Eigentlich könnte man den Streit, den Samsung und Apple derzeit weltweit austragen, schnell entscheiden. Captain James T. Kirk („Star Trek“, 1966 ff.) war der Erste mit einem Handy, und Dave Bowman („2001 - Odyssee im Weltraum“ von 1968) war der Erste mit einem Tablet-Computer. In der Science-Fiction wurde erfunden, was erst Jahrzehnte später entwickelt wurde: drahtlose Kommunikationsgeräte.
Doch so einfach ist es nicht. Von Mitte Oktober an darf Samsung drei seiner Handymodelle („Galaxy S“, „Galaxy S2“ und „Galaxy Ace“) nicht mehr in die Niederlande einführen und dort verkaufen. Apple hat vor einem Bezirksgericht in Den Haag eine entsprechende Verfügung erwirkt. Apple, die Firma, die gerne und explizit als Vorreiter auftritt, sieht sich durch Nachahmungen geschädigt. Da ganz Europa über den Hafen Rotterdam beliefert wird, ist dieses Bezirksgerichtsurteil weitreichend und für Apple ein großer Erfolg. Das Landgericht Düsseldorf entscheidet parallel am 9. September darüber, ob ein vorläufiges Verkaufsverbot für einen Tablet-Computer von Samsung („Galaxy Tab 10.1“) in Deutschland bestehen bleibt. Apple hatte auch hier mit dem Antrag auf eine vorläufige Verfügung Erfolg.
Die Kommentatoren dieser Streitfälle reagieren kritisch. Die Patentkonflikte der Technologieunternehmen stehen seit langem im Verdacht, Innovationen eher zu behindern als zu fördern. Im Streitfall Apple gegen Samsung fällt die Kritik nun besonders harsch aus. Denn es geht nicht einmal um Technologie. Im Mittelpunkt des Düsseldorfer Verfahrens steht, so Apple in der Begründung des Antrags auf den Erlass einer einstweiligen Verfügung, das „in der Industrie führende Design“ des „berühmten iPad“. Man möchte verhindern, dass der gute Ruf des „sehr bekannten Produkts mit Kultstatus“ für die Bewerbung anderer Geräte ausgenutzt wird.
Training zwischen Hand und Hirn
Samsung konterte vor einem Gericht in Kalifornien - ein weiterer Ort des Konflikts - mit einem Bild von Bob Bowman. Und man möchte dieser Aussage recht geben: So beiläufig wie er im Film seinen Tablet-Computer benutzt, tun wir es heute tatsächlich. Stanley Kubrick erfand das Geschmacksmuster des iPad. Apple hat, so die Logik, bloß die Technologie entwickelt.
Diese Argumentation ist praktisch, ignoriert jedoch ein kompliziertes Problem. Wenn Apple heute den „Look and Feel“ seiner Geräte verteidigt, geht es weder um den Schutz einer Technologie noch um den Schutz eines ästhetischen Designs. Vielmehr verteidigt Apple einen exklusiven Anspruch auf Trainingserfolge zwischen Hand und Hirn der Benutzer seiner Geräte. Doch worin besteht er, und wie sollte man ihn juristisch handhaben?
Apple argumentiert mit Ästhetik. Vor Gericht wird um den Radius der Rundungen der Geräte gestritten und darum, wie Bilder angezeigt und Bildergalerien bedient werden. Es geht um Kleinigkeiten und doch um alles. Denn anders als in der Welt der Mechanik folgen die digitalen Werkzeuge in ihrer Form nicht mehr ihren Funktionen. Man sieht dem Ding nicht an, wozu es dient, sondern nur, dass es gut in der Hand liegt. Das Design orientiert sich am idealen Benutzer. Und der ist für jeden Hersteller gleich: Hat zwei Hände, zehn Finger und ein Gehirn, das am liebsten unbehelligt bleiben möchte.
Die Hersteller der Telefone äußern sich zu ihren Ambitionen kaum. Die Effekte ihrer Strategien lassen sich jedoch studieren. Seit vor vier Jahren das iPhone vorgestellt wurde, konvergieren die Designs der Telefone. Sie bestehen inzwischen nur noch aus Bildschirmen. Hardware, die durch Software ersetzt werden kann, verschwindet. Allen voran die Tasten. Der Streit zwischen Apple und Samsung ist eine Etappe im Wettkampf um das Telefon, das am besten zur menschlichen Hand passt. Das Ziel ist ein Telefon, das als Teil der Hand wahrgenommen wird. Und hier verteidigt Apple noch immer einen Vorsprung.
Anders als andere Hersteller hat sich Apple von Beginn an auf ein Design festgelegt. Die Plastizität der menschlichen Motorik und Sensorik ist Teil des Konzepts. Das iPhone gibt es aktuell in der vierten Generation. Die Weiterentwicklungen betreffen aber kaum die Gestalt. In seinen Maßen variierte sie um vier Millimeter in der Breite. Das Gewicht variierte um zehn Gramm. Die Symmetrie von Gehäuse und Display blieb unverändert - selbst die Skalierung der Pixelauflösung um den Faktor 2 änderte das nicht. Nur die Rückseite wechselte vom flachen Metall über rundes Plastik zum aktuell ebenen Glas.
Apple wollte ein Werkzeug und kein Spielzeug entwickeln. Das Telefon sollte möglichst intuitiv zu bedienen sein. Gelang dies nicht, sollte das einmalige Erlernen einer Funktion ausreichen. Die Bedienung des Telefons ist auf ein Minimum an Bewusstseinsbeteiligung ausgelegt. Wer wissen möchte, wie er mit der Bahn nach Hause kommt, benötigt nach Entriegelung des Telefons zwei Klicks. Das Gerät ermittelt, wo es sich befindet, wie spät es ist, und lässt den Fahrtweg berechnen. Erst für das Studieren des fertigen Fahrtwegs ist das menschliche Kurzzeitgedächtnis notwendig. Diese Anwendungen sind beispielhaft. Interessiert man sich dafür, welches Lied man gerade hört; wie der Schauspieler heißt; welcher Termin als Nächster ansteht; wie lang der Stau ist - es sind, solange es nur ums Wissen geht, häufig bloß zwei Klicks.
Das Werkzeug soll verschwinden
An einer hauseigenen, jährlichen Konferenz für Software-Entwickler, die Apple in San Francisco veranstaltet, lässt sich die Strategie der Firma erkennen. Apple vergibt Preise für schöne und funktionale Telefonsoftware und veranstaltet Kurse, in denen in lockerer Atmosphäre, aber nachdrücklich dargelegt wird, nach welchen gestalterischen Richtlinien iPhone-Apps durch Dritte zu gestalten sind. Die Position und das Design der virtuellen Knöpfe werden besprochen, ebenso Funktionsumfang und Zielsetzung der Programme. Es sind nur Empfehlungen. Doch wollen Entwickler eigene Software für das Telefon anbieten, unternimmt Apple einen letzten prüfenden Blick und weist nach eigener Ansicht Unpassendes zurück.
Apple entwickelt die Hardware und pflegt die „App-Ökologie“, die sich durch die Software-Entwicklung Dritter um die Geräte bildet. Rückkopplungseffekte sind durchaus gewollt. Apple forciert geradezu eine Ko-Evolution von Hard- und Software. Und diese steht in einem interessanten Verhältnis zur Ko-Evolution von Hand und Gehirn. Das einseitige Augenmerk auf Benutzerfreundlichkeit hat dieses Verhältnis bislang kaum thematisiert. Doch wie jede Benutzung der Hand und erst recht die Verwendung von Werkzeugen hat dies Effekte. Die Wiederholung ständig gleicher Abläufe führt dazu, dass das Werkzeug in der Verwendung verschwindet.
Wer die Schreibweise der Buchstaben einmal gelernt hat, kann sich beim Schreiben auf die Worte und Sätze konzentrieren. Die Führung des Stifts benötigt zwar noch Gehirnleistung, aber kein Bewusstsein. Das moderne Telefon folgt dieser Arbeitsweise. Es verbindet die alte philosophische Idee der Hand als äußeres Gehirn und die transhumanistische Idee der nicht notwendigen, aber nützlichen Prothese. Die Grenzen des Körpers verschwinden geradezu. Man könnte, aber man will sich von seinem Telefon nicht wieder trennen. Eine Forschung, die uns darüber mehr sagen, wenn nicht sogar aufklärerisch tätig sein kann, gibt es noch nicht. Interessant ist jedoch schon das persönliche Erleben. Nicht nur das eigene Denken, auch Teile der Persönlichkeit wandern in das Gerät ab. Dies spürt man jeden Tag, wenn man in einer Gesellschaft erwacht, in der sich der Einzelne über sein Wissen definiert und morgens als Erstes zum Telefon greift, das dieses Wissen liefert. Die Routine funktioniert wie im Schlaf.
Die Bewegung macht's
Und dies ist das Ziel der Telefonhersteller. Alle sind auf der Suche nach dem Handy, das in jeder Lebenslage so selbstverständlich zu nutzen ist, wie Captain Kirk seinen Kommunikator nutzt. Denn die technische Innovation, überhaupt drahtlos zu kommunizieren, wird schon bei ihm komplettiert durch die Art der Verwendung. Die schnelle Bewegung im Handgelenk, mit der er seinen Kommunikator öffnet, ist ebenso legendär wie der anschließende Satz: „Beam me up, Scottie.“ Nur, wie sollte man auf derartige Hand- und Fingerbewegungen einen exklusiven Anspruch begründen?
Der Weg über Gebrauchs- und Geschmacksmuster erscheint angebracht. Er ist aber auch paradox. Denn es geht schließlich darum, ein Werkzeug zu schaffen, das nicht durch ästhetischen Schnickschnack von seiner Funktion ablenkt. Die Rundungen der Ecken sind das beinah letzte Merkmal, das sich für eine juristische Ästhetik-Diskussion noch eignet.
Das eigentliche Argument musste Apple dagegen gar nicht lange suchen. Im Düsseldorfer Antrag des Unternehmens auf Erlass einer einstweiligen Verfügung schreibt es von „geistigem Eigentum“. Nur die Zurechnung wäre noch zu ändern.
Apple sollte Konkurrenz zulassen
Max Munter (mueller1000)
- 31.08.2011, 17:48 Uhr
Science-Fiction lehrt uns den Unterschied zwischen Produktivität und Ästhetik
Theodor Wedel (TheodorWedel)
- 31.08.2011, 17:47 Uhr
@Horst Schmidt (Legastheniker) ...
Occam Razor (Occams_Razor)
- 31.08.2011, 17:17 Uhr
Das Murmeltier
Kilian Haus (khhaus)
- 31.08.2011, 16:33 Uhr
Wer hat's erfunden?
James J. Kirk (TreBon)
- 31.08.2011, 16:05 Uhr