihre Computer- und Telefonsysteme selbst zu betreiben, wäre im digitalen Ernstfall strukturell schon deshalb kriegsunfähig, weil sie in ihren wesentlichen Kommunikationsprozessen von möglicherweise Hintertür- verseuchter Hard- und Software aus dem Ausland abhängig ist.

„Und wie sollen wir hier Cyber-Krieg führen, wenn nicht mal das Logistiksystem zum Bestellen des Toilettenpapiers in Friedenszeiten funktioniert?“, lautete die nicht unbedingt scherzhaft gemeinte Frage eines Betroffenen in der Bundeswehr an seine Vorgesetzten. Und wie erst sollte eine Abschreckungsstrategie aussehen?

Deplazierte Kampfparolen

Selbst die amerikanische Heimatschutzbehörde (DHS) sah sich angesichts des überschäumenden Cyberwar-Hypes jüngst genötigt, etwas Realismus in die Debatte einfließen zu lassen. Der selbstverstärkende Zyklus von Bedrohungsgefühl, Kriegserklärung, Budget-Allozierung und noch mehr Bedrohungsgefühl drohte offenbar die Pfründe für die sonstigen Aufgaben der Heimatschützer zu beeinträchtigen. Sicherheit im Cyberspace ist, wie die DHS-Autoren ganz richtig anmerkten, eine Frage von besser durchdachten und gewarteten Systemen, von weniger löchriger Software und letztlich mühsamer Kleinarbeit bei der Verbesserung des Status quo. Militärische Kampfbegriffe und -analogien sind hier so fehl am Platze wie in einer Diskussion über den Golfsport.

Natürlich gibt es Ausnahmen. Als der Zensor neulich Raucherpause machte, rutschte die Zeitungsmeldung in der isrealischen Zeitung „Haaretz“ durch, dass der scheidende Chef des dortigen Generalstabs in einem Video auf seiner Abschiedsparty nicht nur mit der Bombardierung des syrischen Atomreaktors 2007, sondern auch mit der Lahmlegung der iranischen Urananreicherungszentrifugen durch den Stuxnet-Computerwurm prahlte. Doch aus einer vereinzelten, mit hohem Aufwand betriebenen tatsächlichen Angriffshandlung wie bei Stuxnet in einem geheimen, nicht erklärten Krieg auf ein allgemeines Ausbrechen des Cyberwars zu schließen, ist unseriöse Panikmache.

Richard A. Clarke ist mit seinem Buch „Cyber War“ (2010) daran nicht ganz unschuldig. Der Politberater, der vier Präsidenten diente und unter Clinton nationaler Koordinator für Sicherheit, Infrastrukturschutz und „Counterterrorism“ wurde, rief den angeblich unvermeidlichen Cyber-Krieg offiziell aus. Clarke dürfte in wirtschaftlicher Hinsicht sicher nicht gänzlich uninteressiert an der Cyberwar-Welle sein. Sein Beratungsunternehmen verdient gut daran, Regierungen über die echten und vermeintlichen Risiken der mysteriösen digitalen Welt sowie teure Gegenmaßnahmen aufzuklären.

Der reale Cyberkrieg

Während Clarke sich überwiegend mit möglichen Wirkungen von elektronischen Angriffen auf die reale Welt auseinandersetzt, versteht eine Vielzahl von Autoren und Kommentatoren den Cyberwar als virtuellen Angriff auf und in Kommunikationsinfrastrukturen im weitesten Sinne. Da wird dann gern ein mittlerweile alltägliches Phänomen wie krimineller Datenmissbrauch oder eine sogenannte Denial-of-Service-Attacke zur militärischen Bedrohung stilisiert.

Die Vorstellungen der Politik vom „Krieg im Netz“ sind offenbar ebenfalls weitgehend von schlechten Filmen und Boulevardmedien geprägt. Schon Otto Schily forderte Cyber-Waffen für die Schlacht im zivilen Kommunikations- und Interaktionsmedium. Vom ihm stammt die Idee, Behörden zu vernetzen, um für den kybernetischen Kriegsfall gewappnet zu sein. Als aufgewärmte Idee heißt sie unter Innenminister Thomas de Maizière nun „nationales Cyber-Abwehrzentrum“, und das soll kein Scherz sein. Neu ist nur, dass auch die Geheimdienste mit ins Boot geholt werden. Das scheint nur folgerichtig, spionieren sie doch schon seit Jahren über die weltweiten Datennetze in Computern ferner und naher Länder.

Obwohl – ganz im Sinne der Heereslogik – ja immer die anderen Mächte viel weiter vorn sind beim digitalen Abschnorcheln – so jedenfalls lautet stets die Begründung für eine weitere Aufrüstung. Doch die wirklichen kybernetischen Kriege mit echter Waffengewalt werden schon heute ausgefochten. Durch ferngesteuerte, halbautonome Drohnen und Lenkwaffen, die das blutige Schlachtfeld virtualisiert haben. Die Tötung von potentiellen Gefährdern per Drohnen-Luftschlag – auch in Nicht-Kriegsgebieten – wurde längst professionalisiert. Algorithmische Zielerfassung und -priorisierung kombiniert mit computerspielartigen Interfaces der weit entfernt stationierten Schützen zum Auslösen der Raketenfracht verwandeln den wirklichen Tod zu Pixeln auf dem Bildschirm. Die Automatisierung geht hier mit schnellen Schritten voran, findet aber im Gegensatz zum fiktiven „Cyberwar“ kaum mediales Echo.

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