09.01.2010 · Mails abfragen, Artikel lesen aus beruflichem oder privatem Interesse, Netzwerken mit Arbeitskontakten und Bekannten: Die Zeit, die man durch die Effizienz des Netzes spart, geht durch die Verführung des Netzes wieder drauf. Und doch gibt es faszinierende Anstöße, meint Andrea Diener.
Heute kam ich im Old Royal Naval College in Greenwich mit einem Museumsaufseher ins Gespräch, Alberto hieß der Mann. Er bemerkte meine Kamera, erzählte daraufhin, früher Pressefotograf gewesen zu sein, nun sei er pensioniert und nur noch Hobbyfotograf, so kamen wir ins Plaudern. Vor zehn Jahren noch hätte ich mich irgendwann verabschiedet und wäre gegangen, die Begegnung wäre nett und folgenlos geblieben. Heute ist 2010, heute fragt Alberto: „Are you on Flickr?“
Wer oder was existiert, ist irgendwo im Netz zu finden. Was dort nicht ist, ist entweder nicht erwähnenswert, sehr exklusiv oder sehr privat. In den Zeiten vor dem großen Googeln konnten einem unzugeordnete Songzeilen mitunter jahrelang im Kopf herumspuken, Mysterien liefen dort auf, Slangausdrücke, die nicht im Wörterbuch stehen, Filme, die man einmal gesehen hat und von denen man den Titel nicht mehr weiß, all diese losen Enden, die unverknüpft herumhängen und sich hin und wieder beim Bewusstsein melden.
Lücken finden
Und irgendwie brachte man nie die Energie auf, der Sache auf den Grund zu gehen, denn das bedeutete stundenlanges Wühlen in der Bibliothek oder irgendwelchen Archiven. Medien, die gegenständlich vorliegen, nehmen Platz weg, sind örtlich gebunden, haben keine Volltextsuche, sind manchmal schlecht verschlagwortet oder ausgeliehen oder geklaut. Die Lückenhaftigkeit der Bibliotheken führte einem jedoch deutlich vor Augen, dass man nicht in Besitz der vollständigen Wahrheit war, man war sich immer bewusst, nur einen Teil des Ganzen verstanden zu haben - das Netz gaukelt in seiner Überfülle vor, mehr zu bieten, als man je wissen wollte. Anstatt Informationen zu suchen, sucht man aus.
Das verändert auf lange Sicht auch unsere Definition des Lernens, also der Art, sich Wissen anzueignen. Wenn alles im Netz steht, was muss dann noch gelernt werden? Im Idealfall die Fähigkeit, die richtigen Fragen zu stellen, Lücken zu finden, Widersprüche auszumachen. Sich nicht von selbstbewusst präsentierten Informationen blenden zu lassen.
Arbeit und Privates verschwimmen im Netz
Und was macht man dann mit der Zeit, die man durch die schnellere Informationsbeschaffung gewinnt? Länger über Zusammenhänge nachdenken? Wohl kaum. Die Antwortet lautet vermutlich schwammig: Irgendwas. Mail abrufen, Weltlage kontrollieren, hier noch einen Artikel lesen, da noch eine Bilderstrecke gucken. Arbeit und Privates verschwimmen im Netz zu einer untrennbaren Klickstrecke: Mail vom Chef, Mail von der Freundin, Artikel aus beruflichem Interesse lesen, Artikel aus privatem Interesse lesen, Netzwerken mit Arbeitskontakten, Netzwerken mit Freunden und Bekannten und alles durcheinander. Die Zeit, die man durch die Effizienz des Netzes spart, geht durch die Verführung des Netzes wieder drauf, es ist also ein Nullsummenspiel.
Aber der Mensch ist eben keine Funktionsmaschine, und auch wenn man ihm schnelle Instrumente in die Hand gibt, neigt er zum Trödeln und zum Herumspielen. Es ist Neugier, die ihn antreibt, auch im Netz, und das war noch nie die schlechteste aller Eigenschaften. Neugier ist die Voraussetzung für alles Lernen, die Grundlage dafür, überhaupt Wissen an sich heranzulassen. Es ist Neugier, weshalb ich die Fertigstellung dieses Textes noch ein wenig in die Nacht ausgedehnt und mir lieber vorher Albertos Fotos auf Flickr angeschaut habe: Blicke auf Greenwich, alte Presseaufnahmen von Sophia Loren und Frank Sinatra, Streetphotography in Schwarzweiß. Interessant, denke ich, welchen Aufschwung die klassische Streetphotography in letzter Zeit erfahren hat, da bahnt sich eine Renaissance an. Ich sollte das im Auge behalten. Vielleicht mal drüber nachdenken. Das Denken kann mir das Internet nicht abnehmen - Anstöße geben aber sehr wohl.