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Aus dem Maschinenraum (19) : Die Lücke im Netz

  • -Aktualisiert am

Digitale Gedächtnislücken: kein Speichermedium hält für die Ewigkeit Bild: ddp

Wir reden aus guten Gründen viel über die digitalen Spuren, die wir im Netz hinterlassen. Aber wir fragen zu selten nach der Zuverlässigkeit der Speichermedien, die unser kulturelles Erbe bewahren sollen. Hat die digitale Kultur ein Gedächtnis wie ein Sieb?

          Wünschen Sie sich manchmal, Sie könnten alle digitalen Spuren ihres Online-Lebens auf einen Schlag eliminieren? Alle Twitternachrichten, Forumsbeiträge und Leserbriefe würden mitsamt aller Kopien dem sofortigen digitalen Vergessen anheimfallen. Würden Sie es tun?

          Die EU-Kommissarin Viviane Reding hat jüngst erklärt, sie wolle den Europäern in Zukunft dieses „Recht vergessen zu werden“ auf Wunsch zubilligen. Natürlich nicht auf Knopfdruck überall, aber doch als verbrieftes Recht, die vollständige Löschung eigener Daten fordern zu können. Bis zum Januar sind die EU-Bürger aufgerufen, das Vorhaben zu kommentieren.

          Während nun allerorten – ausgelöst vom Vorstoß der EU-Kommissarin – über die Notwendigkeit des digitalen Vergessens debattiert wird, gibt es für viele Wissenschaftler, Bibliothekare und Archivare ein ganz anderes Problem: Wie soll das sich explosionsartig vermehrende Wissen der Menschheit für die Zukunft eigentlich bewahrt werden? Selbst aus prähistorischer Zeit existieren noch heute Zeugnisse menschlicher Kultur wie die Höhlenmalereien. Vom neunten und zehnten Jahrhundert überlebten Handschriften als schriftliche Zeugnisse, die uns Einblick in das damalige Leben, Denken und Wissen geben. Was aber wird aus dem digitalen Heute in tausend oder gar zehntausend Jahren übrig sein?

          Das Problem veralteter Speichermedien

          Wie wichtig in dieser Frage die Wahl des Speichermediums ist, kann man bereits an der Gutenberg-Bibel beobachten: Bis in die Neuzeit haben praktisch nur auf Pergament gedruckte Exemplare überlebt, die Papierdrucke sind verlorengegangen oder zerbröselt. Den Luxus, ein Buch für die Ewigkeit auf den Rücken einer ganzen Kuhherde, die zu Pergament verarbeitet wurde, zu drucken, kann sich heute kaum noch jemand leisten. Und selbst wenn – wie wählt man aus, was auf einem Langzeit-Speichermedium festgehalten werden sollte und was dem Vergessen anheimfallen kann?

          Die Archivierung von Wissen ist vollständig technologieabhängig geworden. Während eine tausend Jahre alte Handschrift heute vielleicht schwer lesbar und für den Uneingeweihten unverständlich ist, so ist doch ihr Informationsgehalt mit wenig mehr als einer Lupe und einer guten Lampe zugänglich. Ein Zusammenbruch der technologischen Zivilisation, vergleichbar mit dem Zerfall des Römischen Reiches, würde den Zugriff auf Wissen und Kultur praktisch unmöglich machen. Hätte Edgar Allan Poe seine Geschichten auf einem E-Book herausgebracht, wären sie heute Teil des kulturellen Gedächtnisses?

          Ohne die passenden technischen Artefakte sind selbst Speichermedien, die vor zwanzig Jahren marktbeherrschend waren, nicht mehr zu gebrauchen. Versuchen Sie doch einmal, Daten von einer Acht-Zoll-Diskette zu lesen, ganz zu schweigen von den verschiedenen Wechselfestplatten-Varianten, an die sich heute kaum noch jemand erinnert. Selbst die NASA musste Technik aus dem Museum mobilisieren und bereits pensionierte Spezialisten reaktivieren, um die Bandaufzeichnungen von der Mondlandung wieder nutzbar zu machen.

          Wem soll die Auswahl überlassen werden?

          Die Entscheidung, welche Informationen in den digitalen Zeiten überdauern, hängt von der neuen Währung des Netzes ab: Aufmerksamkeit. Was das Interesse vieler Menschen weckt, wird weiterkopiert, archiviert, kommentiert, aufgehoben. Zwangsläufig ist die Auswahl alles andere als durchdacht. Das Bild des niedlichen Kätzchens, das sich den Bauch kraulen lässt, hat Kraft der Aufmerksamkeit, die es durch vielfache Weiterleitung und Verlinkung erfährt, eine weitaus höhere Chance auf digitales Überleben als ein bahnbrechender philosophischer Gedanke, der vielleicht erst nach Jahrzehnten zur Blüte erwachen könnte. Dem rasenden Informationsstrudel des Netzes kann die Entscheidung darüber, welche Informationen eine Chance auf Zukunft haben sollen, also nicht überlassen werden.

          Bibliothekare und Archivare stehen vor der Herausforderung, aus dem Datenstrom diejenigen für die Archivierung auszuwählen, die spätere Generationen das kulturelle Erbe und das Wissen unserer Zeit nennen werden. Dieses Sammeln wird durch die datenhungrige Wissenschaft nicht einfacher: Es fällt manchmal so viel Rohdatenmaterial an, dass eine Komplettspeicherung schon technisch unmöglich ist. Am CERN in Genf etwa entstehen bei einer einzigen Messung so viele Daten, dass die Speicherkapazität eines der größten Rechenzentren der Welt lediglich einen Bruchteil davon für die spätere Auswertung bewahren kann.

          Ungelöste Langzeitarchivierung

          Echte Strategien für die digitale Ewigkeit sind rar. Eine Möglichkeit sind teure Spezialmedien, wie etwa Stahlfolien, um die Bits einzugravieren, und die Entwicklung der entsprechenden Lesegeräte nebst Dokumentation des Speicherformats. Doch das ist nur für wenige ausgewählte Datenbestände realistisch – quasi das Pergament des 21. Jahrhunderts. Praktikabler ist die Strategie, die auch viele Menschen intuitiv für ihre eigenen Festplatten wählen: die Daten jeweils beim Wechsel auf die nächstgrößere Festplatte auf das neue Medium kopieren. Das schützt aber nicht vor dem Problem, dass die Daten selbst abhängig von der Verbindung mit einer Software sind. Nutzer von speziellen Programmen, sei es für Layout, Berechnung, Konstruktion oder Datenbanken, kommen immer öfter in die Situation, dass der Hersteller pleiteging und außer dem ursprünglichen Programm kein anderes die Daten vollständig lesen und korrekt interpretieren kann. Schlimmer wird die Situation, wenn ein proprietäres Speicherformat benutzt wurde, das nicht einmal allgemein zugänglich dokumentiert ist.

          Ein Ausweg kann hier die Emulation sein, bei der man einen modernen Computer dazu benutzt, die Betriebssystems- und Prozessorumgebung eines alten Systems vorzuspiegeln, so dass alte Software oder Spiele noch weiter laufen können. Das Problem der digitalen Langzeitarchivierung ist also ähnlich ungelöst wie die Endlagerung von Atommüll. Was aber die Menschheit nicht daran hindert, immer mehr davon zu produzieren. Vielleicht schreiben Sie doch mal wieder einen handgeschriebenen Brief. Die Chancen, dass er in hundert Jahren noch lesbar ist, liegen weit höher als bei einer E-Mail. Sofern Sie eine lesbare Handschrift haben.

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