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Chaos Computer Club : Der Friede sei mit euch, sagen die Hacker

  • -Aktualisiert am

So spielerisch wie hier geht es auf dem aktuellen Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs nur selten zu Bild: REUTERS

Der Chaos Computer Club ruft, und in Berlin versammelt sich die Hacker-Elite der Welt. Sie traut sich einiges zu im heraufziehenden Zeitalter digitaler Kriege. Zu viel vielleicht.

          Seit 27 Jahren treffen sich Anhänger und Mitglieder des Chaos Computer Clubs zwischen den Jahren zu einer Veranstaltung, auf der gelötet, programmiert und diskutiert wird. Unter dem Titel „We come in peace“ schlägt der Kongress diesmal nachdenkliche Töne an: Hacker haben keine Patentrezepte gegen das organisierte Chaos, das nach dem 11. September 2001 als Regieren verkauft wird. Möglicherweise haben sie aber Mittel, auf die Bremse zu treten, wenn der Gesellschaftsbus den Abgrund ansteuert, so meinen sie.

          Wikileaks, Anonymous, Stuxnet, diese drei Themen prägten den Auftakt des 27C3, wie der Kongress im Hackerslang genannt wird. Die Veranstaltung im Berliner Congress Centrum, deren viertausend Eintrittskarten via Internet binnen einer Stunde ausverkauft waren, geht über vier Tage und dürfte von den wenigsten als Kongress einer Friedensbewegung eingeordnet werden. Dennoch ist „We come in peace“ als Motto ernst gemeint, weil Informationskriege immer wichtiger werden.

          Wikileaks, Anonymous, Stuxnet

          Dafür stehen die Themen des Kongresses: Wikileaks, das ist die Veröffentlichung von Kriegsberichten, von Greuel-Videos aus dem Krieg und von (amerikanischer) Diplomatenpost. Anonymous bezeichnet eine Truppe kriegerischer Hacker, die umstandslos alles attackiert, was dem Wikileaks-Projekt das Leben schwermacht. Stuxnet schließlich ist ein gezielter Angriff mit bösartigem Code und dem Ziel, die Produktion von kriegswaffentauglichem Uran in Iran zu verhindern.

          Im Nun 4000 Anmeldungen: Szene aus der Lounge der Jahrestagung
          Im Nun 4000 Anmeldungen: Szene aus der Lounge der Jahrestagung : Bild: REUTERS

          In der Eröffnungsrede des Kongresses zog der niederländische Datenaktivist Rop Gonggrijp eine bemerkenswerte Bilanz. Der für seinen Kampf gegen den Einsatz von Wahlcomputern bekannte Programmierer hatte im Jahre 2005 den Kongress mit einer Rede geschockt: „We lost the war.“ Hacker hätten vor den zunehmenden Bestrebungen kapituliert, mit denen Überwachungsstaaten aufrüsten, die die Freiheit des Einzelnen eliminierten, sagte Gonggrijp damals.

          Der Actionfilm in einem deutschen Bus

          Fünf Jahre später ist seine Einschätzung weniger pessimistisch, besonders in Bezug auf Deutschland und die Rolle des Bundesverfassungsgerichtes: „Wenn man Deutschland mit einem Bus vergleicht, dann ist es so, als wären die Richter aufgesprungen und hätten den Fahrer vom Sitz gezerrt, nur um auf die Bremse zu treten, ehe der Bus in den Abgrund rast.“ Die Richter stoppten das Ausspähen von Computern verdächtiger Personen, sie legten die Vorratsdatenspeicherung auf Eis und setzten der automatischen Verkehrsüberwachung enge Grenzen. Frage man sich, welchen Anteil Hacker an diesem Actionfilm im deutschen Bus hatten, müsse man feststellen, dass sie die technischen Informationen veröffentlicht hatten, die dann zum Tritt auf die Bremse führten, so Gonggrijp.

          Er schilderte sein Zusammentreffen mit Wikileaks-Gründer Julian Assange in Malaysia, gefolgt von gemeinsamen Reisen durch asiatische Länder. Während er selbst mit Wahlcomputern in den Niederlanden, Indien und Brasilien beschäftigt war, wuchs Wikileaks vom kleinen Hackerprojekt zu dem System, das spektakuläre Medienstunts wie die Veröffentlichung des Collateral Murder-Videos liefert. Als Gonggrijp erfuhr, dass Assange für dieses Video Hilfe brauchte, flog er schnurstracks nach Island und half, das Video zu schneiden und zu veröffentlichen. „Ich wünsche Julian und seinen Leuten alles Gute, aber ich kann mir kein Leben aus dem Rucksack auf der Flucht vorstellen.“

          Mit Wikileaks sei der Informationskrieg 2.0 angebrochen, in dem die Regierungen dieser Welt im nächsten Anlauf versuchten, die Meinungsfreiheit im Internet einzuschränken, sagte Gonggrijp. In dieser Lage sorge Wikileaks für Aufklärung, während Anonymous mit seinen Protesten gegen Firmen, die Wikileaks schädigten, eher für das Gegenteil sorge: „Verantwortliche Hacker mit geistiger Reife tun das nicht“, sagte Gongrijp zu den Aktionen gegen Visa und Mastercard.

          Eine Putztruppe für saubere Informationen

          Johannes Ludwig vom Dokumentationszentrum ansTageslicht.de, das sich mit der Rolle von Informanten beschäftigt, versuchte sich an einer nüchternen Einschätzung von Wikileaks. Nach seiner Vorstellung wird ein freier Markt der Informationsbörsen entstehen: „Es wird sich derjenige durchsetzen, der das beste Angebot macht. Das beste Angebot für Whistleblower, in einem ansprechenden Umfeld zu veröffentlichen, in dem er bis zum Schluss die Kontrolle über seine Dokumente hat. Das beste Angebot für Medien als Transporteure der Dokumente. Oder das beste Angebot für End-User, die entweder die Medien nutzen oder über Leaks-Portale die Veröffentlichungen finden können, die sie interessieren.“

          Ludwig kritisierte Wikileaks, weil das Projekt keine Möglichkeiten biete, die intern ablaufende Anonymisierung von Dokumenten zu überprüfen. Auch für die Hacker gebe es in Zukunft wichtige Aufgaben, wenn Dokumente in Reaktion auf Wikileaks mit Wasserzeichen oder anderen verborgenen Informationen ausgeliefert werden, die der Enttarnung von Informanten dienen.

          Hier könnte das Bild von Rop Gonggrijp aufgenommen werden. Im Bus, der Richtung Abgrund schlittert, sind Hacker die Putztruppe für saubere Informationen über das Funktionieren von Bus und Bremse. Oder sie sind diejenigen, die im Chaos eine einigermaßen passable Landkarte oder Vorstellung davon haben, wohin die Reise gehen könnte. Am Ende seiner Rede stand für Gonggrijp eine Art Friedensangebot: „Wir produzieren kein Chaos, aber wir verstehen ein bisschen, wie Chaos funktioniert, und haben anderen geholfen, damit besser umzugehen. Wenn diese Welt immer chaotischer wird, eine Ad-hoc-Welt wird, können wir helfen.“

          Quelle: F.A.Z.

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