29.10.2010 · Kaufe, was Du willst, aber tue damit nur, was Dir vorgeschrieben wird! Apple hat diese Strategie der ummauerten Gärten für Mobiltelefone durchgesetzt. Jetzt droht die Bevormundung der Kunden auch auf dem Feld der Personal Computer Einzug zu halten.
Von Constanze KurzNehmen wir an, ein bekannter Automobilhersteller kündigt ein brandneues Geschäftsmodell an: schicker Kleinwagen, sparsam im Verbrauch, beste Fahreigenschaften, günstiger Preis. Der Haken: Man kann den Wagen ausschließlich mit dem Kraftstoff eines bestimmten Mineralölkonzerns betreiben, muss also dessen Tankstellen ansteuern. Gleich beim Verkauf wird das Umgehen der technischen Vorrichtungen, die sicherstellen, dass nicht heimlich der Konkurrenz-Diesel gezapft wird, vertraglich ausgeschlossen und für illegal erklärt. Wer würde schon so ein Auto kaufen?
Doch in der Mobiltelefonbranche sind solch absurde Geschäftsmodelle gang und gäbe. Die modernen Formen des Fernsprechers sind im Kaufpreis gesenkt, dafür muss sich der Kunde vertraglich an einen Mobilfunkanbieter binden. Doch die Telefonverkäufer gehen noch einen Schritt weiter. Apple schreibt den Kunden nicht nur vor, mit welchem Mobilanbieter sie zu telefonieren haben. Selbst die Auswahl der auf dem iPhone installierbaren Software wird kontrolliert. Alles, was nicht vollständig mit der typisch amerikanischen, disneyesken Familienfreundlich-Ideologie harmoniert, wird nach Gutdünken ausgeschlossen. Damit nicht genug: Programme, die Apples Vorstellung davon verletzen, wie für das iPhone zu programmieren ist oder gar in Konkurrenz zu hauseigener Software treten, werden nicht zugelassen. Wer würde schon so ein Mobiltelefon kaufen? Es sind Millionen Menschen weltweit.
Apples Software-Gefängnis
Der Erfolg des Personal Computers, dem wir die Informationsrevolution und den Durchbruch des Internets verdanken, beruhte auf einem simplen Gedanken: Jedermann kann sein Geschick und seine Ideen einsetzen, um auf einem System ohne künstliche Hürden zu programmieren. Ob mit Verwaltungssoftware oder Strip-Poker-Programmen, ist ihm selbst überlassen. So funktioniert heute noch weitgehend die Welt im Bereich „normaler“ Computer, also der Notebooks und PCs auf dem Schreibtisch. Den vollwertigen Computer zu Hause kann man nach Belieben nutzen. Ob man ein anderes Betriebssystem oder vielleicht selbstgeschriebene Programme verwenden will, ist der eigenen Entscheidung überlassen. Apples iPad jedoch läutet den Schwenk zu einer neuen Ideologie der „ummauerten Gärten“ ein, in der nicht mehr jeder mit den Maschinen tun und lassen kann, was er will, sondern nur noch zu den Bedingungen des Herstellers agieren darf.
Die Geschlossenheit der Systeme bewirkt auch eine Gegenbewegung. Wer das Gerät anders als vorgesehen oder mit abweichender Software benutzen will, muss eine zunehmende Anzahl technischer Hürden überwinden oder Rechtsverletzungen in Kauf nehmen. Sie enden zwangsläufig in einer Art Paralleluniversum, in der sich nur noch solche Menschen tummeln, die bereit sind, Probleme und Unbequemlichkeiten auf sich zu nehmen, um selbst entscheiden zu können, was auf ihrem Telefon passiert. Die sogenannten „Jail-Breaks“ für iPhones - Ausbrüche aus Apples Software-Gefängnis - sind dafür ein Beispiel. Nie sind sie vollständig nebenwirkungsfrei und oft beim nächsten Update wieder rückgängig gemacht. Seinen eigenen Weg gehen zu wollen wird zum beständigen Kampf gegen die digitalen Windmühlen, früher oder später geben viele auf und kehren zähneknirschend in den Schoß der elektronischen Gouvernante zurück.
Das Ausreizen der Hardware durch geschickte Programmierung auch außerhalb der vorgegebenen Pfade ist auf den zugenagelten Geräten verboten. Das ist vergleichbar mit dem Kauf eines Toasters, der nur leicht angebräunte Brotscheiben erzeugen kann, weil der Hersteller der Meinung ist, alles andere wäre ungesund und überhaupt verwerflich.
Die Polizei spielt offenbar gern mit
Geschlossene Systeme sind auf dem Vormarsch, denn Apples Vorpreschen hat Nachahmer gefunden. Microsoft, der ewige Spätzünder, hat das restriktive Modell des Konkurrenten für die neue Serie „Windows Phone 7“ kopiert. Nur noch in vorgeschriebenen Programmiersprachen entwickelte Software, die strikte Voraussetzungen erfüllt, wird auf den Geräten laufen. Microsoft hat dafür eine ganz eigene Begründung: die Sicherheit. Wenn nur noch vom großen Meister in Redmond abgesegnete Programme geladen werden können, so die Vermutung, können Bösewichte keine schädliche Software mehr unters Volk bringen. Diese Annahme ist jedoch irrig, da eine genaue Prüfung aller Programme auf schädliche, verborgene Teile technisch kaum möglich ist. Das Argument „Sicherheit“ kann also getrost als Schutzbehauptung abgeheftet werden.
Apple will die Idee des „ummauerten Gartens“ offensichtlich auf Personal Computer ausdehnen. Der App-Store ist demnächst auch für normale Apple-Computer eröffnet. Wann die Installation von Software, die nicht über Apples Handelsplattform geht, zumindest erschwert oder wegen vorgeblicher Sicherheitsbedenken mit abschreckenden Warnmeldungen belegt wird, ist wohl nur noch eine Frage der Zeit. Die vollständige Gängelung des Käufers rückt dann nahe. Es geht nicht nur um die technische Entmündigung des Computer- oder Telefonbesitzers. Es geht auch um die Freiheit, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln, Inhalte auf bequeme Weise an die Online-Bevölkerung zu verteilen oder selbst für die Computersicherheit zu sorgen.
Die digitale Bevormundung, die de facto dem Nutzer die Hoheit über die von ihm bezahlte und in seinem Eigentum befindliche Hardware verweigert, wird schleichend zum Normalzustand. Mit einer eisenhart durchgezogenen Kombination aus abenteuerlichen juristischen Verrenkungen und technischen Maßnahmen wird der selbstbestimmte Umgang mit der erworbenen Technik zuerst erschwert, dann verhindert und schließlich illegalisiert.
Die Polizei spielt offenbar gern mit und holte kürzlich zum Schlag gegen die „Telefonmafia“ aus. Leider ging es nicht etwa um Ermittlungen gegen Mobilfunkanbieter und ihre Verkaufsmethoden, sondern direkt gegen sechshundert Telefonkäufer, die den sogenannten SIM-Lock ihres Mobiltelefons entfernt hatten. Damit befreien sie sich von dem Zwang, mit einem bestimmten Anbieter zu telefonieren. Strafbare „Geheimnishehlerei“ und „Datenveränderung“ lautet der umstrittene, weil reichlich konstruierte Vorwurf.
Seit Jahren zufriedener Apple Besitzer
Arnulf von Metz (Arnulf_von_Metz)
- 29.10.2010, 22:14 Uhr
Naiv
Falk Hammer (FalkHammer)
- 29.10.2010, 22:15 Uhr
Vielen herzlichen Dank...
Moritz Mantei (moritzmantei)
- 29.10.2010, 22:35 Uhr
Was war das denn ?
Jürgen Dietze (dietzej)
- 29.10.2010, 23:23 Uhr
Ist das alles so schlimm?
Herwig Niggemann (Niggemann)
- 29.10.2010, 23:51 Uhr