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Chris DiBona Wenn ich reise, fotografiere ich nicht mehr

07.01.2010 ·  Das Internet führt zur Vernachlässigung unseres Langzeitgedächtnisses. Der Google-Engineering-Manager Chris DiBona glaubt jedoch nicht, dass es Menschen unwissender macht. Es verändere jedoch unsere Vorstellung von einzigartigen Gedanken.

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Oft befällt mich das Gefühl, dass mein Gehirn bestenfalls ein kreativer und emotionaler versteckter Front-End-Rechner im Internet ist. Von einigen klaren Ausnahmen abgesehen (meinen Kindern, meiner Frau, meiner Familie), verspüre ich kaum noch ein praktisches Bedürfnis, mein Langzeitgedächtnis mit Aufgaben zu belasten, für die ich früher Tage, Wochen, Monate und Jahre gebraucht habe. Mittlerweile denke ich, dass ich mir das eine oder andere eher deshalb merken sollte, damit mein Gehirn langfristig fit bleibt, und nicht, weil ich ein echtes praktisches Bedürfnis hätte, beispielsweise zu wissen, dass dezimal 32 dem ASCII-Code für ein Leerzeichen entspricht oder die zweite Strophe von „Major General‘s Song“ aus Gilbert und Sullivans Musical „The Pirates of Penzance“ die Vertrautheit des Generalmajors mit dem Binomischen Lehrsatz unter Beweis stellt.

Ich merke mir keine Telefonnummern von Menschen mehr, die nicht unmittelbar zur Familie gehören, obwohl ich früher stolz darauf war, sie fast alle in meinem Kopf gespeichert zu haben. Heute bleiben - als Folge des Reichtums eines mit dem Internet verbundenen Lebens - vor allem die Ortsvorwahlen hängen, sodass ich eine Vermutung habe, wer da gerade anruft. Vielleicht bin ich ein Opfer der „Kontaktsynchronisierung“, aber dann wiederum finde ich zu viele mündliche Gespräche oder Tonaufnahmen zu informationsarm, um mich auf sie einzulassen, wenn ich nicht mit etwas anderem wie Autofahren oder Abwaschen beschäftigt bin.

Eine skurrile Nostalgie

Besonders wenn es um kulturelle Dinge geht, grüble ich nicht lange, wer in dem Film über den Sturz des Kommunismus mitgespielt hat, in dem eine Frau im Koma liegt. Ich gucke einfach online nach, was viel schneller geht. Ich verwende keine Zeit darauf, zu überlegen, welches Technostück das noch mal war, in dem dieser Typ aus „Star Trek“ „where time becomes a loop“ sagt, und ich habe auch nicht die geringste Schwierigkeit, online herauszufinden, wie das Buch heißt, in dem derselbe Typ für eine außerirdische Rasse einen Neutronenstern umkreist und dessen Gezeiteneffekt studiert. Auch muss ich nicht nachdenken, welches Spiel es noch mal war, in dem mich ein Hund durch ein postapokalyptisches Kalifornien begleitete. Während ich pawlowsch durch mein Futter scrolle, rollen die Wellen der Erkenntnisse über mich hinweg.

Wenn ich reise, fotografiere ich nicht mehr, solange nicht meine Familie mit dabei ist, denn ich weiß ja, dass es online bessere Bilder für mich - und von mir - gibt, wenn mir der Sinn danach steht, meinem Gedächtnis ein wenig nachzuhelfen. Ich mache mir noch nicht einmal besondere Gedanken darüber, wo ich bin, und verstehe mich eher wie ein Datenpaket, das nicht vom Client-Rechner über einen Router über einen Server über einen zentralen Netzknoten über einen Peer-Rechner an einen Client-Rechner geschickt wird, sondern von einem Haus über ein Auto über ein Flugzeug über ein Auto über ein Hotel über ein Auto über ein Büro oder einen Konferenzraum über ein Auto über ein Hotel über ein Auto über ein Flugzeug nach Hause, mit dem Jetlag als meinem einzigen Freund und meinem Laptop als Fundus für unterhaltsame Bücher („Neutron Star“), Filme („Good Bye, Lenin“), Computerspiele (Fallout) und Musik (Orbital). Fleisch verschickt nach München mit mobilem Datennetzwerk, Kopfhörern und Schaltkreisen.

Manch einer würde in dieser Art von Informationsbeschneidung sicher eine nach Kräften bestärkte, freiwillige Form von Ahnungslosigkeit oder ein Anzeichen für ein sinnentleertes Leben sehen. Nicholas Carr erregte mit seinem 2008 im Atlantic Monthly veröffentlichten Artikel „Is Google making us stupid?“ eine gewisse Aufmerksamkeit. Der Verfasser, der in diesem Text auf seine eigene geschrumpfte Aufmerksamkeitsspanne reagierte (bzw. sie rechtfertigte), bezichtigt in ihm Google, also meinen Arbeitgeber, des Versuchs, das tiefe Denken abschaffen zu wollen, während er zugleich eine skurrile Nostalgie für die Zeiten zu pflegen schien, als Wissen nur schwer zu finden und zu erlangen war.

Nicht alle Ideen müssen von mir sein

Nichtsdestotrotz enthielt der Essay eine wichtige These, mit der zu beschäftigen sich lohnt, nämlich dass eine gewisse Gefahr darin liegt, das Seichte zu fördern. Ich verstehe, erwarte und akzeptiere mittlerweile, dass die Menschen sich das Internet suchen, das zu ihren Überzeugungen passt. Daran ist nicht zu rütteln, ohne die Kreativität abzuwürgen, die es so nützlich macht, existiert doch für jede Wikipedia, die das Wissen der Menschheit über schlechterdings alles erweitert und aufbewahrt, eine Conservapedia, die die Bibel umschreibt, um sie marktliberaler zu machen.

Nur sind Menschen, die in Unwissenheit schwelgen, online um keinen Deut anders als offline. Ich glaube einfach nicht, dass das Internet Menschen unwissend macht. Was es jedoch verändert, ist unsere Vorstellung von einzigartigen Gedanken. Angesichts einer Weltbevölkerung von nahezu 6,7 Milliarden Menschen, von denen über eine Milliarde in der Lage sind, sich im Internet auszudrücken, und hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden über ihre Mobiltelefone an das Netz angeschlossen sind, ist die Wahrscheinlichkeit wirklich sehr gering, dass irgendein Einfall, den ich außerhalb meines Spezialgebiets habe, nicht schon durchdacht oder sogar erprobt worden ist. Selbst innerhalb meines Spezialgebiets gibt es ein erhebliches Maß an nicht-einzigartigem Denken, wie ich es nennen möchte. Damit ist nicht gesagt, dass die Welt keine Fachleute braucht - ich selbst verstehe mich voller Stolz als einen guten Fachmann; doch komme ich nur äußerst selten auf einen Ansatz, den ich auf meinem Gebiet für einzigartig halten würde.

Einst erschien mir das als eine eher freudlose Einsicht, und ich dachte, wir sind alle nur Leitungen, die von einem Verlangen über die Hand ins Netz zur Arbeit führen. Aber im Lauf des vergangenen Jahrzehnts ist es mir gelungen, hierin eine tröstliche Perspektive zu erkennen. Nicht alle Ideen müssen von mir sein; ich kann meine höheren Funktionen für Dinge sparen, die mir wirklich wichtig sind, wie mein Zuhause, meine Familie, meine Arbeit, oder die ich genieße und wertschätze, statt sie für so etwas wie das Laden eines Browsers oder das Öffnen eines Fensters auf die kurzlebigen Erscheinungen des Tages zu verschwenden.

Der Autor ist bei Google verantwortlich für den Bereich Open Source und öffentlicher Sektor.

Quelle: FAZ.NET
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Von Gerhard Stadelmaier

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